Das Unglück lässt einen erschaudern. 9 tote Frauen und Kinder und eine Menge weiterer, teilweise schwer verletzter Menschen. Kurt Beck war sofort am Ort des Geschehens und ließ uns wissen, dass man nach dem Stand der Ermittlungen (das war am Tag des Unglücks) keine Anhaltspunkte für einen fremdenfeindlichen Hintergrund bzw. einen Brandanschlag gefunden hat. Heute sieht das anders aus und es wird (leider) in unseren Medien so getan, als habe Beck die Möglichkeit eines Anschlages ohne die besagte Einschränkung ausgeschlossen. Heute wissen wir wohl auch nicht viel mehr als am Tag des Unglücks.
Allerdings gab es bei vielen, jedenfalls bei mir persönlich, so etwas wie ein Wechselbad der Gefühle. Einerseits erschreckte mich der Gedanke, es könnte tatsächlich ein rassistischer Anschlag gewesen sein und natürlich überlegte ich kurz, ob das wohl bedeuten könnte, dass Kochs Saat aufgegangen wäre. Das wäre politisch äußerst unkorrekt. Ich weiß. Diesen infamen “Gedankengang” habe ich bisher auch noch nirgendwo anders gehört oder gelesen. Gott sei Dank. Aber mancher wird wohl auch daran gedacht haben. Außerdem bin ja nicht ich es, der ständig die vermeintlich allgegenwärtige “political correctness” anprangert!
Mich ärgert, was ich in den Medien über die Reaktionen in der Türkei erfahren muss. Diese Art von Hysterie und Stimmungsmache ist weder angebracht, noch ist sie dem Unglück in irgendeiner Form angemessen. Ich fand es deshalb sehr gut, dass Erdogan bei seinem heutigen Besuch in Wiesbaden die Vertreter der türkischen Presse zur Mäßigung aufgerufen hat.
Wir werden uns wohl alle wünschen, dass sich kein ausländerfeindlicher Hintergrund bei diesem Unglück erweisen wird. Und dennoch: Ich fühle mich irgendwie angepisst — auf Deutsch gesagt. Kann es sein, dass “die Türken” versuchen, eine Stimmung in Deutschland zu instrumentalisieren? Bin ich zu empfindlich, oder bin ich sogar selbst ein Rassist, nur weil ich solche Gedanken habe? Allein, dass ich mich mit diesen Gedanken herumschlage, zeigt mir, dass bei uns etwas grundsätzlich nicht stimmt. Und daran zumindest ist für mich ein Mensch wie Roland Koch mit verantwortlich! Oder mache ich es mir da zu leicht?
Und überhaupt. Haben wir uns nicht erst kürzlich davon überzeugen müssen, wie die Rechtspflege in der Türkei funktioniert? 1/2 Jahr hat ein Jugendlicher aufgrund eines bloßen Verdachts in einem türkischen Gefängnis verbringen müssen. Ist es angesichts einer solchen Erfahrung wirklich akzeptabel, dass nun deutschen Ermittlungsbehörden von türkischer Seite Parteiischkeit oder Schlimmeres vorgehalten wird? So etwas macht auch mich sauer.












Es ist eben beschissen, dass das Verhältnis zwischen Deutschen und Türken bzw. Türkisch-stämmigen, nach so vielen Jahren nebeneinander noch immer nicht natürlich geworden ist; wir wissen, was da alles versäumt wurde. Deswegen wundert mich das Verhalten der türkischen Presse etc. nicht; jeder versucht, für sich und seine Klientel was rauszuholen. Dass Erdogan hier war und so gemäßigt gesprochen hat, war sehr gut. Obwohl ich mich gefragt habe, warum er das tat. Was liegt zur Zeit in der Türkei an, dass er sich jetzt bei seinen Wählern in Deutschland in Erinnerung bringen will?
Ja, es wird noch lange dauern, bis man solche Fälle einfach als tragische Einzelfälle behandeln kann!
Ich habe gehört, dass er zufällig in Deutschland war. Heute trifft er ja auch Merkel. Da war es natürlich richtig, dass er “den Umweg” über Wiesbaden gemacht hat. Seine Ansprache war auf jeden Fall hilfreich.