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Sarrazin - Interview der Woche - "Ich bleibe SPD-Mitglied bis an mein Lebensende" (4 days ago)

Der Mensch ist ein geldgieriges Tier – nicht nur der Manager

Ist es wirklich so, dass wir uns angesichts der Angst vor der Wirtschaftskrise in Deutschland die Systemfrage stellen? In den Medien wird es jedenfalls so dargestellt. Führt der Ärger darüber, dass ein paar Manager unverschämte Gehälter oder Altersbezüge vereinbart haben, wirklich dazu, dass wir uns etwas ganz anderes als das bisherige System vorstellen können?

Wir haben über 60 Jahre in Frieden gelebt. Ein Privileg, das nicht vielen Generationen vor uns vergönnt war. Außerdem haben wir in wirtschaftlich relativ stabilen Verhältnissen gelebt, die der großen Mehrheit unserer Bürger Wohlstand garantierten. Mehrere Autos je Familie, 2 – 3 Urlaube im Jahr. Dies ist gemessen an dem, was viele Menschen auf dieser Erde in ihrem Leben kennengelernt haben, sicher etwas, was uns eigentlich zufrieden machen sollte.

Dass dies aber mitnichten der Fall ist, hat wohl damit zu tun, dass auch wir durchaus eine Ahnung davon haben sollten, was Gier eigentlich ist. Dieser Begriff, den die Medien in den Mittelpunkt der Diskussion gestellt haben wollten –vermutlich weil er sich so wunderbar personifizieren lässt, drängte verstärkt durch die Folgen der Finanzkrise in unsere Wohnzimmer.


Habgier oder Habsucht ist das übersteigerte, rücksichtslose Streben nach materiellem Besitz, unabhängig von dessen Nutzen, und eng verwandt mit dem Geiz, der übertriebenen Sparsamkeit und dem Unwillen zu teilen. (Wikipedia)

Gier ist also, wie wir hier lernen, ein Begriff, der eng verwandt ist mit dem uns wohlbekannten anderen Wort “geiz”. Geiz ist geil. Ja, das kennen wir. Mit dem Geiz, dieser nicht erst durch großartige Werbekampagnen geweckt werden müssenden Unart des Menschen, haben wir uns nicht vertraut machen müssen. Er ist, wie die Gier, in uns Menschen angelegt.

"Der Mensch ist ein geldgieriges Tier, und diese Eigenschaft kommt allzu oft seiner Güte in die Quere." – Herman Melville, Moby Dick

Hoffentlich führt die noch vor uns liegende schwere Wirtschaftskrise mit einer dramatischen Zunahme der Arbeitslosenzahlen nicht dazu, dass weltanschauliche Auseinandersetzungen die notwendige Kraft zum Handeln binden wird. Man hört gerade mit Blick auf die großen Demos in Frankreich, dass wir uns in Deutschland einfach zu viel gefallen ließen. Ich frage mich dabei, wogegen wir denn eigentlich gegebenenfalls protestieren wollen? Gegen die Wirtschaftskrise, gegen die zu hohen Gehälter mancher Manager oder gegen die dummen Politiker?

Viele scheinen zu glauben, dass das jetzige System, das manche von uns Kapitalismus nennen, gescheitert sei. Eben ganz so, wie Ende der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts der Kommunismus und der Sozialismus bereits gescheitert sind. Nehmen wir also mal einen Augenblick an, wir wären wirklich dieser Meinung. Welche Alternative hätten wir für diesen Fall anzubieten? Sozialismus und Kommunismus wollen die meisten wohl auch nicht zurück. Da wird es aber ganz schön eng. National… – gut lassen wir das. Noch sind wir nicht so weit.

Wir sollten uns besinnen auf das, was wir in den zurückliegenden über 60 Jahren gelernt haben. Die Soziale Marktwirtschaft ist ein System, das funktioniert hat. Es zeigte im Laufe der Jahrzehnte ein paar Abnutzungserscheinungen und der so genannte Sockel der Arbeitslosigkeit wurde seit den 70ern nach jeder konjunkturellen Delle immer höher. Das hat bestimmt auch dazu beigetragen, dass das Vertrauen in dieses System gelitten hat. Aber es hat funktioniert – über Jahrzehnte. Trotz Mitbestimmung, trotz Wiedervereinigung und der hohen finanziellen Belastungen, die wir als Folge dieses historischen Vorganges zu schultern hatten. Ich fürchte, wir werden uns in nicht allzu ferner Zukunft an die paar Probleme, insbesondere der letzten beiden Jahrzehnte, noch wehmütig erinnern.

