In der deutschen Unterschicht wird es versoffen, und in der migrantischen Unterschicht kommt die Oma aus der Heimat zum Erziehen, wenn überhaupt.

Nee, das hat nicht Sarrazin gesagt. Das war der Neuköllner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (auch SPD).

Mit diesen harschen Worten kommentierte er, dass die schwarz-gelbe Regierung ab 2013 Betreuungsgeld zahlen will. Es soll 150 Euro je Monat betragen und ausgezahlt werden, wenn Kinder bis zu drei Jahren zu Hause betreut werden. Auch nach meiner Meinung sollte der Staat sicherstellen, dass die Kinder auch etwas davon haben und nicht wieder ein “Mitnahmeeffekt” entsteht. Das passiert ja immer, wenn der Staat mit der Gießkanne Geld verteilt. Lieber hätte man das Geld in Kindergärten und Kindertagesstätten investieren sollen. Die Absicht der Regierung erinnert etwa an das Pflegegeld, das Leute kriegen, die sich um ihre kranken Verwandten kümmern, weil sie diese nicht in ein Pflegeheim “abschieben”.

Ich kann Buschkowsky Aufregung verstehen. Dennoch ist auch diese Formulierung  politisch wieder alles andere als korrekt. Heute gilt, dass man sich verdächtig macht, so ein widerlicher Gutmensch zu sein, wenn man auch nur versucht, anderen Menschen mit Toleranz und Respekt zu begegnen. Es ist schon so weit gekommen, dass der Begriff Toleranz wie ein Schimpfwort genutzt verstanden wird oder als Synonym für Dummheit und Schwäche steht.

Überhaupt hat man ja den Eindruck, als würde sich der Ton angesichts dieses gigantischen Haufens an Problemen weiter verschärft.

Wir sollten innehalten und bitte daran denken, wie unsere rausgehauenen Sprüche auf andere Menschen wirken. Vielleicht beabsichtigen wir diese Wirkung gar nicht, aber sie ist vorhanden. Nachdem sich die Aufregung über Sarrazins letzte Tiraden gelegt hat ist die laufende Debatte von der Einsicht bestimmt, dass er mit seinen unerhörten und beleidigenden Formulierungen uns allen ins Bewusstsein geholt hat, dass wir so nicht weitermachen dürfen. Wer immer noch bestreitet, dass wir in Deutschland ausgrenzen, statt zu integrieren, dem ist einfach nicht zu helfen. Bevor wir jedoch zu einem zielführenden neuen Ansatz kommen, ist eine Bestandsaufnahme der Situation einfach notwendig – auch wenn vielen die Erkenntnisse weh tun.

Aus dem Koalitionsvertrag: Die bestehenden gesetzlichen Regelungen zum Mindestlohn werden bis Oktober 2011 evaluiert. Dabei kommt es uns darauf an, diese daraufhin zu überprüfen, ob sie Arbeitsplätze gefährden oder neuen Beschäftigungsverhältnissen entgegen stehen.
….
Wir wollen die Arbeitsanreize auch für gering entlohnte Beschäftigungsverhältnisse verbessern. Unser Ziel ist es, die Brückenfunktion von Mini- und Midi-Jobs in voll sozialversicherungspflichtige Beschäftigungs-verhältnisse zu stärken.  Wir prüfen die Erhöhung und die Dynamisierung der Grenze sozialversicherungsfreier Mini-Jobs. Bei den Hinzuverdienstregeln sollen die Arbeitsanreize gestärkt werden.
(Aus dem Koalitionsvertrag — Hervorhebung durch mich)

Deutsche leben hier mit Millionen von Migranten zusammen, und es sieht heute so aus, dass der bestimmende Unterschied die soziale Verankerung der Menschen ist und damit die ungleichen Chancen, sich in dieser Gesellschaft zu behaupten. Viele sagen, dass sich “die” Migranten in unserem Sozialstaat eingerichtet hätten. Damit will man sagen, dass sie uns heute nicht mehr die Arbeitsplätze wegnehmen, von denen es in dem in Frage kommenden Industriesektor sowieso immer weniger gibt, sondern dass sie unsere Sozialkassen ausplündern. Es wird dabei geflissentlich übersehen, dass viele Menschen heute keine Arbeit mehr finden, weil die Tätigkeiten, die sie übernehmen können, nicht mehr angeboten werden. Wenn es doch Arbeit gibt, dann zu Löhnen, die keinen Anreiz bieten, sie zu tun. In dieser Bewertung unterscheiden sich Deutsche und Migranten überhaupt nicht.

Die Weichenstellungen der neuen Regierung gehen in die Richtung, dass der Niedriglohnbereich weiter zunimmt. Ich will nicht behaupten, dass die getroffenen Maßnahmen dies auch beabsichtigen, die Wirkung wird aber genau so sein. Die angesprochenen Regelungen, die die Hinzuverdienstmöglichkeiten verbessern sollen, bleiben hinsichtlich ihrer Wirkung erst einmal unter Beobachtung. Solange werden die Sozialsysteme zwangsläufig weiter erodieren und die Diskussionslage wird sich zwangsläufig weiter verschärfen.

Es ist so, dass es unter Deutschen und unter Migranten solche gibt, die seit Jahren von Sozialhilfe leben. Und es gibt welche darunter, die in der Tat nicht arbeiten wollen. Das wissen wir! Aber kann man deshalb pauschal Teilen unserer Bevölkerung vorwerfen, sie wollten gar nicht arbeiten? So aber hat Sarrazin im Interview es ausgedrückt. Das war schändlich! Umso mehr als er in diesem Fall speziell über die Türken und Araber geredet und damit diese Bevölkerungsgruppen stigmatisiert hat. Es macht es nicht besser, dass vielleicht viele Deutsche so denken. Im Gegenteil, es ist umso verwerflicher. 

