Unser neues Feindbild: Eine südländische Erscheinung

Jugendliche © Fragenus @ Pixelio.de

Jugendliche © Fragenus @ Pixelio.de

(Foto © Fragenus @ Pixelio.de)

Die Meldungen gleichen sich:

[...] Das Opfer kann die Schläger wie folgt beschreiben: Etwa 17 bis 19 Jahre alt und circa 1,80 Meter groß, südländische Erscheinung. [...]

Eben las ich die Mitteilung in dem Newsletter des Kölner Stadt-Anzeiger. Ähnlich klang das zuletzt, als es um den Überfall von Jugendlichen Gewalttätern auf ein Volksfest ging:

[...] Die vier bis sechs mutmaßlichen Täter werden im Polizeibericht als „südländisch“ aussehend beschrieben. [...]

Einschlägige Hetzseiten nehmen solche “Hinweise” sofort auf und schlachten sie aus. Keine Ahnung, wie man so etwas verhindern kann.

Ist ein solcher Gedanke, wie der, den ich da in meinen letzten beiden Sätzen geäußert habe, eigentlich  Bestandteil des Problems? Ist das schon eine Verharmlosung und die Verweigerung, die Realitäten zu sehen? Viele sehen das so. Ich habe dafür auch Verständnis. Wenn es so ist, dass eine hohe Zahl von Gewalttaten von ausländischen Jugendlichen verübt wird, werden wir an dieser Situation nichts ändern, wenn wir sie nicht richtig beschreiben.

Wäre das Sache von Sozialarbeitern, der Polizei oder von Gerichten oder ist das nicht eher eine gesellschaftliche Aufgabe, und wie könnte man diese überhaupt lösen? Welchen Grund hat es, dass wir solche Nachrichten immer öfter in der Zeitung lesen? Gibt es Rückkopplungen zwischen bestimmten Vorgängen auf der Welt? Sind es Folgen des Kampfes der westlichen Welt gegen den islamistischen Terror? Wie wirkt es insbesondere auf Jugendliche, wie dieser Kampf geführt wird?

Die Meldungen darüber, die uns täglich erreichen sind doch vor allem von unserem Unvermögen gekennzeichnet, die doch eigentlich gerechte Sache (nämlich Terroristen zu bekämpfen) auch entsprechend umzusetzen.

Zwei Dinge sind es, die bei den Menschen in dem Teil der Welt, in dem die Kämpfe geführt werden und vielleicht auch bei den Jugendlichen, die hier unter uns leben, sich aber vielleicht aus ganz unterschiedlichen Gründen dem “anderen” Kulturkreis zugehörig fühlen, ein gewisses Faszinosum ausüben:

Die Feststellung nämlich, dass trotz aller waffentechnischen Überlegenheit kein grandioser und überzeugender Sieg gegen die Terroristen geglückt ist. Das Unvermögen unserer freien, westlichen Gesellschaften, in wirksamer Form auf die Taten, wie sie von Terroristen mit ihren menschenverachtenden Verbrechen begangen werden, zu reagieren signalisiert Schwäche. Und — dem Westen fehlt es an Überzeugungskraft. Eher ist es Morbidität, die wir aussenden. Auch deshalb, weil unsere Regierungen es zugelassen haben, dass unsere eigenen Werte durch unmenschliche Aktionen infrage gestellt wurden (Guantanamo, Abu Ghraib).

Das wird gerade junge Leute, die Ideale haben, nicht überzeugen, dass pluralistische, freie Gesellschaften etwas gutes, wertvolles und schützenswertes sind. Wir sind unglaubwürdig!

Vor allem aber offenbaren wir Schwäche. An dieser Erkenntnis kommen wir nicht vorbei. Und diese, unsere Schwäche provoziert scheinbar junge Leute aus Migrantenfamilien dazu, sich gegen unsere Gesellschaft zu stellen. Und wenn es “nur” der Reflex wäre: Probieren wir mal, wie weit wir gehen können. Sie empfinden solche Taten vielleicht manchmal sogar als einen Ausgleich dafür, dass sie sich in dieser Gesellschaft nicht richtig angenommen fühlen. Das kann diese Verbrechen nicht entschuldigen aber die Ursache könnte doch dort liegen?! Vielfach kommen die Täter, das zeigt sich bei den Verhandlungen, aus Familien, die diesen für ihre persönliche Zukunft keine Chance bieten konnten.

