Die sich selbst reproduzierende Unterschicht

April 13, 2009 10 Kommentare » | Dieser Artikel wurde 272 x aufgerufen.
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Die sich selbst reproduzierende Unterschicht
Babys, Foto von worshipfreak (c) Pixelio.de

Babys, Foto von worshipfreak (c) Pixelio.de

Durch folgenden Teaser im FAZ-Newsletter wurde ich aufmerksam:

Das Elterngeld sollte einen Babyboom bei qualifizierten Frauen auslösen. Das klappt jedoch nicht. Es ist vor allem die Unterschicht, die sich reproduziert.

Natürlich kann man das auch anders ausdrücken. Die Autoren tun dies auch – im eigentlichen Artikel. Dort lautet die Formulierung:

Für die Zukunft heißt das nichts Gutes: Der Anteil der Kinder aus bildungsfernen Familien wird weiter steigen. Die Schicht der Transferempfänger reproduziert sich selbst in einem Land, in dem sozialer Aufstieg seltener gelingt als anderswo – auch weil sich viele im Sozialstaat eingerichtet und den Willen zum Aufstieg aus eigener Kraft aufgegeben haben.

Zugegeben: Auch nicht viel besser!

Quelle: http://www.faz.net/s/Rub0E9EEF84AC1E4A389A8DC6C23161FE44/Doc~E4A0DF105729244E182447310FF525DED~ATpl~Ecommon~Scontent.html#

Ich kann sachlich nichts entgegnen. Vielleicht muss man die Dinge beim Namen nennen, um ein gesellschaftliches Problembewusstsein zu bekommen. Aber ich kann mir nicht helfen: Es tönt in solchen Sätzen ein Hochmut und eine Arroganz mit, dass mir schlecht wird.

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10 Kommentare

  1. Mario H. 13. April 2009 at 16:23 -

    Ich widerspreche gern. Es haben sich nicht viele im Sozialstaat eingerichtet. Der Wille zum Aufstieg aus eigener Kraft fehlt nicht. Es ist vielmehr so, dass es für bestimmte Menschen – eben die aus dem eher bildungsfernen Milieu, man könnte auch sagen, Menschen, die nicht so gut lernen können – keine Jobs mehr gibt. Die sind alle entweder dank geiz ist geil wegrationalisiert oder der Globalisierung zum Opfer gefallen.
    Versuch doch heute mal mit ‘nem Hauptschulabschluss einen Ausbildungsplatz zu kriegen. Früher war es noch so, dass ein Hauptschüler Handwerker wurde, heute sind das Realschüler. Und warum sollen die Leute sich anstrengen, wenn sie eh keine Chance haben?

  2. Horst Schulte 13. April 2009 at 16:43 -

    Das ist 100%ig meine Meinung, lieber Mario. Eben bin ich dabei einen langen und auch etwas anstrengenden Artikel zu lesen, der mit dem Thema direkt zu tun hat. Hier der Link:

    http://faz-community.faz.net/blogs/chaos/archive/2009/04/09/tatsaechlich-das-ende-des-neokonservativen-zeitalters.aspx

  3. stefanolix 13. April 2009 at 17:24 -

    Ich bin auch über das Wort gestolpert. Ich sehe es aber in diesem Zusammenhang eher als technokratischen Ausdruck wie »Mittelschicht«. Wenn es aber »die Mittelschicht« und »die Oberschicht« gibt, dann muss es auch eine »Unterschicht« geben. Technokratische Ausdrücke gehören nicht in einen solchen Artikel, ansonsten ist der Artikel aber nicht arrogant oder hochmütig geschrieben. Wie Mario schon andeutete: viel wichtiger ist die Antwort auf die Frage, ob (und wie) Menschen aus der Unterschicht aufsteigen können.

  4. Mario H. 13. April 2009 at 17:30 -

    Da fällt mir noch ein Punkt ein:
    dass Akademikerinnen ach-so-viel-zu-wenige Kinder kriegen, liegt oftmals daran, dass Akademikerinnen über 39 nicht gezählt werden – und die kriegen eher Kinder. So ein Studium muss sich ja auch rentieren…
    Zu dem Linktipp ein Buchtipp: “Die neuen Spießer” von Christian Rickens, sehr erhellend, fundiert und gut.

