Ich frage mich, weshalb mir die Zahl der Fälle von fristlosen Kündigungen aus scheinbar nichtigen Gründen so hoch vorkommt. So ganz wollen die auf der Hand liegenden Erklärungen auch nicht zusammen passen.
Haben die Arbeitnehmer, die sich empören und der Teil der Medien, der sich eher auf ihre Seite stellt, ein mangelndes Rechtsbewusstsein? Handelt es sich bei den Fällen von (angeblich) entwendeten Pfandbons im Wert von 1,30 Euro, bei der Mitnahme von abgewrackten Kinderbetten vom Mülldepot eines Unternehmens oder 4 aufgegessenen, weil übrig gebliebenen Maultaschen, nur um Bagatellen? Warum will man nicht einsehen, dass das Vertrauensverhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer so nachhaltig gestört ist, dass dies allemal ein Grund zur Kündigung ist?
Ob es überhaupt eine Zunahme solcher Fälle und darauf erfolgter Kündigungen gibt kann ich nicht behaupten. Scheinbar ist es so. Das Gefühl kann aber auch darauf zurückzuführen sein, dass die Medien sich auf jeden bekannt werdenden neuen Fall stürzen und wir damit konfrontiert werden.
Ich kenne aus meiner langen beruflichen Laufbahn Fälle, in denen Arbeitgeber sehr rücksichtsvoll aber zum Teil auch ausgesprochen unnachsichtig agiert haben. Ich erinnere mich an den Fall eines Außendienstmitarbeiters einer meiner früheren Firmen. Der hatte in einem Baumarkt angeblich geklaut und war erwischt worden. Die Umstände, unter denen die Sache abgelaufen war, waren nicht so ganz eindeutig. Persönlich glaube ich, dass es sich um einen Diebstahl gehandelt hat. Aber mein damaliger Chef hat ein langes Gespräch mit diesem Mitarbeiter geführt. Er durfte den Baumarkt und auch keine andere Filiale dieser Kette mehr besuchen, weil er dort Hausverbot erhalten hatte. Trotzdem wurde der Mann weiter im Außendienst beschäftigt. Eine zweite Chance nennt man so etwas.
Es war Anfang der 70er Jahre. Ich erinnere mich an einen Fall, der besonders spektakulär war. Mein damaliger Ausbildungsbetrieb wurde bestreikt, weil es sehr schlechte Löhne zahlte. Die Firma war aus dem Arbeitgeberverband ausgetreten. Es galt ein mieser Haustarifvertrag (für immerhin fast 2000 Beschäftigte). Eines Abends fand eine Belegschaftsversammlung statt. Der Inhaber des Unternehmens wurde während dieser Veranstaltung von einem Arbeiter, der offenbar einen über den Durst getrunken hatte, tätlich angegriffen.
Genau zu dieser Zeit war ich als Stift im Sekretariat der Geschäftsleitung beschäftigt. Deshalb habe ich die Vorgänge praktisch aus erster Hand mitbekommen. Gleich am nächsten Tag wurde der Arbeiter zum Chef zitiert. Der Syndikus der Firma hatte vorher bereits ein kurzes Abstimmungsmeeting mit diesem. Für mich und wahrscheinlich auch für alle anderen, die die Situation mitbekommen hatten, war klar, was gleich geschehen würde. Mein Chef (von diesem “Kaliber” habe ich später nicht viele kennengelernt) sagte dem Mann, dass er wisse, dass er eine fünfköpfige Familie zu ernähren habe. Allein aus diesem Grund würde er ihn aufgrund des Vorfalles nicht sofort entlassen, sondern ihm noch eine Chance geben. Er dürfe sich allerdings nicht das Geringste zu Schulden kommen lassen. Der Mann hat noch jahrelang in der Firma weitergearbeitet.
Auch schon damals wurden Ereignisse, die man auch als Vertrauensbrüche bezeichnen konnte, selbst dann, wenn sie auf “Lappalien” beruht haben, mit Entlassungen geahndet.
Warum nimmt die Öffentlichkeit es also heute den Arbeitgebern krumm, wenn sie die gebrandmarkten Aktionen mit ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern abziehen? Ich sehe zwei Gründe dafür:
- Das allgemeine Klima in der Arbeitswelt hat sich dramatisch verschlechtert und jeder fühlt förmlich, dass es ihm selbst ebenso ergehen könnte, wie in den “schlechten Beispielen”
- Weil es die Erfahrung gibt, dass es in der Wirtschaft schrecklich ungerecht zugeht. Hier die Arbeitnehmer und dort die Arbeitgeber, die Manager. Diese stürzen eine ganze Volkswirtschaft in die Krise und ziehen nicht einmal die Konsequenzen für ihre ganz persönlichen Verfehlungen. Im Gegenteil, sie lassen sich durch völlig überzogene Boni, Gratifikationen oder –notfalls- durch Abfindungen entschädigen.
