Politiker sind nicht an Weisungen gebunden, höchstens an Überweisungen.
Graf Fito

Der Verantwortungslosigkeitsgipfel

Nee, über Davos will ich gar nichts schreiben. Obama sprach heute sinngemäß von einem Gipfel der Verantwortungslosigkeit. Bankmanager haben sich trotz des Desasters, das sie angerichtet haben, und obwohl sie den Staat um finanzielle Unterstützung ihrer Institute anflehten, nicht darauf verzichtet, sich 18 Mrd. US-Dollar an Prämien zu spendieren. Ganz nach dem Motto: “Wir haben es uns verdient”.

Das ist nicht nur verantwortungslos! Es zeigt einfach, dass viele Leute in diesen Kreisen glauben, dass die massiven Rückschläge des Lebensstandards, die die Finanzkrise über die Menschen bringt, für alle anderen wirksam sind, nur nicht für sie selbst.

Dieses offensichtlich so egoistische und überhaupt nicht problembewusste Handeln lässt sich in der Öffentlichkeit wunderbar thematisieren. Die längst gefundenen Sündenböcke liefern den Beweis dafür, dass wir die Richtigen im Sack haben. Es folgt das kollektive Draufschlagen. Getroffen wird, wie der Volksmund weiß, immer der Richtige.

Ich verstehe, dass Obama sich über die Bankmanager echauffiert. Es ist auch bemerkenswert, dass diese Kritik vom amerikanischen Präsidenten kommt. Vermutlich ist auch das wieder eine neue Erfahrung, weil sich insbesondere Präsident Bush, wahrscheinlich aber auch alle anderen, zu einer solch offenen Kritik in ähnlichen Situationen bisher nicht durchringen konnten. Zumindest erinnere ich mich nicht an Vergleichbares.

Die Frage bleibt allerdings im Raum, ob sich aufgrund des Meckerns über die mangelnde Moral irgendwelcher Bankmanager am System selbst irgendwas ändern wird. Ich bin da sehr skeptisch. Fast ein bisschen komisch wirken auf mich die Vorträge unserer Kanzlerin, die auch in Davos wieder von den Chancen sprach, die die Wirtschaftskrise uns bieten könnte. Immerhin blieb sie im Konjunktiv. Manchmal glaube ich, dass selbst Regierungschefs nicht über die Vorstellungskraft verfügen, dass vielleicht etwas Fürchterliches vor uns liegt und dass es keinen Grund für Zweckoptimismus gibt. Aber gut, schließlich haben wir in Deutschland ein Super-Wahljahr. Da will man es sich mit dem Wähler nicht durch defätistische Reden verderben. Das kann ich ja auch verstehen.

Ich frage mich, welche Maßnahmen die Regierungen (G20) tatsächlich treffen können oder treffen werden, um Auswüchse durch den Extremkapitalismus einzudämmen. Es könnte in solchen Verhandlungen wohl die Chance liegen, auch die Folgen der Globalisierung besser zu dosieren. Ich sage ausdrücklich dazu: nicht ohne darauf zu achten, nicht die Vorteile, die sich daraus für viele andere Länder auf der Erde ergeben haben, gleich wieder aufzuheben.

Andererseits finde ich, dass es Mechanismen gibt, die man im Rahmen dieser Gespräche behandeln und klären sollte. Solche nämlich, die dazu führen, dass ein unfairer Wettbewerb entsteht, der von denen rücksichtslos angetrieben wird, die nur von ihrem verantwortungslosen Profitgier gesteuert werden. Stichwort: Lohndumping.

