Ja, lasst uns reden!

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Das Interview, das die TAZ mit der Bloggerin Kübra Yücel geführt hat, gefällt mir überhaupt nicht. Vielleicht deshalb, weil ich sehr wohl auch merke, dass sich das Klima hier in Deutschland verändert hat und zwar schon seit einigen Jahren.

Es gibt zu viele Websites, auf die man beim Surfen stößt, deren Inhalt einem einzigen Thema gewidmet ist. Nämlich dem Kampf für die Werte des Abendlandes. Die sind nicht nur in Deutschland, sondern wie man seit Geert Wilders weiß, auch in den Niederlanden in höchster Gefahr.

Mich irritiert es immer noch, dass besagte Websites unglaublich viele Leserinnen und Leser haben. Es wäre zu einfach, diese Leute einfach als Nazis oder Islamhasser abzuqualifizieren. Trotzdem werde ich wütend, wenn ich sehe, welcher Art viele der Kommentare sind. Wahrscheinlich werden viele, auch viele der Besucher dieser Seiten, das nicht so viel anders sehen als ich.

Nur — es gibt eben (leider) auch diejenigen, die es genauso meinen, wie sie es dort aufschreiben. Dialoge sind dort in der Regel unerwünscht, abgesehen davon, dass man (jedenfalls bei PI-News) anmelden muss, bevor man überhaupt kommentieren kann. Diese Mühe mache ich mir schon deshalb nicht, weil ich vor ein paar Jahren mal auf übelste Weise beschimpft worden bin. Das geht allen so, die sich dort auch nur ansatzweise kritisch äußern. Dabei sind doch gerade die PI’ler die, die etwas gegen den “Mainstream” haben.

Nur, wo käme man hin, wenn man die Meinung anderer Leute respektieren würde? Die Gegner werden, wenn sie “Glück” haben, als Multi-Kultis, Gutmenschen oder Kulturbereicherer bezeichnet. In der Wortwahl ist man überhaupt nicht zimperlich. Gut, gerechter Weise muss man festhalten, dass auch die Gegner dieser Seiten sich in ihren Repliken nicht gerade zurückhalten.

Wenn man also überlegt, dass allein PI täglich so ca. 30.000 Seitenzugriffe zu verzeichnen hat (vielleicht sind es auch mehr oder ein paar weniger?), kann man nur konstatieren, dass wir in Deutschland offenbar kein hinreichendes Problembewusstsein haben, u.a., weil sich doch die Mainstream-Medien von den “Vorgängen” kaum von dieser fortwährend beschriebenen Bedrohung beeindrucken lassen. Der latente Konflikt zwischen Christen (oder sind es die anständigen Deutschen?) und Muslimen findet in der “großen Öffentlichkeit” kaum statt – jedenfalls beklagen die Autoren der Websites das sehr oft.

Dort wird der Konflikt jedenfalls thematisiert und (vor allem) angereichert. Jeden Tag gibt es irgendwelche neuen Geschichten, die den geneigten Leserinnen und Lesern aufzeigen (sollen), wie furchtbar der Islam ist. Viele fahren voll drauf ab und kommentieren, was das Zeug hält. Ich würde das zum Teil einordnen in die unterste Schublade, allerdings im Kellerschrank.

Inwieweit können solche Storys die Stimmung im Land verändert haben? Keine Ahnung, ob überhaupt!

Oder — gibt es neben der letztlich doch eher bescheidenen Anzahl von Menschen, die diese “Publikationen” lesen, einen größeren gesellschaftlichen Trend, ein Problembewusstsein, das sich nun als Diskriminierung islamischer Mitbürgerinnen und Mitbürger entlädt?

Ich denke, dass es genauso sein könnte. Wahrscheinlich hat es -ganz unabhängig von PI und Konsorten- auch mit dem zu tun hat, was 2001 in den USA geschehen ist. Es sind islamische Terroristen (und zwar fast immer!), die die ganz überwiegende Anzahl der Anschläge auf dieser Welt begangen haben. Da muss man nicht nur nach Afghanistan, Pakistan oder in den Irak sehen. Diese “Erfahrung” entfaltet in vielen Gesellschaften eine Wirkung, die den muslimischen Menschen, die hier friedlich mit uns leben wollen, natürlich nicht gerecht wird. Die Öffentlichkeit reagiert seitdem anders auf Ereignisse wie Ehrenmorde oder anderen Gewalttaten von Muslimen.

