Über Winnenden haben wir viel -vielleicht zu viel- gelesen, gehört und gesehen.
Die Blogger haben einige gute Beiträge über den Amoklauf identifiziert und als solche herausgestellt. Rivva war Zeuge. Einige habe ich gelesen und ihnen Gedanken entnommen, die teilweise zu den Erklärungen dieses Wahnsinns zu passen schienen. Jedenfalls hatten mich ähnliche Überlegungen beschäftigt. Und dann gab es neue Gedanken. Solche, mit denen ich mich noch nicht beschäftigt hatte.
Seit kurzem beschreibt Thomas Strobl, wie viele wissen, auch einen FAZ-Blog (Chaos as usual) – neben seinem genialen Weissgarnix, das er gemeinsam mit Frank Lübberding führt. Persönlich bin ich zwar der Meinung, dass die Erziehung und Bildung von Kindern und Jugendlichen zuallererst aus den Familien kommen muss und die Schule Versäumnisse, die dort gemacht werden, nicht einfach ausgleichen kann.
Allerdings hält uns sein brillanter Text vor Augen, wohin wir das Schiff haben treiben lassen. Er schreibt von der “sinnentleerten Masse einer taubstummen Gesellschaft”. Hier ein Auszug seines Artikels, den ich nun wirklich jedem zur Lektüre empfehlen will:
Das Ökonomische hat die Gesellschaft in Geiselhaft genommen, das Lösegeld ist astronomisch hoch, aber nichtsdestotrotz in kleinen, unmarkierten Scheinen zu entrichten: unsere Kinder, traditioneller Formen der Selbstbestätigung und Anerkennung weitgehend beraubt, erniedrigen sich für ein wenig gesellschaftliche Anerkennung, für ein Quentchen „Sinn”, bei „Deutschland sucht den Superstar” und ähnlichen Formaten medialen Masochismus; oder greifen kurzerhand zur Pistole und veranstalten ein Massaker: beides hilft, beides hebt heraus aus der unförmigen, sinnentleerten Masse einer taubstummen Gesellschaft. Im Nebenblog fragt mein Freund Fonsi unschuldig: „Ja, warum lesen sie denn keinen Voltaire und keinen Rilke?” – Aber die Antwort hätte er sich gleich selber geben können: „Wozu?” – Damit lässt sich heutzutage kein Blumentopf gewinnen, im Freundeskreis nicht, bei den Eltern nicht, in der Schule nicht, am Arbeitsmarkt nicht: du willst deine „5 minutes of fame?” – Werde Counterstrike-Weltmeister oder bewirb dich als Kandidat bei Dieter Bohlen: auf der fünften Etage des Sloterdijkschen Kristallpalasts sind die Intelligentesten, Begabtesten und Besten nur mehr zweite Wahl: der Medienzirkus einer nihilistischen Gesellschaft schaukelt dich auch so auf die Titelseiten oder in die Tagesschau, und selbst wenn du der größte Depp des Jahrhunderts bist: deine Chancen werden dadurch nur besser.
Thomas’ Hinweis auf die Ökonomisierung unserer Gesellschaft erinnert mich an Heiner Geißlers Ansichten, die er immer wieder zum Ärger der Jünger freier Märkte wiederholt.
Menschen sind im Arbeitsleben zu Kostenfaktoren, zu Humankapital degeneriert. Wir haben es zugelassen! Weil wir keine andere Wahl hatten? Weil die Welt ja so ist wie sie ist ordnen wir eigene Bedenken und Anschauungen den Anforderungen, die die Globalisierung uns zum Beispiel angeblich abverlangt, wider besseres Wissen unter. Wir sehen, dass wir Schaden an unserer Seele nehmen, machen aber weiter, weil wir ja unser bisschen Wohlstand, für das wir ja alle so hart arbeiten mussten, behalten wollen. Eine ganz schön dünne Vorgabe für unsere Kinder und Enkel.
links for 2009-12-30
So schön kann der Morgen sein
Gartentor im Sommer








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