Leben mit Hartz IV – Was ist nur mit uns los?

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Die ARD-Doku “Abgestempelt? (SWR) Leben mit Hartz IV” vom letzten Mittwoch habe ich mir trotz des späten Sendetermines (23:40 Uhr – 0:30 Uhr) interessiert angesehen. Es war so deprimierend, wie ich mir das vorgestellt hatte.

Geschildert wurde die Geschichte von fünf verschiedenen Menschen. Zwei alleinstehende Frauen mit Kindern und drei alleinstehende Männer. Vermutlich sind das die Gruppen, die unter dem, was wir als Hartz IV kennen oder zu kennen glauben, am meisten zu leiden.

Gegen-Hartz.de beschreibt: TV Hinweis: Abgestempelt? Leben mit Hartz IV. Eine SWR- Reportage von Thomas Reutter und Sylvia Nagel
Seit Monaten führt Werner F. einen verzweifelten Kampf um das Allernötigste: Der arbeitslose Kraftfahrer und Hartz-IV-Empfänger aus Mainz hat zwar eine Wohnung, aber keine Möbel. Keinen Schrank, keinen Stuhl, keine Küche. Stattdessen stapeln sich bei ihm Berge von Akten; denn seine Anträge bleiben oft unbearbeitet, seinen Sachbearbeiter bekommt er nicht zu sehen und nicht ans Telefon
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Eines haben die Leute gemeinsam: Sie befinden sich in einer verzweifelten Lage, aus der sich aus eigener Kraft kaum werden befreien können. Mit einer Ausnahme vielleicht.

Es ist, glaube ich, nicht sinnvoll, die einzelnen Geschichten hier im Detail noch einmal darzulegen. Das ist, wenn auch rudimentär, an anderer Stelle schon passiert (s. Kasten). Auch die Dokumentation selbst erlaubt es dem Zuschauer am Ende nicht, eine Wertung vorzunehmen.

Es sind bedrückende Einsichten, die sich bei allen Geschichten (oder muss man Schicksalen sagen?) bieten. Zum Teil liegt das wohl auch an den Betroffenen selbst, zum anderen Teil sind die Behörden an der deprimierenden Lage maßgeblich beteiligt.

Aber es gibt nicht eine einzige Antwort, schon gar keine einfache. Nicht mal die, die Abschaffung des Hartz IV – Systems selbst wäre die Lösung.

Wir werden uns darauf einstellen müssen, dass es auch in Zukunft weniger Arbeit gibt und die Arbeitslosigkeit diese Gesellschaft vor riesige Probleme stellen wird. Im Beitrag waren es, wie schon gesagt, 5 verschiedene Menschen, die zum Teil allerdings über keine besondere berufliche Qualifikation verfügten. Aber was sagt das schon über die Situation und die Befindlichkeit der betroffenen Menschen aus und was soll es überhaupt heißen, wenn in diesem Zusammenhang immer so getan wird, als würde Bildung und berufliche Ausbildung uns vor sozialem Abstieg bewahren können? Natürlich ist Bildung elementar, aber so richtig die Aussage ist, so muss man leider sofort die Frage danach stellen, ob wir in diesen Zeiten denn überhaupt noch über die nötigen Ressourcen verfügen. Der Staat tut es nicht und die privaten Haushalte sind nicht eben auf Rosen gebettet. Gut, wir klagen zum Teil auf hohem Niveau. Aber was ist mit den Leuten, die heute ohne guten Schulabschuss, ohne Berufsausbildung dastehen? Und ich meine damit nicht nur die vielen Kinder von Migranten, die schon den Anschluss verpasst haben und für die man fürchten muss, dass sie auf Dauer zu ALG II-Empfängern werden. 

Hier und da klang bei den Fünfen durch, sie wollten doch nur, was ihnen zustehe. Ich glaube, diese Haltung ist problematisch.

Wenn man kein regelmäßiges Einkommen hat und es nicht absehbar ist, dass man bald eine neue Arbeit findet, kann man nicht auf staatliche Hilfe pochen, weil aufgrund von Zahlungsrückständen Strom, Gas und Wasser abgestellt worden sind. Dazu hat in der Regel nämlich eigenes Versagen geführt. Nicht berufliches, kein Versagen im Job, sondern beim Management des Privatlebens. Wenn man ein Haus besitzt, das man sich aus solchen Gründen nicht mehr leisten kann und die Behörden nach einiger Zeit darauf drängen, das Haus aufzugeben, wird man auf Dauer einfach dazu gezwungen sein. Das ist sehr bitter, aber es gibt sicher viele Menschen, denen ähnliches passiert ist. Ich denke nur an die (finanziellen) Auswirkungen, die es diesbezüglich bei Scheidungen geben kann. In einem solchen Fall kann man auch nicht erwarten, dass der Staat einem dabei hilft, das Haus oder den Unterhalt des Hauses zu finanzieren.

Es gibt Fälle, in denen die Behörden Hartz-IV-Bezieher schikanieren. Davon hat man schon gehört. Einem Mann wurden sämtliche Leistungen gestrichen. Die Folge davon war, dass er seine Wohnung verloren hat und nun im Obdachlosenheim leben muss. Das ist wirklich furchtbar. Der Mann machte auf mich einen hilflosen Eindruck. Vielleicht hat er die Konsequenzen seiner Haltung nicht bedacht, nicht gekannt oder beides. Da stellt sich gleich die Frage, ob die zuständigen Leute in den Behörden, nicht auch so etwas wie eine Fürsorgepflicht ihren “Kunden” gegenüber auszuüben haben. Man kann einen Menschen, der offenbar die Folgen seines Tuns nicht übersehen kann, doch nicht in dieser Form sich selbst überlassen!

