Wir alle sind korrupt. Wir alle sind schuldig!

Viele Übereinstimmungen mit Leon de Winter habe ich bisher nicht gefunden. Das Gegenteil schon. Heute morgen las ich in der “Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung” allerdings einen exzellenten Beitrag von ihm. Schade, dass der Artikel nur für Abonnenten der Zeitung zugänglich ist.

Seine Gedanken zur Situation kurz vor dem Beginn der Olympiade in China sind die, die mich auch beschäftigen. Gerade jetzt, wo überall die Empörung darüber entbrannt ist, dass die Chinesen die Presse- und Meinungsfreiheit völlig überraschender Weise so einfach missachten.

Er plädiert:

Lasst uns die Spiele gucken. Danach reden wir über Tibet.

Er beschreibt die fast kindliche Vorfreude, mit der er den olympischen Spielen entgegenfiebert und warum diese von so vielen Menschen auf der Welt geteilt wird.

Es geht um großartige Siege, um grauenhafte Niederlagen. Das ist das Faszinosum.

Und dann fragt ihn der Interviewer, ob er nicht verzweifelt sei, angesichts von Kommerz, Korruption und Totalitarismus. Und dann kommts:

Und was machen Sie als Nächstes? Sie rufen mit Ihrem neuen iPhone, das in China zusammengebaut wurde, Ihre Freunde an und drücken Ihren Ekel darüber aus. Merken Sie es doch endlich: Wir alle sind korrupt! Wir alle sind schuldig! Gegen diese Spiele zu opponieren und vor dem nächsten Apple-Store Schlange stehen, das ist moralische Masturbation. Totale Heuchelei. [...]

Genauso kann muss man das sehen. Wir lassen durch unser Verhalten erst zu, dass die Dinge entstehen und sich entwickeln, über die wir uns dann nachher fürchterlich aufregen. Es bringt uns auf die Palme, dass Arbeitsplätze u.a. nach China exportiert werden, was uns aber überhaupt nicht daran hindert, die Produkte, die dort gefertigt werden, einzukaufen. Sie sind ja so schön preiswert (manchmal wenigstens).

Wir selbst haben unseren “way of life” für einen höheren Standard korrumpiert. Und jetzt plötzlich China die Spiele wieder wegnehmen zu wollen wäre nur Politik der Symbolik. Das hat für die wirkliche Welt nichts zu bedeuten, weil die großen Geschäfte ja weiterlaufen.

Mit dieser Meinung wird er, denke ich, nicht mehrheitsfähig sein. Idealisten und natürlich Ideologen werden finden, dass es Grenzen gibt, die nicht überschritten werden dürfen. Sonst gäbe es ja wohl keinen Konflikt zwischen den Israel, den USA und Iran. Ein gewagter Vergleich. Aber ist er unzulässig?

Leon de Winter kritisiert das IOC als “geriatrische Veranstaltung”. Er habe keine Ahnung, wie diese Menschen ausgewählt werden. Damit ist er gewiss nicht allein. Er bescheint dem IOC als Teil des Olympia-Events eine erschreckende Faszination.

Die spannende Frage dann, ob die Olympiade die chinesischen Eliten verändern könne, beantwortet er ein bisschen dünn. Er empfand die Reaktionen auf die Proteste in Tibet als Anzeichen dafür, dass die chinesische Führung in Panik geraten sei.

Die starke Beachtung der von der tibetischen Exilregierung gut getimten Aktionen, die die internationale Presse prompt aufgenommen und verstärkt hat, hat natürlich im Hinblick auf die bevorstehende Olympiade eine besondere Wirkung gehabt. Trotzdem ist es in meinen Augen abwegig, dass dies eine Wirkung über die Spiele hinaus haben wird. Ich sehe das nicht also nicht als Anzeichen einer positiven Veränderung. Vielmehr wird nach der Olympiade abrupt Schluss sein mit den Erklärungsversuchen der chinesischen Führung. Alles zurück auf Anfang. Das wäre meine Prognose.

Und wir halten weiterhin still. Auch deshalb, weil die Interessen der Kapitalisten das durchaus “fördern”.  Kein Repräsentant von Unternehmen, die in China Niederlassungen haben, also schon deshalb starke wirtschaftliche Interessen verfolgen, hat Kritik an der chinesischen Regierungspolitik gelten lassen, wenn ich in den letzten Wochen im TV oder in Zeitungen entsprechende Diskussionen oder Beiträge richtig verfolgt habe. Im Gegenteil: Die Kritiker seien schlecht informiert oder urteilten zu einseitig und überzogen. Und… um einigermaßen glaubhaft zu sein, müssten wir alle ja auch unser Verhalten ändern.

Kommentare

  1. Rayson meint:

    Schöner, nachdenklicher Beitrag.

    Aber es gibt einen Unterschied, und der liegt in der Fallhöhe. Ein iPhone ist einfach nur ein Produkt, das ich erwerbe, damit es mir Nutzen stiftet. Ich erhebe mit dem Kauf keine Ansprüche darauf, die Welt zu retten, zu befrieden und zu einen.

    Aber die Olympische Bewegung hat einen Anspruch, und zwar einen, der nach Meinung vieler Menschen in China ähnlich schlecht aufgehoben ist wie weiland zu Adolfs Zeiten in Deutschland. Womit der Sündenfall schon erwähnt wäre. Aber wir sind ja angeblich lernfähig.

    Ganz ehrlich, und bei allem Respekt vor den Asiaten im allgemeinen und den Chinesen im besonderen, die dem Vernehmen nach sehr stolz auf diese Spiele sind: Ich werde diese Olympischen Spiele nicht mehr verfolgen. Der Spaß daran ist mir vergällt worden von einer Kumpanei zwischen Politik und Kommerz, die wichtige Ziele völlig ignoriert.

  2. Horst Schulte meint:

    Danke!

    Es ist schon sehr merkwürdig, was wir tun. Die Spiele nicht mehr zu verfolgen wäre eine Möglichkeit. Ob man das aber 14 Tage wirklich durchhält? Schönen Abend.

  3. Spielkind meint:

    regt zum anregen an ;-)