Es wird immer noch gern so dargestellt, als sei Chancengleichheit in Deutschland gegeben. Dass dies falsch ist, zeigen mehrere OECD-Studien. Außerdem braucht man sich nur die Arbeitslosenstatistiken genauer anzusehen. Oh, ich will nicht unserer Gesellschaft damit die Schuld an den Taten von diesen Verbrechern zuweisen.

Jeder ist seines Glückes Schmied.

Dieses alte deutsche Sprichwort finde ich gut und zutreffend – trotz der zugegebenermaßen schlechten Voraussetzungen, unter denen heute viele antreten. Es symbolisiert für mich die Formel für den “german way of life”. Aber die Bedingungen sind leider heute vor allem für die schlecht, die über unzureichende schulische Bildung verfügen. Fabrikarbeiter werden fast nicht mehr gebraucht. Facharbeiterausbildungen sind ohne und teils auch mit einem Hauptschulabschluss schwer zu erlangen. Generell müssen die Bildungschancen wieder verbessert werden. Insbesondere für die Kinder aus Migrantenfamilien. Und wenn es in diesem Zusammenhang erforderlich ist, auch den Familien der betreffenden Kinder und Jugendlichen Druck zu machen, dann bitte.

Und ich muss wieder danach fragen, wo denn wohl bitte unsere Alternativen zu einer guten und auf Sicht eben auch wirkungsvollen Integration der Millionen von Menschen bestehen sollen? Wenn man manche hört, klingt das gerade so, als könne man allein damit, dass man die Dinge nur richtig beim Namen nennt, schon etwas verbessern. Und jeder hat wohl seine eigene Idee, was man unter “beim Namen nennen” meint. Das Sähen von Zwietracht führt nur zu einer Fortschreibung der Spaltung unserer Gesellschaft. Und für die sorgen schon die sozialen Spannungen, wie wir wohl übereinstimmend feststellen, in wirklich ausreichendem Umfang.

Es geht darum, Wege zu finden. Dazu gehört es natürlich, dass man Tacheles redet. Das ist eine Grundbedingung dafür, dass die Positionen geklärt sind. Übrigens nicht nur die der deutschen Mehrheitsgesellschaft, sondern eben auch die der Migranten. Insofern bin ich für die runden Tische, die von vielen als überflüssiges Gelaber abgetan werden. Man muss miteinander sprechen. Und wenn das auf der Ebene nun einmal nicht passiert, auf der das eigentlich passieren müsste, dann müssen eben die Institutionen ran. Das ist bestimmt weniger wirkungsvoll, kann aber zumindest einen Anschub dafür leisten, dass etwas passiert. Denn eines ist allen klar: Es muss etwas passieren.

Ich möchte mit meinem Artikel nicht den “Ersatzsoziologen” geben. Ich glaube, dass die von mir beschriebenen Zusammenhänge eine Rolle spielen bei den Problemen, die immer mehr Menschen in unserem Land wahrnehmen und auch als konkrete Bedrohung für sich persönlich und für unsere Gesellschaft empfinden.


Kommentare

  1. Steffino meint:

    Ich halte den Begriff “südländische Erscheinung” auch eher für fragwürdig – und zudem unklar, denn man kann ja wohl nicht, wie PI davon ausgehen, dass jeder Südländer ein Moslem ist, oder?

    P.S. Scheint so, als wechseltest du dein Blogdesign öfter als ein bestimmtes Kleidungsstück ;-)
    Dieses gefällt mir recht gut, allerdings rutschen bei mir (FF3) die Smilies und die Haken für die Bestätigung in den Footer

    Steffinos letzter Blogeintrag Kaukasus kommt nicht zur Ruhe

  2. Horst Schulte meint:

    Ich halte den Begriff „südländische Erscheinung“ auch eher für fragwürdig – und zudem unklar, denn man kann ja wohl nicht, wie PI davon ausgehen, dass jeder Südländer ein Moslem ist, oder?