Heute lese ich in einem Beitrag der FAZ einen Standpunkt, auf den ich nun überhaupt nicht gekommen wäre. Die Autorin vermutet, dass sich die Arbeitgeber nicht anders gegen das rigide deutsche Kündigungsrecht (wo ist es, wenn man es braucht?) wehren können, als mit den Reaktionen, die in der Öffentlichkeit zu diesen Diskussionen geführt haben.
Sie meint:
Das Kündigungsrecht ist aus den Fugen geraten, Quelle: Von Maultaschen und Frikadellen: Das Kündigungsrecht ist aus den Fugen geraten – Recht & Steuern – Wirtschaft – FAZ.NET | Link
Während die öffentliche Empörung hochkocht und aufgebrachte Medien und Politiker mit Hang zum Populismus lauthals das “eiskalte Unternehmertum” geißeln, bleibt ein anderes Extrem im deutschen Kündigungsschutz gänzlich unbemerkt: Arbeitnehmer können zwar – nach einer umfänglichen Abwägung aller Interessen – wegen Bagatellen vor die Tür gesetzt werden. Doch wenn sie jahrelang kaum Leistung bringen, andere Kollegen tyrannisieren oder durch schwere Fehler hohe Kosten verursachen, verhindert das deutsche Kündigungsrecht vielfach eine saubere Trennung.
Das ist wirklich eine Gedankenkonstruktion, die mir ganz besonders schmeckt! Aber was will man von der “liberalen” FAZ erwarten? Man bemüht sich nach Kräften, die Koalitionsverhandlungen im Sinne der Liberalen durch Einfluss auf die öffentliche Meinung mitzugestalten.
Ich verstehe die Formulierung als Hinweis darauf, dass ohne das Kündigungsrecht Winkelzüge und Betrügereien, wie die, über die sich die Öffentlichkeit echauffiert, nicht notwendig wären. Ohne dieses Kündigungsrecht könnte man nämlich als Arbeitgeber frei agieren und Leute rausschmeißen, wie es einem gerade passt.
Kardinaltugend Gerechtigkeit
Wer besser lügt hat die Deutungshoheit








Mit dem letzten Satz hast du ja sachlich zweifellos Recht. Ich persönlich denke darum nämlich auch, dass solche schmutzigen Tricks vorkommen, um Mitarbeiter loszuwerden – würde das aber nicht so verallgemeinern, wie die FAZ das tut.
Mir sind aber zum Beispiel mehrere Fälle bekannt, in denen ältere Mitarbeiter solange versetzt und “geschult” wurden, bis sie auf ihren Job keine Lust mehr hatten. Das ist, wenn man so will, die elegantere Methode – aber ich kann mir gut vorstellen dass in manchen Firmen (zum Beispiel solchen, die zu klein sind für Versetzungen oder so etwas) eben tatsächlich regelrecht nach Entlassungsgründen gefahndet wird.
Es mag eine schmerzhafte Erkenntnis sein aber Grundfunktion des Kündigungsschutzes ist es ja nunmal, Arbeitsverträge geradezu zu zementieren. Es gehört nicht viel Phantasie dazu zu zu erkennen, dass das für manche Unternehmen in gewissen Situationen ein Problem werden kann, dass man sauber und ordentlich kaum lösen kann.
Nicht zufällig, wegen der Meldungen der letzten tage und Wochen bin ich heute auf das gleiche Thema in meinem Blog verfallen: http://www.aerar.de/2009/10/vertrauensverlust/
Ich glaube schon auch, dass es sich um Einzelfälle handelt, die es auch früher schon gab (wobei das kein Argument sein sollte). Ebenso liegt für mich die Vermutung nahe, dass in den Einzelfällen unliebsame Arbeitnehmer “entsorgt” werden sollen. Als Folgeaspekt wäre tatsächlich die Frage, ob die bishereige Regelung des Kündigungsschutzes nicht ein wenig stark oder einseitig ausgefallen ist.
