Geringqualifizierte werden der Anreize beraubt, ihre Ziele zu verwirklichen

Aus einem Interview, das die Süddeutsche Zeitung mit dem Top-Ökonomen Dennis Snower geführt hat und das Ende letzten Jahres veröffentlicht wurde, zitiere ich:

In Deutschland finde ich es ziemlich inhuman, dass Geringqualifizierte so wenig Möglichkeit haben, aufzusteigen. Sie werden in einer Weise abgesichert, die sie ihrer Anreize beraubt, ihre Ziele zu verwirklichen. Das haben wir nach der Wiedervereinigung gesehen. In Ostdeutschland ist die Arbeitslosigkeit viel höher als im Westen, irgendwas ist da sehr schief gelaufen und das ist inhuman.

Die Arbeitslosigkeit ist also im Osten höher, weil die Menschen dort der Anreize beraubt wurde, ihre Ziele zu verwirklichen? Schade, dass dieser Geistesblitz erst am Ende des Interviews zu lesen ist. Ich hätte mir die 3 Seiten schenken sollen. Es sagt damit, dass Hartz IV ein so gutes Leben ermöglicht, dass die Menschen, die davon leben, es nicht für notwendig halten, stattdessen arbeiten zu gehen.

Da könnte ich austicken. Denis Snower ist Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft. Seine Forschungsschwerpunkt liegen bei Arbeitslosigkeit und Beschäftigungspolitik. Gut, dass wir bald ganz andere Probleme haben werden.

So etwas könnte der auch gemeint haben:
Almosen als “zusätzliche Einkünfte von Leistungsempfängern”: Das Göttinger Sozialamt kürzt einem Bettler den Hartz-IV-Satz.


Kommentare

  1. Rayson meint:

    Es sagt damit, dass Hartz IV ein so gutes Leben ermöglicht, dass die Menschen, die davon leben, es nicht für notwendig halten, stattdessen arbeiten zu gehen.

    Nein, tut es (er) nicht.

    Er sagt damit, dass für einige Menschen (nicht “die”), die von ALG II leben, nämlich die Geringqualifizierten, die Aufnahme eines regulären Beschäftigungsverhältnisses im Vergleich zum bezahlten Nichtstun unattraktiv erscheint.

    Deine Deutung verfälscht. Sorry.

  2. Horst Schulte meint:

    Sie (die Geringqualifizierten) hat er gesagt. Er spricht nicht von “einigen” Menschen, sondern von “den” Geringqualifizierten. Im Übrigen sehe ich zu dem, was du ausgeführt hast und meiner Sicht gar keinen Unterschied. Für mich ist das Wortklauberei.

  3. Rayson meint:

    Lieber Horst, die Geringqualifizierten sind nicht identisch mit den ALG-II-Beziehern.

    Und Wortklauberei ist es wirklich nicht, wenn man von absoluten (“gutes Leben”) auf relative Bewertungen verweist.

  4. JürgenHugo meint:

    Dieser schlaue Denis sollte mal plötzlich in Hartz 4 fallen – alles weg (und sein Häuschen geht bei der Scheidung drauf…).

    Dann steht er da – ohne die “Überlebens-Tricks” – die ein altgedienter Hartz-ler vielleicht hat. Da ist es dann vollkommen egal, wie qualifiziert er ist. :devil:

    Und vielleicht ist er dann auch nicht “so” scharf drauf, für 50-100 € mehr (als Hartz 4) bei ´ner Leihfirma in Vollzeit zu schuften – und da jeden Tag 3 Stunden Fahrzeit zu haben. :cry:

    Und das, mein lieber Rayson, ist keine Wortklauberei.

  5. Rayson meint:

    Der Punkt, lieber JürgenHugo ist aber, dass dein Szenario eben nicht eintreten wird. Weil Qualifizierte eben a) seltener arbeitslos werden und b) wenn sie es doch werden, nicht lange arbeitslos bleiben. Und deswegen hat Snower schlicht und einfach recht.

    Übrigens wäre es ziemlich unökonomisch, wenn alle Beschäftigten von Leiharbeitsfirmen auf drei Stunden Fahrzeit kommen…

    Abgesehen davon scheint für dich das Arbeitslosengeld ja auch so eine Art Absicherung gegen unbequeme Jobs zu sein. Kann man so sehen, nimmt der Arbeitslosigkeit dann aber einiges an Dramatik…

  6. JürgenHugo meint:

    @Rayson:

    Ich hoffe mal, das das:

    Zitat: “Weil Qualifizierte eben a) seltener arbeitslos werden und b) wenn sie es doch werden, nicht lange arbeitslos bleiben. Und deswegen hat Snower schlicht und einfach recht.”

    wenn du mal in so eine Situation kommen solltest (was ich dir nicht wünsche) – dann so zutrifft. Du bist ja sicher nicht geringqualifiziert…

    Was denn nun: 3 Stunden Fahrzeit sind “unökonomisch”? Aber ein Arbeitsloser darf/soll das nicht so sehen, oder? Denn sonst:

    “Abgesehen davon scheint für dich das Arbeitslosengeld ja auch so eine Art Absicherung gegen unbequeme Jobs zu sein.”

