Verrückte Maßstäbe

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Ich kann Frau Schmidt verstehen, wenn sie fragt:

„Wie kommt man eigentlich dazu, ungefragt Maultaschen mitzunehmen? Oder eine Klo-Rolle, oder stapelweise Papier aus dem Büro?"

Quelle: "Fehlender Anstand": Arbeitsrichterin verteidigt Bagatell-Kündigungen – Nachrichten Wirtschaft – WELT ONLINE | Link

Ich kann aber auch diejenigen verstehen, die sagen, man solle nicht mit zweierlei Maß messen. Hier die “normalen” Arbeitnehmer, die für vergleichsweise kleine Vergehen fristlos gekündigt werden und dort die Manager, denen wirklich Schlimmes zur Last gelegt werden müsste und die mit einem so genannten “goldenen Handschlag”, also einer großen finanziellen Abfindung, nach Hause geschickt werden.

Es ist in der Tat fehlender Anstand, wenn man andere Menschen (auch den Arbeitgeber) bestiehlt. Frau Schmidt beklagt, dass Politiker und Gewerkschafter auf die Beispiele (Kündigungen) der jüngeren Vergangenheit so publikumswirksam kritisiert haben. Sie meint: “Jeder frage sich mal, wie viel er sich denn aus der eigenen Tasche nehmen lassen würde, bevor er reagiert.“ Natürlich stimmt das. Das im Artikel erwähnte Vorhaben der SPD, ein Gesetz gegen Kündigung bei “geringsten Delikten” einzubringen, wird scheitern. Und mal ehrlich: Wäre ein solches Gesetz überhaupt wünschenswert?

Es wäre nur ein Herumlaborieren an Symptomen. Die Diskussion wäre vermutlich nicht aufgekommen, hätte es nicht die Finanz- und Wirtschaftskrise und bereits davor schwere Fehlleistungen von hochbezahlten Managern gegeben, die nicht bestraft wurden und die zudem die Menschen auch moralisch stark verunsichert haben. Vorbildfunktionen sehen jedenfalls ganz anders aus.

Heute stellen wir fest, dass Unternehmen sich langjähriger Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entledigen und davor nach Gründen für billige (abfindungsfreie) Entlassungen suchen. Es werden Winkeladvokaten gesucht und gefunden, die den Personalabteilungen bei solchen Maßnahmen gern behilflich sind. Und sie arbeiten sehr effektiv. Man kennt solche Fälle aus den Medien. Das alles führt zu weiterer Verunsicherung und zu Zukunftsängsten. Auch dies ist eine Erkenntnis, die wir in diesem Jahr im Windschatten der Krise gewonnen haben. Anton Schlecker, Lidl, Bundespost, Bundesbahn und andere große Arbeitgeber haben viel Vertrauen verspielt. Sie haben ihre Mitarbeiter bespitzelt und betrogen und das steckt vielen Menschen in den Knochen – auch wenn sie das bisher noch nicht am eigenen Leib erleben mussten. Natürlich kann es jeden treffen. In vielen Fällen hat sich die Ahnung als Tatsache erwiesen.

Arbeitsplatzabbau ist das ungute Signal, das wir nach 2010 mit hinübernehmen. Da der Arbeitsmarkt wie ein normaler Markt funktioniert und Angebot und Nachfrage die Preise bestimmen, wissen wir auch, dass das nächste Jahr wiederum einhergehen wird mit Lohndumping und mit einer weiteren Arbeitsverdichtung. Dabei sind in diesem Jahr so wenige Leute krank gewesen, wie das lange nicht der Fall war. Im Durchschnitt waren die Arbeitnehmer in 2009 nur 7,3 Arbeitstage krank. Darüber freuen sich die Arbeitgeber. Mediziner haben in dieser Beziehung einen etwas anderen Blick. Sie warnen vor den Folgen, die die Verschleppung von Erkrankungen auf die Gesundheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben wird.

In wirtschaftlichen Krisenzeiten sinken tendenziell die Krankenstände", sagte Joachim Möller, Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Nürnberger Bundesagentur für Arbeit. Gesundheitswissenschaftler warnen unterdessen die Arbeitnehmer davor, krank am Arbeitsplatz zu erscheinen. Dadurch könnten sie das Unternehmen durch höhere Fehlerquoten und Ansteckungen schädigen. (Hervorhebung durch mich)

Quelle: Krankenstand bleibt niedrig – Nachrichten welt_print – Wirtschaft – WELT ONLINE | Link

Wir sollen also unsere Arbeitgeber nicht dadurch schädigen, dass wir uns nicht krank melden.


Foto: Thomas-Max-Müller @ pixelio.de

Kommentare

  1. Rayson meint:

    Ich kann aber auch diejenigen verstehen, die sagen, man solle nicht mit zweierlei Maß messen. Hier die “normalen” Arbeitnehmer, die für vergleichsweise kleine Vergehen fristlos gekündigt werden und dort die Manager, denen wirklich Schlimmes zur Last gelegt werden müsste und die mit einem so genannten “goldenen Handschlag”, also einer großen finanziellen Abfindung, nach Hause geschickt werden.

