Das Verhältnis von Glauben und Wissen

Martin Walser (“Mein Jenseits”) sprach kürzlich in einem ORF-Interview zu seinem neuen Buch davon, dass wir in “einer Informationsgesellschaft leben, die nicht weiß, dass sie mehr glaubt als sie weiß”. Es ist ein Kreuz! Denn gleichzeitig nutzen immer mehr Menschen die neuen technischen Möglichkeit dazu, ihre Ansichten und Überzeugungen in die virtuelle Welt hinauszublasen. Selbstbewusst und oft mit der Attitüde, es besser zu wissen als andere. Es erreicht eine große Öffentlichkeit und entfaltet damit Wirkung.

Vielleicht lassen sich so auch die vielen kritischen Stimmen besser einordnen, die sich zu Westerwelles Forderung nach einem neuen Sozialstaates äußern.

Mich bringen Aussagen des Berlin-Neuköllner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) immer wieder in Konflikte. Der Berliner Bezirk Neukölln ist als sozialer Brennpunkt bundesweit bekannt, und Buschkowsky ist nah bei den Menschen und ihren Problemen. Wenn er also sagt, “Multikulti” sei gescheitert, hat das vermutlich nicht nur bei mir nachhaltig gewirkt.

Aufzeichnung der ZDF-Sendung Maybrit Illner am 11.02.2010.

Buschkowsky wendet sich gegen das von Schwarz/Gelb beschlossene Betreuungsgeld, das seiner Meinung nach für Kinder aus sozial-schwachen Familien negativ wirkt und ihre Bildungs- und Integrationschancen nachhaltig beeinträchtigt. Dafür hat er viel Kritik eingesteckt und doch bleibt er bei seinen Aussagen. Bei Maybrit Illner legte sich Buschkowsky mit Ursula von der Leyen an.

[…]unser Transfersystem auf der Kopfzahl aufbaut. […] Ich wehre mich dagegen, dass Kinder zum Einkommensfaktor werden (Buschkowsky)  (Beitrag ab Min 40:21)

Buschkowsky glaubt, dass manche Leute sich Kinder “anschaffen”, um höhere Transferleitungen zu generieren. Das ist starker Tobak. Von der Leyen und andere Gesprächsteilnehmer bemühten sich, Buschkowsky schlecht aussehen zu lassen. Das gelang aber in meinen Augen nicht, weil Buschkowsky authentisch war und irgendwie überzeugend.

Von der Lebenswirklichkeit vieler Menschen, die mit Hartz IV leben, habe ich keine Ahnung. Trotzdem blogge ich regelmäßig über das Thema. Das tue ich deshalb, weil es mir nicht an der Vorstellungskraft mangelt, selbst ganz schnell in diese Lage zu geraten. Davor habe ich Angst! Andererseits beteilige ich mich, weil ich die Diskussion über dieses in meinen Augen für die Demokratie elementare Thema nicht Leuten überlassen will, die es ausschließlich rational und distanziert betrachten. Dagegen wäre nichts einzuwenden, wenn wissenschaftliche oder technokratische Lösungen allein wirklich überzeugen könnten. Die eine Seite behauptet, Mindestlöhne vernichten Arbeitsplätze, die andere Seite verweist auf Beispiele in vielen anderen europäischen Ländern, die angeblich beweisen, dass das falsch sei. Dass dabei viele Aspekte und Unterschiede zwischen den Systemen in diesen Ländern eine große Rolle spielen, wird der Einfachheit weggelassen. Die Diskussion wird mit verkürzten Argumenten geführt und viele wissen das.

Menschen, die arbeitslos werden und später in Hartz IV hineinrutschen, brauchen eine neue Chance. Diese müssen sie selbst fordern und auch wollen. Ich habe keine Ahnung, wie man das erreichen oder gar kontrollieren könnte. Keiner weiß, wie viele Leute Sozialtransferleistungen erhalten, die sich mit ihrem Leben arrangiert haben. Buschkowsky sprach davon, dass Menschen durch langfristig erhaltene Transferleistungen regelrecht sediert würden.

