Verloren

Diese Woche war ich wegen meiner Schultersache wieder in der Krankenhausambulanz. Es ist wohl etwas besser – nach der Spritze, aber der Arzt sagte mir noch einmal, dass dies eine langwierige Sache sein könnte. Er scheint Recht zu haben, denn nur einen Tag danach hatte ich trotz Schmerzmittel wieder ordentlich Beschwerden. Vor allem nachts war es ausgesprochen unangenehm.

Aber das wollte ich gar nicht erzählen. Als ich also dort ankam waren bestimmt fast 30 Leute im Wartezimmer. Es stellte sich heraus, dass viele Patienten nicht allein, sondern mit Begleitung dort waren. Die Wartezeit war schließlich mit ungefähr 1 1/2 Stunden dann auch nicht so, wie ich es zunächst erwartet hatte.

Mir fiel bei diesem Besuch am Dienstag Nachmittag auf, dass vorwiegend ältere Leute anwesend waren. Ich würde meinen, sie waren überwiegend zwischen 70 und 80 Jahre alt. Insbesondere ein ziemlich altes Ehepaar zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Der Mann konnte kaum laufen. Wie ich später erfuhr, hatte er einen Schlaganfall erlitten und war seither fast blind konnte sich nur ganz unsicher bewegen. Ganz kleine Schritte machte er und war sehr unsicher auf den Beinen. Seine Frau begleitete ihn. Irgendwie schienen mir beide sehr überfordert. Er war unfreundlich zu seiner Frau und kommandierte sie herum. Entweder war sie zu nah beim ihm oder zu weit weg. Recht machte sie es ihm scheinbar nie, was er auch arg lautstark zum Ausdruck brachte. Wie gesagt, ich hatte den Eindruck, beide waren mit dieser Situation doch ziemlich überfordert. Ich will nicht auf die Tränendrüse drücken, aber mich hat das schon eine ganz Weile beschäftigt.

Viele der anderen älteren Leute waren ebenfalls in Begleitung da. Wahrscheinlich waren es die Töchter oder Enkeltöchter, die sie beim Arztbesuch begleiteten. Jedenfalls schienen sie, verglichen mit dem alten Ehepaar, in einer sehr viel komfortableren Lage zu sein.

Ich musste daran denken, dass meine Frau und ich, wenn alles glatt geht, in nicht allzu vielen Jahren ja durchaus in einer ähnlichen Situation sein könnten. Keine Kinder, alt und krank. Allein und auf sich gestellt muss man sehen, wie man dann das Leben meistert. Und die Zahl der alten Leute nimmt, wie man ja nun einmal weiß, auch ständig weiter zu. Die Politiker pflegen sich im Allgemeinen gern dafür zu entschuldigen, wenn sie in irgendwelchen Diskussionen feststellen, dass die Menschen heutzutage ja immer älter werden (… was ja sehr wunderbar sei).

Aber – natürlich hat dieses Altwerden leider seine Schattenseiten. Wenn die alten Leute nämlich, was fast zwangsläufig irgendwann kommt, krank oder sogar schwer krankt sind. Ich will jetzt gar nicht in den Chor derer einstimmen, die die nachlassende medizinische Versorgungsqualität anzuführen. Nein, es fängt doch viel früher an. Nämlich bei der Frage, wie sich solche alten Menschen wohl fühlen werden, wenn sie nach einem vielleicht reich erfüllten Leben plötzlich mit schweren Krankheiten und ihren Folgen konfrontiert sind und sich in dieser veränderten und doch irgendwie auch kalten Welt zurechtfinden müssen. Und wenn sich das “nur” auf einen solchen Besuch in der Krankenhausambulanz bezieht.

Ich glaube, wir können daran sehen, dass es vielleicht wirklich nur aufgrund der demografischen Veränderung in unserer Bevölkerung einen großen Bedarf gibt und in Zukunft noch wesentlich mehr geben wird. An Leute nämlich, die sich um ältere Mitmenschen wirklich kümmern. Natürlich ist das kein neues Thema. Wir wissen das –– eigentlich. Aber wir wissen auch, dass solche Jobs nicht gut bezahlt werden. Es gibt also “Arbeit”, die nicht nachgefragt wird. Und zwar deshalb, weil sie unbezahlbar ist. Unbezahlbar nach unseren Wertmaßstäben. Wie könnte man das organisieren? Lässt sich das in ausreichendem Umfang durch Privatinitiativen finanzieren oder durch Institutionen wie die Kirche? Wahrscheinlich reicht das nicht.