  5. Alrik 13. April 2009 at 22:37 -

    mir geht schon die Definition von Bildungsferne auf den Sack.
    Sie haben einen Abschluß als Facharbeiter ? Sind womöglich staatlich geprüfter Techniker, haben den Meistertitel im Handwerk, sind Abteilungsleiter oder Chef einer Firma ?
    Sie sprechen mehrere Sprachen, lesen viel, gehen gerne in Kino ?
    Macht nix, sie sind trotzdem Bildungsfern. Den Bildungsfern ist jeder, der kein Akademiker ist.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Bildungsferne

    Was den Eintrag bei FAZ angeht:
    Voll und ganz am Thema vorbei. Als Neokonservativ haben sich nach 1990 einige ehemals er Liberal eingestellte Journalisten und Akademiker bezeichnet.
    Allerdings sind das Amis gewesen, und die haben damit auf die us-amerikanische Definition von Konservativ / Liberal angespiel:

    Liberal: A conservative who has spend a night in jail
    Conservative: A liberal who was mugged
    Neoconservative: A Liberal, mugged by reality

    Wobei es den us-amerikanischen Neoconservativen eher um Aussenpolitik als um Innen- & Sozialpolitik ging.

  6. Alrik 13. April 2009 at 22:46 -

    Nachtrag:
    auf Deutschland oder Österreich bezogen habe ich noch nie etwas von Neokonservativen gehört. Auch der Neoliberalismus breitet sich hier erst aus, seitdem es Hartz IV gibt.
    IMHO wurde damals der Begriff geprägt um zu diffamieren. Das Neo irgendwie schlecht ist wissen wir ja von den Neonazis, also kann Neoliberalismus auch nur schlecht sein. Und dann erst der Neosozialismus ;-)

    Das im FAZ-Artikel unterstellte neokonservative Zeitalter mit traditionellen Werten begann in Deutschland übrigens IMHO im dem Jahr in dem Kohl die geistig-moralische Wende versprochen hat.
    Und es endete als Kohl das Privatfernsehen eingeführte ;-)

  7. stefanolix 14. April 2009 at 06:16 -

    Die Aussage »bildungsfern ist jeder, der kein Akademiker ist« wird durch den Wikipedia-Artikel nicht bestätigt. Das Wort bildungsfern wird meist verwendet, um die soziale Umwelt zu beschreiben, in der manche Kinder aufwachsen. Diese Umwelt wäre dann dadurch gekennzeichnet, dass auf Bücher, Bildung, Hausaufgaben und andere schulische Pflichten kein besonderer Wert gelegt wird.

    Ich kenne eine Menge Leute, die als Industriemeister oder Handwerksmeister bzw. Fachwirtin oder Fachkauffrau in keiner Weise als bildungsfern bezeichnet werden können. Wer nämlich diese Abschlüsse erreicht hat, muss sich durch eine Menge Bücher gearbeitet und eine Menge Aufgaben erledigt haben.

  8. Alrik 15. April 2009 at 19:26 -

    Nur komisch, das der Industriemeister, der Handwerksmeister oder die Fachkauffrau in den großen deutschen Bildungsdiskussionen gar nicht vorkommen.
    Dort geht es immer um die fehlenden Akademiker bzw die negativen Effekte von Studiengebühren.

    Diese eingegrenzte Sichtweise der Bildung führt genau zu dem Effekt den Mario anspricht: Demotivation
    Er führt aber auch zu solchen unsinnigen Meldungen die Horst zu Recht als arrogant und hochmütig bezeichnet.

    • stefanolix 16. April 2009 at 05:36 -

      Stimmt. Die oben genannten Leute diskutieren nicht, dafür haben sie keine Zeit. Sie absolvieren eine Aufstiegsfortbildung, um ihren Job abzusichern, um Karriere mit Beruf zu verbinden und natürlich auch, um mehr zu verdienen.

      Schau Dir mal einen Meister im Maschinenbau oder eine gute Bilanzbuchhalterin oder einen Technischen Betriebswirt oder eine Betriebswirtin an. Das sind alles keine studierten Leute, aber sie haben durchaus ein stabiles und gutes Einkommen. In den letzten Jahren haben sich die Bedingungen dank Meister-BAFöG verbessert und damit wurde auch ein weiterer Anreiz gesetzt. Nur in der Bildungsdiskussion — da kommen sie wirklich sehr selten vor. Weil sie nicht diskutieren, sondern etwas tun;-)