Steinmeier vs. Obama

Bei “Hart aber fair” hat man geglaubt, einen witzigen Zusammenschnitt von Redeausschnitten Steinmeiers und Obamas “gegeneinander” präsentieren zu müssen. Christian Ströbele bezeichnete das als gemein. Dem kann ich mich nur anschließen. Bei uns ticken die Uhren eben anders. Ich fand den Berliner Auftritt Obamas zwar auch beeindruckend. Aber dann frage ich mich doch, wie lange bei uns diese Begeisterung wohl angehalten hätte, wäre Obama im Deutschen Bundestag als normaler Abgeordneter oder sogar als Minister tätig. Für Auftritte dieser Art sind wir Deutsche im Prinzip nicht empfänglich. Würde ich mal behaupten. Jedenfalls dann nicht, wenn sie mehr als 1 x stattfinden.

Kommentare

  1. Siegfried meint:

    Nicht empfänglich? Na, ich weiss nicht. “Wollt ihr den totalen Krieg?” – “Jaaaaaaa!” Und so arg viel hat man hier aus dieser Zeit nicht unbedingt gelernt. Ich wäre daher vorsichtig mit dem “nicht empfänglich”. Vielleicht muss nur die Methode leicht angepasst werden.

  2. eule70 meint:

    Ich habe von Obama bis jetzt nur seine Dankesrede in Chicago letzte Nacht gehört, und ich muss sagen, diese “mitreißende” Rhetorik hat mich doch irgendwie gegen den Strich gebürstet. Und die gläubigen Gesichter, wenn er “America” sagte… Wie Du, bin ich nicht empfänglich für so was. Aber ich befürchte doch, Siegfried hat Recht.

  3. Siegfried meint:

    Irgendwie schon witzig, das mit “Amerika”. Ein guter Freund von mir ist US-Amerikaner und lebt hier seit vielen Jahren und ist mit einer Deutschen verheiratet. Aber beim Thema “Amerika” haben wir uns in die Wolle gekriegt. Ich hatte versucht, ihm zu erklären, dass “Amerika” nicht gleich “USA” ist. Als Beweis: Brasilien, Argentinien, Chile, …. Da meinte er, mich korrigieren zu müssen mit dem Argument, Brasilien und die anderen dieser Staaten, das wäre eben _Süd_amerika. Aber die USA, das wäre eben _Amerika_. Als ich ihm dann sagte, dass USA noch nicht einmal das Gleiche ist wie Nordamerika, und auf Kanada hingewiesen habe, ist er beinahe ausgerastet.

    Ich weiss nicht, aber dieses “Amerika” muss wohl ein Synonym für Utopia oder das Paradies sein. Und das selbst bei US-Amerikanern, bei denen die Welt nicht an der Grenze der USA aufhört. Bei dieser Sichtweise ist dieser überkandidelte Patriotismus und das missionarische Sendungsbewusstsein dort direkt nachvollziehbar.

  4. Horst Schulte meint:

    Aber meine Aussage zielte nicht auf das 3. Reich, sondern auf die Jetztzeit. Ich meine, dass wir heute weitaus unanfällig sind als damals, weil viele doch etwas gelernt haben (davon bin ich immer noch überzeugt, auch wenn die Radikalen zugelegt haben.) Man kann das auch daran erkennen, dass die Deutschen immer sofort ein Haar in der Suppe finden, wenn ein deutscher Politiker oder eine deutsche Politikerin etwas sagen. OK. Vielleicht liegt das vorwiegend an der Qualität ihrer Reden. Bei Richard von Weizsäcker beispielsweise war das ja schon anders. Oder auch bei F.J. Strauß (mit Abstrichen) oder bei Helmut Schmidt (mit Sicherheit).

  5. Siegfried meint:

    Dass die Deutschen aus ihrer Vergangenheit genug gelernt haben, eben das bezweifle ich. Ausserdem ist es üblich, dass das Pendel immer extremer ausschlägt. Was heite überkritische Meckerkultur ist, kann morgen umschlagen in gehirnlose Begeisterung für den letzten Mist. Die Gefahr ist durchaus da. Und nicht nur wegen der Zuname der Radikalen. Auch deshalb, weil das menschliche Gedächtnis recht kurz ist, und die aktuelle Generation vom Dritten Reich so gut wie keine Ahnung mehr hat. Die heutige Generation kennt ja noch nicht mal mehr die DDR. Ich kenne sie noch. Und ich kenne etliche Verwandte von dort, die damals 150%ige Kommunisten waren. Der Hurrapatriotismus ist auch in Deutschland noch nicht ausgestorben.

    Es stimmt allerdings, dass eine kleine Minderheit daraus gelernt hat. Nicht Jeder ist anfällig. Aber zu viele.

  6. Horst Schulte meint:

    @Siegfried: Etwas gelernt, hatte ich geschrieben. Nicht genug gelernt. Man lernt ja schließlich nie aus :-)

    Was heite überkritische Meckerkultur
    ist, kann morgen umschlagen in
    gehirnlose Begeisterung für den
    letzten Mist.

    Das will ich nicht abstreiten. Aber man darf doch auch die Hoffnung nie aufgeben. Und – ich will nochmals auf den Vergleich mit den USA kommen. Würde Obama ähnliche Reden, wie die im Sommer in Berlin, hier in Deutschland halten, würde die Skepsis sehr schnell wachsen. In Amerika sind die Leute scheinbar doch leichter mitzureißen als bei uns. Oder nicht? Und darauf wollte ich doch eigentlich mit meiner Bemerkung nur hinweisen.

  7. Siegfried meint:

    Du könntest Recht haben. Etwas Hoffnung kann ja nicht verkehrt sein. Aber ich bin da eben eher Pessimist.

    Erinnerst Du Dich noch an die Gorbatschow-Manie zur Zeit der Wiedervereinigung? Der konnte beinahe sagen, was er wollte, man hat ihm zugejubelt. Allerdings ist er auch nicht ganz so schmalzig aufgetreten.

    Oder denk an “Die Königin der Herzen”, Lady Di. Wo sie aufgetreten ist, sind doch auch die Massen dahingeschmolzen. Gut, sie sah besser aus als Gorbatschow und Obama zusammen, aber das ändert eigentlich Nichts daran, dass sie ein Mensch war und genauso fehlbar wie jeder Andere auch.

    Ich befürchte, wenn sich Obama durch ein paar Erfolge als “neuer Erlöser” profilieren kann, dann werden seine Schmalzattacken hier genauso Wirkung zeigen wie in den USA. Und dann beginnt es, gefährlich zu werden.

    Aber vielleicht hast Du ja Recht, und hier in Deutschland ist eine Mehrheit nüchtern und realistisch genug. Zu hoffen wär’s.

    Und noch ein Gedanke zum Gruseln: Stell Dir mal vor, was passiert wäre, wenn Obama sich nicht den alten Kriegshetzer als Vize ausgesucht hätte, sondern Sarah Palin. Und die wäre auf seine Linie eingeschwenkt. Dann hätten wir heute ein Duo Infernale, dem die Massen weltweit zu Füßen liegen würden. Von “Hail to the King” bis zu “gebenedeit seist Du Mutter Palin” wäre Alles drin. Aber ich hör lieber auf. Halloween war schon.