Wir sind an den Schrecken gewöhnt, und deshalb ändert sich nichts
Dominik Brunner ist nicht gestorben, weil er Zivilcourage zeigte. Vielmehr starb er, weil die nicht wussten, wie man Zivilcourage zeigt, die seinem Sterben tatenlos zusahen.
Quelle: Die alltägliche Gesetzlosigkeit – Kölner Stadt-Anzeiger | Link
In einem leidenschaftlichen Leitartikel hat sich Peter Pauls, Chefredakteur beim Kölner Stadt-Anzeiger, gegen die “alltägliche Gesetzlosigkeit” in Deutschland gewandt. Er schreibt, dass auch von diesem Fall nur deshalb etwas in unserer Erinnerung haften bleiben werde, weil dieser sinnlose Tod einen Menschen traf, der aus der Mitte unserer Gesellschaft kam. Nur deshalb könnten sich so viele mit Dominik Brunner identifizieren.
Diese Feststellung hinterlässt bei mir einen faden Beigeschmack. Soll das heißen, dass wir (die Mitte) weniger betroffen sind, wenn es Menschen aus einer anderen gesellschaftlichen Schicht getroffen hätte? Diese Frage thematisiert Herr Pauls gar nicht, und er hat es auch nicht so gemeint, wie es bei mir angekommen ist.
Ich glaube, solche Unterschiede machen wir nämlich doch. Wird ein Penner auf offener Straße von Jugendlichen angegriffen und schwer verletzt oder (was auch schon passiert ist) sogar getötet, reagieren wir weniger betroffen – jedenfalls nach meinem Gefühl.
Auch daran merkt man, dass diese Gesellschaft sich zu ihrem Nachteil verändert hat. Außerdem müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass Betroffenheit allein einfach nicht genügt. Allerdings haben wir in dieser Lage bestimmt auch einige Argumente zu unserer Entschuldigung zur Hand. Die Überflutung mit schlechten (auch solchen) Nachrichten ist nur eines, auf das man gleich kommen wird. Und ich würde das auch jedem abkaufen – auch mir selbst. Wer unaufhörlich mit Gewalt konfrontiert wird, stumpft ab. Und am Ende einer solchen Entwicklung steht die Verrohung einer ganzen Gesellschaft.
Keine Umkehr durch Appelle
Rufe nach früher einmal gelebten Werten und Tugenden werden wohl nicht ausreichen, um uns zu einer Umkehr zu bewegen. Bei anderen Diskussionen geht es darum, dass schärfere Gesetze oder Strafen geschaffen und angewendet werden sollen. Dabei hätte man, wie jedenfalls immer behauptet wird, schon heute ausreichende Möglichkeiten, auch jugendliche Gewalttäter härter zu bestrafen, als dies heute passiert. Vielleicht gibt es dafür auch genug gute Gründe. Mit Vorbehalten gegen die Hardliner muss man auch immer sparsam umgehen. Man will ja nicht als Gutmensch oder Weichei betrachtet werden. Deshalb stehen manche heute gerade in solchen Diskussionen nicht mehr zu ihren liberalen Grundüberzeugungen. Toleranz ist auch einer der in Verruf geratenen Werte. Man muss geradezu vorsichtig sein, um ihn hochzuhalten, denn es gibt schon genügend Leute, die einem das aber so etwas von übelnehmen.
Haben wir noch das Gefühl, in einem sicheren Land zu leben oder führen die Übergriffe, insbesondere von jugendlichen Tätern, dazu, dass wir zu unserem Schutz nach mehr Staat rufen?
Jugendliche scheinen mit besonderer Brutalität auch gegen ältere Menschen vorzugehen. Ich kenne selbst aus unserem ländlichen Raum Beispiele dafür, wie sich das im alltäglichen Leben darstellen kann, und ich frage mich immer, wenn einer neuer Fall öffentlich wird, wie es soweit kommen konnte und was der Antrieb für die Täter ist. Geldnot wird es wohl nicht sein.
Auch meine Schwiegermutter (85) wurde vor Monaten von zwei Jugendlichen vor ihrer Haustür überfallen und beraubt und das am hellichten Tage. In einem Nachbarort versuchten Jugendliche, die selbst in diesem Dorf wohnen, in ein Haus einzubrechen. Am Tage. Durch aufmerksame Nachbarn konnte das verhindert werden. Die Polizei kam und kümmerte sich. Die Burschen kamen nach kurzer Einvernahme auf dem Polizeirevier wieder nach Hause. Sie hatten bei der Festnahme sogar Drogen dabei, waren aber so geschickt, diese kurz vor ihrer Festnahme zu entsorgen. Das war von einem anderen Jugendlichen beobachtet worden. Allerdings hat er keine Aussage dazu gemacht, weil er selbst mit den Tätern an eine Schule geht und im gleichen Fußballverein spielt. Ich kann das verstehen. Nicht jeder ist dazu geboren, hinzusehen und Anstoß zu nehmen und wer weiß schon, was aus solchem “Verrat” werden kann. Das war wohl auch früher schon so, nur sind die Methoden, die in unserer Zeit angewandt werden, wohl schon ein wenig rauher.
