Ausbildung zum Holocaust-Experten

Offenbar gibt es den Studiengang Holocaust Communication and Tolerance“ wirklich. Es ist eine kleine Anzahl von Leuten (7), die im “Touro College in Berlin” ausgebildet wird.  Das Interview, das mit einer der Studentinnen geführt wurde und bei Jetzt.de erschienen ist , sagt mir, dass es Dinge in Deutschland gibt, die ich eher nicht für möglich gehalten hätte.

An einem Berliner College wird ein Master-Studium durchgeführt, dass das Begreifen des Antisemitismus zum Ziel hat. Auch mir persönlich müsste man wohl einmal beibringen, was Antisemitismus eigentlich genau ist. Die Kritik am Staat Israel allein wird ihn wohl nicht erklären, obwohl das oft so zu sein scheint. Jedenfalls kommt mir das so vor.

Worum geht es genau?

In erster Linie geht es in unserem Studium um die Vermittlung von historischem Faktenwissen, mit dem Ziel, die Geschichte des Holocaust vermitteln zu lernen. Dazu analysieren wir, welche Formen der Vermittlung es in Deutschland und in anderen Ländern bereits gibt. Es gibt ja auch immer weniger Zeitzeugen, und deshalb versuchen wir, neue Formen der Vermittlung zu finden. Dazu kommen jede Woche Fachleute aus der Praxis an unser College, die in den Medien über das Thema berichten oder Bücher veröffentlicht haben. (Christina Winkler im Interview)

Die Hervorhebung stammt von mir.

In der Tat ist es wohl ein großes Problem, dass die Zeitzeugen des Holocaust ganz allmählich wegsterben. So fehlen denen, die es hören wollen, authentische Stimmen, die Chronisten und Gesprächspartner dieser Zeit, um uns persönlich mit ihnen über die immer noch schier unvorstellbaren Dinge zu unterhalten, die in den Jahren von 1933 bis 1945 in Deutschland geschehen sind.

Nur frage ich mich, ob eine Lehrerin oder ein Lehrer ihren Schülern das vermitteln können, was diese Zeitzeugen trotz aller Bemühungen vielfach bis heute nicht geschafft haben?

Im Interview wird die Frage nach der Finanzierung der 3000 Euro gestellt, die dieses spezielle Studium pro Semester kostet. Frau Winkel hat, wie sie daraufhin erklärte, ein Stipendium. “Fast alle von uns haben vom Touro College, genauer gesagt aus dem Fördertopf der zentralen Einrichtung in New York, ein Stipendium bekommen.”

Auf die damit auf der Hand liegenden Frage, ob die Studenten einen mehrheitlich jüdischen Hintergrund hätten, antwortete Frau Winkel, dass dies mit einer Ausnahme nicht der Fall sei. Wer hinter dem “Touro College” steht bzw. welche zentrale Einrichtung in New York gemeint ist, wird leider im Interview nicht angesprochen.

Ist es nicht beschämend für uns, dass wir offenbar nicht dazu in der Lage sind, den Juden die Sorge abzunehmen, dass die Erinnerung an den Holocaust und seine Geschichte verloren gehen könnte, wenn man dies allein uns überließe?

Kommentare

  1. cohu meint:

    Ist es nicht beschämend für uns, dass
    wir offenbar nicht dazu in der Lage
    sind, den Juden die Sorge abzunehmen,
    dass die Erinnerung an den Holocaust
    und seine Geschichte verloren gehen
    könnte, wenn man dies allein uns
    überließe?

    “Wir”? “Den Juden”? “Uns”? Wer ist denn da “wir” und “sie”? Soweit ich weiß, gibt es noch bzw. wieder eine erkleckliche Anzahl an deutschen Juden/jüdischen Deutschen. Die dürften es reichlich seltsam finden, dass sie immer noch als “die Juden” ausgesondert werden, denen “wir” (?) irgendwas abnehmen müssen. Was denken sich wohl die deutschen Juden unter deinen Lesern bei solchen Formulierungen? Mir fällt das auch oft bei Deinen Artikeln über Moslems auf, diese Einteilung in “Wir” und “Sie”. Warum gehst Du so bombenfest davon aus, dass alle Deine Leser Christen sind – ? Sprachliche Feinheiten sagen viel darüber aus, wie man die Welt sieht…

    Auf die damit auf der Hand liegenden
    Frage, ob die Studenten einen
    mehrheitlich jüdischen Hintergrund
    hätten

    Äh, ahem, warum genau liegt das auf der Hand? (Weil bekanntlich ja nur Juden soviel Geld haben, um sich die Verteilung von 3000-Euro-Stipendien leisten zu können? SCNR ) – Nee, ernsthaft, fändest Du die Studenten sollten Juden sein oder Nicht-Juden? Deutsche oder Nicht-Deutsche? Wer sollte idealerweise die Stipendien verteilen? Warum?

  2. Horst Schulte meint:

    @Cohu; du liest da etwas hinein, was ich nicht gewollt habe. Mir íst es schon einmal passiert, dass ich als als antisemitisch beschimpft worden bin. In bin darüber entsetzt.

