Was haben das Web und die Autobahn gemeinsam?
Das Internet hat unser Denken und Handeln verändert. Die heute bestehenden Handelsstrukturen werden radikal umgekrempelt werden. Jedenfalls gehe ich davon aus. Die Entwicklung ist rasant (auch wenn sie in Deutschland vielleicht noch etwas langsamer voran kommt). Auch die Politik wird durch das Web immer stärker beeinflusst und wahrscheinlich –jedenfalls auf Sicht- verändert.
Es entstehen ganz neue politische Konstellationen (Piratenpartei) und es verstärkt sich (leider!) die Distanzierung von den so genannten etablierten Parteien. Manches von dem, was auch ich an Kritik über Politiker so äußere, ist schon arg einseitig, und ich will (jedenfalls für mich) nicht bestreiten, dass einige Vorhaltungen, die ich den Politikern mache, manchmal oberflächlich sind. Zuletzt haben wir ein gutes Beispiel für die sich verändernde Bedingungen erlebt, als die SPD sich nämlich nicht, wie erhofft, gegen die vermeintliche Internetzensur gestellt hat.
Eine Menge Blogger und Networker haben sich stark gegen die Internetzensur engagiert und geben, auch nachdem unser immerhin gewähltes Parlament, das Gesetz hat passieren lassen, auch heute keinen Deut nach. Es zeigt sich teilweise ein Demokratieverständnis, das mir Baumschmerzen macht. Ich habe die Petition mit unterschrieben. Und mehr tue ich nicht. Die Piratenpartei werde ich wegen der Dinge bestimmt nicht wählen. Aber dazu habe ich an anderer Stelle schon was gesagt.
Daneben ist festzustellen, dass die Kritik der professionellen Journalisten an mancher Entwicklung des “Bürgerjournalismus” in einer Weise abgekanzelt wird, die von Intoleranz und auch von Herabwürdigung der anderen Seite gekennzeichnet ist.
War es das, was ich mir an Zuwachs an Freiheit, insbesondere natürlich an Meinungsvielfalt und -freiheit vorgestellt hatte? Schon bald nach meinen ersten Berührungen mit dem Internet habe ich eine vage Vorstellung davon bekommen, was sich mittels dieses neuen Mediums bewegen lassen oder bewegt werden könnte! Im Netz ist gern davon die Rede, dass man (wer immer das sein mag) Medienkompetenz erst erwerben müsse. Oh, ich habe am eigenen Leib erfahren, was man sich unter anderem darunter vorzustellen hat. Die Erfahrung bestand nicht nur darin, dass ich mich (als Neublogger) plötzlich mit ziemlich radikal geäußerten, anderen Meinungen auseinanderzusetzen hatte.
Ich erinnere mich an meine Anfänge als Blogger im Jahr 2004, als in dem damals bereits bekannten liberalen Blog “Stadler & Waldorf” (heute schreiben die Autoren für das Antibuerokratieteam) über einen meiner Artikel in einem damals für meinen Geschmack ziemlich drastischen und vor allem ungerechten Tonfall Stellung nahmen. Ich war plötzlich der “Multi-Kulti-Clown der Woche”. Also ich fand, die Jungs waren ganz schön hart, und ich hatte Mühe, die verbale Prügel wegzustecken.
In 2006 und 2007 habe ich für Urheberrechtsverletzungen insgesamt 3.500 Euro bezahlt! Für zwei Fotos, die ich unberechtigt in mein Blog eingefügt hatte. Eines davon war so groß wie eine Briefmarke. Die Fotos gehören dem Hamburger Fotografen, der seine Bilder nicht nur aber vorzugsweise auf einer Kochbuchseite dem geneigten Publikum offeriert und viele andere Blogger oder Foreninhaber mit Abmahnungen beglückt hat, weil diese ähnlich leichtsinnig, blöd und was weiß ich noch, vorgegangen waren. An diese Zeit erinnern meine Frau und ich uns sehr ungern. Neben dem vielen Geld, das wir bezahlt haben, haben die Diskussionen mit dem Rechtsanwalt des Fotografen lange nachgewirkt. Es kommt schließlich sonst nicht vor, dass ich als “Wiederholungstäter” bezeichnet werde.