Und jetzt komme ich zu dem, was eigentlich in dieser Diskussion von allen Politikern als Lösungsansatz ins Spiel gebracht wird. Wir müssen mehr in die Bildung und Ausbildung der jungen Migranten investieren. Dabei ist ebenso klar, wie diese Position zutreffend ist, dass man in diesem Fall sehr, sehr viel Geld brauchen wird. Leider wird dieses Geld aber durch einen immer höher werdenden Sozialetat quasi entzogen. 45% des Gesamtetats (124 Mrd. Euro! – übrigens trotz Hartz IV) des Bundes machte 2008 der Einzelhaushalt für Arbeit und Soziales aus. Die so genannte Sozialleistungsquote in diesem Land betrug in 2007 fast 30%. Das bedeutet, dass fast 1/3 des Brutto-Inlandsproduktes, also des Gesamtwertes aller Güter (Waren und Dienstleistungen), die innerhalb eines Jahres innerhalb der Landesgrenzen einer Volkswirtschaft hergestellt wurden und dem Endverbrauch dienen, in den Sozialsektor geflossen sind (Wikipedia). Insbesondere diesem Einzeletat ist die Verantwortung für eine zweite große Einzelposition des Staatshaushaltes zuzuschreiben. Es ist die so genannte Bundesschuld, die 15 % des Bundeshaushaltes ausmacht. Allein ihr Gegenwert beträgt astronomische 42,9 Milliarden Euro. Und das war vor der Finanzkrise! (Quelle)

Wenn wir uns diese Situation vor Augen halten und die Behauptung, dass vor allem Bildung in diesen Fragen weiterhilft, zutrifft, was muss dann seitens der Politik eigentlich geleistet werden? Der Sozialetat und die Bundesschuld dürfen nicht weiter ansteigen. Beide Positionen engen den Handlungsspielraum des Staates so weit ein, dass ein Vorhaben, ausreichende finanzielle Mittel in den Bereich Bildung zu stecken, einer Utopie gleichkommt. Und das, obwohl doch angeblich für Bildung schon so viel getan wurde. Leider lassen Resultate auf sich warten.

Welcher Politiker bzw. welche Partei traut sich, dieses heiße Eisen anzufassen? Die FDP käme einem in dieser Gemengelage gleich in den Sinn. Sie kritisiert den ausufernden Sozialstaat und ist auch der Meinung, dass Bildung die wichtigste Voraussetzung für unser Land bleibt. Alle anderen Parteien werden sich an dieses Thema nicht herantrauen, solange es sich irgendwie vermeiden lässt.

Aber es ist verständlich, dass sich auch die FDP nicht dazu durchringt, die Konfliktpositionen eines notwendigen Abbaus des Sozialstaates und erforderliche Investitionen in unser Bildungssysteme öffentlich gegeneinander zu stellen. Der Rückbau des Sozialstaates ist gerade heute je ein “NoGo”. Die Linken (SPD eingeschlossen) warten nur auf solche Signale. So funktioniert das Spiel. Und dennoch, es muss sich etwas ändern! Aber es fehlt an Leuten, die deutlich machen, dass nur radikale Maßnahmen unsere gemeinsame Zukunft sichern. Durch die Fokussierung auf Bildung würde auch endlich die Integration vorangebracht. Ich glaube, dass dies zunächst einmal eine staatliche Aufgabe ist, die geleistet werden muss. Diese Maßnahmen würden wahrscheinlich auch zu mehr Chancengleichheit führen und das wiederum käme auch den gesellschaftlichen Bereichen zugute, die heute unterprivilegiert sind. Diese Menschen werden sich ohne diese Voraussetzungen bei uns nicht behaupten können. Der Niedriglohnsektor ist jedenfalls keine Antwort, die tragfähig ist. Schon aus gesellschaftspolitischen Gründen aber auch, weil die weitere Zunahme prekärer Beschäftigung auf Sicht eine Gefahr für unsere Demokratie werden könnte.

Und was auch nicht übersehen werden darf: Wir brauchen die Migranten! Schon allein wegen der katastrophalen demographischen Entwicklung.


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22 Antworten : “Rausgehauene Sprüche”

  1. warum wird denn unsere “Unterschicht” immer größer? Warum saufen viele?
    Mann sollte die Ursachen bekämpfen, aber wenn man doch in der Oberschicht ist, kann man ja leicht schimpfen.

  2. Weil es bestimmte Jobs mit vernünftigen Löhnen nicht mehr gibt. Was hilft dagegen? Bessere Bildung. Ich finde dazu keine Alternativen. Es kann nicht sein, dass die Zahl der Leute, die von Transferleistungen leben müssen, immer weiter wächst. Wir müssen den Anspruch haben, dass wir diese Probleme gelöst bekommen. Dazu sind konstruktive Ansätze gefragt. Und alle müssen mit machen. Vielleicht hast du einen besseren Vorschlag, als den in Bildung zu investieren? Die Industriearbeitsplätze oder Arbeitsplätze überhaupt, die Leute mit geringer Qualifikation heute suchen, gibt es nicht mehr. Übrigens fühle ich mich persönlich nicht auf der Seite derjenigen, die sich keine Sorgen machen müssen. Im Gegenteil. Ich habe nur Hauptschulabschluss, kann keine Fremdsprachen und bin fast 56 Jahre alt.

  3. Weil es bestimmte Jobs mit vernünftigen Löhnen nicht mehr gibt

    Dann müssen Jobs besser bezahlt werden und Jobs bereit gestellt werden.

    Wenn ich lese, das große Firmen, trotz großem Gewinn, Mitarbeiter abbauen, damit noch mehr Geld gescheffelt werden kann, könnte ich einfach nur noch kotzen!
    Dagegen macht niemand was!

  4. Dagegen müsste man was tun. Heute wird berichtet, dass BP einen Milliarden-Gewinn gemacht hat. Gleichzeitig liest man, dass in Deutschland 600 Leute abgebaut werden. Der Gf. macht dazu noch so ne blöde Bemerkung. Immer die gleichen Sachen, über die man sich aufregen muss.

  5. Genau solche Beispiele meinte ich. “Die” machen immer mehr Gewinn und vernichten Arbeitsplätze, damit sie nächstes Jahr noch mehr Gewinn machen. Der meiste Gewinn geht dann in die Hand der Aktionäre, Gesellschafter etc.
    Wenn ich nur an die Stromkonzerne denke, kommt mir direkt alles hoch!

  6. Auf der anderen Seite hört man natürlich auch viel davon, dass Firmen Kurzarbeit machen, damit sie ihre Leute behalten können. Das finde ich, ist ein guter Weg – vorausgesetzt allerdings, dass dabei nicht krumme Dinger gedreht werden. Die soll es ja auch reichlich geben. Aber im Prinzip ist die Kurzarbeit zur Überbrückung der wirtschaftlichen Probleme natürlich eine gute Sache.

  7. Auf der anderen Seite hört man natürlich auch viel davon, dass Firmen Kurzarbeit machen

    Müssen die das wirklich machen? So bekommen sie ja staatlich Hilfen.
    Vermutlich könnten sie ohne Kurzarbeit nicht so viel Gewinn erwirtschaften!

