Der Lohn und die Menschenwürde

Wir achten nicht genügend auf unsere Sprache: “Für viele Beschäftigte in Deutschland lohnt sich ihre Arbeit nicht.” So lese ich es in der Online-Ausgabe der FAZ. Man hätte auch schreiben können: “Viele Menschen in Deutschland verdienen heute zu wenig Geld”. Es hätte das Dilemma der betroffenen Menschen gleichgut beschrieben, wäre aber weniger tendenziös und nicht so spektakulär. Und ich glaube, um letzteres geht es zunehmend. Auch in der professionellen “Berichterstattung”. Vielen wird in diesem Zusammenhang der schlichte Satz wieder einfallen, den ich in den letzten Wochen häufiger gehört haben und über den wir, aufgrund maßlos übertriebener “Wettervorhersagen”, die den Status von Katastrophenvorhersagen eingenommen hatten, schmunzeln durften: “Früher nannten wir es einfach Winter”. Heute hingegen, so könnte man es ausdrücken (Harald Schmidt tat das am Donnerstag so ähnlich) ist Deutschland in diesem Winter das weiße Haiti.

Den Artikel habe ich “Der Lohn und die Menschenwürde” genannt, weil von den Befürwortern des Kombilohnes nicht berücksichtigt wird, dass Menschen in Deutschland sich über ihre Arbeit und ihr Einkommen definieren. Vielleicht ist es spießig oder unzeitgemäß und doch wissen wir, dass gesellschaftliche Anerkennung, Beruf und Einkommen eng miteinander verbunden sind.

Man kann sich vorstellen, wie Menschen sich verändern, weil sie sich von der Gesellschaft ausgeschlossen fühlen. Irgendwann wird man trotzig und ist nicht deshalb nach einiger Zeit nicht mehr ohne weiteres bereit, eine Arbeit annehmen. Das wird man nicht offen eingestehen, da auch dies wiederum existenzielle Konsequenzen mit sich brächte – nicht einmal sich selbst gegenüber. Man wurde von der Gesellschaft ausgeschlossen und ist deshalb nicht mehr bereit, die Anstrengungen zu unternehmen, die für diesen Menschen sonst vollkommen normal gewesen wären. Vielleicht hat man sich schon aufgegeben. Das hängt vom Typ, vom Alter und von allen möglichen anderen Faktoren ab. Ich kann mir vorstellen, dass dieser Prozess auch im Unterbewusstsein abläuft. Menschen verfügen nämlich über Schutzmechanismen, die häufig ganz exzellent funktionieren. Wir sollten uns davor hüten, pauschal zu urteilen.

Das Lohnabstandsgebot soll dazu dienen, dass Empfänger sozialer Transferleistungen nicht mehr Geld zur Verfügung haben, als jemand der in der untersten Lohngruppe einer Arbeit nachgeht. Wir wissen, dass unsere Gesetze (aus aktuellem Anlass: unsere Steuergesetze) nicht eingehalten werden. Warum sollte das mit diesem Gebot auch anders sein? Dieser Konflikt würde sich durch eine Anhebung des Hartz-Regelsatz (359 Euro) verschärfen, wenn nicht auf der anderen Seite das Lohnniveau der unteren Einkommensbezieher steigt. Den Zusammenhang ist sehr einfach zu begreifen. Daraus wird die irreführende und oberflächliche Headline “Wo sich Arbeit nicht mehr lohnt” gemacht.

Das wird der komplizierten Lage nicht gerecht und es impliziert, dass Menschen, jedenfalls die mit geringem Einkommen, zunächst knüppelharte Kosten-Nutzen-Erwägungen anstellen würden. Es geht um viel mehr als um Geld!

Wäre es so, dass ein ungelernter Geringverdiener in Deutschland wirklich 1.823 Euro brutto verdient (was sicher nicht der Fall ist!) und er als Alleinstehender netto 1.256 Euro zur Verfügung hätte, wäre die Welt wohl in Ordnung. Er läge damit sehr deutlich über der Leistung, die ihm aus Hartz IV (637 Euro) zustehen würde. Anders wäre seine Situation, wenn dieser Geringverdiener eine vierköpfige Familie zu ernähren hätte. Inkl. Kindergeld würde das Familieneinkommen dann nur noch 152 Euro über dem Hartz IV-Anspruch liegen. Da wird man ins Grübeln kommen und sich vielleicht fragen, ob sich die Plackerei unter diesen Umständen denn noch lohnt. Deshalb auch die Feststellung der FAZ: “Für viele Beschäftigte in Deutschland lohnt sich ihre Arbeit nicht.”

