Der nette Kerl will für einen “Hungerlohn” nicht mehr arbeiten

25.01.2010 · 15 Kommentare · 370 LESER

Das war ein netter Kerl, der uns gestern Abend bei “Anne Will” erklärte, weshalb er für 900 Euro Lohn morgens nicht mehr aus seinem Bett aufstehen möchte, deshalb bei TNT gekündigt und sich arbeitslos gemeldet hat. Vielleicht deshalb waren die Diskussionsteilnehmer nicht geneigt, ihn dafür so zu kritisieren, wie es wohl angebracht gewesen wäre. Roland Koch hätte es vermutlich getan, und ich hätte ihm aus vollem Herzen recht gegeben.

Fabian Stölzel ist 26 Jahre alt und war bis Ende 2009 bei TNT in Hamburg als Briefzusteller tätig. Sein Stundenlohn lag bei 7,60 Euro. Das war ihm zu wenig. Er konnte sich nichts leisten und hatte keine Lust, das ihm zustehende Geld eines Hartz-IV-Aufstockers zu beantragen.

Auch als Gegner von Niedriglöhnen muss ich einsehen, dass in diesem Fall die Forderung nach einem Mindestlohn wenig überzeugend wäre. Schließlich würde der von der Opposition geforderte Mindestlohn die 7,60 Euro nicht einmal erreichen. Der läge nämlich, wenn ich das richtig in Erinnerung habe, einige Cents darunter. Die Linkspartei forderte zwar erheblich mehr und auch der DGB verlangt inzwischen deutlich über 7,50 Euro. Die SPD hat ihre Forderung ebenfalls nach oben “angepasst”.

Die 900 Euro reichen Fabian jedenfalls nicht, um auch mal ins Kino und danach nett essen zu gehen. Statt also seinen Job weiter zu machen, hat er gekündigt und die übliche 3monatige Sperre des Arbeitslosengeldes I in Kauf genommen. Die Gäste auf Anne Wills Sofa haben sich im Sinne des behandelten Themas in der Vergangenheit bereits mehrfach als Fehlgriffe erwiesen. Das sitzen z.B. Rentner, die während ihres Berufslebens kaum “geklebt” haben und die sich in der Sendung darüber beklagen, keine ausreichende Rente zu bekommen oder Betriebsräte, die Dinge über ihr Unternehmen erzählen, die wenig überzeugend klangen.

Ich bin kein Fan von Zeitarbeit und Herrn Gerster in seiner heutigen Eigenschaft als Unternehmensberater und Lobbyist für diesen Wirtschaftsbereich wiederzusehen, hat mir nicht gefallen.

Nicht erst seit “Schlecker” und den unsäglichen Praktiken dieses Unternehmens bin ich überzeugt davon, dass sie im Grund nichts anderes sind, als eine bequeme Möglichkeit für Unternehmen, ihre Stammbelegschaften unter Druck zu setzen. Der Sinn der Zeitarbeit, der der Öffentlichkeit bei ihrer Intensivierung im Rahmen der Agenda 2010 verkauft wurde, nämlich, dass Menschen über dieses Instrument leichter wieder in ersten Arbeitsmarkt kommen würden, hat sich wohl als Irrtum erwiesen.

Der Personalaustausch funktioniert heute nicht mehr von der Zeitarbeitsfirmen in die Unternehmen, sondern leider umgekehrt und das zu deutlich schlechteren Bedingungen. Viele Unternehmen benutzen das Instrument der Zeitarbeit ausschließlich zu ihrem eigenen Vorteil, was zwangsläufig auch bedeutet, dass dies gegen die Interessen der betroffenen Arbeitnehmer ist. Der Gesetzgeber ist hier dringend gefordert.

Und da bin ich wieder bei Fabian Stölzel. Ich verstehe gut, dass er ein Problem mit den Bedingungen hat, unter denen er bei TNT arbeiten ging. Es sollte so sein, dass für einen Fulltime-Job ein auskömmlicher Lohn gezahlt wird. Wenn man mit dem Lohn aber nicht zufrieden ist, sucht man sich (auch heute) einen neuen Job und kündigt nicht ohne einen solchen gefunden zu haben, seine Arbeitsstelle. Zugute halten muss ich Fabian, dass er die Hoffnung hat, innerhalb der 3monatigen Sperrzeit bereits einen neuen (hoffentlich besser bezahlten) Job gefunden zu haben. Ich wünsche ihm, dass das auch klappt. Sonst macht sich das nämlich (nicht nur in den Papieren) nicht so gut.

