Sarrazin: Ehrlich ist er ja

Wie werden sich die Türken fühlen, die hier zu Hause sind und auf die die sarrazin’schen Bemerkungen überhaupt nicht zutreffen? Ich spreche nicht von irgendwelchen Funktionären, von denen wir wissen, was sie von den neuen Tiraden des ehemaligen Berliner Finanzsenators halten. Ich jedenfalls wäre schwer beleidigt und wütend. Und seine Vorhaltungen hätte mir einen Stich versetzt, der wahrscheinlich nachhaltig wirken würde.

Die letzten “Wahrheiten” von Thilo Sarrazin (SPD) zwingen uns, vor allem durch die zu erwartenden Reflektionen in den Medien einmal wieder dazu, uns mit den Fortschritten der Integration auseinander zu setzen. Seine Worte haben gesessen – wieder muss man hinzufügen. Es ging gegen die Migranten allgemein und die Türken im Besonderen. Der Vorstandschef der Bundesbank, Axel Weber, legte ihm heute den Rücktritt als Vorstand nahe.

Sarrazin Zitate, die insbesondere auf Ablehnung stießen:

  • Die Türken erobern Deutschland genauso, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben: durch eine höhere Geburtenrate.
  • Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert.

Quelle: Nach Kritik an Einwanderern: Bundesbank-Chef legt Sarrazin Rücktritt nahe – SPIEGEL ONLINE – Nachrichten – Wirtschaft | Link

Verallgemeinerungen dieser Art, gepaart mit einem durchschimmernden Schuss Menschenverachtung, passen für mich nicht zu einem Mann, den ich zu den intelligentesten und ehrlichsten Politikern des Landes zählen würde. Nur – sagt man so etwas?
Man denkt sich sein Teil aber spricht so etwas doch nicht aus, denn mit solchen Sätzen macht man sich in unserer Gesellschaft unmöglich. Und man wird dem rechten Mob zugeordnet. Das geht ruck zuck. Wahrscheinlich zählt dieser “deutsche” Reflex im weltweiten Vergleich zu den schnellsten überhaupt. Das könnte ein Fehler sein.

Wir werden die Probleme, die offenbar große Teile dieser Gesellschaft mit der Integration von Ausländern hat, jedenfalls nicht lösen, wenn wir über alle Konflikte im Zusammenleben den Mantel des Schweigens legen.

Wenn Menschen provozieren tun sie das nicht ausschließlich aus dem Grund, weil sie hasserfüllt und voller Abneigung wären, sondern oft auch deshalb, weil sie auf Missstände hinweisen wollen. Missstände, die sie erkannt haben, und von denen sie glauben, dass weite Teile der Gesellschaft diese aus unterschiedlichen Gründen nicht realisiert hat oder nicht realisieren will. Provokation erfolgen durch drastische Worte und Aktionen. So kann eine breite Öffentlichkeit erreicht werden. Heute mehr denn ja. Die Medien springen auf solche Dinge an und das wissen nicht nur Politiker.

Es leben etwa 2 Millionen türkischstämmige Menschen in Deutschland. Es gibt Leute, die in dieser Tatsache eine Bedrohung sehen. Viele kennen Situationen, in denen Gruppen junger Ausländer Gehwege versperren und auch alten Menschen keinen Platz machen. Eine typische Schilderung, die ich schon häufig gehört habe. Polizisten trauen sich nicht mehr, in bestimmten Bezirke mancher Großstädte Streife zu gehen (sah ich diese Woche in Kontraste, einem ARD Magazin). Auch reicht in diesen Fällen die Besatzung eines Streifenwagens nicht mehr aus, um für Ordnung zu sorgen. Die Gewaltbereitschaft junger Migranten ist ein offensichtliches Problem, dem sich die Gesellschaft nicht länger ausweichen darf! Das muss thematisiert werden, aber vor allem muss der Wille dahinter erkennbar werden, dass dieses Problem nachhaltig gelöst werden muss. Mehr Sozialarbeiter, bessere Bildung sind Stereotypen, die ich in diesem Zusammenhang nicht mehr hören kann. Es muss mehr geschehen. Vor allem tun Arbeitsplätze not. Und was, wenn wir Arbeitsplätze für ungelernte Arbeiter nicht mehr zu Verfügung stellen können? Was passiert mit dieser Generation junger Leute? Können wir es uns erlauben, sie zu vergessen bzw. verdrängen, dass es sie gibt?

Vielleicht trägt die Provokation Sarrazins dazu bei, dass wir zu einem offeneren Umgang mit dieser großen Herausforderung kommen. Dazu gehört es unbedingt, sich nicht gegenseitig Denk- oder Sprechverbote aufzuerlegen.

Wir Deutsche sind aufgrund unserer Geschichte zu ängstlich, Fehlentwicklungen, die nicht  wir allein zu vertreten haben, sondern für die Teile der bei uns lebenden Ausländer selbst verantwortlich sind, klar und deutlich zu benennen und daraus resultierend aufzustellen und Forderungen zu formulieren.

