Wer sind eigentlich die wahren Panikmacher?

Wenn die Wirtschaftsforschungsinstitute oder andere Experten mit ihren Gutachten um die Ecke kommen, werden die von Politikern mit der gebotenen Ernsthaftigkeit kommentiert. Wir haben erfahren, dass inzwischen sogar die Wissenschaftler selbst damit ein Problem haben und sich nun mit ihren Prognosen zurückhalten. Sie wollen nicht auch noch den letzten Rest ihrer Reputation verlieren.

Panik, Foto von OpaRolf @ Pixelio.de

Panik, Foto von OpaRolf @ Pixelio.de


Wenn Gesine Schwan oder Michael Sommer und Professor Norbert Walter, Chefvolkswirt der Deutsche Bank AG im Zusammenhang mit der Wirtschaftskrise von Gefahren für unsere Demokratie reden und von der Möglichkeit sozialer Unruhen, wird ihnen vorbehalten, sie seien populistisch und handelten unverantwortlich.

Mein Eindruck ist, dass sich sehr viele Menschen große Sorgen um ihre eigene Zukunft aber auch die ihres Landes machen. Sie tun das aus den Gründen, für die Frau Schwan, Herr Sommer und Herr Walter als Panikmacher getadelt werden.

An die Seite der Erfahrung eines unverschuldeten Jobverlustes, die uns die eine oder andere Konjunkturdelle der Vergangenheit bereits zugemutet hat, ist seit der Schröder-Ära die von vielen Menschen als glatte Existenzbedrohung wahrgenommene Meisterleistung, genannt “Hartz IV”, getreten. Vielleicht ist es ein Missverständnis, wenn Klagen über die Wirkung der Agenda-Politik so ausgelegt wurden, als erwarte man vom Staat, dass er die Menschen beschützt und versorgt. Die meisten Menschen wollen und können das schon selbst übernehmen. Nur müssen dafür gewisse Regeln gelten und vor allen Dingen auch eingehalten werden. So kann es auf Dauer einfach nicht sein, dass Menschen, die einer Vollzeitarbeit nachgehen, von ihrem Lohn ihre Familien nicht mehr unterhalten können.

Prof. Sinns favorisierter Kombilohn ist also für viele Leute in diesem Land längst zur Lebensrealität geworden. Es gibt Leute, die finden “alles sozial, was Arbeit schafft”. Dabei haben sie diese kranke Konstruktion durchaus auch im Auge. Ihrer Meinung nach gibt es zwar vielleicht genügend Arbeit, nur wird diese nicht ausreichend nachgefragt, weil die wünschenswerten Löhne hierfür nicht bezahlbar wären. Für die Differenz, wie hoch diese heute und in Zukunft sein würde, sollte der Staat aufkommen. Abgesehen davon, dass durch ein solches Konstrukt Armut programmiert ist, weil natürlich immer limitierte finanzielle Mittel zur Verfügung stehen, wird diese Denkweise die Gesellschaft wohl auf Dauer zerstören. Es ist nämlich nicht erst seit gestern absehbar, dass die Zahl derer, die auf das “staatliche Zubrot” angewiesen sein würden, immer schneller wachsen könnte. Und betroffen sind wohl auch nicht nur die Menschen, die man als Prekariat schon heute abgeschrieben hat, sondern immer größere Teile der heutigen Mittelschicht.

Diese ungute Entwicklung wird so oder so durch die Wirtschaftskrise gestoppt. Das meine ich nicht in einem Anflug von Zynismus, sondern die unübersehbare Situation könnte doch ein Auslöser dafür sein, dass man über die verheerenden Wirkungen der auch noch heute als richtig gefeierten Agenda 2010 erneut nachdenkt und endlich notwendige Korrekturen vornimmt. Es ist ein neuer gesellschaftlicher Konsens erforderlich. Vielleicht wird sich ein solcher aufgrund der Folgen der Krise in anderer Weise darstellen. Optimismus ist wohl fehl am Platz.

