Kopftücher sind aber auch so unkleidsam

In Rheinland-Pfalz ist die Kopftuchdebatte wieder neu entbrannt. Davon las ich heute morgen hier in einer Tageszeitung. Die FDP (zur Erinnerung: Das ist die “einzige liberale Partei in Deutschland”) fordert jetzt auch für muslimische Lehrerinnen ein Verbot, in der Schule Kopftücher zu tragen. Interessant finde ich übrigens, dass diese FDP noch vor wenigen Jahren für ein solches Verbot keinen Handlungsbedarf sah. Sie war damals allerdings auch noch in einer Koalition mit der SPD. So ändern sich die Sichtweisen. Ich würde sagen, der Opportunismus hat wieder einmal gesiegt. Und leider ist diese Feststellung zu oft unabhängig davon, um welche Partei und um welche Sache es geht.

Die Haltung der SPD und der Grünen liegt mir in diesem Fall einfach irgendwie mehr. Nicht, dass ich ein Fan von Kopftüchern wäre (offengestanden finde ich sie ziemlich schrecklich), aber die Meinung, das Tragen vor einer Schulklasse käme einer politischen Demonstration gleich, halte ich für abwegig. Es wird behauptet, dass es heute mehr darum ginge, als muslimischen Traditionen zu folgen. Angeführt wird hierzu auch eine angeblich zunehmende Radikalisierung islamischer Mitbürgerinnen und Mitbürger. Man liest von solchen Tendenzen in letzter Zeit häufiger. Schäuble mit seinen Terrorphantasien spielt beim Zeichnen dieses Bildes sicher auch keine gute Rolle. Ich vermag nicht zu beurteilen, ob solche Vorbehalte eine belastbare Grundlage haben.

Für mich sieht die ganze Sache eher so aus, als würden manche Politiker sich durch einen wie auch immer zustande gekommenen Wandel der öffentlichen Meinung in diesem Land zu einer deutlicheren Stellungnahme in dieser Frage genötigt sehen. Nun kann man sich fragen, ob das gut so ist oder ob man dies nicht ebenfalls als puren Opportunismus brandmarken sollte. Das tun wir doch bei anderen Fragen unentwegt.


Kommentare

  1. JürgenHugo meint:

    Meine ganz private Meinung dazu: wenn ich in eine Moschee gehen würde, dann ziehe ich die Schuhe aus – weil das so üblich ist, und ich deren Glauben nicht verletzen möchte.

    Und wenn Moslems bei uns sind (nicht nur im Urlaub, sondern ständig) – dann erwarte ich, das die sich unserer Lebensweise anpassen. Und bei uns ist es jetzt eben nicht mehr üblich, Kopftücher zu tragen. Punkt. Es wird ja niemend gezwungen, herzukommen…

  2. Jan meint:

    Zum Artikel: Ich denke, es ist legitim, wenn man als Träger einer Schule bestimmte Kleidungsstücke nicht haben möchte. Der Gesetzgeber verbietet auch das Rauchen und zumindest zu meiner Schulzeit durfte man auch keine Mützen im Unterricht tragen.

    Dem kann man entgegenhalten, dass ein Baseballcap eher nicht Zeichen einer bestimmten Religion ist und Kopftücher hingegen halt irgendwie Gegenstand von Religionsfreiheit seien. Man zäumt aber das Pferd von hinten auf, wenn man sich religiöse Angewohnheiten ansieht und die Welt so regelt, dass diese Angewohnheiten auf jeden Fall beibehalten werden können.

    Oder einfacher ausgedrückt: Wer meint, in die Hölle zu kommen, weil er kein Kopftuch trägt, muss nicht unbedingt erwarten können, einen Arbeitgeber zu finden, der dass genauso sieht. Und bei staatlichen Schulen sind eben parlamentarische Mehrheiten letztlich die Arbeitgeber und Regelnsetzer – bei anderen Trägern nicht (eine islamische Schule könnte meines Erachtens auch Lehrer in Burka vorne hinstellen, wenn sie das für geboten hält und es hätte niemanden zu interessieren).

    Deine Einschätzung in Sachen Opportunismus teile ich unabhängig davon voll und ganz.