Ich habe die Urheberechtsverletzungen begangen und meine Strafe dafür bekommen. Das wird mir nicht mehr passieren. Aber — weiß man’s? Wer bloggt, geht immer auch das Risiko ein, abgemahnt zu werden. Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie viele Blogs auch heute noch ganz sorglos mit fremden Fotos umgehen. Und das Risiko der Abmahnung gibt es nicht nur dann, wenn ein Blogger ein urheberrechtlich geschützes Foto veröffentlicht.
Es gibt noch viel zu lernen. Und dafür brauchen wir gewiss noch eine ganze Zeit.
Man bewegt sich im Web, so scheint jedenfalls die Wahrnehmung vieler Leute zu sein, so anonym wie auf der Autobahn. Das merkt man an der Art und Weise, wie manche Leute mit- oder besser gesagt gegeneinander kommunizieren.
Beispielhaft fand ich, wie die vielleicht gut gemeinte aber schlecht gemachte Kampagne von Vodafone von vielen im Web aufgenommen wurde und welche Eskalation es in diesem Zusammenhang bis in diese Woche hinein gegeben hat.
Teile der Kritik konnte ich nachvollziehen, manches aber –vor allem, was in Richtung der an der Kampagne beteiligten Blogger/innen- geschrieben wurde, war ganz schön hart.
Sascha Lobo, Nico Lumma und Ute Hamelmann wurden in einer Weise für ihre Beteiligung angegangen, dass ich nicht anders kann, als mich gegen die Kritiker und mindestens symbolisch (das hilft denen wohl eher nicht) hinter die in dieser Weise Angegriffenen zu stellen. Ich bin froh, dass ich zum Glück in der Blogszene auch Meinungen finde, die meiner Sichtweise entsprechen oder doch sehr nahe kommen. Ute Hamelmann, alias Frau Schnutiger, hat das Bloggen aufgegeben und sah sich sogar gezwungen einen, wie ich fand, sehr guten, weil nachdenklichen Artikel, wieder zu löschen, weil selbst diese in meinen Augen sehr gute Reflektion der Vorgänge, auch wieder zu pöbelhaften Reaktionen von großen Teilen der Blogsphäre geführt haben. Twitter war natürlich ebenfalls an dieser Kampagne beteiligt. Manche schrieben von verlorenen Idealen der Blogsphäre. Wo bitte sollte es die denn je gegeben haben? Bestehen sie etwa darin, andere in der gehabten Art und Weise zur Sau zu machen?
Wir leben seit Jahrzehnten mit Werbekampagnen, die sich gegenseitig an Blödheit überbieten. Dazu äußern wir uns nicht. Vielleicht hat das auch wenig Sinn. Dafür kritisiert man die Öffentlich Rechtlichen Rundfunkanstalten wegen der “Zwangsgebühren”. Die Privaten werden derweil mit den sie finanzierenden Werbeblöcken völlig unkritisch konsumiert. Passt das wirklich zusammen, gerade wenn man sich die Kritik an der Vodafone-Kampagne vor Augen hält? Es kommt einem doch so vor, als hätte man auf eine Gelegenheit gewartet, um übereinander herzufallen.
Upgrade: Ich lese gerade im Moment bei meinen Recherchen einen Artikel von Don Dahlmann. Er hat mit dem Erlebten der letzten Wochen ganz ähnliche Probleme wie ich sie hier ebenfalls äußere.
Foto von blackmac @pixelio.de

Horst Schulte
Eben gebloggt: "Was haben das Web und die Autobahn gemeinsam? | QuerBlog" ( http://bit.ly/3ySAw7 )
JürgenHugo
Horst – du nimmst dir das alles viel zu sehr zu Herzen! Gut, die 3500,- sind ´ne Menge Geld – das kann ich voll nachvollziehen.
Aber das andere, die verbale “Anmache” – da mußt du entweder drüber stehn – oder wie ich reagieren. Volle Breitseite zurück – doppelt! Dann kriegst du wenigstens keine Magengeschwüre!
Und die anderen, wie der Herr Lobo – die müssen das auch können! Wer sich auf den Marktplatz stellt – auf den gucken die Leute. Und wer sich wie der “Rotschopf” in die Mitte stellt – auf den gucken sie noch mehr!
Zuviel Mitleid ist da fehl am Platz – wer die Öffentlichkeit sucht, der muß mit ihr leben! Und gerade der Herr Lobo versteckt sich ja nun nicht gerade still in seinem Kämmerlein!
