Mein schönstes Weihnachtsgeschenk

Weil die junge Frau so nett gefragt hat, habe ich ein bisschen in meiner Vergangenheit gekramt. Mein schönstes Weihnachtsgeschenk. Das ist wirklich schon eine ganze Weile her. Besser gesagt, eine Ewigkeit.

Vielleicht war ich schon in der Schule, oder es war kurz davor. Jedenfalls, das weiß ich, meine 5 Jahre jüngere Schwester war schon auf der Welt. Es wird vielleicht so zum Wechsel der 50er auf die 60er Jahre gewesen sein. Wirtschaftlich ging es meiner Familie damals nicht so toll. Die Situation teilten wir wohl in dieser Zeit noch mit sehr vielen Menschen. Erst in den 70ern, also über ein Jahrzehnt später, konnte man davon sprechen, dass es auch den einfachen Arbeitern und Angestellten ein bisschen besser ging.

Wir wohnten in einem schönes Haus und in einem noch schöneren Park. Mein Vater war Gärtner und hatte sich mit weiteren drei Kollegen um das Anwesen (und von einem solchen konnte man in diesem Fall wirklich sprechen) eines ortsansässigen Fabrikanten zu kümmern. Das Gelände hatte vielleicht eine Abmessung von ca. 800 m x 1000 m. Neben einer großen Villa mit Swimmingpool, Seerosenteich und großer Terrasse befand sich ein Tennisplatz, zwei riesige Gärten, mehrere Obstgärten und Stallungen für alles mögliche Viehzeug auf dem Gelände. Das Verdienst meines Vaters war arg schmal aber dafür hatten wir eine geringe Miete zu zahlen und Gemüse, Obst und Kartoffeln frei zur Verfügung.

Hier einige Fotos des Geländes, die wir “retten” konnten:

Leider gibt es das ganze Gelände heute nicht mehr, weil es von Rheinbraun für den Braunkohleabbau Anfang der 70er Jahre komplett abgeräumt wurde. Das ist schon ein bisschen traurig.

Außerdem gab es auf dem Sonnenhof, wie das Areal genannt wurde, natürlich unser Wohnhaus mit angrenzenden 2 großen Treibhäusern. Dazu gab es allerhand geheimnisvolles, was wir damals als Kinder selbstverständlich zu erkunden hatten. Dazu gehört ein aus dem Krieg gut erhaltener Bunker, in dem zu dieser Zeit Äpfel überwintert wurden. Für uns Kinder war es ein Traum. Für meinen Vater, der seine Arbeit gleich vor der Tür hatte, bestimmt auch. Meine Mutter hatte es ein wenig schlechter, weil wir kein Auto hatten und alle Einkäufe im einige Kilometer entfernt liegenden Städtchen zu Fuß oder mit dem Fahrrad erledigt werden mussten.

Für uns Kinder war es eine herrliche Zeit. Wir sind dafür meinen Eltern bis heute dankbar. Eine unbeschwertere Kindheit kann man wohl nicht haben. Von den Geldsorgen, die unsere Eltern damals bestimmt umgetrieben haben, spürten wir so gut wie nichts.

In besagtem Jahr hatte ich mir eine Ritterburg gewünscht. Ich könnte mir vorstellen, dass der Fernsehfilm Ivenhoe (mit Roger Moore) dafür den Ausschlag gegeben hat.

Irgendwie hatten es mir die Ritter und ihre wehrhaften Behausungen angetan. Vielleicht entstand daraus mein Weihnachtswunsch. Meine Eltern machten mir aber schnell klar, dass wir für eine solche Ritterburg einfach kein Geld übrig hätten. Mein Vater war handwerklich nicht sonderlich begabt (was ich leider von ihm geerbt habe). Realistisch, wie ich mit meinen paar Jahren gewesen bin, habe meinen Wunsch schnell aufgegeben und auch nicht mehr groß darüber nachgedacht.