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1 JürgenHugo 25.01.2010 um 22:15 Reply to this comment

Wenn man nur für 5 Cent Verstand hat, dann macht man sowas wie der Stölzel vielleicht – aber man erzählt das nich im Fernsehen…

Oder hofft der jetzt auf einen Super-Traumjob – dank TV-”Reklame”?. Herrjeh, was gibt das doch für Dödels. :daumr:

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2 Jan 25.01.2010 um 23:29 Reply to this comment

Gerster war aber nicht für die Zeitarbeitsbranche da, er vertritt die Postbranche.

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3 Tobi 25.01.2010 um 23:37 Reply to this comment

Frustierend ist das Ganze allemal für 7,60 Euro, das klingt auch gleich nach Zeitarbeit. :(
Aber trotzdem würde ich den Job lieber erstmal behalten und nebenher einen anderen, besser bezahlten Job suchen.
Aber kündigen und dann im Fernsehen damit von Haus zu Haus gehen, wäre wohl das Letzte was mir einfallen würde.
Die Zeiten sind eben nicht leicht und bin auch noch sehr froh eine gut bezahlte Stelle zu haben. Bei meinem Kumpel sieht es leider anders aus: Der schafft sich den Buckel krum, muss täglich schwere Reifen schleppen und kriegt dann doch nur den Zeitarbeitslohn dafür. Das ist schon gemein, aber vielleicht machen die Politiker ja auch dort wieder etwas. :D

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4 Tobi 25.01.2010 um 23:41 Reply to this comment

@Jan: Ich bin der Meinung, dass die Post die Preise vorgeben sollte und die Konkurrenz nicht so krasse Unterscheide machen sollte. Denn die günstigen Preise gehen letzendlich doch nur wieder gegen die Arbeitnehmer. :D

Selbst bei der Post ist es ja krass: Man ist Springer, schafft jeden Tag unbezahlte Überstunden und ist dadurch täglich müde. :D

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5 Jan 26.01.2010 um 00:09 Reply to this comment

@ Tobi,

hm, du meinst, Kunden und Konkurrenten haben sich im Preis grundsätzlich nach Marktführern oder Monopolisten zu richten? Grandiose Idee. Dann kostet Linux demnächst 150 Euro und jeder Fiat soviel wie ein VW. Langfristig würde das immerhin dafür sorgen, dass wir nicht mehr so elendig viel Auswahl bei so vielen Produkten haben.

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6 Tobi 26.01.2010 um 08:45 Reply to this comment

Natürlich nicht in allen Bereichen… Aber zum Beispiel bei der Post merkt man die Dumpinglöhne besonders, genauso wie bei den Türstehern, Sicherheitsfirmen und viele andere Bereiche.
In der Computerbranche sind die meisten Arbeitsplätze sowieso ins Ausland verlagert worden. Dort verdienen die meisten trotzdem auch nicht mehr, aber da haben wir (deutsche) keinen Einfluss mehr darauf. Doch ich finde, dass es in einem Staat wie unserem möglich sein sollte, dass jeder von seinem Lohn sich selbst ernähren kann und auch noch ein bisschen Freizeit leisten können sollte. Ich würde mal sagen: 1200 Euro netto könnten dafür schon ausreichen.

Aber natürlich sollte körperliche Arbeit (Post, Pflegepersonal, etc.) nicht schlechter bezahlt werden als die geistige Arbeit (also Ingeneure, Verkäufer, ITler, etc.).

Wenn alle Autos gleich viel kosten würde oder Linux plötzlich ganz viel kosten würde, würde sich vielleicht auch die Qualität insgesamt verbessern (keine Billigautos mehr, kein “Bastellinux” mehr), aber das wäre ja auch der falsche Schritt. :-)

7 Sven 26.01.2010 um 01:26 Reply to this comment

7 Euro 60 das klingt noch lange nicht nach Zeitarbeit, 7 Euro 60 ist schon mehr als du bei einer Zeitarbeitsfirma verdienst, aber ich glaube das Problem mit der Zeitarbeit sollte man anders angehen. Schlecht ist die Idee nämlich wirklich nicht, aber der Staat wäre hier in der Pflicht mal ein paar Rahmenbedingungen zu schaffen. Einen Mindestlohn im Zeitarbeitsbereich der nicht im Dumping-Lohn Bereich liegt. Eine Gewerkschaft die nicht zu allen ja und amen sagt und schon würde es dort auch viel besser aussehen.