  3. cohu meint:

    Ne, Antisemitismus lese ich da gar nicht hinein, da bist Du wirklich nicht der Typ für ;-)

    Ich finde das nur methodisch schwierig, immer so von “uns” und “denen” zu sprechen. Ich glaube dass das allen Beteiligten schadet. Der Nobelpreisträger Amartya Sen hat da mal einen sehr interessanten Text geschrieben darüber, wie gefährlich es ist, Menschen auf ein Merkmal zu reduzieren/festzulegen, sei es nun ihre Religion, ihre kulturelle Zugehörigkeit oder ihre Hautfarbe (http://www.slate.com/id/2138731/). Wenn ich mit so einer Kategorisierung anfange, dann sieht die Welt am Schluss für mich immer aus wie “Clash of Civilisations”/Kampf der Kulturen, denn es stehen da nicht unterschiedliche Individuen mit ihren jeweiligen, unendlich variablen Interessen, sondern “die Juden”, “die Moslems”, “die Christen”, “die Männer”, “die Frauen”…
    Das sind Fiktionen. Es gibt keine “jüdischen Interessen” oder “westlichen Interessen”. Es gibt keine “muslimische Welt” in der Realität. Wenn man rein sprachlich aber schon davon ausgeht, dass es ein “wir” und ein “die da” gibt, schlittert man automatisch in ein solches Weltbild. Deshalb finde ich andere Formulierungen passender.

    (Abgesehen davon wurde mir Dein Punkt zur Vergangenheitsbewältigung wirklich nicht klar…findest Du es einfach blöd, dass sozusagen immer noch “von außerhalb” nachgeholfen werden muss, damit die BRD den Holocaust aufarbeitet? Habe ich einfach nicht ganz kapiert.)

  4. cohu meint:

    Den Sen-Text gibt es in einer gekürzten Version hier auch auf deutsch, und hier der Abschnitt, den ich interessant fand:

    “Die Erkenntnis, dass wir alle viele verschiedene Identitäten haben können und tatsächlich haben, die an verschiedene wichtige Gruppen geknüpft sind, denen wir gleichzeitig angehören, erscheint manchen kompliziert. Dabei handelt es sich um eine ganz gewöhnliche und elementare Erkenntnis. Im normalen Leben sehen wir uns als Mitglieder einer Vielzahl von Gruppen, denen allen wir angehören.
    Dass eine Person eine Frau ist, steht nicht im Widerspruch dazu, dass sie Vegetarierin ist, was wiederum nicht dagegen spricht, dass sie Anwältin ist, was sie nicht daran hindert, eine Jazzliebhaberin zu sein oder eine Heterosexuelle oder eine Verfechterin der Rechte von Schwulen und Lesben. Jeder Mensch gehört zu vielen verschiedenen Gruppen (ohne dass dies irgendwie ein Widerspruch wäre), und jedes dieser Kollektive, denen allen der Betreffende angehört, verleiht ihm eine potenzielle Identität, die je nach Kontext sehr wichtig sein kann. ()
    Falsche Beschreibungen und falsche Vorstellungen können die Welt zerbrechlicher machen, als sie sein müsste.().”

  5. Horst Schulte meint:

    @Cohu: Jetzt ist mir wirklich ein Stein vom Herzen gefallen – wirklich! :D

    Durch meine(n) Artikel möchte ich eigentlich prinzipiell genau das erreichen, was du meinst, nämlich mehr auf die Gemeinsamkeiten der Menschen hinweisen und nicht etwa Trennendes unterstreichen. Ich werde ab jetzt mal probieren, ob es mir gelingt, den von dir eingebrachten Gedanken im Blog umzusetzen.

    Es ging mir im letzten Teil weniger um die Vergangenheitsbewältigung. Die ist bei dieser Sache natürlich irgendwie mit angelegt. Ich wollte eigentlich darauf hinaus, dass ich es traurig finde, dass diese Gesellschaft sich nicht aus heraus dazu verpflichtet sieht, Lehrerinnen und Lehrern ein Studienfach, wie das, um das es hier geht, einzurichten. Es wäre nach meinem Verständnis doch die Aufgabe dieses Landes, das zu leisten, damit schon an den Schulen dafür gesorgt wird, dass der Holocaust oder die Entstehung des Antisemitismus in adäquater Weise thematisiert werden. Vielleicht ist es sogar der Fall und ich weiß das nicht.

    Aus dem Interview habe ich jedenfalls heraus gelesen, dass das offenbar aber nicht der Fall ist.

  6. cohu meint:

    OK, jetzt verstehe ich was Du meinst :-)

  7. Gilbert meint:

    Das folgende bitte nicht auf den Begriff “Holocaust” anwenden, sondern Allgemein: der zeitliche Abstand hat aber unter Umständen auch sein Gutes. Wenn man sich die neuere historische Literatur anschaut, werden viele Vorgänge und Zusammenhänge insbesondere durch die allmähliche Öffnung der Staatsarchive doch etwas anders bewertet, und zwar insbesondere von nichtdeutschen Historikern (die deutschen tun sich da immer noch sehr schwer). Aber jetzt bitte nicht nach Details fragen oder die Altnazikelle rausholen, sondern selbst mal lesen.

    Off: dein Captcha-Skript scheint mindestens ein ASCII-Zeichen an den HTTP-Server zu senden und versucht erst anschließend, die Header zu manipulieren (mit der handelsüblichen php-Fehlermeldung).

  8. Horst Schulte meint:

    @Gilbert: Die SPAM-Plugs habe ich wieder getauscht. Nun sollte alles wieder normal laufen und diese Probleme nicht mehr erscheinen. Vielen Dank für deinen Hinweis.

  9. Horst Schulte meint:

    @Cohu: Vielen Dank für den Text. Sehr interessant!