Toyota ruft Westerwelle zurück. Eigentlich wären das die Schlagzeilen, die mir gefallen hätten. Aber ich konnte es nicht abwarten und habe mir Maybrit Illner live angesehen und nicht auf die Medienberichte gewartet. Meine Enttäuschung war groß. Ich kann nämlich nichts anführen, was ich an Guido Westerwelles Einlassungen auszusetzen hätte. Übrig bleibt allerdings der Vorbehalt, dass er zwar “sein Thema” populär platziert hat, bisher aber keine Vorschläge zur Lösung dieser ihm doch so wichtigen Problematik vortragen konnte. Damit macht man sich unglaubwürdig.
Vielleicht war ich aber auch eine Weile zu stark abgelenkt. Ich habe Herrn Stephan Schwarz, Präsident der Berliner Handwerkskammer und Chef eines Gebäudereinigungs-Unternehmens, aufmerksam zugehört und mir anschließend Gedanken über dessen Geschichte und seine Glaubwürdigkeit gemacht.
Er suchte für sein Unternehmen 100 Mitarbeiter/innen. Mithilfe verschiedener Berliner Jobcenter fanden sich 135 Interessenten. Von diesen 135 Arbeitslosen standen am Schluss 5 Leute zur Verfügung. Die anderen wollten oder konnten nicht! 4 von den ursprünglich 5 Leuten haben nach 2-3 Tagen den Job wieder aufgegeben, weil die Arbeit zu schwer war.
Die Firma suchte 100 neue Mitarbeiter/innen und fand einen!
Es stellte sich bei mir zwar gleich ein ziemliches Unbehagen ein, aber ich fragte mich zunächst (wohl der typische Sozireflex?), ob es vielleicht an dem “Hungerlohn” liegen könnte, den die Firma vielleicht nur zu zahlen bereit wäre. Denkste! 8,40 € ist der niedrigste Lohn, der von dieser Firma gezahlt wird. Schwarz führte aus, dass er sich in seiner Branche ausdrücklich für einen Mindestlohn stark gemacht habe. Einen anderen, vielleicht halbwegs nachvollziehbaren Grund für das Verhalten, fand ich nicht.
Die Geschichte ließ mich also ratlos zurück. Ich hoffe nicht, dass man mir deshalb vorhält, naiv zu sein. Auch nicht, dass ich doch mal ein paar Tage diesen Job machen soll, um mir dazu eine Meinung zu erlauben. Ich frage mich, welche Schlüsse wir eigentlich aus solchen Erfahrungen ziehen wollen. Oder machen wir einfach weiter wie bisher?












Horst, wenn ich nur sorgfältig genug suche – dann find ich alles was ich haben will. Ich werde absolut faule und arbeitsunwillige Hartz 4 Empfänger finden, ich werde heterosexuelle Schiedsrichter finden, ich werde Klosterbrüder finden, die ihre Zöglinge nicht hauen, ich werd sicher auch einen finden, der dich überhaupt nich leiden kann. :miesdrauf:
Und ich werde auch einen Herrn Schwarz finden, der keine Leute zum Putzen kriegt. Und wenn ich Fernsehen machen würde, dann würd ich mir ja einen einladen, der in die gleiche Kerbe schlägt, wie ich.
Das ist ähnlich wie mit diversen Statistiken – man muß ein wenig “anpassen”, damit das gewünschte rauskommt. :rodler:
PS: und wenn ich ungeheuerlich lange suche, find ich vielleicht auch einen, der sagt, das ich ganz toll singen kann…
Obwohl – das wird arg schwer. Als ich mir heute mal kurz das “Hugo-Lied” angehört habe, da bin ich fast vor mir selber erschrocken – und hab´s schnell abgestellt.
:prost: :cool1:
Ich habe ja auch lange drüber nachgedacht, ob man das als Ausnahme in dem Sinn bewerten soll, den du ansprichst. Aber kann man das wirklich? Oder machen wir uns etwas vor? Wir werden diese Frage nie wirklich ganz auflösen. Bei der Diskussion verlieren wir aber vielleicht wirklich aus den Augen, worum es im Wesentlichen geht. Nämlich um Arbeitsplätze, die es nicht mehr in ausreichendem und auskömmlichen Maße gibt.
Das mit dem Lied hast du gut gemacht. Du bist ja wohl auch nicht sadomasochistisch veranlagt
Tja – DAS is wohl so. Seit 20/25 Jahren gibts Arbeit nur für ca. 90% von denen, die arbeiten wollen/sollten/müßten.
Und die anderen 10% müssen “mitgeschleppt” werden. Wenn das vernünftig! organisiert würde, müßte unsere Volkswirtschaft das eigentlich verkraften. Aber es sind eben zu viel Bremsen, Befindlichkeiten – und Politiker im System… :miesdrauf:
Wobei natürlich Vollbeschäftigung noch besser wäre. Ich kann mich noch dran erinnern…1972, da war ich noch “Konstruktionsmechaniker spanende Fertigung” (früher hieß das Werkzeugmacher bzw. Maschinenschlosser) mit ganz gutem Abschuß.