Wenn wir heute über Hartz IV – Empfänger diskutieren, kriegen wir Vorbehalte zu hören, die weder neu noch richtig sind. Mein Lieblingssatz ist “Wer arbeiten will, kriegt auch Arbeit”. Den Satz gab es genauso schon in den 70er Jahren. Wahrscheinlich ist er noch viel älter. Heute freue ich mich zudem über diesen Satz: “Sozial ist, was Arbeit schafft”.

So konträr ich diesen beiden Aussagen auch gegenüberstehe, vielleicht ist es so, dass wir uns genau darauf einrichten müssen. “Wer arbeiten will, kriegt auch Arbeit” bedeutet: Lehrer fahren Taxi, Betriebswirte arbeiten im Callcenter und “Sozial ist, was Arbeit schafft” heißt nichts anderes als: Der Architekt arbeitet auch mit 35 noch im Praktikum oder erhält (nach seiner ersehnten Festanstellung) 1.200 Euro im Monat, der Ingenieur kriegt 2.000 Euro im Monat –- aber nur, wenn er bereit ist, in Pakistan zu arbeiten. Dafür gibt’s aber nichts zusätzlich! Ok, das passt jetzt nicht. Indien liegt näher bei Pakistan und die Inder sind ja doch billiger.


Kommentare

  1. Im letzten Absatz klang irgendwie meine Mutter durch, die mir auch ab und zu erklärt, dass ich für das Geld nicht hätte studieren müssen. Und meine Großmutter pflegt immer zu sagen, sei froh, das du überhaupt Arbeit hast. Aber lassen wir das persönliche …

    Ich glaube HARTZ IV hat irgendwie auch ein neues Bewusstsein für die Armut in Deutschland geschaffen. Arme gab es bei uns zwar schon immer, aber weil wegen den Reformen jetzt auch breite Teile der Mittelschicht Angst haben schnell abzustürzen, ist das Thema auch in den Medien weit präsenter geworden. Damit will ich jetzt nicht sagen, dass bei vielen eine “Solange es mir nicht passieren kann, interessiert es mich auch nicht”-Einstellung herrscht, und selbst wenn, dann hat das ganze doch zumindest etwas Gutes: Wir beschäftigen uns mit dem Thema und mit genug Aufregung bei den Wählern handelt vielleicht auch die Politik dementsprechend. Ein Kernproblem bleibt aber tatsächlich, auch wenn viele Angst haben irgendwann betroffen zu sein, die meisten Wähler haben ebenso wie so gut wie alle Politiker nicht wirklich Ahnung, wie es ist mit HARTZ IV leben zu müssen.

  2. ap meint:

    @thomas matterne:

    Ich glaube HARTZ IV hat irgendwie auch ein neues Bewusstsein für die Armut in Deutschland geschaffen.

    Ja, das hat es wohl und auch den von dir beschriebenen Zusammenhang sehe ich. Neben einem stärkeren Bewusstsein für diese Lebensrisiken hat Hartz IV aber leider noch andere Aspekte, die in unserer Gesellschaft negativ nachwirken: Ich meine z.B. die Zeitarbeit und die damit immer mehr platzgreifenden Instrumentarien, Billiglöhne zu etablieren. Diese Gesellschaft wird nicht verdorben durch die zu hohe Zahl von Hartz IV – Beziehern, wie es uns manche Politiker derzeit weismachen wollen, sondern dadurch, dass immer mehr Unternehmen alle sich bietenden Gelegenheiten dazu nutzen, ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in die Enge zu treiben. Nicht nur durch niedrige Löhne, sondern auch durch Arbeitsverdichtung und bewusste oder unbewusste Schaffung von schlechten Arbeitsbedingungen allgemein.
    Mal ganz einfach ausgedrückt: Früher sind mir mehr Menschen begegnet, die ihrer Arbeit gern nachgingen.