Es ist mir im Grunde egal, welche Gehälter irgendwelche Manager bekommen. Leider sind diese aber heute zunehmend an kurzfristige Erfolge der Unternehmen gekoppelt, für die sie arbeiten. Nicht zuletzt sind es eben diese kurzfristigen Erfolge, die dazu führen, dass auch die Unternehmen langfristig leiden. Es ist nichts Falsches daran, die Mitarbeiter und Manager am Erfolg eines Unternehmens zu beteiligen. Nur sollten die Ziele so gewählt werden, dass sie der langfristigen Entwicklung dienen. Ich behaupte, dass heute Kündigungen auch deshalb so relativ schnell ausgesprochen werden, weil man die Effekte solcher Maßnahmen zum einen an deutlichen Kursgewinnen an der Börse nachvollziehen kann aber natürlich auch durch die i.d.R. schnell wirkenden Kosteneinsparungen in der Gewinnentwicklung des Unternehmens. Der Manager profitiert zweimal: Über sein Aktiendepot und durch den Teil seines Einkommens, der an den direkten Erfolg des Unternehmens gekoppelt ist. Der Zusammenhang ist so einfach, dass ich nicht verstehen kann, dass die Aufsichtsgremien der Unternehmen nicht längst einen Riegel vorgeschoben haben. Aber man darf die Analysten natürlich nicht enttäuschen und muss möglichst zu jedem Quartal einen Super-Trouper-Bericht abgeben. Sonst liegt im Kurs den Unternehmens plötzlich keine Phantasie mehr. Dieser Jargon bringt mich echt auf die Palme!

Zudem sollte man massiv gegen falsche Versprechungen vorgehen; zumal dann, wenn die betreffenden Firmen öffentliche Mittel erhalten haben. Beispiele dafür, dass das nicht in ausreichendem Maße geschieht, gibt es leider genügend. Ich denke an die mit 3stelligen Millionenbeträgen gesponserte Infineon Tochter Qimonda. Was sag ich? Es war eine Milliarde, die das Land Sachsen zugeschossen hat. Auch bei Nokia haben nun die Rumänen zu klagen. Die Zusagen, die das Unternehmen bei der Übersiedlung von Bochum in die Nähe der aufstrebenden Universitätsstadt Cluj (Klausenburg) gemacht hat, wurden bisher nicht eingehalten. Es gibt also durchaus Dinge, die man regeln könnte, die über das Streichen irgendwelcher Finanzprodukte, die fast niemand mehr verstehen kann, hinausgehen. Shell hat übrigens 31 Milliarden Gewinn gemacht – in 2008. Die Gewinnsteigerung betrug 14 % gegenüber dem Vorjahr. Jetzt wissen wir auch, wo ein nicht unerheblicher Teil unseres Geldes geblieben ist, nicht wahr? Aber wartet mal ab, bis erst die Abrechnung der Heizkosten eintrifft. Da kommt auch Freude auf.

Kommentare

  1. Gilbert meint:

    dass ich nicht verstehen kann, dass
    die Aufsichtsgremien der Unternehmen
    nicht längst einen Riegel vorgeschoben
    haben.

    Das sind die gleichen Leute. Deshalb funktioniert das System doch auch überhaupt nicht. Die Vorstände besetzen gegenseitig die Kontrollpositionen in den Aufsichtsräten und kontrollieren dann per Vertretungsstimmrecht der Aktionäre obendrein noch eine Menge Aktien, die ihnen überhaupt nicht gehören. Das Ganze ist ein parasitäres, von außen in keiner Weise mehr kontrollierbares System, wie es schlimmer kaum noch denkbar ist. Und wenn es mal nicht klappt, stehen die Regierungen treu und brav bereit, nicht vorhandene Millarden in beliebiger Höhe in das System einzuschießen, anstatt es den Leuten zukommen zu lassen, die noch für ihre Brötchen jeden Tag arbeiten müssen.

    Ich bin kein Kommunist oder Sozialist, eher im Gegenteil, aber dieses System der Kapitalgesellschaften gehört gründlich zerschlagen.

    Gilbert´s letzter Blogbeitrag: Aktuelles aus dem Islam

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  2. somlu meint:

    “Ich frage mich, welche Maßnahmen die Regierungen (G20) tatsächlich treffen können oder treffen werden, um Auswüchse durch den Extremkapitalismus einzudämmen.”