Das alte Ehepaar war übrigens eine ganze Weile vor mir fertig. Ich bekam mit, wie ein Taxi bestellt wurde. Die beiden schlurften nach draußen. Es regnete übrigens. Als ich –bestimmt eine halbe Stunde später- ebenfalls die Ambulanz verließ, stiegen die beiden gerade in ein Taxi ein. Solange hatten sie, unbeholfen wie sie waren, wohl draußen im Regen gewartet. Vielleicht, weil sie glaubten, bereit stehen zu müssen. Das Verhalten erinnert mich ein bisschen an meinen Vater. Der hätte das auch so gemacht. Irgendwie hat mich das traurig gemacht.

Kommentare

  1. JürgenHugo meint:

    Mann, Mann – du machst einen ja richtig depressiv. Was soll ich denn sagen? Ich hätte ja noch nicht mal ne Frau zum mitnehmen – ich müßte da alleine hinlatschen…

  2. Nola meint:

    Dieser Artikel, lieber Horst Schulte, zeigt, wie nahe Sie am Menschen sind und das gefällt mir. Vielleicht deshalb weil mich genau gleiche Szenen an- und berühren. Auch die Frage “was könnte man organisieren” ?

    Ich denke man könnte familiär und nachbarschaftlich so einiges bewirken.

    Als meine Eltern (zeitversetzt) nach Schlaganfällen im sehr gut geführten Pflegeheim waren, erhielt ich dort folgende Auskunft:

    “Ja, sie kommen ja regelmäßig, aber viele der hier lebenden Personen bekommen höchstens zum Geburtstag oder zu Weihnachten Besuch, auch von den eigenen Kindern”.

    Das hat mich sehr erschüttert. Es ist ja nicht so, das man mit gebrechlichen Menschen nichts mehr anfangen kann, wenn man Glück hat, sind sie im Kopf noch recht gut beieinander und wenn nicht, kann man auch 1-2 nette Stunden gestalten.

    MAN MUSS NUR WOLLEN !

    @ JürgenHugo
    Sollten Sie in diese Situation kommen, dann halte ich “moralisch” Ihre Hand. Versprochen. :!:

    LG Nola

  3. Horst Schulte meint:

    Nola: “Ja, sie kommen ja regelmäßig, aber viele der hier lebenden Personen bekommen höchstens zum Geburtstag oder zu Weihnachten Besuch, auch von den eigenen Kindern”.

    So kennen wir das auch. Meine Schwiegermutter ist inzwischen Mitte 80. Sie lebt noch in ihrer Wohnung, die sich ganz nah beim Altenheim befindet. Sie geht dort mittags auch häufig zum Essen und unterhält sich mit Menschen, die dort leben. Zum Glück gibt es auch viele Leute, die sich um ihre alten Eltern kümmern und das auch sehr regelmäßig. Meine Frau fährt im Moment zweimal die Woche zu ihrer Mutter und sie ist am Wochenende häufiger bei uns. Noch geht das so und es ist auch gut, wenn sie -solange es geht- für sich bleiben. Sie hat dort Freundinnen, die ihr natürlich fehlen werden, wenn wir sie bald zu uns nehmen. Aber das hat ja noch etwas Zeit, wenn es ihr weiter gut geht.

  4. Nola meint:

    Eine persönliche Anmerkung noch:

    Ich habe damals ohne grosses Nachdenken aus dem Gefühl heraus gehandelt und bevor die Pflegeabteilung Thema war, meine Eltern ebenso betreut, wie es bei Ihnen offenbar der Fall ist. Es war für mich eine Selbstverständlichkeit.

    Heute – viele Jahre später – kann ich nur sagen, ein gutes Gewissen was die Betreuung der Eltern angeht, ist wirklich ein gutes Ruhekissen, das weis man erst dann, wenn man es nicht mehr “korrigieren” kann. … Hätte ich doch …