Amerika schaffts nicht allein
Nun werden die Alliierten nochmals an ihre Pflichten erinnert. Die Diskussion ist natürlich nicht neu, aber wenn der amerikanische Außenminister in Berlin, wie jetzt geschehen, Putz macht, ist das allerdings etwas, was unsere politischen Führer scheinbar doch arg in Verlegenheit bringt. Ich will ehrlich sein: Ich möchte mit keinem der Verantwortlichen tauschen.
Egal, wie entschieden wird. Immer wird es lautstarke Kritik an der Entscheidung geben. Verteidigungsminister Jung bezieht sich, wie die meisten seiner Kollegen, auf den Bundestagsbeschluss zum Afghanistaneinsatz der Bundeswehr. Wundern darf man sich allerdings über die “verschnupfte” Haltung der Amerikaner nicht. Eine ganze Reihe von Nationen, die nach dem 11. September uneingeschränkte Solidarität bekundet haben, wollen heute, angesichts der Probleme, die in diesem Land herrschen, nicht mehr viel von ihrer Verpflichtung wissen. Insgesamt sind 38 Länder an dem ISAF-Einsatz beteiligt. Sie stellen ca. 40000 Soldaten. Deutschland stellt 3200, Frankreich nur 1600. Großbritannien hat 7700 Soldaten in Afghanistan. Die Amerikaner fordern insgesamt weitere 3200 Soldaten von den Europäern. Die halten sich zurück.
Die Engländer und auch die Kanadier haben ja früher bereits massiv die Haltung der Bundesregierung kritisiert, weil die Hauptlast auf den Briten, den Holländern, den Kanadiern und natürlich den Amerikanern lag. Die Briten beklagen ihre hohen Verluste. Im letzten Jahr starben in Afghanistan über 40 britische Soldaten.
Wir können es drehen und wenden wie wir wollen, aber für unsere Alliierten und insbesondere die Amerikaner und Briten hat die Tatsache, dass wir uns krampfhaft am Einsatz im Norden des Landes festhalten, einen ziemlich schlechten Beigeschmack. Auch in den anderen Ländern ist die Ablehnung des gefährlichen Einsatzes in Afghanistan längst populär. In Großbritannien, habe ich gelesen, sind 2/3 der Menschen gegen den Einsatz. Ganz ähnlich, wenn nicht noch deutlicher, wird das wohl in Deutschland sein. Eben erst hat der Bundestag den Einsatzbefehl für die Bundeswehr verlängert. Die Prämissen für den Einsatz waren bei dieser Entscheidung klar. Klar war jedoch auch schon zu diesem Zeitpunkt, dass es weiterhin Ärger und Diskussionen mit den Partnern geben würde.
Nun liegt eine klare Forderung des us-amerikanischen Außenministeriums auf dem Tisch des Bundesverteidigungsministers. Der hat sich heute klar geäußert. Ich bin gespannt darauf, wie es weitergehen wird. Für Afghanistan bzw. für die Zukunft dieses Landes kann man angesichts dieser Entwicklung doch eigentlich nur schwarz sehen. Bei allem Verständnis für diejenigen, die ohnehin gegen die deutsche Beteiligung an diesem Einsatz waren: Ich habe kein gutes Gefühl bei diesen Dingen. Was wird eigentlich passieren (mit den Menschen in diesen Ländern), wenn die Al Kaida sowohl in Afghanistan als auch im Irak die Oberhand gewinnen würde und zwar deshalb, weil die Alliierten aufgrund der eingetretenen Umstände ihr “Engagement” aufgäben?

Gilbert
Immerhin gibt es da ja seit 6 Jahren eine sogenannte frei gewählte Regierung. Wieso ist der Beitrag der Afghanen zu ihrer eigenen “Freiheit” eigentlich so gering? Was ist denn das eigentliche Ziel der ganzen Sache? Wo sind irgendwelche Zielmarken, die erreicht werden sollen? Fragen, die offiziell nicht gestellt werden (dürfen) (?)