Lieben Gruß
Sven

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8 Pe-Su-Ki 26.01.2010 um 07:19 Reply to this comment

Es stimmt, 7,60 Euro sind schon viel, speziell, wenn man sich mal bei Zeitarbeitsfirmen umhört. Dort werden auch Stundenlöhne von unter 7,00 Euro angeboten. Aber deswegen gleich seinen Job zu kündigen, ist auch nicht die richtige Reaktion. Er hätte sich ja nebenbei nach einem besseren Job umsehen können und wenn er etwas gefunden hätte, dann erst seine Kündigung einreichen brauchen.

Aber auch er wird dazu lernen und zwar wenn das Arbeitslosengeld I ausgelaufen ist und er komplett auf Hartz IV hängt. Dann wird er feststellen, das doch nicht alles so schlecht gewesen ist.

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9 JürgenHugo 26.01.2010 um 07:30 Reply to this comment

Dann wird er feststellen, das doch nicht alles so schlecht gewesen ist.” Immerhin wird er dann nich mehr so früh aufstehen müssen… :-)

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10 Su-Mu 26.01.2010 um 08:16 Reply to this comment

Auch Zeitarbeiter sollten genauso viel verdienen, wie die Festangestellten, bei gleicher Arbeit.

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11 JürgenHugo 26.01.2010 um 08:43 Reply to this comment

@Su-Mu:

Ich sollt´auch noch so viel Haare haben wie früher – beides is aber ziemlich unwahrscheinlich. :harry: Vor 35 Jahren, da habense teilweise noch MEHR bezahlt… 1990/91 hab ich in ´nem Ingenieurbüro immerhin “nur” rund 20/25 % weniger verdient. Aber jetzt – das grenzt nahe an die Zeiten von Tagelöhnern. Aber die haben meistens noch ihre Suppe umsonst gekriegt…

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12 Tobi 26.01.2010 um 08:47 Reply to this comment

Na immerhin die Suppe war umsonst. Da haste ja dann schon wieder Geld fürs Essen gespart. ;)

13 JürgenHugo 26.01.2010 um 09:14 Reply to this comment

@Tobi:

Aber mal im Ernst: ich hab das in Polen 1991 noch erlebt. Ein polnischer Bekannter von mir (der hatte einige Ländereien) – der hat bei der Ernte noch Tagelöhner eingesetzt. Die waren da aus dem Dorf.

Das ging da noch wie in alten Zeiten. Ich war mal Mittags da – wurd ich natürlich zum Essen eingeladen. Der “Patron” hat zusammen mit den Tagelöhnern draußen im Garten gegessen – ich wollte mich dazusetzen. “Nein, nein” wurde mir bedeutet “für Gäste wird natürlich im Haus angerichtet”. Alle (außer mir) haben das als völlig natürlich empfunden.

Also bin ich zur Zofia (so hieß seine Frau) ins Haus gegangen und habe mir der zusammen gegessen. So war das damals noch. Ich muß allerdings sagen, die Tagelöhner haben nix schlechteres gekriegt. – einfacher und schlichter halt. Man hat die Kluft aber bemerkt.

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14 Sven 26.01.2010 um 13:15 Reply to this comment

Wiegesagt es muss ein Mindestlohn in der Zeitarbeitsbranche her, anders geht das nicht. Die zwei Gewerkschaften die es in den Sektor gibt nicken alles ab und sind keine Bereicherung für die Arbeitnehmer.

Die Stundenlöhne sind übrigens bei unter 6 Euro, so war das jedenfalls noch vor 2 Jahren wo ich das letzte mal in einer Zeitarbeitsfirma gearbeitet habe, also 7.50 oder was er bekommen hat ist da schon ne Menge und ich muss sagen, ich würde auch für 990 Euro arbeiten geben, ist mir immer noch Lieber als vom Amt zu leben. Früher bin ich für 550 Euro Arbeiten gegangen um nicht zum Amt zu müssen und so werde ich das auch weiterhin halten.

Lieben Gruß
Sven

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15 Tobi 26.01.2010 um 15:40 Reply to this comment

Ja im Prinzip geht jeder Lohn irgendwie, hauptsache man hat Arbeit und kann davon leben.

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