Nichtsdestotrotz sind die Fälle schon allein deshalb erwähnenswert, da sie in der Bevölkerung als ungerecht angesehen werden (das zeigt sich schon daran, dass die Medien es für wert befinden, regelmäßig über solche Fälle zu berichten). Es geht also auch um Recht und Gerechtifgkeit, auch um Sozialfrieden und auch um das Verhältnis zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern.
@Jan: Ich habe die Sorge, dass die Beliebigkeit bei der “Entscheidungsfindung” zunehmen wird. Das führt zu einem weiteren Vertrauensverlust im Verhältnis des Arbeitnehmers zu seinem Arbeitgeber. Ob das die Arbeitsqualität wohl verbessern wird?
@Aerar: Natürlich ist das Kündigungsrecht einseitig ausgelegt (worden). Es ist mit den Schwächeren. Und das sind in der Regel die Arbeitnehmer. Die Wirkung, die die öffentliche Behandlung durch die Medien und die daraus folgende Debatte erzeugt haben, ist nicht produktiv. Es wird das in meinen Augen so wichtige Vertrauensverhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer immer mehr beschädigt.
Eine Studie, die kürzlich veröffentlicht wurde, belegt, wie stark psychische Erkrankungen, die durch die heutigen Arbeitsbedingungen entstehen, auch von diesem Verhältnis abhängig sind. Für mich hängen die Entwicklungen unmittelbar zusammen.
Die (Arbeits-)Welt ist scheiße.
Das ist vielleicht genau das zentrale Problem: Dass ein Vertrauensverhältnis zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber da sein muss, welches aber nicht per Gesetz festgesetzt werden kann. Vertrauen kann man zwar langfristig aufbauen aber nicht verschreiben. Es wäre nicht das erste Mal, dass eine gesetzliche Regelung (ganz oder in Teilen) das Gegenteil bewirkt, was sie eigentlich erreichen wollte.
Welche Studie meinst du? Ist die im Internet vorhanden?
Für mich ist das gar keine Beliebigkeit. Es wird doch keiner rausgeschmissen, weil die Firma da gerade Bock drauf hat, sondern im Zweifel vor allem deswegen, weil Arbeit fehlt. Ich finds eher schlimm, dass in dem Fall dann offenbar andere Gründe hergesucht werden müssen, weil “keine Arbeit da” alleine nicht mehr Grund genug zu sein scheint.
Hier ist
der DAK Gesundheitsreport erwähnt:
http://www.br-online.de/ratgeber/gesundheit/arbeit-krank-stress-ID125569159762.xml
http://www.derwesten.de/nachrichten/staedte/muelheim/2009/10/9/news-136227117/detail.html
http://www.aerztezeitung.de/politik_gesellschaft/article/569445/leistungsdruck-lastet-vielen-seele.html
Auf diesen Gesundheitsreport (DAK) bezog sich die hierüber geführte Diskussion (also keine Studie)…
http://mail.dak.de/ps.nsf/Show/A9C1DFD99A0104BAC1257551005472DE/$File/DAK_Gesundheitsreport_2009.pdf
Die Entscheidung, ob Arbeit da ist oder ob es für die Entlassung andere Gründe gibt, ist nicht transparent. Jedenfalls nicht in meiner Arbeitswelt. Dagegen hilft nur das Kündigungsrecht. Dein Modell favorisiert frühkapitalistische Willkür. Den Grad an Verantwortung, den du offenbar unterstellst, gibt es in der heutigen Arbeitswelt gar nicht mehr. Im Prinzip herrscht Willkür, der Starke gewinnt, der Schwache kann sehen, wo er bleibt. Das ist ein Preis, den abhängig Beschäftigte für die angeblich so viele Chancen bietende Globalisierung. Diese hat in Wahrheit zu einer weitgehenden Entfremdung von Belegschaften und Unternehmern / Managern geführt. Es herrscht, und dabei bleibe ich, Beliebigkeit. Du magst das als Klassenkampf abtun. Viele jüngere Leute thematisieren das nicht (mehr), weil sie die Arbeitswelt nicht anders kennengelernt haben. Schlimm genug – jedenfalls in meinen Augen.
Verstehe ich das richtig, dass du davon ausgehst, dass Unternehmen einfach aus Spaß/Böswilligkeit/was auch immer Leute feuern und nicht etwa, weil sie halt nicht genug für diese Leute zu tun haben? Das sehe ich in der Tat anders. Beziehungsweise finde ich es seltsam, falls man für solche Unternehmen überhaupt arbeiten wollen würde.
