In der Vorweihnachtszeit mag man solche Nachrichten schon überhaupt nicht. Schließlich befinden wir uns doch gerade jetzt mitten im Konsumrausch. Da können wir auf Einzelschicksale keine Rücksicht nehmen. Die Tendenz im Handel, sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnisse abzubauen und stattdessen mit Billiglöhnern über die Runden zu kommen, hat sich weiter verstärkt.
Wir genießen die Möglichkeit, auch am späten Abend die Konsumtempel zu frequentieren. Das ist Komfort. Das ist individuelle Freiheit. Dass dies zu Lasten anderer geht, interessiert uns einen Dreck! Deshalb sind die meisten nicht bereit, die längeren Ladenschlusszeiten in Frage zu stellen oder die Probleme für die Verkäuferinnen und Verkäufer überhaupt zur Kenntnis zu nehmen. Noch viel weniger sind wir dazu bereit, das eigene Verhalten zu hinterfragen oder gar anzupassen. Schließlich heißt es ja überall, dass wir Konsum (sprich: Wachstum) brauchen, um unsere Volkswirtschaft am Leben zu halten und auch, um unseren Sozialstaat zu erhalten. Dass dabei auf der “anderen Seite” mehr rund mehr Leute auf der Strecke bleiben bzw. in die Armut rutschen, interessiert uns doch (noch) nicht. Wenn der Gedanke überhaupt aufkommt, behaupten wir lieber, dass der Begriff Armut zunächst einmal vernünftig definiert werden müsse.









Das Problem dabei ist nur, dass eine Rückkehr zu den alten Ladenschlusszeiten (18:30, samstags 14:00) nichts, aber auch gar nichts ändern würde.
Der Einzelhandel würde die nicht mehr benötigte Zahl an “Billiglöhnern” rauswerfen und die verkürzten Zeiten einfach mit einer geringeren Zahl an solchen Arbeitskräften abdecken. Natürlich mit einer geringeren Zahl als nötig, um die verbleibenden Kräfte in Sachen unbezahlter Überstunden ständig unter Entlassungsdruck halten zu können.
OK — sorry für den lapidaren Ton — aber ich könnte auch (gleichzeitig!) an den Weihnachtsmann, den Osterhasen und gut bezahlte und abgesicherte Vollzeit-Mitarbeiter glauben. Aber das tue ich wohlweislich nicht. Nicht mehr auf diesem Planeten (und gar noch bei der jetzigen Regierung).
Ich frage mich grade, ob jene “Billiglöhner” wirklich lieber Garnichtlöhner, also arbeitslos wären. Wären sie jawohl, wenn es keine Jobs für Bürger ohne Berufsausbildung und tolle Qualifikation gäbe, oder?
Jan, es sind nicht nur Leute ohne Ausbildung im Handel als Aushilfen tätig, sogar Fachkräfte!
@Jan, ganz schön zynisch und wenig medienkritisch.
Fragt sich doch welche Wahl man hat, wenn immer mehr Vollzeitjobs mit Tarifvertrag abgebaut werden und dafür die Jobs massiv zunehmen, von denen man nicht mehr leben kann. Und das alles in einer Gesellschaft in der mehr als genug erwirtschaftet wird. Kommt halt nicht mehr bei denen an, die das erwirtschaften.
Außerdem trifft es auch immer mehr Menschen mit Schulabschluss und guter Ausbildung, das ist ein Medien und politikinduzierter Mythos, dass nur Menschen, die “nichts” gelernt haben davon betroffen sind. Mal abgesehen davon, dass die Verkäuferin im Einzelhandel eine dreijährige Ausbildung ist.
Heutzutage kann jeder erwerbslos werden und erleben, wie sein Job dann von einem erheblich schlechter bezahlten Menschen gemacht wird. Aber solange irgendjemand noch glaubt, es wäre für “die” (also mit einem selbst hat das ja nichts zu tun) besser irgendeinen Job zu machen, als keinen, braucht er oder sie sich ja nicht mit ihrer eigenen Situation auseinander zu setzen. Frag mal Krankenschwestern, Sozialpädagoginnen oder Erzieherinnen, wie es ihnen finanziell so geht.
