GDL: Solidarität muss wohl neu definiert werden

Der Abschluss kann sich wirklich sehen lassen. Der nordrhein-westfälische GDL-Vorsitzende, den ich heute Morgen im Radio hörte, klang zwar nicht ganz so, aber vielleicht war das ja auch Politik. Ich frage mich nun, wie die beiden anderen Gewerkschaften mit diesem Beispiel umgehen werden. Neue Forderungen wird es wohl zweifellos geben. Sie werden doch sicher nicht hinter den “Errungenschaften” der GDL zurückstehen wollen.

Mehr als die Freude über das Ende dieser langen Tarifauseinandersetzung (waren es 10 Monate?) beschäftigt mich persönlich aber die Frage nach dem Selbstverständnis unserer Gewerkschaften. Wurde bei dieser Gelegenheit der von diesen immer noch hoch gehandelte Begriff der “Solidarität” nicht in Wahrheit mit Füßen getreten? Hier haben sich die Lokführer durchsetzen können, weil sie in ihrer Position schlicht über mehr Macht verfügen, als irgendwelche anderen Berufsgruppen, die in den beiden anderen Gewerkschaften organisiert sind. Addiert man alle Wirkungen kann man doch wohl nur feststellen, dass ein krasserer Verstoß gegen die Solidarität kaum denkbar ist. Andererseits sind solche Verhaltensweisen in unserer Gesellschaft inzwischen normal und die GDL ist nicht die erste Gewerkschaft, die für ihre Klientel das Bestmögliche herausgeholt hat, ohne die Interessen der anderen Menschen in den betroffenen Unternehmen zu berücksichtigen. Ich denke an den Marburger Bund, der ja nun heute gerade wieder Tarifverhandlungen aufgenommen hat. Übrigens nicht ohne die Verhandlungspartner an die Streiks des vorletzten Jahres zu erinnern. Ein Wink mit dem Zaunpfahl.


Kommentare

  1. blogsgesang meint:

    Über die Solidaritätsverletzung kann man streiken. Lag sie nicht eher da, wo die beiden anderen Bahngewerkschaften Mehdorn mit einem für sie ziemlich schlechten Vertrag beglückten, der vor allem die Interessen der Lokführer missachtete? Und haben diese Gewerkschaften jetzt nicht die Möglichkeit, auch das Ergebnis für ihre Mitglieder aufzubessern – durch die Hilfe der GdL? Warum ist jemand unsolidarisch, der den Unternehmern mehr aubknöpft, als sie zahlen wollen, obwohl sie es doch könnten? Mehr:

    http://www.blogsgesang.de/2008/01/14/freie-fahrt-fuer-die-lokfuehrer/

  2. Gilbert meint:

    Ich verstehe auch nicht so ganz, wieso du dich darüber aufregst. Die anderen Gewerkschaften haben einen relativ miesen Abschluss ausgehandelt, ohne ihre Mitglieder überhaupt zu beteiligen. Das lief alles auf Funktionärsebene. Die GDL hat ihre Mitglieder regelmäßig zur Abstimmung gerufen, und die haben gesagt “ja, wir wollen das, und wir nehmen die Nachteile im Streikfall in Kauf”. Demokratischer geht’s nicht, im Gegensatz zum ersten Fall.

    Um mal eins draufzusetzen: wo liegt eigentlich die Solidarität der anderen, die jetzt ohne eigenes Risiko vom Einsatz der anderen profitieren wollen. Ist das nicht eher Parasitismus als Solidarität?

  3. Horst Schulte meint:

    Das ist ja alles richtig. Aber auf der anderen Seite sehe ich eben ein Problem darin, dass Gruppen, die einen stärken Einfluss auf Unternehmen nehmen können (Lokführer, Ärzte, Piloten) für sich bzw. ihre Gruppe mehr herausholen und die übrigen Beschäftigten im Unternehmen das Nachsehen haben. Ich betrachte das als ein Problem, das die Gewerkschaften haben und das vielleicht am Ende auch dazu beiträgt, dass ihnen die Mitglieder laufen gehen. Jeder schaut im Grunde mehr und mehr auf seinen eigenen Kram. Ich bedaure nicht die Unternehmen, sondern sehe eine Auswirkung auf die Gesamtdurchschlagskraft der Gewerkschaften.

  4. Claudia meint:

    Klar, dass die anderen Gewerkschaften auch noch nachziehen werden, früher oder später.

