Alle sollen ihre Meinung zum Internet haben und es ihrem Gusto gemäß nutzen
Friedrich Weidelich hat Vorbehalte gegen das Internet, obwohl sein Background das nicht unbedingt nahelegt. Im August d.Js. hatte ich schon mal was von ihm über XING gelesen. Mit seiner Meinung über den Nutzen des Dienst mochte ich mich anfreunden. Heute befasste ich mich fast überhaupt nicht mehr damit. Das soll schließlich auch jeder halten wie er mag.
Weidelich ist überhaupt der Ansicht, dass Blogs und andere Erscheinungsformen des Internets überschätzt werden. Er begründet das so:
ein Tummelplatz für Selbstdarsteller und Möchtegern-Professionalisten – abgesehen von den zum Teil gefährlichen Folgen wie Datenmissbrauch.
Kein neuer Vorwurf. Wir (Blogger/innen) lesen immer wieder von “professionellen Journalisten”, die sich entsprechend äußern. Mich stört das auch nicht weiter. Über die Konkurrenz muss man schließlich nicht gut sprechen. Auch sind dies Stilfragen. Und über über Geschmack lässt sich ja nicht streiten.
Aber es steckt doch mehr dahinter. Es geht nicht bloß um das Heruntermachen einer möglichen existenziellen zukünftigen Bedrohung für den klasssichen Journalismus (in den USA ist die Blogsphäre das nämlich). Den kann man sich vielleicht durch ständiges Trommeln in den “klassischen Medien” noch eine kurze Zeit vom Leibe halten.
Alle können ihre Meinung zum Internet oder zu allem, was sie sonst juckt, in diesem Medium kundtun. Jeder soll es seinem Gusto gemäß nutzen. Wer einen Zugang und die notwendigen technischen Voraussetzungen besitzt, hat eine privilegierte Ausgangslage. Privilegiert gegenüber vielen Menschen auf der Welt, denen diese Voraussetzungen fehlen. Das Internet ist ein urdemokratisches Medium. Ist es uns bewusst, welches Pfund wir damit in den Händen halten? Man muss nicht mitmachen, man kann es und noch sind die Bedingungen oder Regeln für die Teilnahme am Web einigermaßen überschaubar.
Die gestrige Talkshow im SWR-Fernsehen (Titel: “Leben online – wie das Internet uns verändert.”) verfiel einmal mehr in den Fehler, die unbestreitbar vorhandenen Gefahren des Internets in den Vordergrund der Diskussion zu stellen. Teilnehmer waren: Christoph Hirte, Roland Ott, Friedhelm Weidelich, Marianne Koch, Wieland Backes, Matthias Mattussek, Hannelore Bauersfeld und Sascha Lobo. Zwei der Teilnehmer sind mir also aus der Blogszene namentlich bekannt. Sascha Lobo und Matthias Mattusseks. Das Video-Blog von Mattussek sehe ich mir relativ regelmäßig an. Nicht nur Mattussek empfand die Sendung zeitweise als ein Forum, das ihn dazu nötigte, seine Bloggerambitionen gegenüber den anderen anwesenden Journalisten (Backes als Gastgeber eingeschlossen) verteidigen zu müssen. Ich konnte das verstehen.Letzter Blogeintrag von Mattussek
Alle vertretenen Positionen hatten ihre Berechtigung – fand ich. Die Art der Kommunikation hat sich verändert und, wenn man das auf die heutigen technischen Möglichkeiten bezieht, nicht unbedingt nur zum Positiven. Ich fand Sascha Lobos Hinweis witzig. Er befand, dass durch die Optionen des Internets die heutigen 13jährigen wesentlich mehr schrieben, als das früher der Fall gewesen sei. Ich denke, er hat da völlig Recht. Wenn ich mir allerdings das Gesimse, das auf manchen Kanälen zum “Mitlesen” dargeboten wird, so ansehe, muss ich darüber lachen. Ich meine, auch über Saschas Argument.
