Ungezügelten Kapitalismus in die Mangel nehmen?

Vor kurzem war es doch eigentlich noch undenkbar, dass Politiker es sich zutrauen, den Kapitalisten in die Parade zu fahren. In Deutschland bekommen sogar Blüm und Geißler scheinbar wieder Gehör. Da wird natürlich einigen Freunden der freien Kräfte wieder der Kamm schwellen. Auch sie reden nun wieder, was natürlich keineswegs neu ist, von der Notwendigkeit, möglichst eine europa- oder sogar weltweite neue Ordnung zu schaffen, damit wieder Gerechtigkeit an die Stelle von Habgier und Willkür tritt. Wenn aber selbst US-Präsidentschaftskandidaten mehr als kritische Töne anschlagen, dann heißt das schon was:

Diese Wirtschaftsphilosophie besagt, dass wir den Reichen mehr und mehr geben sollen und hoffen sollen, dass der Wohlstand zu allen anderen nach unten durchsickert. Barack Obama

Den Satz wird Obama sicher nicht gesagt haben, ohne vorher die Wirkung jedes seiner Worte genau überlegt zu haben. Vielleicht hat er deshalb auch von Wirtschaftsphilosophie und nicht von Kapitalismus geredet. Jedenfalls hat er damit in meinen Augen das grassierende “System” gut beschrieben. Es hat Jahrzehntelang funktioniert und so war es beabsichtigt. Seitdem die segensreichen Wirkungen der Globalisierung eingesetzt haben, scheinen die Kapitalisten jedoch mehr und mehr die Einsicht in die Vernunft dieses simplen Tricks vergessen zu haben. Sie haben den Bogen überspannt. Die Krümel, die sie vom Tisch fallen ließen, wurden immer kleiner und sie scherten sich einen Dreck darum.

Vielleicht bietet sich ja nun wirklich eine Chance, dass Politik wieder mehr Einfluss auf die Wirtschaft nimmt und vor allem nehmen kann. Diese Möglichkeit ist nämlich verloren gegangen. Fantasten wie Gerhard Schröder haben an dieser Entwicklung (für Deutschland) einen maßgeblichen Anteil gehabt. Vielleicht war es der Tunnelblick eines Egomanen für die eigene Karriere. Jedenfalls hat er in meinen Augen die Grundprinzipien der Sozialdemokratie verraten.

Jetzt ein paar Regeln aufzustellen wird nicht reichen. Auch sollte keiner das Kind mit dem Bade ausschütten wollen. Es geht nicht um Verstaatlichungen oder übertriebene staatliche Eingriffe. Es geht auch darum, dass die sich aus der Krise ergebende Chance genutzt wird, um die Einsicht darin wieder herzustellen, dass auch unsere Wirtschaft (vielleicht sogar die Weltwirtschaft) dann gut funktioniert, wenn eine vernünftige Balance gewahrt ist und bleibt.

Vielleicht kann man die Ereignisse als Beweis dafür begreifen, dass ungezügelter Kapitalismus, den wir auch in Deutschland zu spüren bekommen haben, nur eine ziemlich begrenzte Halbwertszeit hat und am Ende vielleicht ins Chaos führt.

Was aber nun wirklich passieren wird hängt wohl einzig und allein vom Leidensdruck ab, dem wir uns in den nächsten Jahren ausgesetzt sehen werden. Es gibt genug Leute, die davon sprechen, dass nach dieser Finanzkrise nichts mehr so sein wird wie es war. Hoffentlich ist das nicht so und wir haben eine Chance, die gemachten Fehler zu korrigieren.

Kommentare

  1. Rayson meint:

    Mannomann…

    “Ungezügelter Kapitalismus” in Deutschland? Sorry, aber angesichts eines Staatsanteils von knapp 50% und einer täglich steigenden Zahl von Vorschriften ist eine solche Behauptung komplett absurd.

    Klar, dass in einem Land wie dem unseren, das mit individueller Freiheit noch nie viel am Hut hatte und diese nur toleriert, weil sie zu einer effizienten Wirtschaft führt, jetzt die alten Mumien wieder aus den Grüften geholt werden, die aus einer verfehlten Notenbankpolitik ein Versagen “des” Kapitalismus basteln wollen.

    Und es scheint ja zu funktionieren.

  2. Horst Schulte meint:

    Wir geben viel Geld für Soziales aus. Keine Frage. Nur ist die Frage nicht, wer das in der Hauptsache bezahlt? Und du meinst die Notenbankpolitik sei für das Desaster verantwortlich. Ich würde meinen, es ist das System, das versagt hat. Ein System, das sich von der Politik längst nicht mehr beeinflussen ließ. Und es wird Zeit, das zu ändern. Vielleicht gibt es dazu eine Chance.

  3. Rayson meint:

    Nur ist die Frage nicht, wer das in der Hauptsache bezahlt?

    Die Frage ist erst mal, ob man unter solchen Bedingungen von “ungezügeltem Kapitalismus” reden kann.

    Ich würde meinen, es ist das System, das versagt hat.

    Sowas erinnert mich immer an eine Zeile von “Kreuzberger Nächte”:

    Ein Rentner ruft: „Ihr solltet euch was schämen!“,
    ein andrer meint, das läge alles am System.

    .

    Gegen Allgemeinplätze ist nun einmal kein Kraut gewachsen. Die Expansion der Geldmenge hingegen lässt sich belegen, und ihre Folgen sind so bekannt, dass auf sie schon lange hingewiesen wurde.

    Aber das “billige Geld”, mit dem eine Scheinkonjunktur erzeugt wird, ist zu wichtig im Arsenal der Politik, als dass diese die erforderlichen Konsequenzen ziehen wird. Stattdessen wird eben über die Gier der anderen geklagt oder “das System”.

    Und es wird Zeit, das zu ändern. Vielleicht gibt es dazu eine Chance.

    Keine Sorge, alles wird gut. In unserem “System” ist die Politik schon immer kräftig und bekannt segensreich zugange. Man denke nur an die Neuerungen im Gesundheitswesen, mit denen endlich erfolgreiche sozialistische Errungenschaften aus der DDR auch bei uns eingeführt werden.

  4. Horst Schulte meint:

    Ja, was soll ich sagen. Mir ist Ulla Schmidts Gesundheitsfond, der bei FDOG so fachmännisch zersägt wird, immer noch lieber als das Gesundheitssystem dem Kapitalismus anheim zu stellen.

  5. Rayson meint:

    Dem ungezügelten gar?

  6. Horst Schulte meint:

    @Rayson: Selbstredend ungezügelt. :-)

    Übrigens tolles Stück von “Spyro Gyra”…