Welche “Verfehlungen” werden eigentlich durch Ehrenmorde gesühnt? Wir wissen, dass in manchen Familien ein Mädchen keinen unstandesgemäßen (was auch immer das ist) Freund haben sollte bzw. ihn jedenfalls nicht heiraten darf? Der Bräutigam sollte keiner anderen Kultur oder Religion angehören. Die Tochter darf sich auf keinen Fall einer anderen, schon gar nicht der westlichen Lebensweise öffnen oder danach leben. Das kann tödlich enden.
Die Palette der möglichen Missetaten ist aber offenbar größer. Wenn sich in der Türkei jemand als schwul outet, muss er damit rechnen, von seiner Familie nicht nur verstoßen, sondern vielleicht sogar getötet zu werden. In Deutschland und Westeuropa sind wir in dieser Beziehung zwar ein ordentliches Stück vorangekommen und dennoch erinnert mich das, was ich bei SpOn über den Fall lese, an Diskussionen, die auch hier noch nicht so lange zurückliegen.
Da wird z.B. davon gesprochen, dass der Vater seinen Sohn zum Arzt schicken will, damit dieser die “Krankheit” heilen könne. Wie lange ist es her, dass wir solchen Schwachsinn hinter uns gelassen haben?
Bei uns kann niemand dafür Verständnis aufbringen, was sich in manchen türkischen und kurdischen Familien abspielt. Wahrscheinlich wird auch in dieser Familie um den schwulen toten Sohn getrauert. Das ist pure Heuchelei, die wohl “dazu” gehört. Im Fall eines von ihrer Familie ermordeten Mädchens habe ich einen Bericht im Fernsehen gesehen, in dem dieses zusätzlich abstoßende Detail beschrieben wurde.
Sicher ist es so, dass viele Türkinnen und Türken oder Kurden und Kurdinnen solche Verbrechen so scheußlich finden wie wir. Aber wie lange wird es dauern und wie viele Tote wird es noch kosten, bis diese archaischen Riten und die dahinter liegenden Überzeugungen überwunden werden. Keine Ahnung, ob in den Ländern, in denen diese Dinge kulturell verankert sind, darüber überhaupt ein, wie man das bei uns zu nennen pflegt, gesellschaftlicher Diskurs im Gange ist.
Generell sollte sich für alle, die sich in diesen Dingen zu Wort melden, die Frage stellen, ob und wie wir aufgrund solcher Verbrechen zu weiteren Schlüssen oder vielleicht zu ungerechten Verallgemeinerungen kommen, die dann nur diejenigen bestätigen, die ihre speziellen Ziele verfolgen? Ich denke da z.B. an die Diskussion um die Moscheen in Deutschland, die EU-Mitgliedschaft der Türkei und den hochstilisierten “Generalkonflikt” zwischen Muslimen und Christen.
Ich bin ja wieder ein Schelm heute








Das Problem beginnt bereits beim Begriff “Ehre”, der für uns traditionell eine persönliche Sache und mit dem Duellbild, Auge in Auge mit dem Kontrahenten die Sache auszufechten, verbunden ist. Schwächere mit Übermacht hinterrücks abzumurksen oder gar langsam zu Tode zu folten (Steinigung), hat für uns nichts mit Ehre zu tun, sondern ist nach unseren Begriffen außerordentlich feige und heimtückisch. Wenn jemand seinen ehemaligen Lebenspartner umbringt, weil der ihn verlassen hat – was allerdings nur einen kleinen Teil der “Ehrenmorde” ausmacht – fällt das bei uns unter “Mord aus verstoßener Liebe”, was die Sache zwar nicht sympathischer macht, aber zumindest persönlich und die Angelegenheit nicht mit einer ganzen Gruppe identifiziert.
Der Mordgrund “Kontakt mit einem Westeuropäer”, der ja nun leider allgemein in türkisch-islamischen Kreisen verbreitet ist, ist nun allerdings für uns schon historisch bedingt ein unerträglicher Rassismus.