    Ich höre in den Nachrichten/Magazinen und lese in den Zeitungen, nicht, dass sie den Extremkapitalismus eindämmen wollen, sondern dass sie die Finanz/Wirtschaftskrise auffangen wollen. Etwas ändern? Ich glaube es nicht.

    Was das verantwortlungslose Verhaltten des Managements hier und dort angeht, die haben den Schaden doch verursacht und zwar einer Haltung und Ignoranz gegenüber Aspekten von Menschlickkeit, Mtgefühl und Ökologie, die ein solches Verhalten überhaupt erst ermöglicht. Mir scheint es, dass Spitzenmanagement und Politik in eine Art Parallelwelt /andere Wahrnehmung der Dinge eingesponnen sind, die zu ganz anderen Ergebnissen führt als unsere Wahrnehmungen. Wieso sollten sie dann dies jetzt auch ändern, rein von der menschlichen Psyche her gesehen, braucht es eine Zeit bis man grundsätzliche Weichen neu stellen kann, sofern man dazu bereit ist. Ich glaube, dass zum einen viele dort noch gar nicht kapiert haben, was passiert (weil sie es nicht wollen, ähnlich dem Verschuldeten, der seine Mahnungen in den Müll wirft), zum anderen werden sie ja vor ihren eigenen Fehlentscheidungen gerettet – also ist doch alles in Ordnung, warum sie dann keine Boni einstreichen sollten, erschließt sich ihnen vermutlich nicht. Klar gibt es die ein oder andere Ausnahme, wobei einige der Reaktionen mich doch in meiner Einschätzung bestätigen, dass der Einbruch einer anderen Realität also die Konforntation mit einer Realität, die mit den bisherigen Wahrnehmungen nicht übereinstimmt, recht dramatische Auswirkungen hat.

    somlu´s letzter Blogbeitrag: Überwacht

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  3. Horst Schulte meint:

    @Gilbert:

    Das sind die gleichen Leute.

    Oft aber nicht immer. In Deutschland ist es leider verbreitet, dass ehemalige Vorstände den Aufsichtsrat aufstocken. Das ist in anderen Ländern nicht unbedingt so. Die Frage bleibt daher, weshalb es auch dort kein Einsehen gibt, dass Nachhaltigkeit die Prämisse von unternehmerischen Entscheidungen zu sein hat. Jedenfalls ganz überwiegend.
    Wenn wir die Kapitalgesellschaften, so wie es sie heute gibt, “zerschlagen” würden, müsste etwas an die Stelle treten, wofür es nicht einmal Modelle oder eine Utopie gibt. Die Welt, in der wir jetzt leben, wäre dann zwar anders aber vielleicht nicht zwangsläufig besser. Vielleicht wird es so sein, dass die Konzentration der Unternehmen kein guter Weg war und wir wieder zur Dezentralisierung, also kleineren Einheiten, kommen. Das wäre für meine Begriffe schon ein Fortschritt. Weil in kleineren Firmen, was auch immer das genau heißen könnte, sehen die Verantwortlichen allein schon aufgrund dessen, mehr auf die Wirkung, die ihre Entscheidung auch für die fernere Zukunft haben könnte. Das spielt heute keine große Rolle – wie ich schon sagte.

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  4. Horst Schulte meint:

    somlu: Ich höre in den Nachrichten/Magazinen und lese in den Zeitungen, nicht, dass sie den Extremkapitalismus eindämmen wollen, sondern dass sie die Finanz/Wirtschaftskrise auffangen wollen. Etwas ändern? Ich glaube es nicht.

    Ich meine solche Diskussionen, wie sie Heiner Geißler ständig neu entfacht, könnten schon mehr bewirken als eine Neuordnung der Finanzmärkte. Das wäre schon mal ein Anfang. Aber bisher tut sich dort ja auch noch nichts konkretes.