    Zu JÜRGENHUGO: Moslems sind für dich also außer in Moscheen in ganz Deutschland allenfalls geduldete Gäste, oder wie soll ich dass verstehen? Und gilt das auch für Konvertiten, also Leute, die vielleicht mal Christen waren? Das mit der Lebensweise finde ich auch etwas .. äh ja. Als meine Uroma noch lebte, ist sie auch oft mit einem Kopftuch rumgelaufen. Das scheint mal mode gewesen zu sein – gehört also irgendwie doch wieder zu “unserer Lebensweise” dazu – es dürfte schwierig sein, solche Maßstäbe zu setzen.

  3. JürgenHugo meint:

    @JAN:

    “Moslems sind für dich also außer in Moscheen in ganz Deutschland allenfalls geduldete Gäste,”

    Ne, ne – so einfach ist das nich! Wenn erwartet wird (zu Recht) das ich/wir uns in anderen Kulturen anpassen, um deren religiöse oder sonstige Gepflogenheiten nicht zu verletzen – dann kann ich das umgekehrt auch hier erwarten!

    Wir leben eben nicht mehr zu Zeiten deiner oder meiner Uroma. Eine einheimische Frau, die heute so rumläuft – die würde milden Spott ernten – und den müßten Moslems dann auch abkönnen…

    Es geht mir nicht darum, Kopftücher generell zu verbieten – aber gewisse Regeln sollten für alle gelten – egal wo sie herstammen! Zum Beispiel: Schwimmuntericht für moslemische Mädchen. Wenn sie keinen normalen Badeanzug tragen wollen/dürfen – dann kriegen sie eben keinen Schwimmunterricht. Basta. Da würde nichts und niemand durch diskriminiert.

    Es kann nicht sein, das wir uns außerhalb unseres Kulturraums so benehmen sollen, wie das da erwartet wird – und Bevölkerungsgruppen, die bei uns leben möchten, sich überhaupt nicht anpassen. Da hilft auch der Hinweis (von vielen im Hinterkopf) auf die “großdeutsche” Geschichte nicht…

    Auch in der Schweiz oder den USA (und das sind ja bestimmt keine explizit totalitären Länder) müssen Zuwanderer gewisse Regeln und/oder Gepflogenheiten einhalten.

  4. @Jürgenhugo

    Gerade in Spanien und Italien kann man sehr schön beobachten, wie toll sich die deutschen Urlauber anpassen. Die Einheimischen sind richtig begeistert von den vielen Touristen, die vor lauter Alkoholkonsum am Strand einschlafen.

    Ich kann nicht recht nachvollziehen, warum du das Thema Intergration so einseitig betrachtest. Die Deutschen sind keine Ausnahme. Ich teile deine Meinung, dass es Recht und Ordnung geben muss, aber in einer pluralen freiheitlichen Gesellschaft, sollte man auch Alternativen schaffen.

    Ich verstehe auch nicht von welcher Kultur zu sprichst. Die deutsche Kultur von heute ist vermischt mit vielen anderen westlichen Kulturen und Traditionen. Wieso stören dich nicht die westlichen Neuerungen in Deutschland?

    Mit freundlichen Grüßen
    Mahdiyar

  5. JürgenHugo meint:

    Ich kann Alkohol auch kultiviert genießen – wenn andere sich “beschickern”, kann ich die nicht hindern… :mrgreen:

    Und ich schätze mal, das man am Strand noch mehr Engländer rumliegen sieht als Deutsche – ich war nämlich nicht nur einmal in Spanien… :beer:

  6. Mario H. meint:

    Wenn die Christen in den Schulen auch keine Kreuze mehr tragen dürfen, ist ein Kopftuchverbot imho in Ordnung. Schauen wir mal ins AT, in die Kirchengeschichte – bis in die Unterstützung diverser Diktaturen im 20.Jh – und die Aussagen des Klerus heute.

