Wie viele Tage Obama sind inzwischen vergangen? Tatsächlich – nächste Woche ist der 1. Monat rum. Günter Verheugen meinte in einem Zeitungsinterview, die Wirtschaft befinde sich im “freien Fall”. Wie jetzt? Immer noch? Trotz der finanziellen Interventionen der neuen amerikanischen Regierung? Wie viele Dollar-Billions waren es noch? Keine Ahnung – ich hab längst aufgehört zu zählen. Müsste Excel bemühen, meinem Taschenrechner fehlen die nötigen Stellen.
Langsam kommen sie aus ihren Löchern: Die Optimisten mit Sonnenbrille, im Volksmund Pessimisten genannt. So erkennt ein deutscher USA-Experten, dass “unser” Weltpräsident vor allem die amerikanischen Interessen vertritt. Wer hätte denn so etwas erwartet? Prof. Dr. Thomas Jäger erkennt keinen Politikwechsel in den USA. Vielmehr sieht er im Vergleich zur Bush-Zeit viel Kontinuität. Angeblich mehr, als es die Europäer derzeit wahrhaben wollten. Jäger sieht Obama auf Bushs Spuren wandeln. Als Beispiel nennt er Obamas großzügige Auslegung der amerikanischen Verfassung durch Dick Cheney, die er noch nicht zurückgenommen habe. Ein weiterer Beleg für Obamas Haltung sei, dass er das präventive Vorgehen gegen Bedrohungen in Ländern wie Afghanistan nicht aufgegeben habe.
Die Probleme, die sich mit der Bildung von Obamas Kabinett ergeben haben, sind in meinen Augen weniger ein Ausweis schlechter Personalentscheidungen des Präsidenten, als vielmehr ein Ausblick auf das, was vor uns liegt und ein Rückblick auf das, was war. In Wahrheit werfen die aufgedeckten Verfehlungen hochkarätiger Kandidaten ein schlechtes Bild auf den, ich nenn es mal, moralischen Zustand der amerikanischen Eliten. Die scheinen sich nicht sehr von den unseren zu unterscheiden. Wie tröstlich.
Was hinzukommt ist, dass sich die Republikaner von ihrem Schock erholt haben und nun mit aller Macht dem Politikwechsel entgegentreten. Die Entscheidung des designierten Wirtschaftsministers, Judd Gregg, hat doch einen sehr schlechten Beigeschmack. Für mich steht fest, dass er nicht aus persönlichen Überlegungen verzichtet, wie er behauptet, sondern dass seine Partei ihm ordentlich Druck gemacht haben wird. Ganz plötzlich will Gregg “unüberbrückbare Differenzen über den ökonomischen Kurs” entdeckt haben. Ach wirklich?
Schade, dass ein sehr gutes Signal, das durch die überparteiliche Zusammenarbeit über dieses Ressort im us-amerikanischen Kabinett nun nicht mehr möglich scheint. Die Republikaner wollen Kante zeigen. Da sind die überparteilichen Umarmungsversuche des neuen Präsidenten natürlich hinderlich. Unter diesem Aspekt ist Greggs Rückzug wohl auch zu sehen.
Wie unverschämt und einseitig gewisse Kreise reagieren, zeigt dieses Beispiel von Wallstreet-online.de ganz gut:
Kaum hatte die neue US-Regierung ihr riesiges Konjunkturpaket durch den Senat gebracht, gingen die Aktienmärkten auf Talfahrt. Dabei hätte es an den Börsen eigentlich als Stimulus wirken sollen. Doch Börsianer hassen unklare Verhältnisse, und genau das ist das Problem. Noch sind viele Details des Rettungspakets nämlich nicht geklärt beziehungsweise erklärt. Beobachter bewerten das Krisenmanagement Obamas deshalb auch als katastrophal. Vor allem an US-Finanzminister Timothy Geithner lassen die Finanzexperten kein gutes Haar. Dass Geithner beispielsweise noch immer nicht dargelegt hat, wie die mit privatem Geld ausgestattete Bad Bank genau aussehen soll und zu welchem Kurs sie den Privatbanken deren Schrottpapiere abkaufen will, kam nicht gut an. Als „feige“ wurde Geithners Rede bezeichnet, gar als das „erfolgloseste Debüt, das ein Finanzminister je hatte“.
Unverschämt finde ich diese Formulierung schon deshalb, weil es dieselben Leute waren, die noch vor kurzer Zeit Geithners Berufung zum US-Finanzminister ausdrücklich und mit großen Vorschusslorbeeren begrüßt hatten. Halten wir fest: Kommt das Geld (der Steuerzahler) nicht, ist es Scheiße; kommt es nicht mit den richten Worten ist es noch größere Scheiße. Die ticken doch alle nicht richtig.












Wenn man zu Hohe Erwartungen hat, dann kommt es immer anders als man denkt, aber schlimmer als bei seinem Vorgänger kann es ja nicht mehr werden!
Na ja, ein wenig einseitig siehst du die Sache schon. Obamas “Angebot” an die Republikaner war nicht ohne Gift, denn das Paket enthielt neben konjunkturstimulierenden Maßnahmen auch ein paar demokratische Lieblingsbabys, ohne dass den Republikaner das Schlucken dieser Kröten durch entsprechendes Entgegenkommen versüßt worden wäre. Und einfach nur zu sagen “Wenn ihr das macht, was ich will, dann handeln wir alle ganz toll parteiübergreifend”, das ist wohl ein etwas zu simpler Trick… Dass Obama gedacht hat, mit Unterstützung der Öffentlichkeit käme er damit durch, ist ein erstes Zeichen der Probleme mit seiner Unerfahrenheit.