    Ich glaube, dass manche “Ungenauigkeiten” in Pressemeldungen auch dazu führen, dass die von dir erwähnten Leute überhaupt Gelegenheit haben, ihren Affentanz aufzuführen. Genauso sollte man es wieder einführen, dass die Nationalitäten der Täter, wenn sie denn bekannt sind, auch genannt werden.

    Dieses gefällt mir recht gut, allerdings rutschen bei mir (FF3) die Smilies und die Haken für die Bestätigung in den Footer

    Ich habe was geändert. Eigentlich sollte das jetzt nicht mehr passieren. Ich habe auch den FF3. Kannst du dich nochmals melden, wenn es immer noch auftritt? Bitte mal den Cache löschen. Vielleicht sind die “alten” Einstellungen von heute morgen noch drin?

  3. Gilbert meint:

    Sehr guter Beitrag! Komischerweise regt sich ja keiner auf, wenn man aufgrund seines persönlichen Umfeldes in verschiedenen Versicherungen unterschiedlich eingestuft wird. Nur bei Kriminalität wird eine solche Ausnahme gemacht, wobei “südländisch” gleichzeitig wirksam die Aufklärung und die Präventionsarbeit verhindert. Fast jeder wird vermutlich mit relativ hoher Trefferwahrscheinlichkeit zwischen verschiedenen Südeuropäern, Türken, Arabern, Marokkanern, Indern, Chinesen, Japanern, Südostasiaten und diversen Schwarzafrikaneren differenzieren können. Was soll also dieses “südländisch” oder “asiatisch”.

    Ich habe beruflich häufiger mit gebürtigen Nichtdeutschen zu tun, die es geschafft haben. Einhelliges Urteil: nirgendwo werden so gute Chancen für Bildung und sozialen Aufstieg geboten wie in Deutschland, aber man muss es WOLLEN und dran ARBEITEN. Da ist nichts durch weiteres “drauf zu gehen” zu verbessern, sondern, wie du richtig bemerkst, das sind Probleme in den Familien, und da muss Druck gemacht werden. Türken sind in meiner Klientel übrigends absolute Mangelware, und Türken sind nun mal der Migrantenanteil, der sich in Ghettos zusammenrottet und selbst nach Generationen nicht die deutsche Staatsbürgerschaft annimmt. Kann man mal drüber nachdenken.

    Was die runden Tische angeht, bin ich ein wenig ratlos. Bislang treffen da nur Typen wie Fritz Schramma und die Ditib-Leitung aufeinander, und rausgekommen ist nichts. Auf Funktionärsebene klappt das nicht, da insbesondere die deutschen Bürger nicht mitgenommen werden. So lange es nur um die Durchsetzung fragwürdiger Großmoscheeprojekte gegen die Einwände der ansässigen Bevölkerung und Beschimpfung der Deutschen als Rassisten geht, wird sich da nicht bewegen. Wo könnte da eine Lösung liegen?

  4. Mario H. meint:

    Manche Artikel haben doch nur den Sinn, Ressenitments zu bedienen. Welchen Nachrichtenwert hat die Aussage “südländischer Typ”? Oder die Nation des Täters?
    Mich würde interessieren, ob tatsächlich jeder Artikel der beschriebenen Art auch publiziert wird – auch, wenn keine möglichen Ausländer beteiligt sind. Ich bin da skeptisch…

    @Gilbert: du stellst da einiges viel zu einfach da. Ich verstehe auch nicht, dass so viele Menschen hier zu blöd sind, um zu studieren. Einfach wollen und dran arbeiten, dann klappt’s auch. Mein Informatik-Nobelpreis kriege ich auch nur darum nicht, weil ich keinen Frack habe und mich deshalb nicht bewerbe.
    Des Weiteren müssen jetzt die Migranten unter den Folgen verfehlter Politik der letzten 40 Jahre leiden. Der Begriff “Gastarbeiter” sagt’s doch schon aus: die sollten wieder verschwinden. Da wurde nicht in Integration investiert. Und jetzt plötzlich machen die Politikter ein dummes Gesicht – nein, finden einen Sündenbock.

