Bildung hilft (scheinbar auch nicht immer)
Erst kürzlich las ich in der Zeitung, dass zurzeit viele Leute auch mit guter Schulbildung Probleme haben, Arbeit zu finden. Ich habe keine Ahnung, woran das liegt. Es könnte aber doch sein, dass inzwischen zu viele Leute mit guter Ausbildung am Markt unterwegs sind!? Die wiederum werden ihre Vorstellung davon haben, was sie “wert” sind und welche Jobs sie überhaupt machen möchten. Vielleicht gibt es einen Punkt, an dem Angebot und Nachfrage auch in diesem Bereich nicht mehr zusammenpassen. Bitte, das soll nicht zynisch klingen, und ich rede auch keinen staatlichen Regelungen das Wort. Aber es könnte ein Problem werden, wenn Leute mit höherer Schulbildung keine Facharbeiter sein wollen, kein Handwerk erlernen möchten oder anderen Leute die Haare machen.
Trotz solcher wahrscheinlich berechtigten Gedanken werden wir uns einig sein, dass gute Bildung, völlig unabhängig von den späteren Chancen auf einen guten Job, an sich einen sehr hohen Wert besitzt.
Und dieser evidenten Herausforderung müssen wir uns auch stellen:
Auch die Erwerbsstatistik zeigt eine Kluft: Menschen mit Migrationshintergrund im Alter von 25 bis 65 Jahren sind demnach fast doppelt so häufig erwerbslos (zwölf Prozent versus sieben Prozent aller Erwerbspersonen) oder gehen ausschließlich einer geringfügigen Beschäftigung nach (fast 14 Prozent zu neun Prozent aller Erwerbstätigen). [...]
Migration: Jeder Fünfte in Deutschland hat ausländische Wurzeln | Gesellschaft | ZEIT ONLINE
Menschen haben die unangenehme Eigenschaft insbesondere bei scheinbar bedrohlichen Zusammenhängen gern mit Schuldzuweisungen. Also kommen wir schnell darauf, dass die Politik versagt hat, unser Schulsystem unzureichend arbeitet oder zu wenig Geld für die Integration im Allgemeinen und die Bildung von Migranten im Speziellen zur Verfügung steht. Das mag zum Teil auch zutreffen. Aber vor allem reduzieren die Ausgaben für soziale Transferleistungen die Spielräume der Politik und zwar in so massivem Umfang, dass die kausalen Zusammenhänge nicht mehr zu verdecken sind. Außerdem muss man die verschiedenen Bevölkerungsgruppen genauer betrachten.
Zu beobachten ist, dass unser Schulsystem bei manchen Ethnien gut funktioniert, bei anderen aber schlecht. Ich denke an die Gruppen, die auch allgemein im Kontext mit Integrationsfragen “besser abschneiden” als die Türken. Wer aber kann beantworten, warum das so ist und welche Maßnahmen in diesem Zusammenhang effektiv, nachhaltig und steuernd wirken?
Ein Satz aus dem schon zitierten “Zeit Online” – Artikel wirkt nach und sollte uns, einfach und überzeugend wie er dasteht, Motivation sein, die richtigen Schritte zu tun:
Die Jugendlichen aus Zuwandererfamilien dürften "unter keinen Umständen" die verlorene Generation sein.

Alrik
Eine gute Schulbildung sagt eben nichts darüber aus ob man in der Lage ist auch einen Beruf auszuüben.
Mich persönlich nervt es das in Deutschland sich die Bildungsdebatte immer um das Abitur und Studium dreht.
“Ohne Abitur kann man nicht studieren, und ohne Studium ist man nicht gebildet, und ohne Bildung wird man zum Hartz IV Empfänger.”
“Deutschland braucht mehr Akademiker”
Natürlich kann man ohne (Aus)Bildung ganz schnell erst Dauerarbeitslos und dann Hartz IV Empfänger werden.