  5. Gilbert meint:

    OK, aber das hat doch nix mit Solidarität zu tun. Jedesmal, wenn jemand sich für seine Interessen einsetzt und auch was dabei riskiert, kommen hinterher 20 andere, die nur auf ihrem Hintern rumgesessen und nix getan haben, und faseln nun was von “Solidarität” und “Ungerechtigkeit” und wollen auch was abhaben. Das kanns doch nicht sein!

    Und die Gewerkschaften sind doch auch selbst dran schuld, wenn ihnen die Mitglieder weglaufen. Viel zu lange haben sie sich an die große Politik geklammert, viel zu lange waren sie ausschließlich darauf bedacht, ihre fetten Aufsichtsratsposten zu sichern (mit der Konsequenz, dass ein Herr Bsierske bei der Lufthansa den Rausschmiss von Leuten absegnet und den Betrieb 2 Wochen später deswegen bestreiken lässt), höhere Gehälter von Vorständen bei gleichzeitiger “Verschlankung” des Betriebs abzusegnen und Mitglieder bei Entlassung aus dem Betrieb gleichzeitig aus der Gewerkschaftsmitgliedschaft zu streichen.

    Auch bei den Ärzten ist der Versuch, deren Forderungen gegen die Pflegekräfte auszuspielen, mal wieder typisch. Sie sind Schuld an dem massenhaften Abbau von Pflegekraftstellen, weil sie nicht mehr unter Bedingungen arbeiten wollten, die anderswo unter Strafe stehen (40 Stunden-Schichten usw.), und das zu einem Lohn, der vermutlich den meisten mit einem ähnlichen Ausbildungsverlauf die Tränen in die Augen treiben würde. Klar, Verwaltungsstellen u.ä. Geldschleudern sind nie einsparbar, nur in der Produktion kann man abbauen und dabei gleich noch die Gesellschaft wegen Unsolidarität abstrafen.

  6. Horst Schulte meint:

    @Gilbert: In dieser Bewertung stimme ich dir schon zu, allerdings sind die Fehler, die du den Gewerkschaften hier absolut zu Recht vorgehalten hast, doch im Prinzip kein Widerspruch zu meiner Feststellung, dass die Verhandlungsführung der angesprochenen Berufsgruppen die Solidarirät unter den Arbeitnehmern aushöhlen wird. Wenn es wirklich nur noch darum geht, wer am meisten rausholt, dann schwächen sich die Beteiligten gegenseitig, weil sie nicht mehr “gemeinsam” marschieren.

    Die Gewerkschaften sollen etwas riskieren aber in den Bahnen, wie es jahrzehntelang funktioniert hat. Heute ist es doch so, dass jeder für sich allein glaubt, seine Felle in Sicherheit bringen zu können. Dass dies aber nicht viel bringt sehen wir an der Entwicklung in Deutschland.

    “Alle” stöhnen über die zu hohen Lohnforderungen der Gewerkschaften. Arbeitsplätze seien gefährdet. Klar, von welcher Seite diese Aussagen und vor allem in welcher Absicht diese getroffen werden. Die Frage ist also auch hier, wie gut funktioniert die “Gegenseite”, also die Gewerkschaften, wenn sie sich auseinander dividieren lässt. Und diese Gefahr ist doch eindeutig vorhanden. Das hat ja nichts damit zu tun, dass ich deine Kritik an den Gewerkschaften schon absolut richtig finde.

  7. Gilbert meint:

    Heute ist es doch so, dass jeder für sich allein glaubt, seine Felle in Sicherheit bringen zu können. Dass dies aber nicht viel bringt sehen wir an der Entwicklung in Deutschland.

    Was zu einem großen Teil vermutlich auch daran liegt, dass wir in unserer Bequemlichkeit dazu geneigt haben, immer mehr durch Leute wie Gewerkschaftsfunktionäre und Politiker tun zu lassen, die selbst von ihren Maßnahmen gar nicht betroffen sind. Im Moment läuft das offenbar so schlecht, dass fast jeder nur noch an sich denkt. Vielleicht sind so relativ kleine Organisationen wie GDL und Marburger Bund gar nicht so schlecht, um die Strukturen mal aufzubrechen und was in Gang zu bekommen. Man kann eigentlich nur hoffen, dass die großen Gewerkschaften konstruktiv reagieren und nicht kurzfristig eine Allianz mit den Arbeitgebern eingehen, um die kleinen Konkurrenten platt zu machen.