Nach dem FAZ-Beitrag gibt es in Deutschland derzeit 330.000 Vollzeitbeschäftige, die ihre Einkünfte durch Hartz IV aufstocken. Ich hatte anderswo auch schon von 1/2 Mio. Menschen gelesen, die das tun müssen. Ist wirklich davon auszugehen, dass all diese Menschen sich die Frage stellen, ob sich ihre Arbeit unter solchen Voraussetzungen überhaupt lohnt? Sie würden dann nämlich nicht als Aufstocker gelten, sondern wären in Hartz IV. Zur Sicherheit: Ich meine damit nicht, dass ich diese Denkweise Hartz IV-Empfängern unterstelle!

Der FAZ-Artikel beschreibt, wie stabil die Zahl der Erwerbstätigen trotz Rezession und Weltwirtschaftskrise bisher geblieben ist. Dies ist eine der Auswirkungen der Arbeitsmarktreform der rot-grünen Regierung. Die Arbeitslosenzahlen wurden reduziert. Das lässt sich durch die Statistik belegen. Allerldings haben sich nicht nur die Bedingungen am Arbeitsmarkt verändern, sondern auch die Grundlagen für Statistiken dieses Bereiches. “Sozial ist, was Arbeit schafft”. Diese Prämisse wurden gnadenlos umgesetzt. Die Kapitalisten konnten sich auf die Schenkel klopfen. Die Gewerkschaften hatten dieser Entwicklung nichts entgegenzusetzen.

Der Niedriglohnsektor wächst weiter. Die Zeitung beschreibt dass, sollte das Verfassungsgericht in der nächsten Woche entscheiden, dass der Hartz-IV-Regelsatz erhöht werden müsste, “200.000 Beschäftige aus dem Arbeitsmarkt “zurückziehen” würden, eben weil sich die Arbeit für sie dann nicht mehr lohnen würde”.

Man kann sich wünschen, dass ein vernünftiger Abstand (aber was ist das?) zwischen Sozialleistungen und Niedriglöhnen durch staatliche Maßnahmen erhalten wird. Man sollte aber wissen, dass dieser Staat mittel- und langfristig keine finanziellen Spielräume hat, um dafür zu sorgen. Und die Arbeitgeber werden keine höheren Löhne zahlen.

Nach den NRW – Wahlen wird diese Regierung entscheiden, dass die Sozialleistungen gekürzt werden. Sie wird den vorliegenden Konzepten von Franz und Sinn folgen, also die Regelsätze kürzen und die Hinzuverdienstmöglichkeiten erhöhen.

Das Einkommensniveau für abhängig Beschäftigte wird sich im Allgemeinen wohl weiter nach unten entwickeln. Jedenfalls sieht zurzeit alles danach aus. Den aktuellen Lohnforderungen des Öffentlichen Dienstes zum Trotz. Wie soll es unter dieser Prämisse dazu kommen, dass die Sozialleistungen steigen? Warten wir mal ab, was das Bundesverfassungsgericht am Dienstag dazu meint.

Die Schlussfolgerung der FAZ, dass viele so genannte Niedriglöhner ihre Jobs aufgeben, weil sich die Plackerei bei solchen Sozialleistungen nicht mehr “lohne”, finde ich beleidigend! Dabei gibt es Leute, die das so sehen und auch entsprechend verfahren und die machen uns (leider) ihren Standpunkt via TV klar. Aber darf man daraus auf die Einstellung von Menschen schließen, die heute in schlechtbezahlten Jobs arbeiten oder die aus den unterschiedlichsten Gründen in Hartz IV gerutscht sind?

Kommentare

  1. psychoMUELL meint:

    ich bekomme immer so einen Hals, wenn ich lese, Firma XY hat wieder zig Millionen Gewinn gemacht und entlässt wieder Leute, damit noch mehr Gewinn gemacht wird.

