Was stimmt nicht mit uns?

Die meisten von uns wollen, jedenfalls solange sie jung sind, alt werden – manche sogar sehr alt. Aber alt sein wollen dagegen die wenigsten.

Persönlich gehöre ich nicht zu den Menschen, die gern betonen, dass doch jedes Alter seine schönen Seiten hat. Ich frage mich, weshalb sonst so viele Menschen Angst davor haben, alt zu werden?

Vielleicht hauptsächlich deshalb, weil wir so wenig darüber wissen. Nicht, dass wir uns dieses nicht, wie vieles andere, auch aneignen könnten. Nein, das ist es wohl nicht! Wir haben diffuse Gefühle, auch Angst, aber glücklicherweise funktioniert unser Verdrängungsmechanismus so vorzüglich. Außerdem sind Sterben und Tot insbesondere in unseren westlichen Gesellschaften Tabu-Themen und damit wohl automatisch auch das Alter.

Wie das aber so ist, wenn man Themen ausblendet, die zum Leben einfach dazu gehören, fallen sie einem zu gegebener Zeit umso erbarmungsloser vor und auf die Füße. Richtig deprimierend fand ich den Film, den ich mir diese Woche abends spät in meinem einsamen Hotelzimmer angesehen habe. Es war mir klar, was mich erwarten würde und trotzdem hat mich der Beitrag emotional arg mitgenommen.

Leider werden viele Menschen die Reportage in der ARD, die erst um 23.30 Uhr begann, wahrscheinlich nicht gesehen haben. Die Schicksale, die im Film dargestellt wurden, konnten keiner gesellschaftlichen Schicht zugeordnet werden.

Die erschreckende Zahl zu Beginn: Doppelt so viele Menschen über 60 bringen sich im Vergleich zu jüngeren um. Fast alle zwei Stunden stirbt ein Mensch über 60 Jahre in Deutschland durch eigene Hand.

Dabei betrachten wir es im Allgemeinen, jedenfalls in unseren jüngeren und mittleren Jahren, nach meinem Eindruck doch als Segen, dass die Lebenserwartung der Menschen heute so hoch ist und weiter steigt.

- ARD Mediathek – die komplette Reportage
“Ich will sterben – Wenn alte Menschen sich umbringen”

- Text zum Beitrag

Weshalb sehen die Betroffenen das dann häufig soviel anders? Natürlich gibt es darauf keine allgemeingültige Antwort. Die Gründe dafür sind so individuell wie die Menschen selbst.

Fortschreitendes Alter wird von vielfältigen Verlusten begleitet. So verrückt das klingen mag, aber die Verlustphase beginnt bei vielen bereits mit dem Ausscheiden aus dem Berufsleben, und es wird oft zeitgleich an der eigenen Person ein körperlicher und geistiger Abbau wahrgenommen. Zu solchen Erfahrungen kommen in späteren Jahren der Verlust von nahe stehenden Menschen und, bestimmt nicht zuletzt, die oft wahrgenommene und dann allgegenwärtig scheinende Armut an menschlicher Wärme in unserer Gesellschaft.

Vielleicht gerade deshalb wird das Alter von den Betroffenen zuvorderst als Ausgrenzungsbedingung der Gesellschaft gegen deren jüngeren Teil begriffen. Ich glaube, dass diese Ausgrenzung zunächst nicht in Kopf und Herz des Menschen stattfindet, sondern dass dies vielmehr das Resultat einer leistungs- und profitorienterten Umgebung ist. “Entlarvend” ist in dieser Beziehung für mich ein Begriff wie “zielgruppenrelevant”. Aber das ist auch nur ein einzelner Aspekt von vielen.

Wir haben uns auseinander dividiert. Vielfach aus Egoismus oder auch aus Gleichgültigkeit. Nur in wenigen Familien leben zwei oder gar mehrere Generationen unter einem Dach und natürlich geht es dort auch nicht immer spannungsfrei zu. Im Gegenteil, das ist durchaus problematisch aber allein diese Tatsache führt dazu, dass die Menschen mehr Verständnis füreinander haben und auch lernen, Rücksicht zu nehmen. Das tut Not und das würde für mich zum Idealbild einer Gesellschaft gehören.

«Das Leben ist ein Recht, keine Pflicht.» Diesen Satz sagte der 76jährige Ulrich N., der in der ARD-Reportage interviewt wurde. Er hat schon 3 Selbstmordversuche unternommen. Eine Dame begann zu weinen, als sie den für sie wohl wichtigsten Grund für ihren Selbstmordversuch nannte. Es war der Verlust an menschlicher Wärme. Es fehle ihr, dass niemand mehr da war, der sie einmal in den Arm nehmen würde. Auch diese einfache Feststellung hat mich ungeheuer stark berührt. Bestimmt auch, weil es so leicht nachzuvollziehen ist.