Aus Spaß und Böswilligkeit? Bestimmt nicht. Aber es gibt Mitarbeiter/innen, die genehmer (vor allem billiger) sind als andere. Ältere z.B. sind teurer und nicht mehr so leistungsfähig. Glaubst du, dass bei der Entwicklung darauf künftig noch Rücksicht genommen wird?
Hm, ich dachte immer für genau solche Fragen haben wir Gewerkschaften. Ansonsten finde ich es irgendwo schon legitim, seine Mitarbeiter eben auch nach Leistungsfähigkeit und Lohnvorstellungen auszuwählen. Wonach soll man denn sonst gehen, wenn nicht danach, was jemand kann und schafft und dafür verlangt?
@Jan: Wenn die Gewerkschaften in diesem Land noch eine Macht wären, wäre das Problem ja gar nicht vorhanden. Aber es gibt ja so viele kluge Leute, die glauben wirklich, sie könnten ihre Interessen gegen die Arbeitgeber allein durchsetzen. Oder, was man vielleicht nicht übersehen darf, sie haben resigniert, weil auch mit Gewerkschaften am Ende nichts oder zu wenig erreicht wurde. Der Globalisierung sei Dank.
Und Jan, ich kann nicht glauben, was du da schreibst von Leistungsfähigkeit und Lohnvorstellungen. Unbestreitbar nimmt die Leistungsfähigkeit älterer Arbeitnehmer ab. Du weißt, dass es nicht nur in Deutschland so ist, dass mit steigendem Lebensalter und mit der Länge der Zugehörigkeit zu einem Unternehmen die Einkünfte steigen. Das ist verrückt und eigentlich sollte es anders herum sein, aber so ist es eigentlich immer gewesen. Junge Leute bauen sich eine Existenz und eine Familie auf und brauchten eigentlich mehr Geld. Das aber bekamen, jedenfalls in den meisten Fällen, die älteren Arbeitnehmer. Das kann man ändern, gerade angesichts des demografischen Wandels wäre vielleicht eine bedenkenswerte Komponente einer Umorientierung. Zunächst aber kommt dieser Prozess einer riesigen Umverteilung von Geldmitteln gleich. Ich möchte mal die Gesellschaft sehen, in der solche Veränderungen ohne Reibungen vonstatten gehen.
Was würde heute passieren? Ein älterer Arbeitnehmer kriegt weniger Geld und sein Rentenanspruch, der gerade in den letzten Jahren der Berufstätigkeit überhaupt erst die Höhe erreicht, die er sich als Rentner vorgestellt hat, wird auf aktueller Basis nicht mehr erreichbar werden.
Außerdem frage ich mich, wie du dir solche Lohnumgruppierungen denn vorstellst. Es würde Mord und Totschlag in den Betrieben geben. Denk allein mal an die ständigen Konflikte, die es z.B. zwischen Männern und Frauen wegen ungleicher Bezahlung gibt oder an den Öffentlichen Dienst und die Beamtenschaft. Wenn ich dich richtig verstehe, soll ein Unternehmen auf die natürlich immer höchst individuell Leistungsabnahme älterer Arbeitnehmer reagieren und (ganz nach dem Gesetz von Angebot und Nachfrage) mit einem niedrigeren Gehalt reagieren? Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Ich finde es richtig, wenn junge Leute, die viel Leistung und Einsatz zeigen, gut bezahlt werden. Ich habe mein Leben lang eigentlich immer ganz gut verdient. Schon seit Ende der 70er Jahre bin ich durch die verschiedenen beruflichen Stationen hindurch immer AT-Angestellter im mittleren Management gewesen. Durch eine Firmenschließung habe ich heute noch rund 20% weniger Gehalt als 2004, also zu dem Zeitpunkt als die Firma dicht machte. Solche Dinge passieren. Daran kann man nichts machen, außer sich selbst anzustrengen, um den Verlust wieder wett zu machen.
Schildere mir bitte einmal deine Vorstellung darüber, wie du dir vorstellst, diese Veränderung einer leistungsbezogenen Bezahlung von Arbeitnehmern nach Leistungsfähigkeit (Zu- oder Abnahme) gesellschaftlich zu bewältigen. Und ich meine keine Neueinstellungen, bei denen man sich das sich ergebende Bild beurteilen und entsprechende Einschätzungen vornehmen kann, sondern ich meine die Veränderung in bestehenden Belegschaften.