  2. ap meint:

    @psychoMUELL: Zuletzt hat Siemens eine solche Meldung rausgegeben. Gerade hat Ackermann 5 Mrd. Gewinn verkündet. Mal sehen, ob bald wieder Leute bei der Deutschen Bank entlassen werden. Aber die haben ihre Banker ja entlassen und dann über eine Zeitarbeitsfirma wieder eingestellt – mit niedrigeren Gehältern, versteht sich. Schade, dass dieses System noch nicht für Vorstände angewendet wird. Wäre interessant zu erfahren, wie die sich dann wohl fühlen würden.

  3. Siegfried meint:

    Deine Alternativformulierung “Viele Menschen in Deutschland verdienen heute zu wenig Geld” trifft die Sache noch weniger. Eigentlich müsste es heissen: “Viele Menschen in Deutschland bekommen heute weit weniger Geld, als sie verdienen”.

    Und, wie in den Kommentaren ja auch schon zu lesen ist, kann man zusätzlich formulieren: “Einige wenige Menschen kassieren weit mehr, als sie verdienen”.

  4. ap meint:

    Von mir aus, Siegfried. Solange du den Kern meines Artikels nicht in Frage stellst :-)

  5. Siegfried meint:

    Aber niemals nicht. Ich würde doch nicht wagen, den großen Kleister aller Massen in Frage zu stellen :)

  6. Rayson meint:

    Das mache dann eben ich :teufel:

    Den Artikel habe ich “Der Lohn und die
    Menschenwürde” genannt, weil von den
    Befürwortern des Kombilohnes nicht
    berücksichtigt wird, dass Menschen in
    Deutschland sich über ihre Arbeit und
    ihr Einkommen definieren.

    Ich würde eher die Gegner von lohnunterstützenden Hilfen und Befürworter von Mindestlöhnen dieses Mankos zeihen, denn da sich die simple Logik, dass man nicht mehr verdienen kann, als Kunden einem für die eigene Arbeit zu zahlen bereit sind, nicht aus der Welt schaffen lässt, führen zu hohe Löhne eben zu Arbeitslosigkeit.

    Durch – wenn auch niedrig entlohnte – Arbeit haben diese Menschen aber die Chance, selbst etwas zu ihrem Lebensunterhalt beizutragen, soweit es in ihrer Macht liegt. Wenn die Gesellschaft dann diese Einstellung dadurch honoriert, dass sie die Differenz zum gesellschaftlich vereinbarten Minimum aufstockt, ist das doch eine feine und runde Sache.

    Das wird der komplizierten Lage nicht gerecht und es impliziert, dass

    Menschen, jedenfalls die mit geringem
    Einkommen, zunächst knüppelharte
    Kosten-Nutzen-Erwägungen anstellen
    würden. Es geht um viel mehr als um
    Geld!

    Das ist kein Entweder-Oder. Kosten-Nutzen-Erwägungen werden selbstverständlich angestellt, und zwar von jedermann jeden Tag, also auch von Beziehern geringer Einkommen. Es wird dann sicher auch Menschen geben, die mehr als das Geld in diese Überlegungen einfließen lassen, aber erstens werden diese Überlegungen dann trotzdem weiterhin angestellt, und zweitens ist eben jeder Jeck anders. Ich zum Beispiel nehme, um mein jährliches Mindesteinkommen zu erzielen, auch Jobs an, die ich nicht mag – da zählt dann tatsächlich nur das Geld. Nach Überschreiten der Grenze werde ich wählerisch – dann zählen auch andere Dinge, wie z.B. Spaß an der Arbeit.

    “Sozial ist, was Arbeit schafft”.
    Diese Prämisse wurden gnadenlos
    umgesetzt. Die Kapitalisten konnten
    sich auf die Schenkel klopfen. Die
    Gewerkschaften hatten dieser
    Entwicklung nichts entgegenzusetzen.

    Die “Kapitalisten”? Nicht diejenigen, die wieder die Möglichkeit bekommen haben, sich in den Arbeitsprozess einzugliedern? Nicht die Kunden, denen das so erzeugte Produkt einen Nutzen stiftet? Als ob im Niedriglohnbereich dicke Gewinne zu machen wären… Dass hier und da die Hoffnung geäußert wird, Gewerkschaften mögen es doch bitte verhindern, dass Leute arbeiten, befremdet mich ehrlich gesagt etwas.

