Wie hilflos er wirkte — gestern Abend in den Nachrichten, als er den gesetzlich Versicherten riet, die Krankenversicherung zu wechseln. Die Ankündigung, dass viele Krankenkassen nun den Höchstsatz (also 1 % des Bruttoverdienstes) als Zusatzbeitrag verlangen werden, hat uns kalt erwischt. Die 8 Euro wurden ja schon heiß diskutiert und nun das.
Nicht alle Kassen fordern Zusatzbeiträge. Lohnt sich ein Wechsel? Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) ruft jetzt dazu auf. Quelle: Krankenversicherung – Gesundheitsminister Rösler ruft zum Kassenwechsel auf – Deutschland – Politik – Hamburger Abendblatt
Für diese Entwicklung ist Rösler ja nun wirklich nicht verantwortlich, sondern einzig und allein die Große Koalition. Nun werden wir abwarten müssen, ob Rösler und sein Ministerium einen Vorschlag ausarbeiten werden, der zumindest erst einmal innerhalb der Koalition zu einem Konsens führt. Angesichts der Positionen, vor allem der CSU, ist es fraglich, dass er das erreichen kann. Dabei hat er noch am Montag (bei Beckmann) seine politische Zukunft an den Erfolg bzw. die Umsetzung der Kopfpauschale geknüpft. Um diesen Job muss Philipp Rösler wahrhaftig keiner beneiden.
Die Kosten unseres Gesundheitswesens steigen immer schneller und es war absehbar. Natürlich sind die aktuellen Nachrichten nicht das Ende dieser Entwicklung. Ob irgendwem noch ein intelligenter Weg einfällt, wie wir aus diesem Dilemma wieder herauskommen? Vor allem frage ich mich: Wo ist eigentlich die Grenze der Zumutbarkeit erreicht und was geschieht danach? Das ist einfach: Entweder wir zahlen oder wir sterben.
Gesellschaft Inland GesundheitskostenKopfpauschalePhilipp Rösler
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Wir werden zu einem Gesundheitswesen kommen, dass entweder noch teurer wird oder in dem nicht jeder alles aus der normalen gesetzlichen Krankenversicherung finanziert bekommen kann. Das sind im Kern die beiden Möglichkeiten, würde ich sagen. Günstiger kanns nicht werden, solange die Leute älter werden und entsprechend mehr medizinische Versorgung nötig wird.
Natürlich können und sollten einzelne Prozesse günstiger werden, bzw. muss politisch dafür gesorgt werden, dass das möglich ist. Und genau da wird Rösler wahrscheinlich versuchen anzusetzen. Der nachweislich beste Motor dafür sind natürlich wettbewebliche Elemente – es muss Kostendruck entstehen, sonst wird da überhaupt nichts effizienter werden.
Die Aufforderung, die Kasse zu wechseln ist darum auch weniger Ausdruck von Hilflosigkeit, sondern vielmehr ein Vorbote genau dieser Politik.
@Jan: Du gehst davon aus, dass das Geld im System nicht hinreichend ist. Bist du dir da sicher oder gibt es die Möglichkeit, auch durch mehr Transparenz, ein paar schieflaufende Dinge zu ändern. Natürlich kann es sein, dass das System aufgrund der von dir genannten Faktoren immer teurer werden muss und wir nur die Wahl haben, dieses teurer werdende System durch höhere Beiträge zu halten. Ich kann das im Moment noch aushalten, aber natürlich gibt es viele andere Menschen, die genau das nicht (mehr) können. Wir sind denen gefolgt, die das Gesundheitswesen, jedenfalls partiell zu einem Markt mit seinen speziellen Gesetzen machen wollten.
Es wird immer behauptet, dass im System noch eine Menge Effizienzreserven stecken. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man diese nur erschließen kann, wenn man mehr Wettbewerb zulässt. Mehr Transparenz (da sind wir einer Meinung) ist das Gebot. Wenn diese wirklich gewollt und durchgesetzt wird, kämen wir einen ordentlichen Schritt vorwärts.
Es ist doch nicht nur im Gesundheitswesen so, dass erst echter Kostendruck dazu führt, dass sich jemand Gedanken macht, wo gespart werden kann und ob dieses oder jenes wirklich nötig ist. Natürlich kann und sollte man dieses Prinzip nicht auf grundlegende Leistungen im Gesundheitswesen anwenden – das will aber weder der größte Teil der FDP noch der Gesundheitsminister. Aber in der Verwaltung von Kassen zum Beispiel bin ich mir sicher, dass da Dinge zu finden sind, die man verbessern kann.
Oder was spräche zum Beispiel für einen gnadenlos marktwirtschaftlichen Wettbewerb im Apothekenwesen? Ausser der völlig beknackten Position der FDP fällt mir wirklich gar kein Grund ein, wieso nicht da Kosten gesenkt werden könnten – was sich nun wirklich nicht negativ auf die Gesundheit der Kundschaft auswirken kann.