Die Frage ist doch auch, wie es kommt, dass in einem Land, dessen Ausbildungen weltweit begehrt sind, so viele Menschen die Schule nicht schaffen und keine Ausbildung haben? Und das wo wir eigentlich mehr qualifizierte Menschen brauchen, um wirtschaftlich überleben zu können. Wer glaubt, dass wir hier mit einem Niedriglohnsektor in Deutschland (ALG II hieß ja mal “Gesetz zur Einführung eine Niedriglohnsektors in Deutschland”) weltweit konkurrenzfähiger werden, sollte sich noch mal mit Preis- und Produktstrategien beschäftigen.
Ist ne echte Schande, was sich in diesem Land abspielt.
Ich glaube worauf Horst hinaus will, ist nicht, dass die Arbeitsverhältnisse wieder geändert werden, da glaube ich auch nicht dran und er vermutlich auch nicht, sondern, wie wir uns verhalten. Müssen wir nach 20 Uhr einkaufen? Müssen wir diese verkaufsoffenen Sonntage nutzen? Wenn der Markt, das subjektlose Wesen, sich wirklich von allein reguliert, dann würden diese Öffnungszeiten von ganz allein wieder verschwinden, wenn wir alle es unterließen nach 20 Uhr einzukaufen. Ich mache das tatsächlich nicht, ich meide die verkaufsoffenen Sonntage und schaue, dass ich nicht nach 19:00 in den Supermarkt gehe.
Früher ging es ja auch, irgendwie ist keiner verhungert und vor allem ging es vielen finanziell besser und Verkäuferinnen haben ihre Familien und Freunde auch mal zu Gesicht bekommen.
Wie ich kürzlich lernte, ist das durchschnittliche Einkommen von Niedriglohn-EmpfängerInnen in den letzten ca. 10 Jahre im Verhältnis zum Durchschnittseinkommen um 10% gesunken. Das ist eine Schande für unsere Gesellschaft. Oder dass zwar 1,4 Millionen Stellen geschaffen wurden, allerdings im Teilzeit, Ein-Euro (was ja sowieso keine “Arbeitstelle ist) und solchen Bereichen, während gleichzeit 900.000 sozialversicherungspflichtige Vollzeitstellen abgebaut wurden.
Und dann sich hinstellen und sagen Arbeit ist besser als keine Arbeit? Ehrlich? Das sehe ich inzwischen vollkommen anders. Wir füttern mit unseren Steuergeldern diese Politiker, Manager und Reichen durch (Zinsforderungen und so) und dann stört es uns wirklich, dass es Menschen gibt, die nicht um jeden Preis ihren Leib zu Markte tragen wollen? Ja, ja There is no alternative (Tina). Ich weiß schon, alles gelogen. Solange wir alle, wie hypnotisiert auf die “Armen” im Lande starren, können die “Reichen” unsere Steuergelder weiter verjuxen und sich auch weiterhin als Leistungsträger titulieren.
Zynische und verdrehte Welt und Horst, ich finde es gut, dass genau das zur Weihnachtszeit bei dir auf den Tisch kommt. Nach dem ich mein Elternhaus überlebt hatte, habe ich mir geschworen, dass ich jedes Jahr schöne Weihnachten haben will und mache es mir auch schön aber Pseudoharmonie um jeden Preis lehne ich strikt ab.
@Su-Mu: Zum einen geht es hier nicht um zeitweise Aushilfen, sondern um die Arbeitskräfte, die es dort ständig geben muss. Zum anderen ändert die Tatsache, dass es dort auch ausgebildete Leute gibt nichts daran, dass es Jobs für Leute geben muss, die wenig oder gar keine berufliche Ausbildung haben. Das gut oder schlecht finden hilft doch diesen Leuten nicht weiter.
@somlu:
“Fragt sich doch welche Wahl man hat, wenn immer mehr Vollzeitjobs mit Tarifvertrag abgebaut werden und dafür die Jobs massiv zunehmen, von denen man nicht mehr leben kann. ”
Zum Beispiel die Wahl, einer Tarifpartei beizutreten oder eine zu gründen? Die gesetzlichen Grundlagen sind ja überreichlich vorhanden, beim Streikrecht nur mal angefangen. Die Höhe von Löhnen daher kein primär politisches Problem.