Ich sehe die Diskussionen, die immer wieder aufflammen, natürlich durch die Brille eines Bloggers. Ich bin nicht angesprochen von den Behauptungen und Vorhaltungen, die manche Journalisten machen, wenn es um Fragen nach Motivation der Blogger/innen oder deren Qualität geht. Meine Ambitionen sind viel kleiner. Ich freue mich über jeden Kommentar, auch wenn er mir ziemlich quer daherkommt (was ja nicht selten der Fall ist). Das ist eine Form der Kommunikation, die ich eigentlich nicht mehr missen möchte.
Eines muss ich allerdings für mich kritisch festhalten: Ich verplempere ganz schön viel Zeit vor dem Bildschirm. Den beruflichen Anteil, der etwa bei 75% meiner Arbeitszeit liegt, nicht einmal berücksichtigt. Vielleicht wird mir das schon irgendwann in ferner Zukunft mal leid tun. Aber ich fahre ja auch irre lange Strecken mit dem Auto – nur um zur Arbeit zu kommen. Das zum Beispiel ist im Prinzip ja auch die pure Lebenszeitverschwendung. So etwas war früher auch nicht denkbar. Da hatte man den Arbeitsplatz vor der Haustür. So ändern sich die Zeiten.

Gilbert
Man sollte viel besser mal über die tatsächliche Qualität der Qualitätsjournalisten sprechen. Meldungen über Gewalttaten werden grundsätzlich aus politischen Gründen nicht korrekt gestaltet, linke Landfriedensbrecher werden aus ideologischen Gründen als “Autonome” verharmlost, in und ausländische politische Gruppierungen, die nicht auf der rot-grünen Ideologiewelle schwimmen, werden in jedem Bericht durchgehend und möglichst oft als “die rechtsextremistische …” oder “die rechtspopulistische …” bezeichnet, also gezielt links-grüne Propaganda betrieben.
Letztendlich gibt die Qualität vieler Qualitätsmedien noch weniger Qualität her, als sie den freien Bloggern zu- oder absprechen.
Horst Schulte
Gilbert, zum Teil will ich dir zustimmen. Nur, ich habe heute wieder mal bei PI gelesen. Dort ging es um Obama. Dieser Artikel strotzt von rassistischen Parolen. Da kann man nicht mehr davon sprechen, dass diese Leute lediglich die pc beiseite lassen.
Das ist, wie man aus Sicht der Neocons vielleicht argumentieren könnte, keine “selbsterfüllende Prophezeiung”, sondern es war immer schon rechtsradikales Gedankengut.
G
Du triffst mich da etwas auf dem linken Fuß, weil ich bei PI in der letzten Zeit aus verschiedenen Gründen äußerst selten reinschaue. Mir reichen im Moment die Qualitätsmedien. Einerseits wird da laufend von Neutralität bei der Berichtserstattung gefaselt, andererseits geht dann ein Sender wie Deutschlandradio hin und macht eine Sendung über die kommende Volksabstimmung in der Schweiz, wo die SVP, immerhin Mehrheitspartei in der Schweiz, aber nun nicht gerade mit rot-grüner Einstellung, über mehrere Minuten hinweg in jedem Satz mit “die rechtspopulistische SVP” angesprochen wird. Das war ziemlich offensichtlich, denn bei Berichten über andere Parteien werden die höchstens 1-2 Mal erwähnt, und dann ohne solche Zusätze. Außerdem sollten sich die Schweizer sehr genau überlegen, was gut für sie ist (mit Angabe, was das Gute denn sein soll). Auch das zwei Mal.
Mit neutraler Berichterstattung hat das nichts zu tun, und selbst für eine Kommentar wäre das ganz schön eingefärbt gewesen. Aber da scheint Propaganda in Ordnung zu sein, während du und ich “Selbstdarsteller und Möchtegern-”was-auch-immer sind, wenn wir unsere Meinung sagen.