    Ich glaube auch, dass sich viele Leute in den Etagen, die sich angesprochen fühlen sollten, die Botschaft noch immer nicht angekommen ist. Viele glauben, dass sich das schon wieder einrenken wird. Dass das ein Irrglaube ist kann man leicht erkennen, wenn man sich einfach nur einmal die Werte vor Augen führt, die da von den Kapitalisten verbrannt worden sind. Werte, für die wir nun alle irgendwie geradestehen sollen. Es nützt nichts, wenn man Leute angesichts dieser Probleme auf den “öffentlichen Scheiterhaufen wirft”. Aber es kann nicht sein, dass einige glauben, man könne so weitermachen wie bisher. Ich denke da z.B. an die 18 Mrd. Dollar, die sich die Finanzheinis in ihre Taschen stecken. Stell dir vor: Die Leute, die da profitieren haben einen hohen Anteil an dem, was geschehen ist. Sie aber belohnen sich noch dafür und haben (was ich total schlimm) finde, wirklich ausgesorgt und können eine sorgenfreie Zukunft genießen. Diese Arschlöcher müssten einfach enteignet werden. Am besten sollten sie ins Gefängnis gesteckt werden. Das Delikt: Angeborene Arroganz plus ein unvorstellbar hoher Ignoranzkoeffizient. Mit anderen Worten: Dumm geboren und nix dazu gelernt.

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  5. Gilbert meint:

    Wenn es mal so wäre, dass ehemalige Vorstände die Aufsichtsräte aufstocken. Aber meistens ist es so, dass die Topmanager (der deren Adlaten) wechselseitig im Aufsichtsrat des nächsten Konzerns sitzen (kann man leicht googlen) und dann “streichelst du meinen Pelz, streichle ich deinen” spielen. Letzten Endes kontrolliert sich da eine Clique selbst, ohne dass sie für einen nennenswerten Anteil des Vermögen haften, dass sie da veruntreuen.

    An Kapitalgesellschaften kommt man ab einer bestimmten Investitionsgröße der Produktionsmittel wohl nicht vorbei, alternative Modelle zu den heutigen gibt es aber durchaus. Nur sind die natürlich nicht umsetzbar, ohne die Manager- und die von den krummen Geschäften profitierende Politkaste zuvor abzusägen.

    Gilbert´s letzter Blogbeitrag: Stand der Bildungsinitiative

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  6. Horst meint:

    Ich kenne diese Spielchen, Gilbert. Auch bei uns gab es den Wechsel von Vorstand in den Aufsichtsrat. Immer muss das ja auch nicht falsch sein oder schlechte Wirkungen entfalten. Aber generell ist es eben auch richtig, dass solche Konstellationen viel Raum für Spekulation und Korruption lassen. Dessen sind sich vermutlich auch alle bewusst. Sonderbar, dass man das trotzdem nicht ändert :-[ .

    alternative Modelle zu den heutigen gibt es aber durchaus.

    erzähl mal.

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  7. Gilbert meint:

    Das meiste habe ich irgendwo schon mal erzählt, deshalb nur als Stichworte:

    Verbot von Mehrfachfunktionen (z.B. Vorstand+Aufsichtrat)
    Konsequente Haftung von Vorständen und Aufsichtsräten
    Mitarbeiterbeteiligungsmodelle zum Ausgleich spekulativen Kapitals
    Aufsichtsrat aus den Mitarbeitern bilden
    Sondervergütungen nur aus Gewinn in nichtspekulativer Form
    Ausschluss von Abfindungen bei Rauswurf etc.

    Den Managern muss die Macht genommen werden, sich am Unternehmen und an den Mitarbeitern zu bereichern, ohne dass ihnen die Möglichkeit genommen wird, das Unternehmen selbst geschäftlich erfolgreich zu führen.

    Gilbert´s letzter Blogbeitrag: Stand der Bildungsinitiative

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  8. Horst meint:

    Ich glaube, die regeln das. Aber scheinbar hören manche einfach nicht zu.
    http://www.transparency.de/

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