Lügen die oder spinnen wir?
Wie kann es eigentlich sein, dass die Behörden uns vermitteln, dass die Zahl der Straftaten (auch die von jugendlichen Tätern) über die Jahre zurückgegangen wäre, wir aber eine völlig andere Wahrnehmung haben?
Ist es zum Beispiel jugendlicher Übermut, wenn man heute wieder und wieder erlebt, wie Jugendliche insbesondere ältere Leute anschreien, sobald sie sich auf gleicher Höhe auf dem Fußgängerweg befinden und sich dabei anscheinend königlich darüber amüsieren, wie die Leute sich erschrecken? Mir ist das selbst schon passiert, und ich hätte um ein Haar die schönste Schlägerei am Hals. Erst kürzlich habe ich das wieder beobachtet. In diesem Fall war das Ziel der Attacke eine alte Frau. Wieder stieg in mir eine ungeheure Aggressivität auf. Eigentlich ist das überhaupt nicht meine Art, und natürlich ärgere ich mich dann über mich selbst. Eine gehörige Portion Wut könnte die Bereitschaft steigern, in solchen und anderen Fällen Zivilcourage zu zeigen. Aber diese Art von Reaktion ist nicht gemeint.
Echte Zivilcourage kann nicht gefordert werden. Ich glaube auch nicht, dass man diese erlernen könnte. Sie steckt in einem drin, sie ist das Resultat einer Erziehung, die man genossen hat oder nicht.
Keiner wird im Vorhinein von sich sagen können, wie er sich in einer ähnliche Situation wie die “Zuschauer” beim Tod von Dominik Brunner verhalten würde. Wenn man heute verfolgen muss, für welche Nichtigkeiten, Menschen in lebensbedrohende Situationen gebracht werden kann man schon verzweifeln. Es reicht, irgendeinem Spinner eine Zigarette abzuschlagen.
Eine gewagte These
Direkt neben dem besagten Leitartikel stand eine Kolumne einer 20jährigen Redakteurin des Kölner Stadt-Anzeiger. Julia Lappert fordert zur Online-Debatte auf. Titel ihrer Kolumne war “Abschied vom Beziehungstyp Ehe”. Das hat mich irgendwie gleich wieder auf die Palme gebracht.
Auch die Ehe ist ein Wert, jedenfalls für mich. Einer, der ebenfalls immer mehr an Bedeutung verloren hat. Fast jede 2. Ehe wird geschieden.
Und überhaupt, nach 33jährigen Ehe haben meine Frau und ich wenig Neigung, uns von irgendeinem Greenhorn vorhalten zu lassen, dass wir noch nicht mitgekriegt hätten, dass der graue Alltag auch in unsere Ehe eingezogen wäre. Die Romantik sollte demnach längst aufgebraucht sein und von ewiger Liebe hält Frau Lappert nichts. Schön aber unrealistisch befindet sie.
Jeder soll so leben, wie er mag. Ich bin dafür, dass auch andere Lebensgemeinschaften (und zwar alle) gleich behandelt werden sollten. Die Ehe ist aber deshalb für mich noch lange kein auslaufendes Modell. Natürlich hat das damit zu tun, dass ich konservativen Werten anhänge (so ungern ich das auch feststelle). Aber liegt nicht genau an diesem Punkt auch einer der Gründe dafür, dass wir uns über verlorengegangene Werte Gedanken und auch Sorgen machen? Wir machen es uns einfach zu leicht und zu bequem. Es sollte nicht so sein, dass wir die Gründe für gesellschaftliche Fehlentwicklungen woanders als bei uns selbst suchen. Auch dann nicht, wenn es um so altmodische Begriffe wie Treue geht.
Tradition ist nicht die Weitergabe der Asche, sondern die des Feuers!
Es schadet, glaube ich nicht, wenn man sich über diesen Satz, den ich kürzlich einmal irgendwo las, nachzudenken.

Horst Schulte
Eben gebloggt: "Wir sind an den Schrecken gewöhnt, und deshalb ändert sich nichts — Querblog.de" ( http://bit.ly/3aKFY6 )
blogZicke
klar, ist ja auch einfacher, wenn das Feuer erlischt, sich einfach einen neuen zu suchen.
Horst
So sehe ich das auch. Dann kommt aber gern das Argument, dass man sich in einem solchen Fall besser trennt, als sich gegenseitig das Leben zu vermiesen. Es gibt allerdings noch einen dritten Weg: Man könnte sich einfach Mühe geben, dass es klappt. Das aber ist Arbeit, manchmal auch harte Arbeit. Vielleicht klingen solche Aussagen in den Augen mancher Leute etwas reaktionär. Aber das ist mir egal. Bisher hat die Methode bei uns jedenfalls funktioniert :)