Wenn wieder eine Frau brutal ermordet wurde, weil sie gegen die Ehre eines anderen verstoßen hat, bringen wir dafür heute kein Verständnis mehr auf. Das ist richtig, und wir hätten gegen solche Verbrechen viel früher massiv vorgehen müssen. Ich rede von allen Mitteln, die der Rechtsstaat in diesen Fällen vorsieht. Aber ich spreche auch von einem gesellschaftlichen Diskurs, der sich nicht darin erschöpfen kann, dass man womöglich nur in abstrakter Art und Weise auf die Verbrechen eingeht.

Es hätte von Beginn an klar gestellt werden müssen, dass in Deutschland für solche “Sitten und Gebräuche” kein Platz ist. Wer das dann als Diskriminierung betrachten möchte, was ja sein könnte, soll das ruhig tun.

Die über Jahre festzustellenden Versäumnisse sind der gesamten Gesellschaft anzulasten und haben dazu geführt, dass heute Maßnahmen wie das Kopftuchverbot in ganz anderer Form diskutiert werden. Ich bin persönlich gar kein Freund solcher Verbote und habe das hier auch schon häufiger geschrieben.

Meine erste Erfahrung hatte ich mit 14. Ich wurde mit meiner Schwester zusammen in der U-Bahn von einer Frau gefragt, warum ich denn ein Kopftuch trüge. Sie wollte aber gar nicht, dass ich antworte. Sie hat einfach ihren Frust herausgelassen. Dann habe ich lange Zeit keine Diskriminierung erfahren.
(Quelle)

Ich weiß nicht, ob man anhand dieser Beschreibung der Bloggerin und Journalistin Kübra Yücel von Diskriminierung sprechen kann. Dafür ist mir dieser Vorgang zu ungenau beschrieben. Wahrscheinlich sind Beleidigungen, wie die, von denen hier die Rede ist, durchaus justiziabel:

Ja. In den letzten zwei Jahren habe ich immer häufiger das Gefühl, diskriminiert zu werden. Ich wurde in Stadtteilen von Hamburg, wo man kein rechtsextremes, islamophobes Gedankengut zu finden glaubt, diskriminiert. Akademisch gebildete Menschen beschimpften mich als „Schleiereule.“ Ich habe des Öfteren hören müssen: „Guck mal, jetzt laufen sie hier schon ‘rum mit dem Kopftuch.“ Einmal hat ein wohlhabend aussehender älterer Mann meine Freundin in einem noblen Einkaufszentrum in Hamburg wegen ihres Kopftuchs beleidigt. Er sagte: „Du bist so hässlich. Du bist so hässlich!“

Vielleicht halten wir uns, wie früher auch, zurück und kritisieren muslimische Frauen nicht dafür, dass sie Kopftücher tragen, bzw. weil uns das nicht gefällt. Haben wir in diesem Fall bereits etwas für die Integration unserer muslimischen Mitbürgerinnen und Mitbürger getan? Oder knüpfen wir ggf. nur dort an, wo wir in den vergangenen Jahrzehnten gestanden haben? Wir sprechen von Toleranz, aber in Wahrheit müsste man das Verhalten Gleichgültigkeit nennen. Jeder weiß das, aber es war bis zu einem bestimmten Zeitpunkt doch so bequem, sich an solchen Diskussionen erst gar nicht zu beteiligen und dazu am besten gar keine Meinung zu haben.

Das hat uns in die Bredouille gebracht, aus der wir jetzt, trotz “intensiver staatlicher Bemühungen” (Integrationsgipfel, Islamkonferenz), nicht mehr so einfach herauskommen. Die muslimischen Deutschen fühlen sich von den christlichen oder atheistischen Deutschen unverstanden und diskriminiert und sagen das auch noch laut. Mehr noch, es gibt sogar solche Stimmen, wie die von Kübra Yücel, die sagen (wohl zu unserem großen Unbehagen), die Entwicklung der letzten Jahre in Deutschland habe den Mörder Marwa el Sherbinis überhaupt erst zu dieser Tat gebracht. Darüber muss man nachdenken.

Foto von philadelphos @ Pixelio.de

Kommentare

  1. JürgenHugo meint:

    Naja – ´n bißchen sehr wohlwollend is deine Meinung zum Islam schon… :schade:

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  2. Horst meint:

    Wohlwollend würde ich nicht einmal sagen aber differenziert ist sie schon. Zumindest versuche ich das. Wir leben in diesem Land zusammen und haben streng genommen auch keine anderen Optionen, als ein vernünftiges Zusammenleben hinzubekommen. Ich weiß nicht, was den “anderen” in dieser Frage so vorschwebt. Ich korrigiere mich: Ich weiß es schon aber genau das fordert ein klares Bekenntnis von denen, die anderer Meinung sind.

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  3. Siegfried meint:

    Da ich Deinen Artikel erst danach gelesen habe, hier mein manueller Trackback: http://www.rorkvell.de/news/2009/Gleichberechtigung.html.de

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