  8. Die Frage, ob sie das wirklich müssen, ist durchaus berechtigt. Aber wer will das prüfen? Behörden, die so etwas prüfen könnten, gibt es gar nicht bzw. die Anzahl der notwendigen Leute wäre wohl einfach viel zu hoch. Insofern ist klar, dass es dabei auch Missbrauch gibt. Vor allem bin ich mal gespannt darauf, was passieren wird, wenn die Kurzarbeitergelder auslaufen.

  9. Vor allem bin ich mal gespannt darauf, was passieren wird, wenn die Kurzarbeitergelder auslaufen.

    Dann werden erst mal Leute entlassen.

  10. Ich fürchte, dass es genauso sein wird.

  11. Ich fürchte, dass es genauso sein wird.

    Dann hat es sich ja für die Firmen gelohnt :shit:
     
    In deine Edit-Buttons oben fehlt mir der Zitat-Knopf :teufel:

  12. Der ist jetzt auch da. Nur die Schriftgröße…. Weiß jemand, wie man die (im Eingabefeld) vergrößern kann? Möglichst für Thesis 1.5.1 und unter Einsatz des Plugins “MCEComments”. In diesem Zusammenwirken liegt nämlich offenbar “mein” Problem.

  13. .format_text input, #commentform input, #commentform textarea { width: 45%; padding: 0.2em; border-width: 0.067em 0.067em 0.067em 0.067em; }

    versuche es da mal und pack da z.b ein
    font-size: 12px;
    mit der Größe musst du dann mal testen ;-)

  14. Hi Susanne: Das ist ganz toll. Jetzt habe ich aber schon ein anderes Plugin eingebaut und damit das Problem gelöst. Wie gefällt dir diese Lösung? Ich bin eigentlich sehr zufrieden – auch wenn die Knöppe nicht so spektakulär sind.
    Vielen Dank für deine Hilfe. :winken:

  15. Jau ist auch nett :-), aber das Schriftproblem hatte ja Jürgen ;-)

  16. Ja, ich hoffe doch, dass Jürgen diese Schriftzeichen erkennt. Auch mit dem FF und deshalb nicht den IE8 bemühen muss. Das ist ja wirklich auch ein übles Ding.

  17. An der Analyse ist einiges Wahres dran.

    Nicht überzeugt bin ich aber, dass tatsächlich zu wenig Geld für Bildung ausgegeben wird. Ich habe gerade am letzten Wochenende einen ganzen Tag lang über Bildung diskutiert und dabei zum Beispiel das niederländische Bildungssystem erklärt bekommen. Dort gibt man deutlich weniger Geld pro Schüler/Student/Azubi aus, als in Niedersachsen, erntet aber deutlich bessere PISA-Ergebnisse. PISA ist natürlich nicht alles. Aber in Holland findet man -angeblich – kaum jemanden, der etwas am Bildungssystem auszusetzen hat. Schulen und Unis sind nahezu perfekt ausgestattet, eine ganz normale Uni kann es sich leisten, in einem einzigen Jahr sämtliche Gebäude renovieren zu lassen UND noch einen 10stöckigen Neubau zu machen.

    All das mit weit, weit weniger Geld! Geld ist nicht das Problem bei der Bildung, es ist das System. In den Niederlanden gibt es so gut wie keine staatlichen Schulen, es gibt nichtmal ein vom Staat festgelegtes Abitur oder dergleichen. Schulen arbeiten wie Wirtschaftsunternehmen. Der Staat zahlt ihnen Geld pro Schüler – Schüler anzuwerben ist dann Sache der Bildungseinrichtungen und schon das sorgt dafür, dass man sich um gute Lehrer, gute Inhalte, gute Ausstattung etc. kümmert, weil die Alternative irgendwann Konkurs bedeuten würde.

    Nun lässt sich das sicher nicht 1:1 auf z.B. Niedersachsen übertragen, weil die Niederlande wesentlich dichter besiedelt sind. Das Beispiel zeigt aber, dass Geld allein nicht das ist, was Bildung schafft. Nötig ist auch ein System, in dem diejenigen, um die es geht die Macht haben, zu bestimmen, was sie haben wollen. Marktwirtschaft eben.

    Zu dem grundsätzlichen Problem, haushalterische Prioritäten zu setzen: Ich schreibe mir ja nen Wolf, wenn es um dieses Thema geht. Ich halte die allermeisten staatlichen Ausgaben für weniger wichtig – aber Wahlen gewinnt man mit Geschenken, das ist leider so. “Wählt uns und wir geben keinen Cent mehr für Verbraucherschutz oder Kulturförderung aus” ist eine Parole, mit der man Leute erschrecken kann. Dass es sich um eine wichtige Prioritätensetzung handeln könnte, würde niemand verstehen wollen und darum versucht nichtmal die FDP so etwas – man will ja nicht als “unsozial” gelten (und das Etikett kriegt man fürs sparen immer, egal wo man sparen will).

    Fazit: Jede Bevölkerung kriegt in einer Demokratie die Parteien und Programme, die sie verdient. In Deutschland will niemand, dass gespart wird, es will auch niemand, dass das Schuldenmachen aufhört und es will auch keiner, was eigentlich dringend geboten und Horst ja auch gut erläutert hat. Jeder nickt vielleicht dazu – aber niemand ist bereit dafür auf irgendwas zu verzichten und solange das so ist, wird jede Regierung den Teufel tun und irgendwas ändern. Das ist eben der Fluch der Demokratie.

    Und um noch auf die Diskussion weiter oben einzugehen: “Dann müssen Jobs besser bezahlt werden” ist genauso eine Forderung aus dem Wünschdirwas-Säckel. Wer ein Produkt oder eine Dienstleistung herstellt oder anbietet, der hat ein Interesse daran, dass das möglichst preiswert ist. Weil wir alle ein Interesse daran haben, möglichst wenig Geld dafür auszugeben. Man kann lange drüber diskutieren, ob das richtig ist – ändern wird sich daran nie etwas.

    Wobei ich persönlich es schon okay finde, wenn Firmen möglichst gewinnorientiert arbeiten, statt wichtige Entwicklungen zu verschlafen und statt sich an bestimmten Standorten mitarbeitermäßig zu verkleinern (was natürlich für die Betroffenen scheisse ist, keine Frage) irgendwann in die Insolvenz gehen. Man kann ja über Gewinnstreben sagen, was man will. Aber es ist nunmal der beste Garant dafür, dass Unternehmer ihre Firmen möglichst lange am Leben erhalten.

  18. Da klingt mir aber manches zu liberal. Ich kann mir, auch mangels eigener Erfahrung, überhaupt nicht vorstellen, dass Schule ohne staatliche “Lenkung” so toll funktioniert. Dabei nehme ich dir, weil ich es auch nicht besser weiß ab, dass dieses System in Holland gut funktioniert. Ich bin aber doch sehr erstaunt.