Die Meinung der Leute über die Wirtschaft ist schlecht. Noch schlechter kommt die Politik weg. Wenn wir wirklich bis zum Jahresende vielleicht 5 Mio. Arbeitslose oder mehr haben und der Legitimationsverlust mancher Institutionen gestoppt und umgekehrt werden kann, muss man wirklich Sorge haben, dass alles wie in der Weimarer Republik enden könnte. Wir haben solche Parallelen auf dem Schirm, auch wenn uns viele kluge Leute erzählen, dass man die Situation nicht miteinander vergleichen könne.

Ich kann nur hoffen, dass sie recht behalten. Und Panikmacher – für mich sind die Leute Panikmacher, die die Dinge verfolgen wie wir alle, die aber so tun, als würde sich schon alles wieder irgendwie finden oder wieder einrenken. Irgendwie können das wohl die meisten nicht so richtig glauben und das, wie schon gesagt, macht Angst. Bis zur Panik wäre es dann nicht mehr so weit.

Kommentare

  1. JürgenHugo meint:

    Durch Hartz 4 ist genau das eingetreten: Früher saßen “die vom Arbeitsamt” sozusagen auf der anderen Schreibtischseite – “Freunde” waren das auch nicht… :missmutig:

    Jetzt sind “die vom Jobcenter” Feinde – nicht unbedingt die Leute selber (viele von denen haben selbst nur befristete Verträge…) – aber sie vertreten das System. Da ist es natürlich immer leichter, mitzumachen als selber zu denken (das wird ja auch nicht belohnt).

    Also geht niemand gerne da hin – die “A-losen” müssen (der Knete wegen) – und die Sachbearbeiter würden auch lieber woanders arbeiten…Das bei einer solchen Konstellation “nix Gescheites nich” rauskommt, das dürfte wohl jedem klar sein.

    Außerdem werden die Leute quasi zum Lügen erzogen – wer mit den Jobcenter ein wenig Erfahrung hat, sagt da nicht soviel – sondern so wenig wie möglich… Sonst drohen Kürzungen.

    Es gibt sicher genug Leute, die freiwillig einen “1-€ Job” machen würden – das interessiert die aber gar nicht. Wer einen möchte, kriegt keinen – dafür werden andere “dahingezwungen”. Das steigert natürlich die Arbeitslust ungemein… :cry:

    Hartz 4 ist ein exemplarisches Beispiel, wie man etwas so effektiv wie möglich “verschlimmbessern” kann – keiner hat ´n Vorteil – alle haben Nachteile.

    Da weiß man nicht, ob man zum Abschluß “Prost” oder “Amen” sagen soll… :missmutig: :cry: :missmutig:

  2. Horst Schulte meint:

    JürgenHugo: Also geht niemand gerne da hin – die “A-losen” müssen (der Knete wegen) – und die Sachbearbeiter würden auch lieber woanders arbeiten…Das bei einer solchen Konstellation “nix Gescheites nich” rauskommt, das dürfte wohl jedem klar sein.

    Meine Eindrücke von einem vielleicht im Verhältnis eher kleinen Arbeitsamt waren bei den paar Malen, an denen ich dort war, eigentlich nicht so schlecht. Aber das mag sich natürlich auch ganz anders darstellen, wenn man regelmäßig dorthin muss. Das Verhältnis von “fördern und fordern” funktioniert scheinbar nicht. Viele Menschen fühlen sich bedrängt und spüren null davon, dass man ihnen dort helfen möchte. Ausnahmen bestätigen die Regel.

  3. bulldrinker meint:

    Ganz egal, was noch kommt: auch in den schlimmsten Zeiten der Geschichte ist es irgendwann einmal weiter gegangen!

  4. Horst Schulte meint:

    Diese Woche habe ich mit einem alten Freund telefoniert, und natürlich haben wir über die Wirtschaftskrise gesprochen. Er sah das ganz ähnlich wie du, Bulldrinker. Ist aber auch kein Wunder. Er lebt seit 30 Jahren in Köln. Und wie sagen die Kölner so schön: Et jet immer wegger. Oder so. Die Erde wird sich weiterdrehen. Obwohl… wir arbeiten ja auch an dieser Baustelle kräftig mit. :devil:

  5. Nola meint:

    Diese ungute Entwicklung wird so oder so durch die Wirtschaftskrise gestoppt. Das meine ich nicht in einem Anflug von Zynismus, sondern die unübersehbare Situation könnte doch ein Auslöser dafür sein, dass man über die verheerenden Wirkungen der auch noch heute als richtig gefeierten Agenda 2010 erneut nachdenkt und endlich notwendige Korrekturen vornimmt. Es ist ein neuer gesellschaftlicher Konsens erforderlich. Vielleicht wird sich ein solcher aufgrund der Folgen der Krise in anderer Weise darstellen. Optimismus ist wohl fehl am Platz.