    Das Einkommensniveau für abhängig
    Beschäftigte wird sich im Allgemeinen
    wohl weiter nach unten entwickeln.

    Vielleicht als Aggregat, weil mehr Leute, die vorher nicht beschäftigt waren, zu geringeren Löhnen in Arbeit kommen. Aber nicht bezogen auf den einzelnen Arbeitnehmer im Zeitablauf. Man darf da nicht auf die Tücken der Statistik hereinfallen.

    Wie soll es unter dieser Prämisse dazu
    kommen, dass die Sozialleistungen
    steigen?

    Na ja, durch Hartz IV sind sie ja jedenfalls erstmal gestiegen.

    Aber darf man daraus auf die
    Einstellung von Menschen schließen,
    die heute in schlechtbezahlten Jobs
    arbeiten oder die aus den
    unterschiedlichsten Gründen in Hartz
    IV gerutscht sind?

    Nein, aber wer zwingt uns denn, eine Einstellung zu definieren, die auf alle passt?

  7. Siegfried meint:

    Dass ein Mensch das bekommt, was er verdient, ist ein Irrtum. Deshalb ja mein “Einwand” oben. Es ist sicher so, dass ein Dienstleister nur das bekommt, was der Kunde zu zahlen bereit ist. Aber das, was er bekommt, hängt weniger vom Wert seiner Arbeit ab, als mehr von den Mechanismen des Marktes, Angebot und Nachfrage.

    Etwas krass gesagt sorgt das Heer der Arbeitslosen für ein nahezu unbegrenztes Angebot an Arbeitskraft, während die Nachfrage durch einen immer kleineren Personenkreis, der sich überhaupt noch was leistet, ständig zurück geht. Damit wird Arbeit generell immer billiger. Die derzeitige Spitze dieser Entwicklung bilden die Bananenrepubliken, in denen ein paar Wenige Alles haben und nach Belieben auf Unmengen von arbeitswilligen Habenichtsen zurückgreifen können, denen so gut wie Nichts bezahlt wird.

    Am Ende wird der Staat ein handlungsunfähiges Feigenblatt, dessen horrende Schulden auf die Besitzlosen abgewälzt werden, die diese Schulden für lau bei den Reichen, die für diese Schulden natürlich nicht verantwortlich sind, abarbeiten müssen.

    Früher musste man die Besitzlosen mit militärischen Mitteln kontrollieren. Heute hat man bessere Methoden gefunden. Militärischer Druck erzeugt Gegendruck, der sich irgendwann entlädt. Heute setzt sich Jeder selber unter Druck, damit es ihm ein klein Wenig besser geht als dem Nachbarn. Das Druckmittel von heute ist nicht mehr militärische Gewalt, sondern eine knappe Verteilung von “Zuckerln”, nach denen sich Jeder abstrampelt.

    ALG2 setzt dem Ganzen noch einen drauf. Das System ist erfunden worden von Jemandem, der für Entlassungen verantwortlich ist. Aber anstatt die Verantwortung dafür zu übernehmen, wird einfach behauptet, die Arbeitslosen (Entlassenen) wären an ihrer Arbeitslosigkeit (Entlassung) selber schuld, weil sie ja nicht arbeiten wollen. Diese Unwilligkeit müsse nun bestraft werden. Das ist wie früher im indischen Kastensystem, wo die Mitglieder der unteren Kasten deswegen dort waren, weil sie in einem früheren Leben Mist gebaut haben. Das Prekariat von heute hat eben nicht mehr in einem früheren Leben Mist gebaut, sondern in diesem. Die entlassenen Mitarbeiter bei Opel beispielsweise. Die sind bestimmt deswegen entlassen worden, weil sie zu faul waren zu arbeiten, und am Fließband nur Karten gespielt haben. Die Autos werden schließlich nicht von den faulen, kartenspielenden Arbeitsverweigerern gebaut, sondern von den Managern. Ergo sind die entlassenen Opel-Mitarbeiter selber schuld an ihrer Arbeitslosigkeit.

    Und diese Doktrin wird mit allen Mitteln moderner Medienkunst verbreitet und Allen eingebleut.