    In den Niederlanden gibt es so gut wie keine staatlichen Schulen, es gibt nichtmal ein vom Staat festgelegtes Abitur oder dergleichen

    Vielleicht ist die Diskussion hier in Deutschland auch zu ideologisch verbrämt und ich kann mich deshalb von den bekannten Thesen nicht lösen.

    Warum sollte eine dichte Besiedlung (wie in Holland) uns daran hindern, es auch zu versuchen? Wenn es überhaupt keine staatlichen Schulen gibt, würden die Schüler dann nicht stärker als wir uns das vorstellen können, nach ihrer sozialen “Abstammung” rekrutiert? Würden Kinder und Jugendliche aus der sozialen Unterschied in diesem Fall nicht schon innerhalb der Schule ganz stark ghettoisiert? Das ist doch die Sorge auch deutscher Pädagogen, dass bei Privatschulen die soziale Herkunft über Annahme oder Nichtannahme und damit über die Chancen des Kindes oder Jugendlichen entscheidet. Kinder reicher Eltern können einfach mehr zahlen. Daraus lässt sich diese Sicht ohne weiteres und auch ohne irgendeine bösartige Unterstellung ableiten.

    Was meine Forderung (meinen Wunsch) anlangt, dass menschenwürdige Löhne bezahlt werden ist in meinen Augen nichts, was (m)einer linken Gesinnung entspricht. Vielmehr sehe ich die Zukunft (unsere demokratische Zukunft) gefährdet, wenn wir es nicht hinbekommen, dass diese Probleme gelöst werden. Wir ignorieren bisher, dass nicht nur unter den Migranten viele Menschen sind, die wir sich allein überlassen. Da kommt dann die ideologische Brille ins Spiel, die sofort die scheinbar typisch linken Forderungen nach Gerechtigkeit und Ausgleich desavouieren. Ich sehe in dieser Hinsicht nicht Prof. Sinns wahr gewordene Fiktion der so genannten Aufstocker als zielführend an. Ich sehe nicht, dass der Staat all diese Aufgaben lösen könnte oder auch lösen sollte. Aber er muss sich darum kümmern, dass es Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass es gerecht zugeht.

    Wenn du deine Vorstellung zu Ende denkst (wovon ich natürlich ausgehe) und die Firmen ausschließlich gewinnorientiert handeln, werden wir irgendwann in Europa tatsächlich das Museum für reiche Chinesen werden (wie es mal einer gesagt hat). Ich glaube nicht daran, dass wir als pure Informations – und Dienstleistungsgesellschaft eine Überlebenschance haben. Abgesehen davon, dass selbst viele Firmen in diesen Bereichen Arbeitsplätze ins Ausland verlagern und natürlich immer deshalb, weil sie Kosten einsparen wollen oder müssen (also wiederum gewinnorientiert handeln). Wenn man diese Entwicklungen ansieht und dagegen Argument zu Felde führt, muss man kein Kommunist sein. Nicht mal Sozialist. Ich glaube einfach nicht, dass eine Gesellschaft ohne jede solidarische Verankerung zum Scheitern verurteilt ist. Und natürlich gehören Unternehmen zu dieser Solidargemeinschaft zwingend dazu. Stell dir vor, irgendwann sind selbst viele Mittelständler aus Kostengründen abgehauen. Ich mag mir nicht vorstellen, wie es dann in unserem Land aussehen würde.

  19. Ich würde sagen, deine Entgegnungen zum Schulsystem in den Niederlanden macht schon deutlich, wo die Probleme bei uns bereits anfangen: Misstrauen in den freien Markt. Damit macht man vieles gleich von vornherein kaputt, statt es einfach mal zu versuchen.

    Es gibt nicht gar keine Lenkung, es gibt einige wenige Vorgaben, was so ein fertig gebildeter junger Mensch gelehrt bekommen haben soll. Dazu gehören zum Beispiel Englisch und Holländisch als Pflichtfächer, ich meine es sind sogar die einzigen. Der genaue Umfang ist allerdings schon wieder frei – und damit übrigens auch frei für den Schüler nach dessen Interessen wählbar.

    Während bei uns selbst die Lehrbücher von der Regierung(!) vorgegeben werden, sowie auch welcher Lehrer in welcher Schule arbeitet. Sowas schafft natürlich schon von sich aus eine recht umfangreiche Bürokratie, die zum Beispiel das Geld kostet, dass man auch für mehr Lehrer ausgeben könnte, wenn man sich mit etwas freiheitlicheren Regeln arrangieren könnte.

    Definitiv ist die Debatte in Sachen Bildung in Deutschland rein ideologisch. Wir fragen, ob Gesamtschule oder Dreigliedriges System richtig ist, fragen ob G8 gut oder schlecht ist. Das sind völlige Nebensächlichkeiten, Symptome sozusagen. In Niedersachsen machen wirs inzwischen wenigstens so (FDP-Initiative, logischerweise – der CDU käme das eher nicht in den Sinn, genauso wenig wahrscheinlich der SPD), dass Landkreise sich entschließen können, freiwillig Gesamtschulen einzurichten. Die erste wird bei uns gerade gebaut und zumindest in einer Stadt im Landkreis haben damit Eltern und Schüler demnächst die freie Wahl, wo sie ihr Kind hinschicken – theoretisch jedenfalls. Praktisch kommen noch organisatorische Probleme mit der Schülerbeförderung dazu aber das lässt sich ja lösen.

    Dünnere Besiedlung ist absolut kein Totschlagsargument für das Holländische System, man muss sich halt nur bewusst sein, dass es dann eben etwas teurer wird. Bildung darf aber meinet-(und offensichtlich auch deinet-)wegen auch noch teurer sein, als sie ist, wenn das nötig ist, weil sie elementar wichtig ist.

    Nehmen wir an, du machst eine Schule auf. Der Staat zahlt dir für jedes Kind eine Pauschale. Es spielt keine Rolle, ob das Junge oder Mädchen, schwarz, weiss, was auch immer, arm reich, dick oder dünn ist, der Staat zahlt dir immer das gleiche. Nehmen wir weiterhin an, dein Nachbar betreibt auch eine Schule und nehmen wir an, die Kinder können frei wählen, auf welche sie gehen. Nehmen wir außerdem an, dass genug Geld in Bildung gesteckt wird, dass es ein lukratives Geschäft ist. Unter solchen Voraussetzungen kannst du es dir schlichtweg nicht leisten, dir deine “Kundschaft” auszusuchen – so wie kein Schuhverkäufer und kein Restaurantbetreiber sich seine Kunden großartig aussuchen kann. Der Wettbewerb zwingt dich, jeden gleich zu behandeln.