    Das wäre wünscheswert, lieber Horst Schulte. Ein wesentlicher Aspekt von Harz IV, ist ja unter anderem die Beschönigung der Arbeitslosenstatistik gewesen. Zuvor gab es Sozialhilfe und Arbeitslosenhilfe. Jetzt ist das alles eins. Was für den Arbeitslosen meist ein geringeres Einkommen bedeutet. Außerdem fallen Arbeitslose durch 1-Euro Jobs aus der Statistik, wenn sie einer Zeitarbeitsfirma übergeben werden, wenn sie einer Weiterbildung aufgezwungen werden, wenn sie sogenannten Arbeitsvermittlern übergeben wurden etc. …. Damit hat man auf wundersame Weise hunderttausende von Arbeitslosen aus der Statistik entfernen können.

    Auch für die neuerlichen, zukünftigen Arbeitslosen werden die Weichen für eine bereinigende Statistik schon gestellt. Das Kurzarbeitergeld, anschließend Arbeitslosengeld, anschließend Rente.

    Man kann wirklich nicht sagen, daß unsere Politiker nicht “nachhaltig” wirken. Was geschönte Statistik und damit Erfolg deklariert, da sind sie alle erfindungsreich. Kann man doch mindestens noch 1 – 2 Jahre sagen: unsere Konjunkturpakete waren so erfolgreich, das wir weniger Arbeitslose als erwartet haben.

    Ein neuer gesellschaftlicher Konsens ist u. a. in der Sendung “Werte und Märkte” bei n-tv heute mittag deutlich geworden. Moderator Sabine Christiansen und Gäste:

    Friedrich Merz, Finanz- und Wirtschaftspolitiker der CDU/CSU-Bundestagsfraktion,
    Thilo Sarrazin, künftiger Vorstand der Bundesbank,
    Hans-Peter Keitel, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI),
    Joachim Hunold, Vorstandsvorsitzender der Fluggesellschaft Air Berlin und
    Martin Richenhagen, CEO der AGCO Corporation, Atlanta.

    Endlich mal eine Diskussion ohne die üblichen Floskeln und mit einer Zielsetzung, die wirklich an einer Gesundung der Wirtschaft und am Menschen orientiert ist. Diese Runde hat mokiert, das ein redliches Handeln von Politik und Regierung endlich erforderlich ist, damit der Bürger in ein “wirkliches” Wertesystem neues Vertrauen erhält.

    LG Nola

  6. Horst Schulte meint:

    @Nola: Vertrauen ist vielleicht das wichtigste Stichwort. Mein Eindruck ist, dass zwar dadurch keine Tatbestände geändert würden, dass aber manches einfacher zu ertragen wäre, würde man nicht vor allen anderen eine große Vertrauenskrise haben. Wir trauen der Wirtschaft nicht über den Weg und der Politik schon gar nicht.

    Eigentlich hieße das, wir müssten uns mehr auf uns selbst verlassen. Das aber müssen wir erst einmal lernen. Und stattdessen zieht mancher scheinbar in Erwägung, das ganze System über die Wupper gehen zu lassen. Jedenfalls drückt sich das in vielen Meinungen aus.

  7. Nola meint:

    @ Horst Schulte

    Mit dem Vertrauen ist das so eine Sache. Der Bürger muß auch das Gefühl haben können, das der Staat für ihn da ist und ihn nicht zum rundum versorgten Volltrottel macht. Hier und da eine Abwrackprämie oder ähnl. ins Volk zu streuen, läßt kein Vertrauen aufkommen. Der Bürger muß eine Perspektive haben. Die hat er nicht. Auch nicht vor der Finanzkrise. Das Abzocken durch den Staat ist zu offensichtlich gewesen.

