Mobbing war gestern, Twittern ist heute

Früher war sogar das Verlieren einfacher. Sag ich mal als SPD – Wähler, der doch mit 25 oder knapp drunter für die Partei gerechnet hatte. Aber ärger ist mir, was man sich als Wahlverlierer für einen Haufen Scheiße anlesen kann wenn man sich bei Twitter umsieht. Mobbing war gestern, Twittern ist heute.

Die Wählerinnen und Wähler wollten Westerwelle als Außenminister, stimmten für Sozialabbau. Arbeit soll sich wieder lohnen. Ich bin überzeugt, dass wir uns bald umsehen werden. Mit der SPD ist ein Korrektiv aus der Regierung ausgeschieden, das die CDU in eine politische Richtung bugsiert hat, für die Merkel am Ende ihrer ersten Legislaturperiode hörbar in der eigenen Partei kritisiert worden ist. Das allein war auch der Grund dafür, dass sie sich in den letzten Wochen klar für den Vorrang von schwarz/gelb ausgesprochen hatte.

Das so genannte bürgerliche Lager ist nun Realität. Und diese wird dazu führen, dass sich ein paar Leute schon sehr bald die Augen reiben werden. Da helfen übrigens Flashmobs auch nicht weiter.

“Denn auch die Twitterer und Blogger beanspruchen ein recht weites Areal an Wahrheiten”, meint Thomas Hinrichs vom Tagesschaublog.

Dieser kritische Hinweis trifft den Kern. Alle scheinen einfach alles zu wissen und das vor allem besser. Das SPD-Bashing im Internet hat vermutlich einen ordentlichen Beitrag dazu geleistet, dass die Partei bei den unter 30jährigen so massiv Stimmen verloren hat. Man ist ja cool aber vor allen Dingen ist man allwissend. Dass das andererseits nicht dazu geführt hat, dass die Piratenpartei über 2% hinausgekommen ist, ist für mich nur ein schwacher Trost! Flashmobs als politisches Stilmittel – was für eine Scheiße. Wenn man doch wenigstens zugeben würde, dass man nur spielen will, Spaß haben. Aber nein, diese “Kulturtechnik” wird als Form einer neuen politische Meinungsbildung gefeiert. Das ist wirklich fade und dumm.

image Wie wohltuend sind in dem Wirrwarr der allgemeinen Kommentare (jedenfalls denen, die ich gehört habe) die von Henning Scherf. Er machte die Dimension des Vertrauensverlustes klar, mit dem die SPD konfrontiert wurde. Und er appelliert an seine Partei, das Ergebnis als solches auch anzunehmen und einen langen Anlauf zu nehmen, um die Aufgaben bewältigen zu können.

Mich treibt die Frage um, ob sich die SPD von dieser Niederlage erholen wird ob ob ihre Zeit als Volkspartei passé ist. 10 Millionen Wähler hat sie seit 1998 verloren. Der Preis für Hartz IV und die Agenda 2010 wurde heute bezahlt. Und das vielleicht wirklich, obwohl diese Politik (gegen die ich persönlich auch immer gewesen bin) angeblich doch auch für über 2 Millionen neue Arbeitsplätze “gesorgt” hat. 


Kommentare

  1. Twitter als neues Werkzeug zum Mobbing zu sehen ist mal eine neue Alternative Sichtweise finde ich. Da Mobbing heutzutage ja schon eher im Internet stattfindet, als wie im realen Leben, funktioniert ja auch einfacher. Die Auswirkungen sind nur viel brutaler wie ich finde.

    Für mich gab es heute nur “GRÜNE DOPPELSTIMME” bei der Wahl!

  2. Carsten meint:

    “Das SPD-Bashing im Internet hat vermutlich einen ordentlichen Beitrag dazu geleistet, dass die Partei bei den unter 30jährigen so massiv Stimmen verloren hat.”

    Das wage ich mal ernsthaft zu bezweifeln. Was mich mit am meisten gestern Abend aufgeregt hat war das Gejubel der SPD-Anhänger als Steinmeier und Müntefering von dem desaströsem Ausgang der Wahl berichteten!

    Haben die den Knall nicht gehört? Deutschland will nicht so eine SPD! Jetzt ist es sogar amtlich. Aber die jubeln Ihren “Spitzenpolitikern” zu als hätte das Ergebnis keine Aussagekraft. Zwischenzeitlich dachte ich ernsthaft die “Flash-Mobber” hätten jetzt die SPD auf dem Kiecker und das Ganze wäre nur inszeniert…

    “Mich treibt die Frage um, ob sich die SPD von dieser Niederlage erholen wird ob ob ihre Zeit als Volkspartei passé ist. 10 Millionen Wähler hat sie seit 1998 verloren.”

    Erholen wird sie sich so schnell nicht davon. Ich hoffe nur das auch mal Konsequenzen gezogen werden und das nicht so weitergemacht wird wie bisher.
    Diese Wahl war keine Ohrfeige, sondern ein Schlag ins Gesicht!

  3. Horst meint:

    Das war ein Schlag ins Gesicht und die Partei hat sich diesen Schlag verdient. Dieser Meinung bin ich auch und meine Kommentare im Blog sind (meine ich) auch entsprechend. Übrigens war das unangemessene Geklatsche der Leute im Willy-Brandt-Haus vermutlich als Trost oder Aufmunterung zu verstehen. Aber es kam doch arg dumm rüber.

    Ich sehe es so, dass nun ein wichtiges Korrektiv in der Regierung fehlt (auch wenn die SPD bisher nicht als solches wahrgenommen wurde). Vielleicht werden wir das bald sehen. Ich glaube nicht, dass die Beteuerungen der FDP-Führung, dass die Vorbehalte des linken politischen Spektrums unbegründet seien, den Erfahrungen standhalten werden. Aber warten wir’s ab. Die SPD hat jetzt ihre Aufgabe in der Opposition wahrzunehmen. Hoffentlich macht sie wenigstens das gut. eine personelle Erneuerung tut noch. Die Partei muss nach links. Das geht mit diesem Personal nicht!