    Das Problem der “Getthoisierung” mag aufgrund der weniger dichten Besiedlung unter Umständen in sofern ein Problem darstellen, als dass damit unter Umständen stellenweise der Wettbewerb nicht richtig funktioniert. Eventuell müsste man in dem Fall dann doch auf gewisse Mindeststandards setzen oder vielleicht auch einfach etwas mehr Geld in die Hand nehmen als anderswo. Das man einem System möglichst freie Hand lässt, heisst ja nicht, dass man stellenweise nicht etwas nachsteuern darf.

    Der springende Punkt ist, dass das Geld nicht von den Kunden direkt kommt, sondern vom Staat – wie bisher auch. Privatschulen, die mehr nehmen, darfs ja trotzdem geben aber so wie mans mir erklärt hat, sind in Holland auch die ganz normalen Schulen so gut, dass danach kaum Bedarf besteht. Und das sollte doch das Ziel sein, oder?

    Vielleicht können wir uns darauf einigen, dass primäres Mittel, hohe Löhne zu erzeugen, gute Bildung sein sollte. Das ist sozusagen der allererste Hebel, den man betätigen muss, noch bevor man über irgendwelche Sozialausgaben überhaupt nachdenkt. Alles weitere, da bleibe ich hart, sollten bitteschön Tarifparteien untereinander klären aber das ist halt eh Ansichtssache.

    Wirtschaft funktioniert ja nicht nur in Schubladensystemen, wo die Art und Weise, wie Geld verdient wird, irgendeine besondere Rolle spielt. Sondern es ist ja so: Wir alle brauchen irgendwo Einkommen, haben also einen gewissen Antrieb, wirtschaftlich tätig zu werden, ne Firma aufzumachen, irgendwas anzubieten. Das gilt auch dann, wenn Firmen oder Arbeitsplätze abwandern. In dem Fall muss eben was Neues her – war doch niemals anders. Ich finde, dass um solche Storys, wo halt irgendwer findet, dass er anderswo besser produzieren kann und dann verlagert, viel zuviel Aufhebens gemacht wird. Klar ist das für die Betroffenen Scheisse. Aber frag mal die ehemaligen Quelle-Mitarbeiter, wie sie es finden, wenn Firmen eben nicht in die Zukunft planen, sondern sich auf ihren Lorbeeren ausruhen und gar nichts verändern. Damit ist letztendlich auch niemandem gedient, ganz gleich wie mans nun ideologisch sehen mag. Und solche Fälle kann die Politik doch beim besten Willen (den man angesichts der Millionen und Milliarden, die in den letzten Monaten für solche Sachen geflossen sind wohl unterstellen darf) niemals so lösen, wie es nötig wäre. Ein Business läuft entweder alleine oder er läuft nicht. Alles andere führt früher oder später zu Katzenjammer.

    Mein Ansatz daher: Bildung einerseits und Bürokratieabbau für Existenzgründer andererseits. Das ist der Stoff, aus dem z.B. das Silicon Valley ist, woraus Firmen wie Google, Microsoft oder Apple gemacht sind. Wir trauern immer dem Alten nach, statt Neues zu wagen. Das ist doch für ein Land, in dem angeblich der einzige brauchbare Rohstoff jener zwischen unseren Ohren ist ziemlich fatal, oder?

  20. @Jan: Misstrauen in einen freien Markt. In der Tat. Damit habe ich es nicht. Die Wirtschaftskrise (und nicht nur die) bestätigt eigentlich auch, dass meine Skepsis so unangebracht nicht ist. Ist Bildung für alle mit einem solchen System machbar? Nun, in Holland scheint es ja zu klappen.

    Der springende Punkt ist, dass das Geld nicht von den Kunden direkt kommt, sondern vom Staat – wie bisher auch. Privatschulen, die mehr nehmen, darfs ja trotzdem geben aber so wie mans mir erklärt hat, sind in Holland auch die ganz normalen Schulen so gut, dass danach kaum Bedarf besteht. Und das sollte doch das Ziel sein, oder?

    Eindeutig ja. Das ist das Ziel.

    Gute Bildung ist eine Voraussetzung für höhere Löhne. So habe ich die Forderung auch immer verstanden, und ich glaube, dass darin die einzige Möglichkeit besteht, die Probleme langfristig zu lösen.

    Ich finde fast witzig, dass ein Liberaler die Tarifautonomie hochhält. Doch, ich weiß, dass dies sogar im Koalitionsvertrag steht. Eigentlich ist es ja richtig und sollte klar sein. Leider haben aber die Gewerkschaften so an Einfluss verloren, dass diese Forderung in der heutigen Zeit schnell als Finte zu entlarven ist. Die Union und natürlich die FDP ziehen sich auf diese Position zurück, obwohl sie natürlich wissen, dass diese nur dann funktioniert, wenn beide Partner auf gleicher Augenhöhe sind. Und das haben die Gewerkschaften, zugegebenermaßen durch eigene Schuld, nicht mehr zu bieten. Ich erinnere an die Diskussion um das Mitbestimmungsrecht, das die FDP verteufelt hat und nun wird es quasi als ein Garant dafür angeführt, dass die Folgen der Wirtschaftskrise sich noch im Rahmen bewegen (was sich natürlich überhaupt erst noch beweisen muss).

    In dem Fall muss eben was Neues her – war doch niemals anders. Ich finde, dass um solche Storys, wo halt irgendwer findet, dass er anderswo besser produzieren kann und dann verlagert, viel zuviel Aufhebens gemacht wird.

