Politiker sind nicht an Weisungen gebunden, höchstens an Überweisungen.
Graf Fito

Es kümmert uns einen Scheiß – in Wahrheit jedenfalls

Manchmal finden sogar diejenigen meine Sympathie, die solche Begriffe wie “Gutmenschlichkeit” oder “politsche Korrektheit” in die Welt gesetzt haben.

Wir nehmen in unserem Medienzeitalter so massenhaft Kenntnis von schrecklichen Schicksalen und allgemeiner Ungerechtigkeit gegen Menschen, dass wir uns nur noch mühsam und in durchaus wenigen Einzelfällen dazu äußern mögen. Erst vor 2 Wochen infomierte mich ein ehemaliger Kollege, mit dem ich auch nach Jahren noch Kontakt habe, dass seine Frau an Lungenkrebs erkrankt sei. Sie ist noch keine 40. Die beiden haben zwei kleine Kinder. Viele Menschen werden nach Kenntnis solcher furchtbaren Nachrichten eine ganze Weile daran Anteil nehmen. Und wenn es sich auch darauf beschränkt, dass man die Tatsache einige Tage nicht mehr aus dem Kopf kriegt. Kurz vor Weihnachten sprach mich vor einem SB-Warenhaus ein junger Mann auf den Fall eines leukämiekranken Freundes an und bat um finanzielle Unterstützung. Die habe ich ihm nicht ausgeschlagen, aber wie viel höher als meine paar Groschen ist die Hilfe des Freundes einzuschätzen, der die Aktion gestartet hat?

Grundsätzlich bin ich persönlich wahnsinnig schnell gerührt. Es passiert, dass am Fernsehen die Tränen kullern, weil ich schon wieder mit einem Ereignis konfrontiert bin, das mein Mitgefühl auslöst. Machen kann ich dagegen nichts. Vielleicht ist also noch nicht alle Hoffnung vergebens – meine Hoffnung meine ich.

Ich bewundere und verehre die Menschen, die sich ganz konkreten Aufgaben stellen. Diejenigen also, die nicht Betroffenheitsadressen austauschen, sondern die ganz praktisch Hilfe leisten. Wir haben quasi gleich nebenan ein Altenheim. Dort hat eine Bekannte meiner Familie ihre letzten Lebensjahre verbracht. Ich habe sie sehr gemocht. Trotzdem habe ich, was ich mir heute wirklich vorwerfe, sie nie im Altenheim besucht. Obwohl wir, wie gesagt, fast nebenan wohnen. Wir hatten bis zu ihrem Tod trotzdem häufigen Kontakt mit der alten Dame. Aber warum habe ich mich nicht dazu durchringen können, sie in ihrer neuen Umgebung zu besuchen? Vielleicht doch, weil sie mir doch nicht so wichtig war, wie ich das immer behauptet habe? Ich mag den Gedanken nicht. Aber mein Verhalten kann ich nicht erklären, und ich mache mir deswegen Vorwürfe.

Vor kurzem habe ich hier im Blog was über Nazis geschrieben. Eigentlich so etwas wie einen Appell. Die Hoffnung, dass auch andere Blogger sich zum Thema äußern würde (man nennt das wohl Blogparade) hat sich als Seifenblase entpuppt. Ich war zwar ärgerlich, bin aber dann auch sehr schnell zu einem neuen Thema gekommen. Wahrscheinlich war mein Artikel einfach nur zu platt.

Wie stehts mit euch? Kümmert ihr euch wirklich um die Menschen in eurer Umgebung — um diejenigen insbesondere, die eure Hilfe vielleicht wirklich brauchen? Wie steht es um eure Eltern? Sind sie euch so wichtig, dass ihr sie zu euch nehmen würdet, wenn sie alt und krank sind? Oder schiebt ihr sie ins Altenheim ab?

Man soll über solch persönliche Dinge vielleicht nichts schreiben. Keinem Menschen unterstelle ich Gleichgültigkeit oder mangelndes Mitgefühl. Aber mit plakativen Aktionen habe ich ehrlich gesagt schon so meine Probleme.

Alle, die sich vom Titel meines Beitrages “angefasst” fühlen sollten, bitte ich um Entschuldigung. Aber es ist doch wahr.

Kommentare

  1. Danke für den Beitrag.

    Es wird mehr werden als eine plakative Aktion. Sie ist nur der Anfang, um der Frau zu zeigen, um anderen Menschen zu zeigen, dass sie eben nicht alleine sind. Wie ich sehe bist du ein sehr engagierter Mensch, der sich kümmert. Uns ist es auch nicht wichtig bei was genau, sondern dass es Menschen tun. Daher diese spontane Aktion, die aber vor Ort fortgeführt wird.

    Hier auch nochmal mehr Beiträge dazu:
    http://breitenbachundbrown.de/2009/01/problem-wohin-mit-unseren-kindern-wenn/

    http://breitenbachundbrown.de/2009/01/compassion-is-the-real-problem/

    Liebe Grüße
    Patrick

    Patrick Breitenbach´s letzter Blogbeitrag: Mich kümmert es!

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  2. StoiBär meint:

    Zu meinem Vater hatte ich nie das alelrbeste Verhältnis. Jetzt ist er mittlerweile 77 und irgendwann kann es in diesem Alter ganz schnell gehen. Immer wieder nehme ich mir vor, öfters bei meinen Eltern vorbeizufahren. Aber die 10 Kilometer sind scheinbar zu weit. Immer kommt “was Wichtiges” dazwischen. Gibt mir schon gelegentlich zu denken.