“Aber solange irgendjemand noch glaubt, es wäre für “die” (also mit einem selbst hat das ja nichts zu tun) besser irgendeinen Job zu machen, als keinen, braucht er oder sie sich ja nicht mit ihrer eigenen Situation auseinander zu setzen”
Mit dir mag das nichts zu tun haben, mit mir – beispielsweise – schon. Ich denke nicht, dass ich mich in der Weise belehren lassen muss, ich weiss sehr genau, wovon ich rede.
Das die Schulbildung schlecht ist, ist dagegen aber natürlich ein sehr politisches Problem. Eins dass ich dadurch lösen würde, dass nicht mehr länger alle 10 Jahre eine neue Regierung kommen kann, die erstmal das ganze Schulsystem umschmeisst und neu ordnet, damit es in ihre jeweilige Ideologie passt. Schulen sollten sich nach den Bürgern richten und nicht nach Politikern auf Selbstfindungstrip – damit wäre hier schon viel erreicht. Regierungen sind offensichtlich einfach zu dumm um ganz allein gute Lehrpläne zu machen.
Die Verbindung von schlechter Bildung und ALG2 erschließt sich mir aber nicht, dass eine bedingt nicht das andere. Dass es Bürger gibt, die sozusagen “Opfer” falscher Bildungspolitik geworden sind ist ja unbestritten aber was ist falsch daran, auch die irgendwie in die Gesellschaft integrieren zu wollen? Und wie sonst soll das gehen, als dass man versucht Arbeitsplätze zuzulassen, die solchen Bürgern ein Einkommen sichern, statt sie zu Almosenempfängern zu machen? Das war doch das Ziel und es ist doch klar, dass der Unterschied zwischen einen Job haben und keinen haben oft genug auch darüber entscheidet, ob man irgendwann mal einen besser bezahlten kriegen kann.
Die Zahlen, die du nennst, präsentierst du etwas fragwürdig. Ich jedenfalls habe die gleichen Zahlen anders gelesen.
Seit 2005 nämlich – also seit Einführung des SGBII(!) – ist die sozialversicherungspflichtige Vollbeschäftigung um über 500.000 angestiegen. Wenn man also schon der Meinung ist, HartzIV hätte da irgendwas verschlimmert, dann darf man doch nicht die letzten 10 Jahre zum Maßstab nehmen,sondern sollte erst ab der Reform rechnen (also nur, wenn man fair bleiben will – das Medium, dass diesen 10-Jahres-Vergleich gebracht hat wollte das offensichtlich nicht).
Übrigens kam ich tatsächlich schon öfter in die Verlegenheit, nach 18 oder auch nach 20 Uhr einkaufen zu müssen. Teilweise bestand so eine Notwendigkeit sogar nach 22 Uhr – die Debatte hatten wir hier allerdings grade erst und zumindest ich habe seitdem zum Beispiel immer noch nicht verstanden, warum Tankstellen nicht ab bestimmten Uhrzeiten geschlossen werden müssen und mich aufgrund ihrer Monopolstellung zu fortgeschrittener Stunde mit Mondpreisen quälen dürfen. Warum bleibt dort die Empörung aus? Benzin ließe sich ja notfalls übers Wochenende ohne Weiteres bevorraten.
@Jan, offenbar verfügst du über andere Zahlen als ich:
Entwicklung Beschäftigungsverhältnisse
Die Statistik endet ja schon 2007, ausserdem gibt es nur eine einzige Zahl für den betreffenden Zeitraum – daraus kann man beim besten Willen gar nichts ableiten.
Tja, Jan, wie heißt es doch so schön, ich traue nur Statistiken, die ich selbst gefälscht habe.
Ja, bloß ist es halt schwierig irgendwelche Aussagen zur Entwicklung zwischen 2005 und 2009 zu treffen, wenn man bloß eine Momentaufnahme von 2007 zur Hand hat. Das hat mit fälschen auch nix zu tun, die Zahlen mögen durchaus stimmen, helfen nur nicht weiter.