Wenn man bedenkt, dass der eine Nachbarstaat Pakistan nur durch ein Militärregime an den Westen gebunden wird (wie wackelig ist das wirklich?), der andere (Iran) ohnehin kein Interesse an einem westlichen Regime in Afghanistan hat, kann das Ganze eigentlich nur in einem ähnlichen Desaster wie in Vietnam enden. Die Frage ist, mit wie vielen toten Soldaten man sich diesmal verabschieden will.
Horst Schulte
Natürlich hast du Recht. Das spricht noch mehr gegen die Strategie der Amerikaner. Leider hatten sie keine. Sie gingen in das Land und erhielten -verständlicherweise- viel Unterstützung. Zum Start der Operation hätte aber unbedingt überlegt werden müssen, wie man weiter vorgehen will und vor allem, welchen Zeitplan man sich vorstellt.
Bestimmt wird es so sein, dass die Menschen dort den Krieg endlich hinter sich lassen wollen. Aber die werden leider nicht gefragt. Ob nun Taliban oder Al Kaida. Sie werden keine Ruhe geben. Vielleicht vor allem deswegen, weil der Westen auch durch solche Diskussionen, wie sie jetzt stattfinden, ein sehr schwaches Bild abgeben.
Die Entwicklung in Pakistan ist außerdem, wie du sagst, äußerst unsicher. Was passiert, wenn der Günstling nach Washingtons Gnade stürzt? Bush dürfte froh sein, wenn er bald seine Verantwortung an jemand anderen abgeben kann. Gebracht hat sein “Krieg gegen den Terror” nichts. Man muss aber vielleicht auch einräumen, dass das mindestens teilweise auch auf die Unentschlossenheit vieler Alliierter (auch Deutschland) zurückzuführen ist. Ich verstehe zwar die Haltung der deutschen Politik, die Wirkung ist aber die, die ich zu beschreiben versucht habe. Wir werden das Problem nicht los und die Leute in Afghanistan und natürlich auch im Irak gehen keinen guten Zeiten entgegen.
Gilbert
Vielleicht vor allem deswegen, weil der Westen auch durch solche Diskussionen, wie sie jetzt stattfinden, ein sehr schwaches Bild abgeben.
Vielleicht auch wegen der grundsätzlichen Unehrlichkeit, mit der der Westen in die Sache reingeschlittert ist. Dazu ein Lesetip. Wie es weitergehen soll? Keine Ahnung. Im Moment beschützt die Bundeswehr ja mehr oder weniger die Drogenlords, mit Kasai und seinen Leuten in führenden Positionen, wie berichtet wird. Die Taliban andererseits hatten den Drogenanbau beseitigt. Vielleicht sollte man den Lords mal klarmachen, dass ihre Geschäfte zu ende sind, wenn man ihnen den Schutz entzieht und sie sich bis dahin nicht auf eine talibanfreie Staatsführung geeinigt haben.
eule70
Ich kann die Tatsache, dass eine ganze Reihe von Nationen heute nicht mehr viel von ihrer “Verpflichtung” den Amerikanern gegenüber wissen wollen, nicht negativ sehen. Die Amerikaner haben sich mit ihrer großspurigen “Operation Enduring Freedom”, die gegen jede Vernunft, gegen jedes Wissen von Kennern Afghanistans unternommen wurde, gründlich verrechnet. Die anderen Nationen fangen einfach an, das zu begreifen. Meine weitere Meinung dazu siehe http://alteeule.blogg.de/eintrag.php?id=443# .
Schulte
Ich bin auch der Meinung, dass es weniger darum geht, den Amerikanern beizustehen. Nur was geschieht mit den Menschen in den beiden Ländern, wenn sich die Allianz in ihre Bestandteile auflösen wird? Und diese Wahrscheinlichkeit ist spätestens nach den US-Wahlen doch ziemlich hoch. Der Westen wird vermutlich den Terrorismus auf diese Art auch nicht los. Ich tue mich mit meiner Haltung in dieser Frage sehr schwer, weil ich eigentlich gegen diesen Krieg bin und auch schon immer war. Die Frage ist aber, was stattdessen eigentlich in Afghanistan und dem Irak passieren sollte. Ich denke da weniger an unsere eigenen Interessen als an die der Leute in diesen Regionen.