    Die Höhe der Abfindung ist eine Folge der Höhe der Bezüge und der befristet abgeschlossenen Verträge. Der eigentliche Unterschied ist ein ganz anderer: Was man Managern meist zur Last legt, sind ja nicht ganz “normale” Straftaten. Die greifen nicht in die Firmenkasse oder nehmen den Kugelschreiber mit nach Hause. Zumal auf dieser Ebene die Grenze zwischen Berufs- und Privatleben eh verschwimmen kann, wenn man als Manager nicht selbst auf eine strikte Trennung wert legt, was in der Kaste aber schlecht ankommen würde. Meistens versucht man, wenn sich der Aufsichtsrat, der ein viel politischeres Instrument ist als ein Personalvorstand, doch zum kompletten “Abschuss” des Managers durchgerungen haben sollte, was er in vielen Fällen nicht tun wird, da er das eine oder andere mitgenehmigt hat oder hätte besser wissen müssen, mit Hilfe der “Untreue” zum Erfolg zu kommen, aber das juristisch brüchiges Eis.

    Tatsache ist nun einmal, dass vom Management viel Geld bewegt und dass es Unternehmer spielen muss, also heute X Euro einsetzen, um morgen vielleicht und risikobehaftet Y Euro damit hereinzubekommen. Damit wird man wohl mehr auf die Schnauze fliegen als recht bekommen, sonst wäre unternehmerischer Erfolg zu einfach, um am Markt üppig entlohnt zu werden (meint nicht die Gehälter, sondern die Rendite der Investition), also ist ein überwiegendes “Versagen” des Managements zwangsläufig. Würde man als das mit Strafe bewehren oder zum Anlass nehmen, die vertraglichen Verpflichtungen nicht mehr zu erfüllen, würde man wohl nur noch Deppen für diese Jobs gewinnen können.

    Man wird es bei den “Bagatelldelikten” schon dem Fingerspitzengefühl der Richter überlassen müssen, ob nun wirklich ein Vertrauensverhältnis unreparierbar geschädigt wurde oder ob es sich nur um einen reinen Vorwand handelt. Und den Konzernen, die zu viel Geld für Manager verschwenden, muss man jede Menge Konkurrenz an den Hals wünschen bzw. politisch dafür sorgen, dass die Markteintrittsbarrieren möglichst niedrig liegen. Der Glaube an die Wirksamkeit einer richtigen “corporate governance” ist dagegen aus meiner Sicht ein Irrglaube.

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  2. Rayson meint:

    Mein Gott, mal ein “ist” zu wenig und ein “als” zu viel.. Ich hoffe, gerade noch lesbar.

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  3. ap meint:

    Selbstverständlich sind das zweierlei Dinge. Weshalb die Abfindungen zum Teil so hoch ist, ist mir auch nachvollziehbar. Und trotzdem frage ich mich, weshalb du so viel Wert auf die bestehenden Unterschiede legst. Nur mal angenommen, man würde in dieser Gesellschaft so etwas kennen, wie den kategorischen Imperativ. Wären die unterschiedlichen Bewertungen dann immer noch vertretbar? Deine Erklärung klingt so ein bisschen danach, als sei alles eine Frage der Größenordnungen. Die kleine Angestellte verdient wenig, hat wenig Verantwortung und wird deshalb (standesgemäß) für einen “kleinen” Diebstahl entlassen. Der arme Manager aber, der ja so viel Verantwortung trägt (dafür zugegebener Maßen etwas mehr Gehalt und Bonus kriegt) jongliert mit so viel Geld, das er bei den in seiner ach so verantwortungsvollen Tätigkeit unbedingt auch mit entsprechend viel Geld abgefunden werden muss, wenn ihm mal etwas daneben geht. Die Risiken, die bei seiner ach so verantwortungsvollen Arbeit auferlegt werden, sind unmenschlich hoch. Und so weiter.

    Also ich verstehe gut, dass die Leute sich über solche grundlegenden Ungerechtigkeiten aufregen. Ich tue das aus den gleichen Gründen. Nicht aus Neid, sondern weil ich diese Ungleichbehandlungen, die immer wieder öffentlich werden, für moralisch unvertretbar halte. Mit dem zugegebenermaßen herrschenden mörderischen Konkurrenzkampf, der heute ausgetragen wird, muss man sich nicht abfinden. Man brauchte keine “coperate governance”, wenn die Menschen an sich selbst höhere Maßstäbe anlegen würden, nicht immer nur an andere.

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  4. Rayson meint:

    Klar ist es auch eine Frage der Größenordnungen. Auch. Es gibt auch einen ganz einfachen Grund, warum Manager so hoch bezahlt werden: Der Zahler will das so. Warum verdient Franck Ribery für seine 20-Stunden-Woche Millionen und der Platzwart für seine 40-Stunden-Woche nicht? Eben deswegen.

    Aber was die Verfehlungen angeht, ist der Unterschied ein qualitativer, kein quantitativer. Die “kleinen” Delikte sind besser greifbar. Deswegen wurde früher (ob das immer noch so ist, weiß ich nicht) oft die Revision eingeschaltet, wenn Manager entlassen wurden, um deren Spesenkonten zu überprüfen, eben weil man sich auf der anderen Seite im Graubereich des unternehmerischen Risikos, das nun einmal immer da ist, schwer tut, konkrete Pflichtverletzungen oder gar Straftaten nachzuweisen. Deswegen enden Wirtschaftsstrafsachen auch oft mit Deals. An der unterschiedlichen Komplexität wird man nichts ändern können, und an den rechtsstaatlichen Prinzipien, wonach ein Tatbestand zweifelsfrei nachgewiesen werden muss, auch nicht.

    Mit “Verantwortung” hat das relativ wenig zu tun.

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