Aber du wirst dir das weiter so zu Herzen nehmen – ich werd´s nich ändern können. Vielleicht mag ich dich und deinen Blog ja deswegen so gut leiden – wer weiß? :gut:
Und jetzt hörst du dir “Florentinische Nächte” von Rudi Schuricke an – das entspannt dich Sonst schick ich dich in den “Müffel-Keller”. :tulpe: So. Und du kannst denken: hätt ich “gaanich” gedacht, das der JürgenHugo sich sowas anhört.
Wenn irgendjemand z.B. schreiben würde, das ich einen abartigen Musikgeschmack habe – der könnte das ruhig tun – er müßte allerdings mit meiner Antwort auch zurechtkommen… :helm: Die käm nich im 3/4 Takt…
Manchmal braucht man eben ein LmA-Gefühl – auch du, Horst! So, und jetzt fang ein schönes Weekend an – und wenn du mir sagst, das dir die “Florentinischen Nächte” wenigstens ein bißchen gefallen – dann wär das nich schlecht…
jo@chim
Du hast Dich gerade geoutet Horst: Statler schreibt seit einem Jahr nimmer bei uns. Wir waren dann doch zu libertär und zu wenig schönwetterneoliberal…
In Sachen Lobo et all.: die überhebliche und selbstreferentielle Bloggerszene ist nur neidisch, Eine wirklich widerwärtige Kampagne kleiner Bloggerlichter, die sehr sehr leise waren als Du eine Menge Kröten abdrücken musstest – und die jetzt umso lauter sind, weil sie vermuten, dass die Jungs & Mädelz mit ihrem Vodafone Deal ein paar Cent verdient haben.
Horst
@Joachim: Na, ihr habt so viele gute Autoren. Da ist mir das gar nicht aufgefallen
Horst
@Jürgen: Mich regt das schon auf. Ja, aber zu Herzen geht mir das nun nicht – auch wenn mein Text vielleicht den Eindruck erweckt hat. Mich stört allerdings, dass ein paar Leute, insbesondere Frau Schnutiger für einen solchen Kram in dieser Form angegangen wird. Das ist nicht in Ordnung. Lobo und Lumma sind professionell involviert. Ihren Anteil an dieser Sache muss man also schon ein wenig anders bewerten. Trotzdem. Hmm. Die Blogsphäre tickt nicht richtig. Alles Wichtigtuer, die zu Hause wahrscheinlich nix zu sagen haben. Das haben wir immer gesagt, wenn wir in der Jugendfeuerwehr früher von unseren Ausbildern gepiesackt wurden.
Andreas
Da bin ich ja froh, dass mir Werbung recht egal ist – Marke und Firma ist Wurst … alles eine Soße. Mir ist an dem Vodafone-Spot im Fernsehen lediglich aufgefallen, dass er ziemlich langweilig und eintönig ist und mich *überhaupt nicht* anspricht. Wer da für wieviel und warum mitmacht … who cares.
Allerdings ist der Vodafone-Spot noch lange nicht so dämlich, wie die Cola-Werbung mit diesen Puscheltieren in dem Keyboard. *Da* ist fremdschämen angesagt
Horst
Ja, genau. Wir können ja mal den dämlichsten Werbespot aller Zeiten auswählen. Ich fand Clementine von Ariel immer besonders furchtbar. Aber die Gute ist ja nun nicht mehr unter uns und ich will ja nichts Schlechtes über sie sagen… :geist:
JürgenHugo
jo@chim:
“die überhebliche und selbstreferentielle Bloggerszene ist nur neidisch, Eine wirklich widerwärtige Kampagne kleiner Bloggerlichter, die sehr sehr leise waren als Du eine Menge Kröten abdrücken musstest – und die jetzt umso lauter sind, weil sie vermuten, dass die Jungs & Mädelz mit ihrem Vodafone Deal ein paar Cent verdient haben.”
Kleingärtner sach ich nur – Klein”st”gärtner…viele sind doch froh, wenn sie ihren Namen richtig schreiben können – aber’n Blog machen…
Solche “Wichtigtuer mit Scheuklappen” hats immer schon gegeben, früher waren die aber auf ihre Dorfkneipe beschränkt. Heute können sie ihren “Dummfug” mittels Net + Blog viel weiter verbreiten – und viel mehr Leute nerven…
Wenn die sich nerven lassen…Die Frau Schnutiger hätt das ganz anders machen sollen: Noch´n Spot für Vodafone – und auf ihre Blog-Seite ein großes “LmA” – aber ausgeschrieben…
:helm: 8)