    Mario H.s letzter Blogeintrag Datenschutz ist Täterschutz

  5. Gilbert meint:

    @Mario: der Reihe nach

    a) Sinn der nationalen Täterzuordnung: neben dem möglichen Fahndungserfolg wäre das die Voraussetzung für eine Situationsanalyse, gezielte Prävention und Erfolgskontrolle. Das ist aber heute alles politisch nicht gewollt.

    b) Gewalt durch Nichtausländer: werden in der Regel als rechtsextremistische Gewalt bezeichnet (und sind es vermutlich in nicht wenigen Fällen gar nicht), außer es handelt sich um eindeutige Linke oder Anarchos: dann wird verharmlosend von “Protesten linksautonomer Kräfte” gesprochen, denn Gewalt von Links gibt es nach politischer Definition offenbar nicht.

    c) Studium: hier studieren bereits zu viele, die dazu nicht geeignet sind (und infolge des Niveauabfalls in Schule und Hochschule mittlerweile auch viele, die tatsächlich zu blöd dazu sind). Das liegt aber an der Inflation der Abschlüsse: (viel) früher konntest du mit gutem Haupt- oder Realschulabschluss noch Bankkaufmann werden, heute ist mindestens Abitur, besser Fachhochschule notwendig. In ein paar Jahren gibt es vermutlich den Bachelor-Friseur, und was ist so ein “Studium” dann wohl noch wert?

    Das soll keine Abwertung der Leute sein. Man sollte nur mal wieder so realistisch sein, zuzugeben, dass nicht jeder für jede Tätigkeit gleich gut geeignet ist, sondern seine spezifischen Stärken hat, die man fördern sollte, und das muss nicht unbedingt ein Studium sein. Erstaunlicherweise erkennt das jeder an, wenn es um Hochleistungssportler oder Musikvirtuosen geht, leugnet das aber im wissenschaftlichen Bereich.

    d) Abgesehen davon, dass es keinen Nobelpreis für Informatik gibt: da kann man sich nicht bewerben, man wird ausgewählt, ohne dass man was dafür kann (außer der Lebensleistung natürlich).

    e) “Gastarbeiter” war vor mehr als 30 Jahren. Die Leute sind nur zum Teil immer noch hier (vielleicht einige 10.000), die meisten sind nachträglich gekommen (über 4.000.000.000), als hier schon niemand mehr als “Gast” eingeladen wurde. Die hießen dann mehr als 10 Jahre lang “Wirtschaftsflüchtlinge” (was der Realtität nahekommt, wenn man z.B. in die Türkei schaut). Heute besinnt man sich wieder auf “Gastarbeiter”, um falsche Botschaften damit rüberzubringen zu können.

    f) Investiert wurde eine ganze Menge in die “Integration”. Vieles von dem habe ich im Verlauf des Heranwachsens meiner Kinder mehr oder weniger am eigenen Leib erfahren. Nur die Investition der Gegenseite fehlt mehr oder weniger komplett. “Gib! Gib! Gib!” – und dann war es immer noch nicht genug. Integration ist keine einseitige Angelegenheit, und um ganz offen zu sein: unter Bezug auf e) sind die Leute hier in der Regel eben nicht eingeladen worden und haben daher die Hauptbringschuld, sich hier einzugliedern.

  6. Karrierebibel meint:

    Hey Nachbar (in der realen Welt), schönes Blog hast du hier.

    Kann ich übrigens nur unterstreichen. Derlei unüberlegt benutzte Formulierungen schüren nur die Fremdenfeindlichkeit.

  7. Horst Schulte meint:

    Hallo Jochen, ist ja witzig. Horrem kenne ich ganz gut. Meine Frau hat dort viele Jahre lang gearbeitet (im Modehaus Wolters, das es leider heute nicht mehr gibt). Übrigens kenne ich auch Herrn Kafitz ganz gut. Der wohnt(e) auch lange auf dem Graf-Berghe-von-Trips-Ring.

    Nachbarschaftliche Grüße von Bedburg-Königshoven nach Horrem.