Ja, leider ist es eben nicht so einfach. Fremder Leute Geld ausgeben ist schließlich keine Kunst. Wenn es einfach nur verpulvert wird, verschlimmert es die Folgen. Nur wenn man es sinnvoll einsetzt, ist es die Anstrengung des Steuerzahlers wert. Geithner war erstmal eine Hoffnung, aber sein Plan hat diese Hoffnung offensichtlich zerstört.
Vielleicht ist das so. Scheinbar kommen wir gar nicht mehr auf den Gedanken, dass ein Mensch auch ohne “simple Tricks” mit besten Absichten an eine schwierige Aufgabe herangehen könnte.
Aber waren es nicht die Experten, auch die in den Börsen, die genau diesen Mann als ihren Mann ausgewiesen haben? Und jetzt hat er gezeigt, dass er vielleicht ein guter Ökonom aber ein mieser Politiker ist? Ist das so einfach? Vielleicht hätten wir ja doch so handeln sollen, wie es Prof. Homburg bei Illner diese Woche meinte. Alles gar nicht so wild und man hätte die Banken und Firmen einfach Pleite gehen lassen sollen. Marktwirtschaftliche Regeln müssen einfach nur befolgt werden. Wie schrieb Steffen diese Woche bei euch noch so schön:
Die Frage ist dann wohl nur, was man genau unter Rahmenbedingungen verstehen soll. Subventionen waren wohl nicht gemeint.
Nee, wirklich nicht. Schlimmer als unter Bush wird es nicht werden können. Von den Folgen der Finanzkrise aber einmal abgesehen. Und was die bringen wird, das ist noch vollkommen unklar.
Wenn dieser Mensch eben so handelt, dann ist es Zeit, rosarote Brillen abzusetzen. Obama ist kein Messias, sondern ein Politiker, der schon in seiner Anfangszeit in Chicago tief in die Trickkiste gegriffen hat.
Es ist ein alter politischer Fehler, sich die Handelnden in der Wirtschaft oder Teile davon als geschlossenen Block vorzustellen, der dann sogar auch noch irgendwelchen Funktionären oder Führern folgen würde.
Es gibt ein altes Sprichwort: Put your money where your mouth is. Als Experte etwas erzählen ist das eine, aber sein Geld darauf zu wetten, das andere.
Nee, das sind auch keine “Rahmenbedingungen”, sondern diskretionäre Eingriffe. Unter “Rahmenbedingungen” fallen Eigentumsrechte, Steuern und gesetzliche Auflagen. Wobei man SteffenHs Zitat so lesen muss, dass da die Betonung auf “richtig” lag. Denn an der schieren Quantität von Steuern und Auflagen mangelt es uns wahrlich nicht.
Und ich meinte, ich hätte ihn über Wasser gehen sehen.
Ja, ja. Es gibt immer auch Leute, die alles besser wissen. Weiß ich.
Ich hatte meinen Fokus mehr auf “rational” und auf “Gemeinwohl” gesetzt. Aber ist ja klar, dass die Politik so gut wie nie etwas richtig macht. Da kann die Wirtschaft ja schließlich nur Mist bauen. Nicht wahr?
So lange mir keiner sagen kann, woran man erkennt, ob das “Gemeinwohl” vermehrt oder verringert wurde, glaube ich nicht, dass es so etwas gibt. “Gemeinwohl” erfüllt in der Politik wohl ungefähr die Rolle der “Strategie” in der Wirtschaft – wenn einem nix Konkretes mehr einfällt, begründet man sein Vorhaben eben so.
Im Gegensatz zu “der” Politik besteht “die” Wirtschaft übrigens aus allen, die wirtschaftlich handeln. Ich bezweifle, dass die alle gleichzeitig zusammen Mist bauen.
Natürlich möchte ich dir deinen Glauben nicht nehmen. Ich weiß, dass das auch nie im Leben klappen würde. Alle zusammen werden nicht Mist bauen, sondern haben schon Mist gebaut. Oder wie sollen wir den Weg, der uns in diese Lage gebracht hat, sonst bezeichnen?
Du kannst jede Bezeichnung wählen, die dir recht ist. Aber wenn schon jemand Mist baut, dann sollten wir das doch alle zusammen tun und nicht ein anderer für uns.
Ein sehr schönes Schlusswort, finde ich. Ich wünsche dir auch einen schönen Sonntag. Leider wird das Wetter ja morgen nicht so gut werden.
Was macht eigentlich die Musik?
Erinner mich nicht an mein schlechtes Gewissen…
Also das wollte ich nun wirklich nicht! Ich habe mir kürzlich “Rio” von Till Brönner und “Bossa Nova” von Eliane Elias gekauft. Vor zwei Wochen die letzten beiden Alben. Nämlich “New Road” von San Glaser und Yesterdays von Keith Jarrett, Gary Peacock und Jack DeJohnette. Sehr unterschied lich aber alle wunderbar.
Oh, fast hätte ich es vergessen: Adoro macht das Portfolio so richtig rund