Aber genau das tun ja nicht nur anonyme Personen in irgendwelchen Behörden, sondern viele von uns tun das. Ansonsten müssten wir nämlich nicht die Entsoldidarisierung dieser Gesellschaft beklagen. Wir spüren die eigene Hilflosigkeit und wissen sehr wohl, dass wir selbst ganz schnell in eine ähnliche Lage geraten könnten. Das macht Angst. Wenigstens diese Angst scheinen die Politiker inzwischen auch zu spüren und beginnen nun damit, Hartz IV in Frage zu stellen. Wie konkret das überhaupt wird muss abgewartet werden. Gerade wurde über das Thema schon mehr als genug!

Oder hat das nur mit dem desaströsen Beispiel, nämlich dem Niedergang der SPD und deren Unfähigkeit zu tun, sich komplett und überzeugend von der Agenda-Politik ihres letzten Kanzlers zu lösen?

Gehen wir mal einen Moment davon aus, dass unser immer noch vorherrschender Glaube, alles funktioniere nur durch wirtschaftliches Wachstum, zumindest zweifelhaft ist. Kommt der Sozialist bei mir durch, wenn ich meine, dass uns nur die Neuorganisation von Arbeit ein Stück weit voranbringen könnte? Vielleicht wäre es mit neuen Arbeitszeitmodellen zu erreichen, dass wieder mehr Menschen existenzsichernde Jobs finden und das vor allem dauerhaft? Leider werden die Arbeitsplätze für geringqualifizierte Menschen nicht reimportiert werden. Die Industriearbeitsplätze, die es noch in den 70er und 80er Jahren gegeben hat, sind wohl für alle Zeiten verloren. Sie wurden abgebaut, verlagert, um die anderen Arbeitsplätze im Land sicherer zu machen. Das ist die Story. In Wahrheit ging es darum, dass sich die Kapitalisten die Taschen vollstopfen konnten und das immer schneller.

Wie toll die Globalisierung in der Realität funktioniert und wem sie gedient hat, haben wir in und nach der Finanzkrise erkannt. Wegen unseres fehlenden Mutes, denkbare Alternativen zu suchen und am Ende sogar zu finden, frisst dieses menschenverachtende System aber weiter an den Werten, deren Verlust in Feiertagsreden gern beklagt wird.

Foto von Harry Hautumm @ Pixelio.de


Kommentare

  1. Roberto meint:

    Da ich oben keinen Link gefunden habe; hier mal ein Direktlink zur ARD-Mediathek: http://mediathek.daserste.de/daserste/servlet/content/3632868?pageId=487888&moduleId=799280

    Genau in dem Monat wo ich umziehen wollte(Arbeit gefunden yay) habe auch ich kein Geld mehr bekommen. Am 19. weiß ich wie es weiter geht. Das wärs von meiner Seite :)

    Viele Grüße!

  2. ap meint:

    Super! Danke Roberto. Ich habe gesucht und leider dazu nichts gefunden.

    Habe ich dich richtig verstanden? Du bekommst einen Job ab 19.01. und bis dahin kein Geld?

  3. Andreas meint:

    Gerade das mit dem “Verschleudern” der Häuser sehe ich kritisch. Wenn ich ein Haus habe, dass u.U. schon abbezahlt oder nur gering belastet ist, dann ist doch der Unterhalt womöglich günstiger, als die Miete einer passenden Wohnung. Hauseigentum wurde und wird doch eben gerade immer auch als Versicherung angepriesen. Dann kauft man sich eine Immobilie, zahlt Jahrzehnte ein, um irgendwann eben nicht mehr einzahlen zu müssen und mit einer kleinen Rente den Standard halten zu können … und dann soll man das weggeben und hat nichts mehr. Schöne Logik!

    Anders sieht es natürlich bei einem frisch erworbenen oder noch sehr hoch belastetem Haus aus. Aber i.d.R. sind das dann ja auch Immobilien die noch nicht so lange abbezahlt wurden.

    Die Weggabe von Häusern halte ich nicht generell für sinnvoll. Eher im Gegenteil!

  4. ap meint:

    @Andreas: Es ging in dem Beitrag nicht darum, dass man das Haus verschleudern wollte. Es ging darum, dass die beiden Leute dieses Haus schlicht nicht mehr unterhalten konnten. Deshalb war ihnen ja Strom, Wasser und Gas einfach abgestellt worden. Es war ein Haus, das eigentlich diesen Namen schon nicht mehr verdient hatte. Erbarmungswürdig. So gesehen wäre es die Allgemeinheit vielleicht billiger gekommen, wenn das Sozialamt die Leute dort hätte wohnen lassen. Aber die hatten schon 10.000 Euro Schulden nur für Strom, Wasser und Gas. Sohn und Mutter versuchten im Beitrag von den Behörden Geld zu bekommen, damit sie weiter im Haus wohnen bleiben konnten. Ich weiß nicht, ob das in diesem Fall so sinnvoll wäre. Grundsätzlich bin ich allerdings schon deiner Meinung.