Zu den Gewerkschaften: Die sind nunmal vom Staat mit weitreichenden Befugnissen ausgestattet worden. Dass die Leute sie trotzdem nicht mehr sonderlich unterstützen hat zum Teil selbstverschuldete Gründe (wenn Gewerkschaften zum Beispiel staatliche Mindestlöhne fordern, machen sie sich ja quasi selbst überflüssig; Kein Mindestlohnempfänger wird es jedenfalls als nötig empfinden, einer Gewerkschaft beizutreten da er ja schon in der “großen Gewerkschaft” namens Deutscher Staat Mitglied ist) aber gleichwohl haben sie ja nach wie vor ihre Aufgaben und Funktionen, sie sitzen bei den richtig großen Unternehmen sogar mit an den Schalthebeln und Geld wie Heu haben sie scheinbar auch. Keine Ahnung, was die Gesellschaft oder der Staat da noch beitragen könnte oder sollte. Ich glaube, Gewerkschaften haben in diesem Land genügend Möglichkeiten, die Interessen ihrer Mitglieder durchzusetzen.
Ich finde es gar nicht so unbestreitbar, dass die Leistungsfähigkeit älterer Arbeitnehmer abnimmt. Das mag vielleicht für einen Bauarbeiter gelten oder einen Maler. Ansonsten hat aber doch Erfahrung und das im Laufe der Zeit angehäufte Fachwissen auch einen gewissen Wert und der gehört für mich zur Leistungsfähigkeit dazu.
Das oft nach der Länge der Betriebszugehörigkeit mehr bezahlt wird, bildet in meinen Augen irgendwo schon auch genau diesen Wert ab, übrigens.
Es ist eigentlich Jacke wie Hose, ob es sich um ein bestehendes Arbeitsverhältnis oder eine Neueinstellung handelt, Unternehmen werden immer beurteilen müssen, ob sich ein Arbeitsverhältnis rechnet oder nicht und daraus eben notfalls auch entsprechende Konsequenzen ziehen. Kann man doof finden und man kann auch Gesetze machen, die diese Konsequenzen dann erschweren aber das ändert am eigentlichen Sachverhalt gar nichts. Und letzten Endes gilt nunmal: Unternehmen, die sich nicht rechnen, sind irgendwann am Ende. Dass muss man bedenken, wenn man Unternehmen zu unwirtschaftlichen Dingen zwingen möchte.
Gewerkschaften haben sich nicht zuletzt durch eigene Fehler in dieser Gesellschaft entbehrlich gemacht. Sonst sähen die Mitgliederzahlen nicht aus wie sie aussehen. Dennoch beklage ich die Entwicklung, weil die Vertretung der Arbeitnehmerschaft sehr an Einfluss verloren hat.
Ich, 55, vergleiche mich (Kaufmann) mit einem 29jährigen Kollegen. Seine geistige Frische und seine Möglichkeit, neue Dinge aufzunehmen und produktiv umzusetzen ist höher. Das mag natürlich nur bei mir so sein. Vielleicht ist es aber auch so, dass viele über solche “Erkenntnisse” nicht reden? Natürlich wiegt Erfahrung etwas davon auf. Aber reicht das im Sinne einer Begründung für das höhere Gehalt des älteren Arbeitnehmers? Mach es dir bitte nicht zu leicht, Jan.
Stell dir vor, als Kaufmann habe ich von diesen Selbstverständlichkeiten schon gehört! Blöd nur, dass bei solchen Entscheidungen auch ganz andere als wirtschaftliche Gründe “herangezogen” werden. Ich bleibe dabei: Die Beliebigkeit wird durch die aus den Fugen geratenen Verhältnisse gestärkt. Die Verlagerungsentscheidung von Nokia hatte beispielsweise ganz sicher wirtschaftliche Gründe. Von mir aus können wir auch noch die falsche Anreize setzende Subventionspolitik der Landesregierung mit einbeziehen. Am Ende bleibt Willkür zu Lasten der Arbeitnehmer, jedenfalls der deutschen Arbeitnehmer. Das Argument, dass Nokia durch den Entscheid Arbeitsplätze in Rumänien geschaffen hat, ist natürlich richtig. Aber das beantwortet nicht, unter welchen Spielregeln solche Aktionen überhaupt ablaufen. Das ist die Art von Kapitalismus, die ich von Grundauf verabscheue.
Es wäre also in deinem Sinne (bezogen auf Nokia) das Erzwingen von “unwirtschaftlichen Dingen” gewesen, wenn irgendwer auf die Entscheidung des Unternehmens Einfluss genommen hätte. Für mich trägt das zynische Züge.