Auch gestern und heute war ich in der Ambulanz, um meine noch frische Operationswunde neu verbinden zu lassen. Gestern war ich gleich dran. Offenbar hatte ich eine sehr günstige Zeit erwischt. Heute war das ganz anders. 10 Leute warteten darauf, dass es überhaupt los geht. Eine Notfalloperation war erforderlich.Bei nur einem anwesenden Chirurgen ließen sich also Wartezeiten nicht vermeiden. 
Nach einer halben Stunde erklärte uns die freundliche Schwester, die übrigens ebenfalls allein ihren Dienst tat, dass der Chriurg zwar inzwischen die Operation beendet hätte, dass er aber nun als Notarzt mit dem RTW ausgerückt sei. Diese Tatsache hätte natürlich weitere Wartezeiten zur Folge. Sie bat um Verständnis.
Vermutlich war das oder ähnliches in dem Artikel gemeint, den ich vor wenigen Tagen, ich glaube in einer älteren Ausgabe des SPIEGEL, in bereits erwähntem Wartezimmer der Ambulanz gelesen habe. In dem stand, dass man in Deutschland am Wochenende möglichst nicht akut erkranken solle. Aber ein Kranker würde aber ja wahrscheinlich nicht über die Ambulanz “laufen”, sondern gleich notfallmäßig im Krankenhaus stationär aufgenommen. Sicher bin ich da natürlich nicht, aber ich will’s doch mal hoffen, dass es so ist.
Ich habe die Wartezeit genutzt und u.a. in einer alten SPIEGEL-Ausgabe (26/2008 vom 23.06.2008, Seite 160) ein interessantes Interview mit Neil Young gelesen. Young wird danach gefragt, weshalb er noch einmal die alten Kämpen von CSNY zusammengetrommelt hat. Young antwortete, “Ich konnte das Klagen nicht mehr hören. Wir mussten etwas tun.” Eine simple Feststellung. Nur, fingen die Proteste Ende der 60-er Jahre, die in den USA ihren Ursprung nahmen nicht ebenfalls so an? Der Leidensdruck wuchs und wuchs und auf einmal waren ein “paar Leute” da und der Protest nahm die Formen an, die wir alle kennen und die es in vergleichbarer Form seitdem nicht mehr gegeben hat. Die gute Erfahrung mit dem friedlichen Protest der Ostdeutschen gegen das damalige DDR-Regime einmal außen vor gelassen.
Für den amerikanischen Musiker Neil Young war das Fass voll oder kurz vor dem Überlaufen. Der Autor des Spiegel-Artikels, Philipp Oehmke, konfrontiert Neil Young mit einem für meinen Geschmack ziemlich bösartigen Zitat eines anderen Journalisten:
vier Hippie-Millionäre mit Haarausfall
Ja, natürlich gehör(t)en CSNY zum Establishment, ganz sicher zum musikalischen. Und, ja sie sind in die Jahre gekommen. Young hat den Humor, sich und seine Band selbst auf die Schippe zu nehmen:
Stills ist während der Tour mehrmals auf der Bühne hingefallen. Und ein anderer Kommentator sagte, wenn wir mit unseren Gitarren auf der Mitte der Bühne zusammen kämen, sähe es aus, als verglichen wir unsere Arztrezepte!
Auch interessant, wie Young beschreibt, dass er fast vergessen hatte, wie es ist, Protestlieder zu spielen. Mit den Reaktionen der eigenen Fans muss man angesichts der Thematiken, die in den Songs behandelt werden, natürlich auch erst einmal klar kommen. Es ist bestimmt nicht so einfach, wenn die Hälfte der Zuhörerinnen und Zuhörer einen beim Konzert gnadenlos ausbuhen.
Also, die Warterei in der Ambulanz hat sich noch gelohnt.
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