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  3. Horst meint:

    Auch das kann ich selbst sehr gut nachvollziehen. Irgendwann kann der Zeitpunkt kommen, an dem du das sehr bedauerst.

    Horst´s letzter Blogbeitrag: Vorgelesen

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  4. JürgenHugo meint:

    @Horst:

    Ich hab´ vor ein paar Jahren innerhalb kurzer Zeit entscheiden müssen – Pflegeheim oder Privat (ich hatte auch nicht immer das beste Verhältnis zu meinem Vater) – ich habe mich für Privat entschieden. Die Pflege hat allerdings eine Verwandte übernommen – ob ich mich auch so entschieden hätte, wenn ich´s selber hätte machen müssen? Ich weiß es nicht. Im nachhinein (nachdem ich mal Einblick in ein Pflegeheim hatte), glaube ich mich richtig entschieden zu haben. Mein Vater konnte diese Entscheidung ja nicht mehr selber treffen. Im Gegensatz zu Stoibär war mein Vater allerdings 550 km entfernt.

    Immerhin hat er die letzten gut 2 Jahre nicht bei fremden Menschen verbracht – und ich hab´ ihn relativ oft besucht.

    Zu deinem “Nazi-Thema” – über gewisse Sachen “spricht man nicht” in Deutschland – und das Thema gehört eben dazu…

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  5. somlu meint:

    Meine Eltern oder Familie, nun ja ein eigenes Thema, soviel vielleicht, meinen Vater würde ich sofort aufnehmen, wenn ich den Platz hätte. Er will aber eine eigenen Wohnung und ein eigenes Leben und er ist gesund und fit (72 Jahre). Wenn ich dann mal soweit bin, kriegt er extra eine Einliegerwohnung.

    Anderen helfen, das fängt doch schon im Kleinen an. Die Frau mit dem Kinderwagen, die vor einer meterhohen Treppe steht und alle an ihr vorbei laufen oder die alte Frau im Haus (“unsere” will keine Hilfe, freut sich aber immer, wenn ich es ihr anbiete. Ich glaube ja, dass sie einsam ist, seit ihr Mann gestorben ist aber sie bleibt halt für sich). Auch der Tourist oder Messebesucher, der mit verwirrtem Blick die Straße rauf und runter schaut. Das habe ich übrigens in England als angenehm erlebt, dass mir immer gleich geholfen wurde, wenn ich mal verwirrt auf einem Bahnsteig stand. Das habe ich übernommen, ich frage meistens, ob ich helfen kann, wenn ich sowas mitbekomme.

    somlu´s letzter Blogbeitrag: Tageszeitung gesucht

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  6. Horst meint:

    @JürgenHugo: Es ist eben nicht so häufig der Fall, dass Kinder sich im Alter tatsächlich um ihre Kinder kümmern. Jedes positive Beispiel ist schon erwähnenswert, finde ich.

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  7. Horst meint:

    @Somlu: Es gibt so viele solcher Beispiele. Und das Gute ist doch, dass ganz offensichtlich vielen zumindest nicht die Fähigkeit abhanden gekommen ist, diese Dinge auch zu sehen. Nun müssten wir uns nur noch dazu durchringen können, dass was wir sehen auch in Taten umzusetzen. Es gibt zum Glück ja auch viele positive Beispiele.

    Mir fiel ein Beispiel ein, als ich den Artikel schon zu Ende geschrieben hatte. Ein junger Kollege aus meiner Abteilung hat vor 1 1/2 Jahren Knochenmark gespendet für einen kleinen südamerikanischen Jungen. Das hat diesem das Leben gerettet. Für mich ist der junge Kollege fast so etwas wie ein Held. Mir fällt da wieder meine Einstellung ein zu Organspenden. Ich hätte fast einen Ausweis unterschrieben. Dann hatte ich Diskussionen darüber meiner Frau und habe es mir noch einmal überlegen wollen. Das ist jetzt schon wieder ein paar Monate her. Nix ist passiert. Das muss ich auch mal dringend durchziehen. Wie du sagst, es sind eben wirklich auch die kleinen Dinge.

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  8. Horst meint:

    @Patrick: Dein Kommentar hing in der Moderationsschleife. Vermutlich wegen der enthaltenen Links. Übrigens vielen Dank dafür. Dass ich in meinem Beitrag auf die Worte “plakative Aktionen” verlinkt habe, war nicht richtig. Ich hatte nur diesen einen Artikel in der Mittagspause gelesen und habe mich darüber ein bisschen echauffiert. Offenbar steckt wirklich mehr Herz dahinter, als ich das beim Durchlesen gesehen hatte.

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  9. Patrick meint:

    @Horst: Kein Problem. Ich kann es ja sehr gut nachvollziehen. Es gibt zu viel Plakatives und zu wenig Substanzielles. Daher ist das Grundvertrauen in sowas natürlich erstmal erschüttert.

    Trotzdem glaube ich auch an die Kraft von plakativen Statements. Kommunikationstechnisch reissen sie mit, bewegen, jedenfalls wenn man keine persönlichen Einzelgespräche führen kann und nur eine begrenzte Aufmerksamkeitsspanne der Menschen zur Verfügung hat.

    Letztendlich haben wir es damit aber erst begonnen. Es stehen noch sehr viele Aufgaben an, nicht nur bezogen auf das Einzelschicksal. Das größere Ziel ist eine Lösung, für ähnliche und nachfolgende Fälle zu entwickeln. Wir arbeiten jedenfalls dran und können dabei jede noch so kleine Unterstützung gebrauchen.

    Liebe Grüße

    Patrick´s letzter Blogbeitrag: Mich kümmert es!

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