  7. Horst Schulte meint:

    @Jan:

    Jan: Der Gesetzgeber verbietet auch das Rauchen und zumindest zu meiner Schulzeit durfte man auch keine Mützen im Unterricht tragen

    Ich weiß wirklich nicht, ob man das vergleichen kann. Interessant an dieser Debatte finde ich, dass sich die Sichtweise erst nach 2001 maximal verändert zu haben scheint. Früher galt Toleranz als, heute die deutsche Leitkultur. Eine Mixtur aus verschiedenen Gefühlen und Reaktionen. Mich macht das jedenfalls nicht froh. Und dem Kredo der Liberalen entspricht das nicht – jedenfalls so wie ich das immer verstanden hatte. Wieso soll der Staat sich in manchen wichtigen Fragen zurücknehmen, in einer eher so einfachen dann aber doch nicht?

    Sehen wir nach Holland. Da steht uns die Erkenntnis bevor, dass aufgrund ähnlicher gesellschaftlicher Veränderungen der Sichtweise ein Hetzer wie Wilders die kommenden Wahlen gewinnen wird.

    Die Entwicklungen entsprechen nicht dem, was ich mir unter einem Gewinn an Integration und demokratischer Legitimation vorgestellt habe. Wir gehen zurück, vielleicht sogar weit. Angesichts der Zusammensetzung der Ethnien in diesem Lande sogar ganz sicher. So werden wir die vorhandenen Probleme nicht lösen. Das fürchte ich jedenfalls.

  8. Nola meint:

    Solange anhand solcher Äußerlichkeiten ein Politikum “durchgedrückt” werden soll, denn der Islam ist eben nicht nur eine Religion sondern beinhaltet ja auch ganz klare gesetzgeberische Anweisungen, bin ich dagegen.

    Beispiel Türkei: Kemal Atatürk hat nicht umsonst die Religion von der Staatsführung getrennt. Das führende säkulare Land, welches sich von anderen islamischen Ländern abhebt, ist also die Türkei gewesen. Seit Erdogans Regierung und seiner AKP nimmt das einen rückschrittlichen Verlauf, gegen den sich sogar die einheimischen Türken wehren.

    Die nach Deutschland emigrierten Muslime (es sind hier in der Hauptsache Türken) sind im wesentlichen aus der ländlichen Bevölkerung, deren Bildungsstand gegenüber den Hauptstädtern “etwas unterversorgt” war.
    Damit waren sie leicht durch die vielen vor Ort entstandenen Islamverbände “einzusammeln” . Und diese haben sich – wie von Herr Erdogan gewünscht – nicht zu assimilieren, sondern aufgrund unserer demokratischen Freiheiten als Kolonie der Türkei zu empfinden.

    Ich bin gegen eine Überfremdung einer einzigen Kultur, die versucht innerhalb demokratischer Gesetzgebung eine religiös/politische Gesetzgebung durchzusetzen. Wir haben niemals ähnliche Probleme mit Chinesen, Russen, Amerikanern, sowie dem kompletten europäischen Ausland.

    Übrigens nicht mal ansatzweise findet in der Türkei Toleranz für Minderheiten und schon gar nicht für Christen statt. Aber diese einzufordern bedeutet Demokratie auf dem Boden einer Verfassung und GG die dies zulassen, und genau aus dem Grund finde ich, wir sollten nicht zulassen, das unsere freiheitliche Demokratie schleichend mißbraucht wird, Bestandteile der Scharia in unsere Gesetzgebung einzubauen.

    LG Nola

    PS: Jetzt müßte wieder der Zusatz folgen, das man nicht “Rechts” ist und auch kein Nazi. Ich werde dies nicht tun, weil ich der Meinung bin, das ich als Bürger in meinem demokratischen Land meine Meinung sagen darf, ohne mich gleich dafür zu endschuldigen und zu bekunden, daß ich doch ein gesetzestreuer liberaler Bürger bin.

  9. Horst Schulte meint:

    @Nola: Ich sehe auch, dass es Muslime gibt, die mit dem Tragen des Kopftuchs politische Botschaften verbinden. Das ist schlecht, und ich finde es nicht richtig. Die Säkularisierung wird im Islam wohl nicht stattfinden, weil es keine religiösen Institutionen gibt, die mit denen der christlichen Kirche vergleichbar wären. Atatürks Modell ist, wie sich jetzt zeigt, vielleicht auf Dauer auch keine Lösung, weil es Widerstände in der Bevölkerung gibt. Es ist ja durchaus nicht nur so, dass Erdogans Partei die Zeit zurückdrehen will.

