Vielleicht ist die deutsche Presse kritischer, als die amerikanische. Glaub’ ich aber eher nicht. Also müssen wir wohl das schlechtere politische Personal haben, wenn dieses von Herrn Strunz, Chefredakteur Hamburger Abendblatt, festgestellte Defizit zutrifft. Wir glauben Politikern nicht. Die Frage ist, ob das nun mehr an den Politikern oder vielleicht doch auch an uns, dem geneigten Publikum, liegt. Willy Brandts Slogan “mehr Demokratie wagen” fanden viele gut. Er ist in unserer Erinnerung positiv verankert, obwohl diese Ära schon Jahrzehnte zurückliegt. Es war ein Signal, das vielleicht vergleichbar ist mit Obamas Wechsel – Motto.

Obama kannte vor 4 Jahren noch kaum einer. Nun wurde er zum 44. Präsidenten der USA gewählt. In Deutschland könnte etwas vergleichbares (unabhängig mal davon, dass wir keine Präsidialdemokratie haben), überhaupt nicht passieren.

Die guten Köpfe unserer Parteien werden im Durchlauf in den verkrusteten Hierarchien und Instanzen “abgeschliffen”. Es kommen dabei oft nur traurige Figuren heraus, zu denen man, auch wenn man genauer hinschaut, nicht aufsehen kann. Sie überzeugen uns nicht, weil sie nicht authentisch sind. Dabei wissen doch nicht nur PR-Berater, wie wichtig Authentizität ist. Sie entsteht nicht, weil wir auf Offenheit und klare Worte, auch gefördert von den Meinungsmachern der Medien, mit Unverständnis und sogar mit Ablehnung reagieren.

So zu tun, als hätten wir in Deutschland per se die schlechteren Politikerinnen und Politiker, denen es an Esprit und was weiß ich noch fehlt, ist reichlich unfair. Schließlich sind wir alle Bestandteil der Strukturen, die in diesem Land existieren. Wir könnten es ändern. Aber den Mumm hat keiner. Und das wiederum, finde ich, ist das erfrischende am aktuellen amerikanischen Obama-Hype. Wir könnten es auch. Wir brauchten nur ein bisschen mehr Mut und Enthusiasmus und vielleicht etwas weniger Nachdenklichkeit.

Sehnsucht nach einem deutschen Obama


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1 Antwort : “Sehnsucht nach einem deutschen Obama”

  1. Vielleicht sollte man mal damit abfangen, das ewig gestelzt korrekte Gelabere abzustellen. Wenn jemand mit bedeutungsschwanger gerunzelter Stirn den größtmöglichen Schwachsinn verkündet, regt sich keiner auf, aber wehe, es macht mal einer einen Witz, den ein anderer falsch verstehen könnte (und es machen sich ja furchtbar viele Leute unglaublich anstrengende Gedanken darüber, wieso wiederum andere Leute furchtbar beleidigt sein müssen, obwohl die das normalerweise gar nicht bemerkt hätten).

    Es muss doch möglich sein, mal frisch von der Leber weg zu reden, ohne dass gleich ein furchtbares Geschrei über öffentliche Entschuldigung und Rücktritt einsetzt. Wenn der betreffende das schriftlich auch noch so von sich gibt (und da hat er ja Zeit zum Nachdenken gehabt), kann man sich ja immer noch aufregen.

    Die Tendenz geht aber wohl eher zum gar-nichts-mehr-sagen. Wenn dem niedersächs. Ministerpräsidenten Wulff offensichtlich der Rücktritt nahegelegt wird, weil er das Wort “Pogrom” in einem anderen Zusammenhang als mit Juden verwendet hat, fällt mir wirklich nichts mehr zu dieser perversen Scheinheiligkeit ein, die da um bestimmte Begriffe gemacht wird, um sich wirksam vor den tatsächlichen Problemen drücken zu können.

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