    Wie ich der Hompage entnommen habe, sind wir fast der gleiche Jahrgang. Diese Weltuntergangsstimmung gab es so früher nicht. Wir waren immer zukunftsorientiert. Wir konnten auch mal bescheiden auskommen, aber selbstbestimmt und selbstverdient. Das ist ein wesentlicher Teil der Würde und eben diese wird den Menschen mehr und mehr genommen.

    Die Menschen werden erst wieder vertrauen finden, wenn die Demokratie nicht gegen sondern für sie da ist und wenn vorhandene Gesetze eingehalten werden und das Parlament nicht sich selbst sondern diese Gesetze als Orientierung nehmen. Das Vertrauen wächst nicht nur durch ein paar Euro mehr in der Lohntüte, es wächst vielmehr an eingehaltener Demokratie. Diese verwässert sich leider immer mehr. Dennoch, wir müssen das System wieder verbessern und nicht aufgeben, unsere Generation hat das ja noch gelernt. :lol:

  8. JürgenHugo meint:

    @Nola:

    Zitat(e):

    “Wie ich der Hompage entnommen habe, sind wir fast der gleiche Jahrgang.”

    “unsere Generation hat das ja noch gelernt. :lol:

    Ich hab´ ja “noch” 2 Jahre mehr als der Horst – wir haben ja sogar gelernt, einen Computer “unfallfrei” einzuschalten. :idea: aber wir können eben auch noch Kopfrechnen…

    Hoffentlich reicht beides kombiniert aus – sonst kommt doch noch einer, der vorne mit “A” anfängt – und hinten mit “H” aufhört…

  9. Horst Schulte meint:

    Nola: Wie ich der Hompage entnommen habe, sind wir fast der gleiche Jahrgang. Diese Weltuntergangsstimmung gab es so früher nicht. Wir waren immer zukunftsorientiert. Wir konnten auch mal bescheiden auskommen, aber selbstbestimmt und selbstverdient. Das ist ein wesentlicher Teil der Würde und eben diese wird den Menschen mehr und mehr genommen.

    Wir hatten ein Privileg. Das bestand darin, dass es während unseres Erwachsenwerdens und auch danach über viele Jahre immer “bergauf” ging. Wir haben das zwar vielleicht registriert aber manchmal doch auch geringgeschätzt. Die jetzige Generation wächst in einer ganz anderen Zeit auf. Ich beneide sie nicht darum. Vielleicht “leiden” die jüngeren Leute aber
    aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen weniger unter den jetzigen Bedingungen als wir es glauben. Schwer vorstellbar. Aber ich wünsche, es wäre so.

  10. Nola meint:

    Es folgen uns ja eigentlich schon zwei Generationen. Die Kinder und die Enkel.

    Unsere Kinder (Enkel hab ich keine) sind auch noch teilweise mit unseren “alten” Werten aufgewachsen. Die Enkel, da wäre das sicherlich nicht mehr durchführbar.

    Unsere Kinder merken im Berufsleben sehr wohl eine ganz andere Zeit. Immer weniger Mitarbeiter, aber immer höher, weiter und schneller muß es gehen. Es ist schon ein enormer Druck. Dann das Wissen um eine ungeregelte Altersversorgung. USW. Nein es ist nicht einfach für die Generation unserer Kinder und ich mache eine schlechte Politik dafür verantwortlich. Diese hat erst die gesetzl. Rahmenbedingungen geschaffen und durch eigenen Lobbyismus auch zum Werteverfall beigetragen.

    Ich muß sagen, meine Grundstimmung ist gerade in den letzten Monaten sehr negativ geworden. Nicht zuletzt deshalb, weil die Finanzkrise, von der alle angeblich nichts gewußt haben, seit Jahren bis hin zum Kanzler Schröder schon bekannt war und man hat weitergewurschtelt, das ist unverantwortlich und gehört eigentlich bestraft.

    Trotzdem wünsche ich jetzt einen tollen Start in die neue Woche und sende liebe Grüße
    Nola

  11. Horst Schulte meint:

    Nola: Ich muß sagen, meine Grundstimmung ist gerade in den letzten Monaten sehr negativ geworden.

    Leider geht das -auch nach meinem Eindruck- sehr vielen Menschen im Moment so. Ich wünsche ebenfalls einen schönen Wochenstart. Bis bald.