Man kann Wettbewerb und Marktwirtschaft so installieren, dass auch Leute mit wenig oder keinem Geld nicht darunter leiden. Muss man halt wollen, was voraussetzt, dass man der Meinung ist, der Markt und seine Mechanismen könnten besser machen, was bisher ein Haufen gut bezahlter Funktionäre in quasi-staatlichen Institutionen versucht.
Wir sind dabei (oder ist es längst passiert?), dass das Gesundheitswesen kommerzialisiert wird. Ob das richtig ist? Natürlich ist das eine sehr komplexe Fragestellung, weil sie impliziert, dass stets genügend Geld vorhanden wäre und z.B. die Menschen mit ihrer Gesundheit verantwortlich umgehen. Heute werden medizinische Leistungen rationiert. Leute, die über die notwendigen finanziellen Mittel verfügen oder Leute, die unterhalb eines (un-)bestimmten Alters liegen, kriegen andere, bessere Leistungen. Und das schlimmste ist, die Betroffenen bekommen das nicht einmal mit. Sie wissen schlicht und einfach nicht, dass es bessere Medizin, erfolgversprechendere Therapiemöglichkeiten gibt, als die, die ihnen in diesem System zur Verfügung gestellt werden. Diese Entwicklung haben wir einerseits der Kostenentwicklung im Gesundheitssystem zuzuschreiben (damit auch zum Teil uns selbst), zum anderen bin ich allerdings davon überzeugt, dass schon die ersten Zeichen der Kommerzialisierung des Systems dazu geführt haben, dass die übliche Dynamik solcher Prozesse in Gang gekommen ist. Wir müssen nur so weitermachen und das Gesundheitssystem komplett den Märkten überlassen, und es wird nicht mehr lange dauern, bis wir definitiv amerikanische Zustände haben werden.
Die Politiker sollten Mut fassen und nicht immer sofort davon ausgehen, dass die Ankündigung von höheren Kosten für die Versicherten gleich zum Liebesentzug führt. Offener, plausibler und damit vertrauensbildender Umgang mit dem Thema wäre angebracht. So glauben die Menschen in erster Linie, dass alle am System beteiligten ausschließlich ihren eigenen Interessen nachgehen und das Solidarsystem unweigerlich vor die Wand fahren muss. Ich fürchte, dass genau dieses von gewissen Kreisen auch beabsichtigt wird.
Die Frage ist vielleicht (auch), wie wir “kommerziell” definieren. Ist es überhaupt möglich, zu verhindern, dass Kommerzialität in einem System, dass ohne Leute nicht auskommt, die in ihm hauptamtliche Dienste leisten zu verhindern?
Oder anders gefragt: Wie verhindert man, dass Ärzte auswandern, wenn nicht durch marktfähige Löhne?
Es ist so, dass selbstverständlich alle am System beteiligten Menschen an ihm verdienen und ich wüsste gar nicht, wie das anders funktionieren könnte. Niemand kann ehrenamtlich Medikamente entwickeln oder ein Krankenhaus betreiben.
Statt so zu tun, als ginge das, wäre es besser, Tatsachen als Tatsachen zu akzeptieren und den Fokus auf das eigentliche Problem zu lenken, nämlich medizinische Versorgung für jeden anzustreben.
Das nicht jeder alles kriegen kann und dass manche Dinge dann vielleicht doch eher der Geldbeutel entscheiden könnte, müssen wir so oder so in Kauf nehmen. ich sehe allerdings auch keinen Grund, warum Dinge wie Einzelzimmer im Krankenhaus nicht unbedingt die Allgemeinheit tragen muss. Eine Herztransplantation dagegen muss ein Gesundheitssystem wie unseres meiner Meinung nach auch weiterhin jedem finanzieren können.
Es ist sicher nicht immer so einfach, abzuwägen und ausser der steigenden Patientenzahl sorgt natürlich auch der technische Fortschritt dafür, dass das System insgesamt teurer wird. Es ist absehbar, dass alle menschenmögliche Medizin für jeden auf Dauer kein Gesundheitssystem der Welt wird schultern können. Das ginge höchstens, wenn wir jeden technischen Fortschritt erfolgreich verhindern.
So gesehen ist das immer teurer werdende Gesundheitssystem sicher auch ein Luxusproblem. Dass die Medizin immer besser wird und immer mehr tun kann, ist ja etwas Gutes und dass die Leute älter werden auch. Wir können nur eben nicht jedes Jahr ein halbes oder ein Prozent höhere Beiträge als Preis dafür zahlen. Da ist irgendwann das Ende der Fahnenstange erreicht und bei vielen Leuten ist das so weit nicht mehr entfernt.