Heiligabend kam und die schon einstudierte Zeremonie nahm ihren Lauf. “Wir warten auf das Christkind” war eine Fernsehsendung, die meine kleine Schwester und ich allzu gern (und friedlich, wie ich ausdrücklich hinzufügen muss) gemeinsam ansahen. Ich glaube, Der Moderator dieser Kindersendung war Klaus Havenstein. Danach gingen wir Kinder mit meinem Vater in die Treibhäuser. Die interessierten uns das Jahr über überhaupt nicht. Aber an Heiligabend hatten wir Geduld und Muße, uns von unserem Vater das “geheime Leben der Pflanzen” in epischer Breite erklären zu lassen.

Dann war es so weit. Meine Mutter hatte das Wohnzimmer hergerichtet und die Bescherung konnte beginnen. Ich erinnere mich, dass wir meine Eltern die chinesische (grellbunte) Weihnachtsbeleuchtung bis in die 90er Jahre hinein immer noch benutzt haben. Vielleicht aus Sparsamkeit, vielleicht aber auch, weil so viele schöne Erinnerungen an ihr “hingen”. Wir Kinder fanden sie jedenfalls damals ganz toll. Am Rande sei vermerkt, dass die Lebensdauer, die dieses eigentlich sehr hässliche Dinger, doch beträchtlich war. Sie überdauerte, auch wegen der guten Pflege, die ihr meine Mutter angedeihen ließ, immerhin ein paar Jahrzehnte – manchmal (jedenfalls in späteren Jahren) durchaus zu unserem Leidwesen.

Wir betraten also das Wohnzimmer und waren gespannt, welche Geschenke uns erwarteten. Die Geschichte von Christi Geburt trat auch schon damals zunächst jedenfalls für eine Weile in den Hintergrund. Aber es war einfach schön und, daran erinnere ich mich besonders gut, es war kein bisschen hektisch, weil das Essen auf dem Herd stand und sogleich verspeist werden musste, sobald die Bescherung rum war. So war das schon ein paar Jahr später nämlich – und wohl nicht nur bei uns.

Für mich lag da ein Trainingsanzug, den mir mein Patenonkel geschenkt hatte. Über solche praktischen Dinge konnte ich mich immer freuen wie ein Schneekönig. Nee, natürlich nicht. Ich sah mir solche Nützlichkeiten an und legte sie auch sogleich zur Seite. Wie undankbar. Ein Teller mit Süßigkeiten für jeden durfte nicht fehlen und mindestens ein Weihnachtslied war fällig. Ja, eine Ritterburg war natürlich weit und breit nicht vorhanden. Aber das war nicht schlimm. Meine Mutter hatte mir einleuchtend und überzeugend erklärt, dass wir dafür eben kein Geld hatten. Ich glaube, ich war trotzdem enttäuscht. So was ist mir übrigens auch heute noch anzusehen. Das sagen jedenfalls Leute, die mich gut kennen. Nur, dass es heute natürlich keine Ritterburg ist. Hatte ich übrigens schon erwähnt, dass wir uns in diesem Jahr (in der Familie) zum ersten Mal überhaupt nichts schenken werden? Ich glaube ja.

Mein Vater forderte mich auf, doch einmal unter den Tisch zu gucken. Der war mit einer übergroßen Tischdecke bis zum Boden bedeckt. Das hätte mich eigentlich schon ein bisschen misstrauisch machen müssen. Es ist nicht schwer zu erraten, was sich unter dem Tisch befand. Eine ausgewachsene Ritterburg. Wundervoll! Ich holte sich ganz vorsichtig hervor und begann sofort damit, sie aufzubauen. Dass die Ritter und die Pferde fehlten bemerkte ich erst später. Das war aber auch nebensächlich. Ich holte aus unserem Zimmer ein paar kleine Püppchen von meiner Schwester und ein paar Figuren (Duplo oder so’n Zeug gab es damals noch nicht) und stellte sie in der Burg und davor auf. Es konnte gespielt werden. War das herrlich. Natürlich gab es für Mama und Papa ein dickes Küsschen und ich könnte wetten, dass die beiden ein Tränchen in den Augenwinkeln hatten. Aber dafür hatte ich damals kein Auge.

Kommentare

  1. Lorena meint:

    Sehr schön! Das erste Video hat mir echt sehr gefallen. Sehr nett! Mein schönsten Weihnachtsgeschenk war das vorige Jahr- mein Sohn:)

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