Ein neues chinesisches Leitbild?

Über China kann man eine Menge lesen. Verwirrendes und bestimmt vieles, was nicht auf uns Westeuropäer übertragbar ist. Es gibt Leute, die äußern sich so enthusiastisch, wenn es um China geht, dass man denken könnte, allein wirtschaftliches Wachstum wäre nötig, um eine Gesellschaft weiterzuentwickeln.

Die Chinesen lösen sich von westlichen Modellen, arbeiten stattdessen an einem neuen Leitbild, das auf traditionelle, moderne und nationalistische Elemente zurückgreift. Einige Vordenker sagen ganz offen: China ist wieder erfolgreich und mächtig. Jetzt bauen wir ein eigenes System auf. Wir wollen den Individualismus, Pluralismus und den Freiheitsbegriff des Westens nicht. Stattdessen brauchen wir einen starken, fürsorglichen Staat, der durch regelmäßige Konsultationsverfahren, nicht aber durch Wahlen an den Willen der Bürger zurückgebunden ist. (Sebastian Heilmann)

Sebastian Heilmann: “Experimente vermeiden Grundsatzkonflikte“Gut möglich, dass ein solcher “Entwurf” das ist, was “den” Chinesen so vorschwebt. Obwohl man genau das nicht kann. Man kann eben, wenn man die Stimmung in diesem riesigen Land beschreibt, m.E. auf gar keinen Fall von “den” Chinesen sprechen. Die Kapitalisten aus den westlichen Demokratien haben schnell begriffen, wie sich die Menschen und Ressourcen in China wunderbar zu ihrem Vorteil ausschlachten lassen. Eine Art Kolonialismus, der in seiner Art und in seinen Folgen andere aber vielleicht gravierendere Folgen haben könnte für die weitere Entwicklung Chinas, als man das wahrhaben möchte.

Beispielsweise ein Blick in den Himmel Pekings (den man aufgrund des Smog so oft nicht mehr zu sehen kriegt) und die Vorstellung der Staatsführung, während der Olympiade in dieser Hinsicht einen gewissen Welt-Standard garantieren zu wollen, zeigen, mit welchen Problemen das Land zu kämpfen hat. Der einzelne Mensch spielt in China kaum eine Rolle. Hat das mit dem kommunistischen Gesellschaftssystem zu tun oder eher mit der Menge von Menschen, die dort lebt?

Wenn Herr Heilmann davon spricht, dass man grundsätzlich mehr experimentieren solle, klingt das gut. Er begründet das auch schlüssig, weil dies “Grundsatzkonflikte” vermeiden helfe.

Das klingt für mich ein bisschen nach der Aufforderung, dass wir uns in Deutschland ruhig mal eine andere Gesellschaftsordnung “ausprobieren” sollen:

Was kann Deutschland lernen?

Wir müssen beweglicher werden und politisch mehr experimentieren. Wir sind in Deutschland zu selbstgefällig. Auch wir brauchen Räume zum Ausprobieren.

Angesichts unserer Diskussionen über Politik- oder gar Demokratieverdrossenheit steht mir der Sinn nach solchen Experimenten jedenfalls überhaupt nicht. Aber vielleicht bin ich auch einfach nur zu satt und deshalb unbeweglich. Oder umgekehrt.

Natürlich ist die Entwicklung, die China in den letzten Jahrzehnten durchgemacht hat, interessant und beeindruckend. Hauptsache, die Menschen profitieren davon. Aber man sollte die “Kirche im Dorf” lassen. Die dortigen Verhältnisse und die unterstellte Experimentierfreudigkeit sind nichts für den westeuropäischen Raum. Und so was will in Deutschland bestimmt auch keiner:

In Deutschland hätte man diese Unternehmen geschlossen, weil sie verboten waren.

Wahrscheinlich. In China waren sie auch verboten, aber geduldet. Das war eines der produktivsten Vehikel des Übergangs.

Die Zitate stammen aus einem Interview, das mit dem China Experten Sebastian Heilmann in der FAZ geführt wurde.