    Nee, Jan. So einfach ist es nicht. Natürlich hat das über Jahrzehnte so funktioniert und das auch nicht schlecht. Nun stehen unsere Unternehmen aber längst in einem globalen Wettbewerb. Wenn es dabei ausschließlich um Gewinnmaximierung geht, dann haben wir alle am Ende verloren. Die Unternehmen müssen ihre Gesamtverantwortung im Auge behalten. Natürlich tun sie das von Haus aus nicht. So funktioniert Kapitalismus leider nicht. Es wird uns nach meiner Überzeugung also etwas einfallen müssen, um wenigstens einen hohen Teil der Arbeitsplätze im Lande zu halten. Die plakativen Forderungen, dass wir in Deutschland immer einen Tick besser sein müssen als die anderen (da kommt sofort wieder die Bildung ins Spiel) ist allein nicht ausreichend. Da machen wir uns was vor. Denk dabei mal daran, wie viele gut ausgebildete Leute es längst in anderen Regionen dieser Welt gibt. Sieh nur nach China oder nach Ost-Europa. Ich weiß nicht, wer der Gesellschaft in dieser Ausgangslage anders helfen soll, als die Politik. Nur sie können im Sinne des von mir Aufgeschriebenen überhaupt irgendwas ausrichten. Leider sind brauchbare Ideen limitiert. Ich habe kaum welche gehört. Wenn es z.B. nach Sinn ginge, würden bald alle Aufstocker sein. Das hört sich übertrieben an aber denk mal an die vielen Akademiker, die auch keine Jobs mehr finden können. Es werden ja auch hochqualifizierte Jobs ins Ausland ausgelagert.
    Du hast natürlich recht, dass ich die Dinge vielleicht zu sehr mit der Brille eines “Besitzstandswahrers” sehe. Immerhin gebe ich freimütig zu, dass ich vor dieser Art Veränderungen eine Heidenangst habe. Das mag an meinem Alter liegen oder an meiner Biografie.
    Der Staat soll nach meiner Überzeugung die Wirtschaft ja auch nicht abwürgen, sondern ihr Spielräume geben. Ich weiß, dass das platt klingt. Vielleicht gibt es in dieser Beziehung ja nur ein entweder sozialistisch/kommunistisch oder kapitalistisch. Letztlich würde ich immer auch dafür kämpfen, dass unsere demokratische Grundordnung nicht den Jordan hinunter geht. Das, die Freiheit, ist für mich wichtiger als irgendeine Ideologie. Aber die Menschen lassen sich, wenn es ihnen schlecht geht, leicht in eine bestimmte Richtung drängen. Das haben wir jedenfalls in unserer Geschichte schon mehrfach erlebt. Und das nicht nur in Deutschland. Vielleicht muss man sich mehr trauen! Die Potenziale im Lande sind schließlich vorhanden.

  21. Ich könnte prima damit leben, wenn nur Du dem Markt misstrauen würdest, es scheint aber ein gesamtgesellschaftliches Problem zu sein und das wird auch künftig eine allzu konsequente Umsetzung solcher innovativer Modelle verhindern, fürchte ich. Da steckt auch einiges an Obrigkeitsstaatsdenken drin: Kann doch nicht funktionieren, wenn nicht irgendwer oben drüber steht und sagt, wos langgeht. Ich behaupte: Eben dann funktioniert, wenn nicht alles, so doch vieles erheblich besser, die meisten Leute kriegen es nur noch nichtmal hin, sich das in der Theorie als positives Modell vorzustellen.

    “Ich finde fast witzig, dass ein Liberaler die Tarifautonomie hochhält.”

    Warum? Vertragsfreiheit ist etwas elementar Liberales.

    Wir drohen jetzt sehr in eine neue Mindestlohndebatte abzugleiten, ich weiss nicht ob das unbedingt nötig ist. Grundsätzlich bin ich ein Anhänger von persönlichem Engagement, vom Selbermachen, statt nach dem Staat zu rufen, bloß weil man selbst zu wenig Lust, Herz, Eier oder alles zusammen hat, seine Interessen durchzusetzen. Ich kann weder verstehen noch gutheißen, wenn Menschen sich freiwillig in eine derartige Abhängigkeit vom Staat begeben und dabei aber auch noch unweigerlich andere in Mitleidenschaft ziehen, die das vielleicht so gar nicht haben wollen.

    Soll heissen: Wenn der Staat, statt die die Bürger repräsentierenden Gewerkschaften Mindestlöhne einrichtet, ist dass nicht nur eine Botschaft an die Bürger, dass Gewerkschaften mittlerweile durch den Staat ersetzt werden (was ich für keine gute, sondern eine sehr gefährliche Entwicklung in Richtung Totalitarismus halte) sondern ein Armutszeugnis, was eigenverantwortliches Engagement der Bürger angeht. Und vielleicht sogar ein weiteres Indiz dafür, dass es gehörig an der nötigen Bildung mangelt, als dass eine ausreichend große Zahl von Menschen diesen Weg noch als Holzweg erkennt?

    Wenn der Staat in Breschen springt, die die Bürger aus Faulheit und Desinteresse gerissen haben, dehnt er gleichzeitig seine Macht aus und sagt dem Bürger, dass sein Engagement nicht länger nötig ist. Was für eine Gesellschaft wird das, wenns fertig ist, wenn die Denkweise, dass man sich weder um andere, noch um sich selbst kümmern muss, weil dazu der geliebte Staat ständig Gewehr bei Fuss steht? Mir macht die Vorstellung, wo da die Reise hingehen könnte ehrlich Angst, da sind Mindestlöhne als Aushebelung gewerkschaftlicher Macht und überhaupt deren Anerkennung als notwendige Einrichtungen nur die Spitze des Eisbergs, leider eine, gegen die sich unheimlich gut polemisieren lässt.

    Mitbestimmungsrechte haben übrigens mit der zentralen Aufgabe von Gewerkschaften nicht viel zu tun, weswegen ich es völlig in Ordnung finde, genau darüber mal etwas ergebnisoffener zu diskutieren, als das tatsächlich stattfindet. Ich glaube nicht, dass Mitbestimmung das größte Problem ist, das wir haben aber der tiefere Sinn davon erschließt sich mir ehrlichgesagt nicht so richtig, sofern der nicht doch einzig in Besitzstandswahrung liegt (über deren Berechtigung sich bei Millionen Arbeitslosen trefflich streiten lässt).

    Ich denke übrigens überhaupt nicht, dass Mitbestimmung der Gewerkschaften irgendwas in dieser Krise zum Positiven wendet. Eher im Gegenteil. Wie soll denn die Blockade von einzelnen Entscheidungen einem Unternehmen großartig helfen? Muss so etwas nicht zwangsläufig behindern?

    Ich rede nicht von Jahrzehnten, sondern von Jahrhunderten. Ich habe den Eindruck, dass du ausschließlich in Richtung abhängiger Beschäftigung denkst aber dabei vergisst, dass man auch ohne einen Arbeitgeber arbeiten kann. Dann hast du selbst in der Hand, ob es dir nur um Gewinnmaximierung geht, ob du an die Börse gehst und dich von Hedgefonds aufkaufen lässt oder ob du anderen Arbeit und Einkommen geben kannst und willst oder nicht. Ja klar: Das ist nicht die Antwort auf alles aber ich bin zum Beispiel überzeugt davon, dass es diesem Land besser gehen würde, wenn hier ein ganz anderer Unternehmergeist, eine ganz andere Unternehmungslust herrschen würde. Wer die Schule verlässt, der fragt sich in den seltensten Fällen, welche Sorte Geschäft er aufmachen will und man kriegt darüber in der Schule auch so gut wie nichts erzählt. Stattdessen lernt man, wie man Bewerbungen schreibt und welche Rechte man als Arbeitnehmer hat – sicher wichtig, nur wird das auf Dauer nicht genügen, um ein Land, seine Wirtschaft und damit Arbeitsplätze zu erneuern.

