Die Fabriken gehen dahin, wo die Märkte sind
Seitdem die Globalisierung richtig in Fahrt gekommen ist, kennen wir die Plattitüde, die erkennen lässt, dass die Interessenwahrer des Shareholder Value kein Verantwortungsgefühl für die Menschen im eigenen Land besitzen. Sie haben nichts aus der Wirtschaftskrise gelernt, außer natürlich, dass sie die staatlichen Hilfen nur zu gern für ihre Unternehmen mitnehmen. Mercedes ist in dieser Beziehung auch keine Ausnahme, auch wenn die Menschen in Sindelfingen das vielleicht geglaubt haben.
Nicht alle Unternehmer sind so angenehm verrückt, wie es der “Trigema”-Inhaber Wolfgang Grupp ist, der immer wieder seine Verantwortung für das Unternehmen betont aber auch für seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Vielleicht gibt es Leute, die über ihn und seine Ansichten die Nase rümpfen oder sich über ihn lustig machen. Mir gefällt der Mann deshalb, weil er seine Verantwortung wahrnimmt. Und das nicht nur verbal.
Die Automobilindustrie hat große Probleme, die sich in den nächsten Jahren noch weiter verschärfen werden. Das sagen uns die so genannten Experten. Insofern ist das Argument, das der Mercedes-Vorstand für seine Entscheidung ins Feld führt, nachvollziehbar und vielleicht sogar zutreffend. Er ist der Meinung, dass die Verlagerung der C-Klasse-Produktion in die USA helfen wird, Arbeitsplätze auch in Deutschland zu sichern. Die wirtschaftlichen Mechanismen aber vor allem diese Redewendungen sind uns geläufig.
Aber man darf diese Dinge nicht zu Ende denken. Deutschland und Teile Europas bieten vielen Unternehmen vor allem gesättigte Märkte und – jedenfalls in Deutschland – eine Bevölkerung, die sehr schnell altert. Ältere Menschen konsumieren nicht mehr so wie es jüngere tun. Das bedeutet, dass sich solche Märkte (man denke nur an die leider immer noch werberelevante Zielgruppe, die sich aus 19-49 jährigen rekrutiert) mehr und mehr aus dem Fokus unternehmerischer Interessen entfernen.
5000 Menschen werden wahrscheinlich betroffen sein. Nächstes Jahr haben wir eine konkretere Vorstellung davon, welche Auswirkungen die Wirtschaftskrise wirklich und insbesondere für die am Tropf hängende Automobilindustrie haben wird. Man spricht von ca. 20%igen Überkapazitäten. Was das umgerechnet in Humankapital bzw. überschüssigen Ressourcen (sprich: Menschen) bedeutet, will kann noch keiner so richtig sagen. Wahrscheinlich werden es sehr, sehr viele Menschen sein, die direkt oder indirekt von den erforderlichen Maßnahmen in ihrer Existenz getroffen werden.
Dass es darüber hinaus so ist, dass Märkte sich verändern oder verlagern und dass, wie im Falle Mercedes, Währungsschwankungen im globalen Kampf um immer mehr Rendite ohne Rücksicht auf Verluste nutzbar gemacht werden, ist Bestandteil des Systems. Wir haben jahrzehntelang davon profitiert. Systemkritik war deshalb selten und leise. Es wird sich erweisen, wie hoch die Schmerzgrenze für die Bevölkerung ist und ob es nicht doch noch einen Sinn für solidarisches Handeln gibt. Die Proteste in Sindelfingen werden verhallen, so wie wir das in vielen anderen Fällen erlebt haben. Nachdem sich die Empörungswelle, die von den Pressemeldungen ausgelöst wurden, gelegt hat, vergessen wir das Drama, das die Menschen in Baden-Württemberg heimsuchen wird. Auch wenn bald Weihnachten ist. Aber andererseits wächst schon die Angst davor, bald selbst betroffen zu sein. Und die Chancen dafür waren wohl nie besser. Jedenfalls nicht in den letzten Jahrzehnten.

Olaf
Man kann davon ausgehen, dass Mercedes genau weiß was es tun muss um in der globalisierten Welt seine Interessen optimal zu vertreten und seine Geschäftsfelder auszubauen.
Vielleicht ist das Geschrei jetzt natürlich auch so groß, weil Mercedes wie kaum eine andere Marke für Deutschland, deutsche Arbeitseinstellung, Qualität und Verläßlichkeit steht.
Und noch dazu ist ein Arbeitsplatzabbau bei Mercedes wahrscheinlich etwas womit man eben etwas bisher “ganz sicheres” nun auch als “nicht mehr sicher” erkennt. Da wanken Bollwerke und die Verunsicherung nimmt entsprechend zu.
Wenn das Produkt “Mercedes” in den USA außerdem genauso qalitativ hochwertig bleibt (was Mercedes ziemlich sicher hinkriegt) kann das auch den Ruf von vielen deutschen Unternehmen als zwar hochpreisig aber qualitativ excellent beeinflußen. Aber letztendlich ist das eine Entwicklung die sowieso schon lange angefangen hat – Deutschlands Unternehmen müssen eben mit immer besserer Konkurrenz mithalten – Vorsprung in dem Sinn, das hier etwas geschaffen wird was woanders nicht möglich wäre gibts eigentlich auch schon lange nicht mehr.