Kommentare

  1. Eines von vielen Tabuthemen, das sollte man ändern und offen darüber sprechen. Denn eines ist sicher, mit der Geburt ist ein Jeder von Uns dazu verdammt zu sterben. Das ist nun mal so und unumgänglich!

    Verdängen ist leichter als sich mit einem Thema zu beschäftigen und auseinanderzusetzen. Im Kern geht es um Wahrheit und Lüge, wobei die Lüge immer der Wahrheit vorgezogen wird, weil Lügen viel leichter ist als die Wahrheit. Warum das in unserer Gesellschaft so funktioniert, das weiss ich nicht, was ich aber weiss ist, das es mich anekelt.

  2. Horst meint:

    Vielleicht kommen die Probleme, die wir insbesondere im Westen mit dem Alter haben, daher, dass wir uns zuviel mit uns selbst und zu wenig mit anderen Menschen beschäftigen. Wir isolieren uns durch die verschiedensten Einflüsse.

  3. Ganz genau so ist es, der Zusammenhalt in der Deutschen Gesellschaft ist einfach weg. Damals direkt nach dem letzten Krieg, da bestand der Zusammenhalt noch im Volk und war so stark wie nie. Mit den Jahren hat das dann nachgelassen, weil es vom Staat nun ja auch nicht unterstützt wurde.

    Eher das Gegenteil wurde unterstützt, durch die ganze Globalisierung und die Vermittlung davon das alles immer ganz schnell gehen muss. Da bleibt eben kaum Platz in der Gesellschaft um sich auf die Wahren Werte des Lebens zu konzentrieren. Das ist traurig, wenn man das jeden Tag aufs neue immer wieder sehen muss. Es frustriert einen zudem auch sehr, weil man eben auch weiss wie wenig man daran ändern kann, so alleine.

    Klar in der Masse könnte man mehr erreichen, aber das ist Wunschdenken in Deutschland. So wie es mit der Politik läuft in Deutschland, das zeigt doch sehr gut, dass das Volk oder zumindest ein Großteil davon es einfach so hinnimmt.

  4. Horst meint:

    Wir laufen den falschen Dingen hinterher. Immer mehr Menschen scheinen das zu erkennen und orientieren sich um. Aber das dauert sehr lange. Auf “die” Politik/er können wir da nicht warten. Das müssen wir schon selbst in Angriff nehmen. Vielleicht liegt in den Folgen der Wirtschaftskrise in dieser Beziehung ja wirklich eine Chance dafür. :gut:

  5. Wenn es sich nur um ein paar falsche Dinge handeln würde, denen wir irrtümlicher Weise hinterherlaufen…..

    Die Wirtschaftskrise ist die Chance überhaupt, nur muss das Jeder erst mal begreifen. Vor allem aber müssen die Politiker damit aufhören die Steuergelder zu verzocken, für Banken die Fässer ohne Boden sind. Wenn scheisse baut und sein Geschäft gegen die Wand fährt, dann hilft einem der Staat auch nicht. So einfach ist das, PUNKT!

    Als Gemeinschaft sind wir stark und als Gemeinschaft könnten wir alle gemeinsam dafür sorgen das die Politiker für die Dummheiten die sie begehen auch entsprechend zur Rechenschaft gezogen werden.

  6. Horst meint:

    nastorseriessix: Wenn scheisse baut und sein Geschäft gegen die Wand fährt, dann hilft einem der Staat auch nicht. So einfach ist das, PUNKT!

    Genauso sollte es sein. :wolken:

  7. JürgenHugo meint:

    Da muß ich dich ein bißchen “schimpfen”? – warum guckst du dir denn sowas an? Du weiß doch wie du reagierst. Hättest du lieber mit deiner Frau telefoniert – das hätt´ dich aufgebaut für den nächsten Tag – und nicht niedergedrückt… :helm:

    Zum Alter: Das Ausscheiden aus dem Berufsleben is für viele so schlimm, wenn sie kein Hobby oder sonstige Interessen haben. Bei meinem Vater war das so. Mit 63 in Rente, kurz vorher war meine Mutter gestorben. Finanziell hat der keine Probleme gehabt – die Rente war i.O.

    Aber der hatte plötzlich garnix mehr: keine Aufgabe – und niemand war da (meine Eltern waren sehr aufeinander fixiert). Ich wohn in Bayern – und wir haben so kleine Probleme gehabt… Hobby hatte er auch keins. Er ist ja noch 80 geworden – aber eigentlich is er 2x gestorben…

Trackbacks

  1. Eben gebloggt: "Was stimmt nicht mit uns? | QuerBlog" ( http://bit.ly/3lD90 )