Wieder was für den Markt für öffentliche Empörung

Herrn Hanns-Eberhard Schleyer (Generalsekretär des Zentralsverbands des Deutschen Handwerks) könnte mal eine neue Standpauke einfallen! Jedes Jahr Regelmässig kommt er mit seiner Geschichte von der schlechten Schulbildung an den Markt für öffentliche Empörung und die Medien (Fast 1000 Einträge zum Thema hat Google zu melden) greifen das natürlich begierig auf. Dabei ist die Aussage längst keine Neuigkeit mehr.

Man sollte erwarten, dass ein wenig mehr an Informationen “mitgeliefert” wird. Auf welche Schule bezieht sich die Aussage von Herrn Schleyer? Auf die Hauptschule — natürlich! In den Schulen werden die Kinder und Jugendlichen “abgelegt”, für die hier in Zukunft kein Platz mehr sein wird (und zwar mit Ansage!).

Es ist erbärmlich, scheint aber mehr und  mehr Realität zu werden sein. Bald wird’s wahrscheinlich konkreter, und es werden neue Zahlen an die Öffentlichkeit gelangen. Im nächsten Jahr wird es (infolge der Krise) in Deutschland sicher insgesamt weniger Lehrstellen geben. Um den zu erwartenden Ideen der Politik zuvor zu kommen und diesen die beabsichtigte Wirkung zu nehmen, lanciert Schleyer (mal wieder) seine (immer wieder rausgekramte) Erklärung zur miserablen Schulbildung in Deutschland. Es ist nicht zu bestreiten, dass das Problem besteht, aber es wirkt immer ein bisschen so, als wolle man das Problem benennen, es sozusagen offiziell machen, damit man sich dahinter verstecken kann. Deshalb wird vielleicht nicht einmal mehr erwähnt, dass überwiegend die Kinder von Migranten betroffen sind. Das macht mich noch betroffener.

In dem Interview, das Schleyer mit der “Braunschweiger Zeitung” geführt hat, spricht er davon, dass die Entwicklung “eine Katastrophe für den Standort Deutschland sei”. Es gilt aber neben den wirtschaftlichen Konsequenzen, die Auswirkungen für die betroffenen Jugendlichen selbst anzusprechen. Das tut aber keiner. Hat diese Gesellschaft die Kinder und Jugendlichen vielleicht schon aufgegeben?


Kommentare

  1. Jan meint:

    Also grade im Handwerk, wo nicht selten Auszubildende regelrecht ausgebeutet werden neige ich allerdings dazu, die Aussage des Chefhandwerkers ernst zu nehmen. Ich gehe dabei davon aus, dass sich in vielen Fällen das Beschäftigen von Auszubildenden wirklich relativ schnell rechnet – wenn der jedenfalls über ein bestimmtes Maß an Bildung verfügt.

    Vielleicht finde ich irgendwo mal ein paar Zahlen aber ich behaupte: Im Handwerk zumindest sind relativ viele Ausbildungsplätze vorhanden.

    Die Hauptschule ist aber unbestreitbar ein Sanierungsfall und ein Hauptschulabschluss allein schon längst nicht mehr ausreichend für eine handwerkliche Ausbildung. Kann man bedauern oder begrüßen (begrüßen werden es jene, die am liebsten flächendeckend und alternativlos Gesamtschulen hätten, denn genau dass wird wohl irgendwann das Ergebnis dieses Prozesses sein) aber von der Vorstellung, man erhielte dort einen ernstzunehmenden Schulabschluss, können wir uns getrost verabschieden.

  2. ap meint:

    Das Handwerk stellt ganz sicher sehr viele Lehrstellen zur Verfügung. Mich stört, dass Schleyer seine Behauptung zum xten Mal wiederholt hat und die Presse wieder darauf geflogen ist. Das heißt ja nicht, dass er mit seiner Aussage unrecht hätte.