    Für dich steht dagegen “Arbeitsplätze halten” im Vordergrund. Für mich ist das ein Wunsch, den ich natürlich auch hege – aber aktiv Arbeitsplätze halten, dass ist abgesehen von der “Bereitstellung” qualifizierter Leute meiner Meinung nach keine Lösung.

    Es ist natürlich keine Lösung, die Deutschen insgesamt zu Aufstockern zu machen. Es kann und darf aber auch nicht die Lösung sein, die selben Leute stattdessen zu Niedriglöhnern(=Mindestlohnempfängern) zu machen, damit ist nämlich auch niemandem geholfen. Schon deshalb nicht, weil es Branchen gibt, in denen dann sehr wohl Arbeitsplätze in Länder mit niedrigeren Löhnen wandern. Die Lösung liegt für mich eher darin, das Niveau der Arbeit zu steigern, das ist an der Stelle wahrscheinlich alternativlos – in welcher Form man den Leuten einen anständigen Lebensunterhalt sichert ist da doch nur eine Detailfrage ohne echte Auswirkungen auf die Situation selbst. Arbeitsplätze erschaffen und sichern wir doch nicht, wenn wir Mindestlöhne einführen oder ein liberales Bürgergeld oder meinetwegen auch beides. Arbeitsplätze erschafft man durch Geschäftsideen, davon brauchen wir mehr und wir brauchen bessere Chancen, die dann auch umzusetzen.

    Gelingt dass, sind hochqualifizierte Menschen im Ausland auch nicht bloß Konkurrenz, sondern Kundschaft. Darf man nicht vergessen. Ich freue mich über jeden hochqualifizierten chinesischen Ingenieur, denn er schafft voraussichtlich durch seine Arbeit mehr Wohlstand – egal wo er das tut, irgendwann wird dass dazu führen, dass ein deutsches Auto oder eine deutsche Maschine, vielleicht auch nur ein Restaurant in Deutschland Geld an diesem gewachsenen Wohlstand verdient.

    “Du hast natürlich recht, dass ich die Dinge vielleicht zu sehr mit der Brille eines “Besitzstandswahrers” sehe. Immerhin gebe ich freimütig zu, dass ich vor dieser Art Veränderungen eine Heidenangst habe. Das mag an meinem Alter liegen oder an meiner Biografie.”

    Kreide ich dir auch gar nicht an, ich habe in meiner Familie und meinem Bekanntenkreis genug Menschen, denen dass ganz ähnlich geht. Ich glaube auch nicht, dass Konfrontationskurs und Jung-gegen-Alt uns da weiter bringt, sondern Überzeugungsarbeit, das Aufzeigen der wahrscheinlichen oder weniger wahrscheinlichen Alternativen halt.

    Und alles, was mit Unternehmensgründung zu tun hat, ist in Deutschland zum Beispiel fürchterlich geregelt. Man hat den Eindruck, dass die Gesetze von großen Unternehmen geschrieben worden sind, um sich Konkurrenz vom Leib zu halten – und ein bisschen stimmt das vielleicht sogar. Aber vieles davon haben sich halt auch normale Bürger gewünscht, meistens eher nicht aus grundsätzlichen Erwägungen, sondern purem Eigennutz. Aber genau das würgt eben in der Praxis Wirtschaft ab – dazu muss ich nichtmal den Kündigungsschutz bringen, auch wenn der ähnlich wirkt – aber wenn dir als Existenzgründer erstmal ein ganzer Sack voll Vorschriften um die Ohren gehauen wird, weil du die Frechheit besitzt, auf die Idee zu kommen, dich nicht in Abhängigkeit von Siemens oder Telekom zu begeben, dann läuft doch irgendwas gründlich verkehrt.

    Ich erlebe das gerade, weil meine Mutter mit dem Gedanken spielt sich selbständig zu machen. Nichts großes, nur kriegt sie halt auf normalem Weg keinen vernünftigen Job, macht dafür gerade zwei parallel in Teilzeit, was sie halt gerne durch irgendwas Vernünftiges ersetzen würde. Das Projekt ist zwischendurch fast schonwieder gestorben, weil selbst für so eine kleine Unternehmung irrsinnige bürokratische Hürden gelten. Irgendwelche Pflichtversicherungen, die in ihrem Fall niemals zum Tragen kommen würden und höchstens für große Unternehmen wichtig wären zum Beispiel.

    Da fehlen Spielräume, das ist offensichtlich. Eigenengagement wird verunmöglicht, ist vielleicht politisch gar nicht wirklich erwünscht. Das ist doch furchtbar.

    Denn ich bin wie du überzeugt davon, dass Potenziale da sind. Und dass wo sie nicht da sind, Bildung neue Potenziale schaffen kann. Aber solange es als das Höchste der Gefühle gilt, für irgendwen anders zu arbeiten gehen viele doch eher in HartzIV, statt diesen Schritt zumindest in Erwägung zu ziehen. Es ist, wie du sagst: Es fehlt das sich etwas trauen.

    Natürlich gibts letztlich die beiden Grundrichtungen: Sozialismus oder Kapitalismus, bzw. Freiheit. Entweder mehr Vorschriften oder weniger, mehr durch den Staat regeln oder weniger – am Ende kommt nie 100% das eine oder das andere raus und es gibt da auch kein schwarz oder weiss. Für mich steht fest, dass in etlichen Punkten viel zuviel geregelt ist und viel zu wenig Freiheit da ist.

  22. Wir drohen jetzt sehr in eine neue Mindestlohndebatte abzugleiten, ich weiss nicht ob das unbedingt nötig ist. Grundsätzlich bin ich ein Anhänger von persönlichem Engagement, vom Selbermachen, statt nach dem Staat zu rufen, bloß weil man selbst zu wenig Lust, Herz, Eier oder alles zusammen hat, seine Interessen durchzusetzen. Ich kann weder verstehen noch gutheißen, wenn Menschen sich freiwillig in eine derartige Abhängigkeit vom Staat begeben und dabei aber auch noch unweigerlich andere in Mitleidenschaft ziehen, die das vielleicht so gar nicht haben wollen.