Gefördert wird nun alles – und da kann man inzwischen wirklich nicht mehr dran vorbeischauen – durch den Islam und das islamische Recht, die Scharia. Viele Morde in den islamischen Ländern selbst geschehen aufgrund einer eingeholten Fatwa, also eines Rechtsgutachtens, das den Mord legalisiert (hier gehen die Leute oft von General-Fatwas aus). Die niederländischen Morde und Morddrohungen gehen auf die Konten solcher Fatwas, und wie berichtet wird, bemühen sich norwegische Muslimorgansationen um eine Fatwa, ob in Norwegen Schwule das Ziel von Morden sein dürfen. Es dürfte kein Problem sein, in verschiedenen islamischen Ländern Leute mit höchster Authorität zu finden, die eine solche Fatwa ausstellen.
Dass sich der Fanatismus in den letzten Jahrzehnten so entwickelt hat, ist sicher nicht alleinige Schuld der moslemischen Länder. Vermutlich ist es eher, wie schon bei den Kreuzzügen im 11.-14. Jahrhundert, eine Sekundärreaktion auf den militanten Fanatismus der Zionisten und der reformierten Amerikaner a la Bush und Konsorten. Wir Westeuropäer stehen irgendwo dazwischen, weil uns der Fanatismus spätestens mit Weltkrieg II gründlich abgewöhnt wurde. Nicht beteiligt zu sein heisst aber nun leider nicht, dass man sich nicht mitten im Kriegsgebiet befindet. Statt drauf zu bestehen, dass hier ausschließlich unsere Regeln gelten, haben unsere Politiker viel lange alles laufen lassen. Ich glaube, wir sind inzwischen über den Punkt eines hochstilisierten Konfliktes hinweg: es ist bereits ein echter Konflikt, der munter zumindest von der muslimischen Seite weiter angeheizt wird und der sich durch weiteres “Laisser faire” in vielleicht 10 Jahren auch zu einem blutigen Konflikt entwickeln kann.
Laisser faire kann ich heute nun nicht mehr erkennen. Vielmehr wird nun von “unserer Seite” mit unangebrachten Verallgemeinerungen und Vorurteilen gearbeitet. Viele tun so, als stünden alle Muslima und Muslime für Ehren- und, wenn nötig, Massenmorde zur Verfügung. Daran glaube ich nicht. Bestimmt hast du Recht, wenn du die Verantwortung für die sich entwickelnde Militanz auch der westlichen Seite zuschreibst. Ich würde den Kreis der “Anheizer” allerdings durchaus weiterziehen. Du weißt, woran ich dabei denke.
Was mich sehr interessieren würde ist, woher du die Information hast, nach der muslimische Organisationen Fatwas gegen Schwule anstreben. Ich kann das nicht glauben. Kannst du hierzu Quellen nennen?
Die Sachverhalte hast du sicher zutreffend beschrieben. Mein Punkt bleibt, dass ich auf die Menschen setze. Es kann nicht sein, dass dieser Wahnsinn sich weiter entwickelt. Das wollen weder Christen noch Muslime.
Sicher stehen nicht alle Muslime hinter der Gewalt, aber diese sind noch gefährdeter, da sie bei Widerspruch als Abtrünnige gelten und eben auch mit Mord und Totschlag verfolgt werden. Schau beispielsweise unter “Aleviten” nach, die in der Türkei massiv verfolgt werden. Unterstützung bekommen sie bei uns nicht. Aus dem Grund fehlt auch jeglicher (massive) Widerspruch gegen die islamische Gewalt. Die Fanatiker behaupten mit faschistischen Methoden das Feld und erwecken den Eindruck, dass alle dahinterstecken. Das Fanatikerpotential ist aber gleichwohl riesig. In den Ghettos sind vermutlich die meisten Jugendlichen betroffen, weil sie gesellschaftlich aus unterschiedlichen Gründen nicht auf die Beine kommen und deshalb für die islamische Gehirnwäsche prädestiniert sind. Guckst du z.B. hier, wie 11-jährige sich als “strenggläubig” bezeichnen und sklavisch den islamischen Vorschriften folgen.
Die Haltung der islamischen Funktionäre und Staaten siehe z.B. hier oder hier.
Die Information über Norwegen stammt aus Aftenposten.
Vielen Dank für die Links. Sehr interessant. Und unglaublich.