    Die Frage, die uns in Deutschland eher beschäftigen muss, ist, wie wir die Integration insbesondere der muslimischen Emigranten besser hinbekommen. Die Tendenz geht dahin, dass wir diese Menschen, nicht zuletzt durch die Folgen der Globalisierung und die fortschreitende soziale Ausgrenzung, verlieren. Das ist in meinen Augen auch der Grund dafür, dass sich insbesondere die Muslime der so genannen zweiten Einwanderergeneration teilweise zu radikalisieren scheinen. Wir reden ständig davon, dass gegen soziale Verwerfungen nur Bildung hilft. Das ist sicher nicht falsch aber tun wir deshalb erkennbar mehr für Bildung oder lassen wir die Dinge nicht immer noch so laufen, wie wir es auch vor dem Beginn dieser Diskussion getan haben. Mir geht das jedenfalls zu langsam. Einen negativen Schub werden wir in dieser Beziehung bekommen, wenn die Folgen der Wirtschaftskrise den Arbeitsmarkt richtig erreicht haben werden. Es trifft wieder die Menschen mit schlechter Bildung und damit überwiegend Emigranten. Jedenfalls sagen das die Zahlen, die in die Öffentlichkeit gelangen.

    Ich plädiere für Integration, nicht für Assimilation. Im Umkehrschluss bedeutet das aber nicht, dass ich gegen Assimilation bin. Ich verstehe, wenn Emigranten ihre ethnische Identität bewahren möchten. Das ist vielleicht sogar einer gelungen Integration zuträglich. Ich bin absolut deiner Meinung, dass wir in Deutschland nicht darüber reden müssen, ob wir die Scharia als Teil unseres Rechtssystems übernehmen sollten. Das ist wirklich lächerlich und steht ja ernsthaft auch nicht zur Debatte. Zu einem demokratischen Staat passen solche archaischen Vorstellungen nicht.

    Leider ist es oft so, dass die Teilnehmer an solchen Diskussionen immer ganz flott in eine politische Ecke gestellt werden. Dabei geht es vielen Leuten wirklich nur darum, einen richtigen und vor allem vernünftigen Weg für ein Miteinander zu finden. Es wäre schlecht, wenn sich am Ende diejenigen mit Maximalpositionen durchsetzen würden.

  10. Horst Schulte meint:

    @Mario H: Vielleicht ist es weniger eine Streitfrage zwischen den Religionen, als vielmehr eine des demokratischen Umganges miteinander. Die Christen sind diesbezüglich etwas im Vorteil, weil sie -jedenfalls überwiegend- in einer säkularisierten Gesellschaft leben.

  11. Nola meint:

    Da bin ich aber froh, daß Du das richtig verstanden hast. Ich glaube wenn wir alle früher offener darüber geredet hätten, dann wären wir heute weiter. Wir hätten dafür gesorgt, das die innländische Sprache erlernt werden muß, allein schon um seine eigenen Rechte und Pflichten verstehen zu können und zu wissen was man unterschreibt. Nicht zu vergessen das Gesundheitswesen, die Mutter mit Kind beim Arzt etc.

    So aber verlassen sich viele auf die schon “Eingedeutschten” die zwar Auskunft geben können und bei Behördengängen hilfreich sind, aber die genauso gleichzeitig darauf achten, möglichst alle muslimischen neuen Mitbürger einem Verband zuzuführen, der eben dann als Anlaufstelle für alles gilt und Paralellgesellschaften forciert.

    Also die deutsche Sprache ist das unbedingte muß !

    Auch müssen unsere Richter sich wieder in der Rechtsprechung streng an unsere GG halten und nicht schon mit Blick auf die Gepflogenheiten einer anderen Gesetzgebung kokettieren. So bei einigen Prozessen mißhandelter Frauen geschehen.

    Das totale Gutmenschentum was sich bisher politisch gut verkaufen ließ, war der Integration nicht förderlich. Hätten wir auf unsere Schulordnung wie dato und üblich bestanden, wären hier fast keine Probleme mehr und die Kinder der zweiten und dritten Generation wären integriert. So ist dann nun eben auch mit der neuerlichen Kopftuchdebatte immer noch das alte Dilemma.