Noch einmal zurück zu dem in diesen Tagen arg überstrapazierten Begriff der Gier. Wenn man die in der Wikipedia-Definition vorangestellten Adjektive “übersteigert und rücksichtslos” mal wegließe, bliebe ein Streben nach materiellem Besitz. Dieses Streben ist für meine Begriffe gesund und deshalb notwendig, damit sich eine Gesellschaft überhaupt weiterentwickelt.

Dieser Antrieb ist, glaube ich, auch der Hauptgrund dafür, dass sich der Kapitalismus gegen die anderen “-ismen” durchgesetzt hat. Jedenfalls nach dem heutigen Stand der Dinge. Er kommt einfach der Natur des Menschen am Nächsten. Gleich sind wir bei Begriffen wie “Raubtierkapitalismus” und ähnlichen Wortgebilden, die die Sorge der Menschen ausdrücken, dass ein Regulativ für das Ungetüm des Kapitalismus gefunden werden muss. Im Augenblick ist es der “starke Staat”. Dabei glauben wir aber nicht wirklich, dass die, die unseren Staat ausmachen, also die Politiker, diese Aufgabe ernsthaft und vor allem in unserem Sinne lösen können.

Wir brauchen eine stabile Demokratie! Ob wir die haben? Wird sie sich bewähren in einer Krise solchen Ausmaßes? Natürlich wäre es sehr viel schlimmer, als sich zwischen verschiedenen Wirtschaftssystemen entscheiden zu müssen (egal aus welchen aktuellen Gründen das der Fall sein mag), wenn wir unsere Freiheit verlieren würden. Und das Risiko besteht allein schon deshalb, weil wir erkennen müssen, dass ein großer Teil unseres aktuellen Problems, eine massive und auch nicht mehr ganz neue Vertrauenskrise über wirtschaftliche und politische Bereiche hinweg, darstellt. Die Parteien müssen zuerst dazu gebracht werden, ihren Einfluss in unserem Staat zugunsten von mehr plebiszitären Elementen aufzugeben. Nur selten kommt es vor, dass einzelne Politiker die Sprache auf dieses Thema bringen. Mehrheitsfähig sind solche Ideen auf alle Fälle nicht. Noch nicht. Wir brauchen aber unbedingt mehr Demokratie. Gerade jetzt, vor oder in dieser Krise.

Horst Schulte - 2004 hab ich mir gedacht, ich versuche es auch mal mit dem Bloggen. Ziemlich schnell hat sich daraus ein richtiges Hobby mit einigem Engagement entwickelt. Die Themen, die mich besonders interessieren, sind Politik, Gesellschaft, Medien und Musik. Ich begrüße dich herzlich hier im Querblog und würde mich sehr freuen, wenn du mir deine Meinung zu dem einen oder anderen Artikel durch deinen Kommentar mitteilen würdest. Herzlichen Dank und viel Spaß.


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2 Kommentare


  1. Alrik
    Mrz 26, 2009
    1

    IMHO ist auch wichtig das die Marktwirtschaft nicht für sich in Anspruch nimmt DIE EINZIG REINE LEHRE zu sein, sondern wandlungsfähig ist.

    Dabei sind Schwankungen ganz natürlich, Phasen mit geringer Regulierung und hohen Renditen ebenso wie Phasen mit starker Regulierung und geringen Renditen.


  2. Horst Schulte
    Mrz 26, 2009
    2

    Vornweg eine Frage. Bist du der Alrik, der vor ein paar Jahren hier regelmäßig zu Gast war? Würde mich sehr freuen. Aber natürlich freue ich mich auch über deinen heutigen Kommentar – wenn dem nicht so sein sollte…

    Schwankungen sind ganz natürlich. Das kenne ich. Die Ökonomen erzählen uns ja eigentlich von “Anbeginn der Welt” nix anderes. Persönlich würde ich am besten damit leben können, wenn sich möglichst wenig ändert. Uh. Wie langweilig. Aber wenigstens bin ich ehrlich. Ich schließe ich meine Gebete aber unbedingt mit ein, dass dafür gesorgt werden sollte, dass sich die so genannte Gerechtigkeitslücke zumindest etwas verkleinert. Verschwinden wird sie nicht. Da mache ich mir auch keine Illusionen.

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