    Im Grund liegt da der Kern des Problems. Es gibt natürlich Menschen, die das können und die genau dies auch tun sollen. Aber es gibt eben auch nicht wenige, die dazu nicht in der Lage sind. Jetzt kannst du sagen, dass ich mir da eine Meinung anmaße, die mir vielleicht nicht zusteht. Aber da sind wir ganz schnell bei dem Thema, dass in Folge der Globalisierung irre viele Industriearbeitsplätze weggefallen sind, die auch nicht wieder nach Deutschland zurückgeholt werden. Sie fehlen auf Dauer. Was also tun die Leute, die nicht die von dir aufgeführten Eigenschaften oder Möglichkeiten besitzen? Sie vor allem müssten von der Richtigkeit überzeugt werden, dass sie gefälligst selbst mehr Verantwortung für sich und ihre Familien übernehmen. Ich fürchte, dass das nicht ganz klappen wird .

    Übrigens zum Thema Gewerkschaft/Betriebsrat eine vielleicht ganz interessante Geschichte, die schon ein paar Jahre zurückliegt. Es war, meine ich, deutlich im letzten Jahrzehnt. Pixelpark, Berlin, war ein junges aufstrebendes und bereits nicht mehr so kleines Unternehmen der IT-Branche. Dort gab es Streit darüber, dass ein Betriebsrat eingerichtet werden sollte. Wenn ich es richtig im Kopf habe, waren nicht kleine Teile der Belegschaft komplett dagegen. Sie haben sich massiv dagegen gewehrt. Einige von den befragten Mitarbeitern kam mir arg hochnäsig rüber. Ihr Standpunkt war: Betriebsräte brauchen wir nicht, das können wir doch für uns allein regeln. Einige Jahre später stand die Firma vor dem Zusammenbruch. Die IT-Blase war geplatzt. Dreimal darfst du raten, wonach jetzt gerufen wurde? Ich kann und will nicht behaupten, dass das die gleichen Leute waren. Aber es macht deutlich, worum es mir geht. Ich möchte nicht als abhängig Beschäftigter meine Interessen bei der Unternehmensleitung grundsätzlich allein wahrnehmen müssen. Das sage ich, obwohl ich seit Jahrzehnten AT-Angestellter bin und bisher selbst nie in meinem Leben einen Betriebsrat gebraucht habe. Aber es geht natürlich bei meinem Standpunkt nicht um mich, sondern um die Gesamtsituation von Arbeit in Deutschland.

    Dein Vorwurf, dass ich zu stark daran glaube, dass der Staat es schon richten wird, ist nicht richtig. Generell wird das immer gern rausgeholt, wenn es darum geht, dass man nach einem Regulativ zwischen Markt und Gesellschaft sucht. Der Einzelne, so wie die Liberalen es zu erklären versuchen, hat sich lange Zeit in der Evolution der Menschheit allein bewährt. Erst viel später, eigentlich zu Beginn der Industrialisierung, kam die Idee auf, dass Menschen, die von abhängiger Arbeit leben, ohne Solidarität schlicht untergehen. Was bringt dich zu der Annahme, dass der angesprochene Zeitraum, also die Frühindustrialisierung so viel anders ist, als das Verhalten der Kapitalisten in unserer Zeit? Diese Entwicklung ist Bestandteil des insbesondere von den westlichen Regierungen gegangenen Irrweges, dass man die Wirtschaft (Banken ausdrücklich eingeschlossen) einfach machen lassen könne.
    Natürlich ist es richtig, dass viele Unternehmer, insbesondere die Kleinen aber nicht unbedingt der so gern von den Liberalen in den Vordergrund gerückte Mittelstand, ihre Stammbelegschaften ganz anders, nämlich positiver behandeln. Im Mittelstand wurde vielfach längst der Weg übernommen, den die Großkonzerne vorgegeben haben. Rücksichtslosigkeit und einseitig Kapitalinteressen stehen dabei im Vordergrund. Es wurden Verlagerungen von Arbeitsplätzen durchgeführt, die nie und nimmer vernünftig kalkuliert oder überlegt gewesen sind. Nicht wenige Unternehmen haben für ihre Abenteuer teuer bezahlen müssen. Natürlich, das kann man nicht verhindern. Ein Staat nicht und die Arbeitnehmer schon gar nicht. Gesunder Menschenverstand hätte es vielleicht bewirkt. Verantwortungsgefühl für Mitarbeiter kann man vielleicht nicht lernen, gerade dann nicht, wenn man nur in Gewinnmargen und Marktanteilen gewohnt ist zu denken.

    Zu viel Staat bedeutet zwangsläufig vielleicht auch ein Zuviel an Bürokratie. Das finde ich auch nicht gut, aber die Vorschriften sind vielleicht auch nicht alle sinnlos. Insofern ist das eine sehr schwierige Sache. Ich wünschte, dass die Bürokratieabbaubemühungen besser vorankommen würden. Insofern sind wir jedenfalls bei deinem letzten Absatz durchaus nahe beieinander.

    Übrigens: Lies mal den Artikel bei Marco (Opponent.de). Ein Gastautor hat dort etwas sehr einfach dargelegt, was Globalisierung ist bzw. dass es keine Globalisierungsverlierer gäbe. Ich würde darüber gern mal mit den Leuten sprechen, die heute keinen Job mehr haben oder einen, der ihnen aufgrund der in Deutschland in weiten Teilen üblich gewordenen Niedrigeinkommen ein auskömmliches Leben unmöglich macht. Sinn würde sagen, dass die Pech gehabt hätten und das sie doch von der Möglichkeit profitieren, ihre niedrigen Einkünfte durch Hartz IV aufstocken zu können. Das ist blanker Zynismus, die diesen Staat innerlich zerstören wird. Lange braucht es nicht mehr dafür.

    Denk an die Anzahl der Leute, die jetzt schon von Transferleistungen leben. Es sind so viele, dass das Verhalten der Regierung (egal ob du CDU oder FDP nimmst) fast zwangsläufig von der Angst getragen wird, den jeweils anderen Teil der Bevölkerung zu vergrätzen. Wähler will keine Partei vorsätzlich verlieren. Die Situation ist ein Problem für unsere Demokratie geworden. Deine Antwort kann doch nun nicht sein, die Transferleistungen, die ja im Prinzip eher meiner statt deiner Überzeugung entsprungen ist, einfach abzuschaffen. Ich sehe das Hauptproblem darin, dass es nicht genügend anständig bezahlte Arbeit in Deutschland gibt. Man müsste darüber nachdenken, die Arbeit anders zu verteilen. Aber das wäre wohl mit den Liberalen auch nicht zu machen. Jeder soll schließlich selbst sehen, wo er bleibt.