    Ich kann nicht sagen, ob die Hauptschule den Ruf verdient, den sie heute hat. Wahrscheinlich ist es nicht nur ein Problem dieser Schulform, dass es dort so schlecht läuft. Bestimmt spielt das heutige familiäre Umfeld eine große Rolle. Um die jungen Leute (und Kinder) kümmern sich Vater und Mutter nicht mehr so, wie das früher einmal war. Die Dinge haben sich geändert. Es wird immer auch Kinder und Jugendliche geben, die nicht zur Realschule oder aufs Gymnasium gehen können. Man kann versuchen, die Zahlen weiter zu optimieren aber es wird immer Leute geben, die diese “Standards” einfach nicht leisten können. Die Frage ist, was wir in diese Kinder und Jugendlichen bereit sind zu investieren. Wenn wir wissen, dass diese schulische Ausbildung eine berufliche Zukunft nicht mehr sichern kann (und das ist seit Jahren der Fall) sollten wir dringend umsteuern. Den Leuten wird es doch ziemlich egal sein, in welcher Schulform dies geschieht. Eine ideologisch motivierte Diskussion über den Sinn und Unsinn der Hauptschule müssen wir nicht führen. Vor allem aber dürften wir darüber (wenn es sich denn nicht vermeiden lässt) die Jugendlichen vergessen, deren Zukunft auf dem Spiel steht.

  3. Jan meint:

    Naja, sofern seine Behauptung aber stimmen sollte, hat er ja kaum eine andere Wahl als sie zu wiederholen, solange die Situation sich nicht verbessert.

    Na klar muss “umgesteuert” werden, das Problem ist, dass keiner zu wissen scheint wie. Und nach jedem Regierungswechsel macht die nachfolgende Regierung die zarten Reformen wieder rückgängig, die die vorherige gerade so geschafft hat. So läuft es nach meinem Eindruck seit Jahrzehnten und fast immer stehen ideologische Blickwinkel dabei im Zentrum: Die CDU versucht krampfhaft, ein dreigliedriges Schulsystem zu retten, die SPD versucht krampfhaft die Menschheit mit Einheitsschulen zu beglücken. Der Selbstverwirklichungswahn sogenannter Bildungspolitiker ist das größte Problem das Deutschlands Schüler haben.

  4. Franky meint:

    Wenn etwas nicht in Ordnung ist bleibt das Rumnörgeln und Fingerzeigen auf andere natürlich eine Option, auch wenn es sich jährlich wiederholt. Dass die Medien das aufschnappen finde ich angesichts der heute vorherrschenden Kurzzeitgedächtnis – Hofberichtserstattung eigentlich nicht so besonders…

    Ich fände in solchen Interviews allerdings spannend zu hören, was das Handwerk aus eigener Kraft anstrengt, um die Situation zu verbessern. Ich hätte aber zum Beispiel gerne von Herrn Schleyer gehört, das die Ausbildungsinhalte im Handwerk angepasst werden. Oder dass das Handwerk praktische Förderkurse für das schlechter abschneidende Jahrgangsquartil einrichtet. Und was diese Maßnahmen kosten.

    Erfolg hat doch nur, wer sich auf neue Gegebenheiten einstellt. Und diese Perspektive fehlt…

  5. Jan meint:

    @Franky: Das heisst: Lanfristig ersetzen wir Berufsausbildung durch Schulbildung? Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist, Schule hatte eigentlich immer mehr Aufgaben als nur auf den Beruf vorzubereiten.

    Und die Lehrinhalte von Ausbildungsberufen sind ja größtenteils eh schulisch, das Handwerk selbst kümmert sich vorwiegend um die Praxis. Lesen, schreiben und rechnen müssten Auszubildende also so oder so in der Schule lernen – wenn nicht in der Haupt- oder Realschule, dann eben in der Berufsschule.

  6. Franky meint:

    @Jan, es ist natürlich nicht schön, wenn eigentlich schulische Inhalte in der Berufsausbildung auftauchen. Aber wenn der Kenntnisstand nach der Schule wirklich so schlecht ist, wie lamentiert wird, dann sollte imho darauf auch reagiert werden. Die Betriebe müssen das eben ausbaden, wenn sie nicht auf Mitarbeiter verzichten wollen. Nicht schön, aber pragmatisch, finde ich…

    Irgendwann gibt es dann (hoffentlich) ein Rollback, wenn das nicht mehr nötig ist. Jedenfalls wenn die Politik merkt, dass es besser ist, in die Kinder zu investieren, anstatt das Geld den nutzlosen Bankmanagern in den Allerwertesten zu pusten.