Das bekommt man aber auch hin, wenn man nach einen guten Abi etwas studiert für das es in Deutschland weniger Arbeits- als Studienplätze gibt.
Leider schwingt in dieser Bildungsdebatte immer das humboltsche Bildungsideal mit. Zumindest so wie es gerne verstanden wird.
Es wird strikt zwischen Bildung und Ausbildung unterschieden, wobei gefordert wird das Bildung “keine Ware” und nicht “ökonomisch verwertbar” sein darf.
Natürlich gilt das nicht für jeden.
Für die niedrigen Stände gilt das z.B. nicht. Wer kein Abitur hat und wem damit der einfach Zugang zur staatlich finanzierten Ausbildung hat muß ganz selbstverständlich für seine Bildung zahlen.
Für Sprach, EDV, Rethorik, BWL, Techniker und Meisterkurse muß man zahlen.
Natürlich ist das keine Bildung, sondern Ausbildung, also nur etwas für die niedrigen Stände.
Für die höheren Stände ist Bildung natürlich nie einfach nur eine Berufsqualifizierende Ausbildung (wobei natürlich jeder Student damit rechnet später einen gut bezahlten Job zu bekommen).
Leider ist diese Haltung problematisch. Sie würde zu einer Feudalen Gesellschaft passen in der die Elite die Muße hat sich unbekümmert von ökonomischen Zwängen (wie dem Zahlen der Miete ) ihren Hobbys widmen kann.
In der heutigen Zeit führt sie nur dazu das Schüler mit falschen Vorstellungen an’s Studium herangehen.
Wenn sie sich z.B. als zukünftige Nobelpreisträger sehen, statt als Arbeiter der sich und seine Familie mit dem erlernten Beruf den Lebensunterhalt finanziert muß.
ap
Das ist natürlich völlig richtig! Leider tun das ja auch nicht wenige – jedenfalls nach meinem Eindruck. Ich sehe auch die Punkte, die du beschreibst und komme zu dem Schluss, dass vieles einfach damit zu tun hat, dass die Ansprüche immer mehr steigen. Leider sind es aber nicht die Ansprüche an sich selbst.
Dass unser Bildungssystem dafür sorgt, dass sich gewisse Dinge verfestigt haben und in dieser Hinsicht ungleiche Chancen für Leute aus unterschiedlichen Schichten bestehen, wird immer wieder beklagt. Geändert wird aber daran nichts. Woran das wohl liegen mag?
Alrik
Woran das liegt ?
Daran das Menschen davon profitieren. Und das sind nicht mal irgendwelche “Besserverdienenden” oder “Bonzen”.
Wenn Du Arzt, Lehrer, Beamter, Abteilungsleiter oder Selbstständig bist kannst Du damit rechnen das es dein Kind vermutlich aufs Gymnasium schafft.
Als Lehrer am Gymnasium bekommst Du nicht nur mehr Geld, sondern auch die motivierteren und pflegeleichteren Schüler.
Welche Gründe solltes Du da haben das zu ändern ?
Die Volksentscheid in Hamburg zum Schulsystem belegt das ganze ziemlich eindrucksvoll.
ap
Nur haben doch Menschen, die vom System profitieren nichts zwangsläufig einen Grund dafür, das anderen Leuten zu verwehren. Die Debatte ist ja leider auch geprägt von ideologischen Dingen.
Du fragt, welche Gründe man hätte, das System zu ändern? Es haben, wie OECD-Studien bestätigen, nur die etwas von den bestehenden Strukturen, die aus den von dir beschriebenen Kreisen kommen. Zugegeben, Bonzen sind das nicht nur
Die Lage der Kinder und Jugendlichen aus einfachen Verhältnissen verbessert sich deshalb aber auch nicht. Wenn eine Initiative, wie die in Hamburg, so erfolgreich ist, könnten wir unseren Hintern doch auf für andere wichtige Strukturreformen hochkriegen. Die Ärzte, Lehrer, Beamte, Abt.-Leiter oder Selbstständige müssen deshalb doch nicht fehlen.