Kommentare

  1. Pit meint:

    Tja Horst, es tut mir sehr leid. Ich werde mich aus deinem Blog verabschieden. Ich tue es öffentlich, weil ich der Meinung bin, dass Leute wie Sarrazin ihr Gedankengut gerne ausleben dürfen, dann aber bitte in Parteien, die eine Plattform für dieses dümmliche Geschwätz bieten.
    Pit

  2. Horst meint:

    Pit, wenn du mein Blog verfolgt hast (was ja scheinbar der Fall ist) müsstet du eigentlich doch wissen, wie ich zu dem Thema stehe. Was ich hier geschrieben habe, heißt doch überhaupt nicht, dass ich mit Sarrazins “Gedankengut” angeschlossen hätte. Es gibt nicht nur eine Seite in dieser Geschichte. Und damit identifiziere ich die eine nicht als die, die z.B. PI vertritt. Ohne eine offene Auseinandersetzung über die von mir so genannten “Fehlentwicklungen” wird es nicht gelingen, die Probleme in den Griff zu bekommen. Aber natürlich können wir auch die Augen für eine Weile schließen und darauf hoffen, dass sich alles von selbst lösen wird.
    Es kann doch nicht sein, dass man entweder für oder gegen Sarrazin und seine Äußerungen ist. Hat es uns je weitergebracht, absolute Positionen zu vertreten und diese auf Teufel komm raus durchsetzen zu wollen? Nein, in der Demokratie gilt der Kompromiss oft als der Königsweg.

  3. Horst Schulte meint:

    Sehr geehrter Herr Schulte,

    ein wenig schade, dass Sie ausgerechnet unsere Seite bzw. unseren Artikel beispielhaft für die “vorschnelle Zuordnung zum braunen Mob” aufführen. Weder die Person, über deren Zitat hier gesprochen wird noch der Autor des Artikels werden in irgendeiner Weise “zugeordnet”, sondern es wird lediglich hervorgehoben, dass sich der braune Mob im Kommentarbereich austobt. Ganz sicher ist nicht jeder, der mangelnde Integration kritisiert gleich dem braunen Mob zuzuordnen, aber ganz sicher ist auch nicht jeder, der vermeintlich harmlos kritisiert ein lupenreiner Demokrat. Es gehört schon eine Portion Erfahrung dazu den einen vom anderen zu unterscheiden. Aber da die gesamte Online Presse seit geraumer Zeit mit rechtsextremen Äußerungen in ihren Kommentarbereichen zu kämpfen hat, sollte man auch diesen Punkt vielleicht nicht einfach aussparen.

    Ebenso sei es den Menschen, die an einer Diskussion über Integration beteiligt werden sollen, bitter erlaubt zu äußern, in welchem Ton sie sich eine solche Diskussion wünschen. Auf vielleicht unbedachte Äußerungen im angreifenden Ton reagieren wohl immer als erstes die Menschen emotional betroffen, die sich ohnehin bereits um Integration bemühen aber weniger diejenigen, denen das Thema eigentlich völlig egal ist. Ein kluger Mensch weiß das und wählt seine Worte deshalb immer mit bedacht…

    Ich hoffe, ich konnte ein klein wenig zum besseren Verständnis beitragen.

    Mit freundlichen Grüßen,
    normaler_bürger, AGDA

  4. Horst meint:

    Jetzt habe ich die ganze Problematik erst richtig verstanden. :verliebt:

  5. Lieber Horst Schulte,

    wenn Sie einmal “genießen” möchten, wie sich gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, Vorurteile, Ängste, offener und verdeckter Rassismus bis hin zu rechtsextremistischen Äußerungen zuweilen im Kommentarbereich des Internet so lesen lassen, dann empfehle ich wärmstens diese Lektüre:
    http://meinungen.web.de/forum-webde/post/6820448?sp=0

    Hier hat es einen Artikel von web.de getroffen und ich schätze mal, dass es deshalb bei den Verantwortlichen gerade etwas unruhiger zugehen dürfte. Einmal durch eine vermeintlich harmlose kritische Äußerung den Stein ins Rollen gebracht, schaukelt sich die Situation von ganz alleine hoch. Übrigens nicht nur im Internet, kann man auch an Stammtischen, bei Schützenfesten oder bei vielen anderen Gelegenheiten beobachten.

    Zivilcourage ist, wenn man immer hinschaut!

    Mein Vater hat immer gesagt: “Was du nicht willst, das man dir tut, dass füg auch keinem anderen zu.” Ich gestehe, dass ist schon eine Weile her und mag in der heutigen Zeit etwas romantisch anmuten, aber wenn ich solche Kommentare lese, dann wünschte ich manchmal, die Menschen würden sich wirklich einmal die Frage stellen, wie sie selber auf die eine oder andere Äußerung reagieren würden. Und das möglichst, bevor sie ihre ach so heilige Meinung im Kommentar niedergeschrieben haben!
    …seufz, das wird wohl Wunschdenken bleiben…

    Freundliche Grüße,
    normaler_bürger, AGDA