    Du kannst mir übrigens glauben, das es Leute gibt, die für 800 € (in Vollzeit) jeden Tag 3 Stunden fahren – das sind Tatsachen. Und das ist nicht nur einer. Wenn derjenige dann die “Unbequemlichkeit” (und evtl. noch selbst zu tragende Fahrtkosten) überdenkt – und mit Hartz 4 vergleicht – kommt er vielleicht ins Grübeln…Und das kann ich ihm nicht verdenken.

    Das liegt dann aber wohl eher an dem mies bezahlten Job – als an “üppigen” Hartz 4 Einkünften… :cry:

    Der Herr Snower (und du vielleicht auch) kann/kannst sich ja mit seinen plakativen Ratschlägen mal an die Menschen wenden, die in der Automobil/Zulieferbranche gerade “abgebaut” werden – die hören das sicher gerne…

    Und da sind jede Menge gut Qualifizierter drunter.

    Schönen Tag noch…

  7. Marco meint:

    Horst,

    es ist nicht nur von Transferleistungsempfängern die Rede. Aber der Mann hat mit seiner Aussage recht, auch wenn die Pauschalität fehl am Platze ist: Wenn ich beispielsweise mit Hartz IV und “Schwarzarbeit” mehr verdiene, als mir unter’m Strich bei einer “versicherungspflichtige Tätigkeit” bleibt, weil der Staat mich und meinen Arbeitgeber (der das an mich durchreicht) ausbeutet (via Steuern, Zwangsabgaben, Zwangsgebühren), dann wäre es doch gerade zu dämlich, auf die Option Transferleistung + “Schwarzarbeit” zu verzichten. (Ich bin übrigens aus prinzipiellen wie persönlichen Gründen der Letzte, der es Leuten zum Vorwurf machen würde, “schwarz” zu arbeiten. Im Gegenteil, ich möchte ausdrücklich jeden zur “Schwarzarbeit” ermutigt sehen!)

  8. Rayson meint:

    @JürgenHugo

    Du kannst noch so oft ad personam gehen wollen wie du willst, aber das ist nicht nur vom Diskussionsstil her etwas arm, es ist auch völlig unergiebig. Bleiben wir also bei der Sache: Snower meint, dass für Geringqualifizierte der Abstand zwischen ALG II und dem, was sie bei regulärer Arbeit verdienen können, zu gering ist, um sie sich zweifelsfrei zugunsten der Arbeitsaufnahme entscheiden zu lassen. Nun dürfte es einer solchen Aussage gehen wie allen, die von großen Aggregaten sprechen: Im Einzelfall sieht es auch mal anders aus. Nur bringt es nichts, diese Einzelfälle dann empört aufzutischen, wenn für den Rest die Aussage weiter gilt.

    Das Gequatsche von “üppigem Hartz IV” und “gutem Leben”, das dieser Aussage hier hinzugefügt wird, zeugt nur davon, dass da jemand unwillig ist, andere Standpunkte zur Kenntnis zu nehmen, die seiner vorgefassten Meinung widersprechen, und der in sie deswegen etwas hineindichten muss, das er reinen Herzens empört ablehnen kann.

    Was denn nun: 3 Stunden Fahrzeit sind “unökonomisch”? Aber ein Arbeitsloser darf/soll das nicht so sehen, oder?

    Wer was darf oder soll, ist wurscht. Meine Aussage ist, dass sich solche unökonomischen Verhältnisse im Wettbewerb nicht halten können. Es ist nicht anzunehmen, dass massenhaft Geringqualifizierte, die in München wohnen, in Stuttgart arbeiten und umgekehrt.

    Der Herr Snower (und du vielleicht auch) kann/kannst sich ja mit seinen plakativen Ratschlägen mal an die Menschen wenden, die in der Automobil/Zulieferbranche gerade “abgebaut” werden – die hören das sicher gerne…

    Jetzt bin ich aber mal gespannt, welche Ratschläge das sein sollen. Snower hat mit seiner Aussage keinen erteilt, und ich auch nicht. Deine Fantasie treibt absurde Blüten, nur um endlich wieder in das anscheinend bei dir so beliebte ad personam abgleiten zu können.

    Und da sind jede Menge gut Qualifizierter drunter.

    Eben. Warum also führst du sie hier an?

  9. JürgenHugo meint:

    @Rayson:

    In einem hast du Recht: Eine weitere Diskussion bringt “nix”. Manchmal muß man damit leben, das Standpunkte unvereinbar sind. Das ist eben so.

    Normalerweise würde ich mich auch gegen “ad personam” verwahren – aber so what… :cry:

    P.S.: Den “Nuhr-Hinweis” kann ich nur retournieren…