Ich hab mich eines Mittwoch morgens über den Vorgesetzten (wieder mal) so geärgert, das ich mir ab Mittag frei genommen habe (gaanz ordnungsgemäß gefragt). Ich bin nach Hause, vorher habe ich mir die Zeitung gekauft. Meine Mutter war ganz erstaunt, das ich schon da war. Ich habe bei den Stellenanzeigen geschaut – und eine Firma entdeckt, die ich kannte – und die praktisch um die Ecke lag. 5 Minuten Fußweg. Ich hab da angerufen, und bin verbunden worden. Nach ein paar Fragen sagte der. “Könnten sie vorbeikommen?” “Passt es in 10 Minuten?” war meine Gegenfrage.
Ich habe mich vorgestellt, meine Qualifikationen gezeigt – da sagte der “Wann könnte sie anfangen. Wir könnten sie schon am Montag brauchen.” Ich mußte aber natürlich noch die Kündigungsfrist im “alten Betrieb” einhalten.
Und dann hab ich da angefangen – im Werkzeugbau. Ich habe gleich zu Anfang mit 40 Std/Woche genau soviel verdient, wie vorher mit diversen (bestimmt 10) Überstunden die Woche. Soo war das damals, wenn man eine gute Qualifikation hatte…Tja.
Also wenn ich mal hier so in die Jobbörsen schaue sehe ich mehr als 100 Personen die ernsthaft nach stellen im Reinigungsbereich suchen und dort auch schon Erfahrung haben. Es ist also bemerkenswert das die dort nur eine einzige Person gefunden haben, die durchgehalten hat.
Ich habe über 1 Jahr in der Reinigung gearbeitet und weiß wie die Arbeit ist. Man soll immer mehr in immer weniger Zeit schaffen und es ist zwar so, dass der niedrigste Stundenlohn 8 Euro 40 ist, aber vieles wird dann Pauschal abgerechnet, weil man sonst nämlich am Markt gar nicht mehr bestehen kann. Die Mindestlöhne werden also auf andere Art und Weise ausgehebelt und somit kann man immer sagen, wir zahlen 8 Euro 40 die Stunden, wenn man nicht den genauen Sachverhalt sieht. Es ist eine bescheidene Arbeit bei der man sich nicht nur den Rücken kaputt macht und der einen auch nicht wirklich einen angenehmen Lebensstandard finanziert.
Aber auch wenn das so ist, würde ich nie auf so einen Job verzichten, wenn ich nichts besseres habe und ich bin mir sicher das so hier noch mehrere hunderttausend Arbeitslose in Berlin so denken. Also sagt mir bitte wo er gesucht hat um ein solches Beispiel zu bringen…..
@Sven: Ich fand das auch sehr bemerkenswert. Ich verstehe es auch nicht, dass die 100 Stellen (gerade in Berlin, wo man bestimmt wirklich ganz schwer Arbeit findet) nicht besetzt werden konnten. Deinen letzten Satz habe ich nicht verstanden. Hier noch einmal der Link zur Sendung, auf die ich mich bezogen hatte. Da steht alles drin.
http://maybritillner.zdf.de/ZDFde/inhalt/10/0,1872,7001578,00.html
Aha – so hab ich mir das vorgestellt! 100 Std a 8,40 € bezahlt kriegen und 200 Stunden arbeiten müssen um das Pensum zu schaffen…
Ich sachs ja Horst – hinbiegen kann mal alles. Wenn ich lang genug suche, find ich auch raus, das der Steve Jobs dein “unehelicher Stiefschwager” ist. Und eigentlich Stefan Herrman Schulte heißt…
Ihr glaubt wirklich, dieser Mensch bescheisst dermaßen mit seinen Löhnen und geht trotzdem mit seiner Geschichte ins Fernsehen? Halte ich ja für ne steile These, ehrlichgesagt.
Was Westerwelle angeht, hat der selbstverständlich Lösungsvorschläge gemacht und ich wundere mich schon etwas, dass Medien (und die Opposition) die konsequent ignorieren. Solang sind die Wahlen und der Wahlkampf doch noch gar nicht her. Der zentrale Vorschlag heisst nach wie vor “Bürgergeld” und enthält unter anderem flexible Möglichkeiten, sich etwas dazuzuverdienen, ohne gleich Anspruch auf Geld vom Staat zu verlieren. Die Forderung, dass der der arbeitet mehr haben sollte als der der es nicht tut, wäre damit erfüllt.
@Jan:
1) was meinst du, wieviel (und was für) unverfrorene Leute das gibt…Geizhälse auch. :miesdrauf:
2) der Guido ist im Moment “verbrannt”. Der kann morgen erzählen, das der Heilige Abend am 24.12. ist – auch da werden die Medien ihn für “schimpfen”.
Ich hab aber kein Mitleid – ich kann den eh nich leiden. :soldier: