Ein schnelles Statement zur Lage der Nation

Dienstheilige

l.n.r. (Lindner, Gerster, Horx)

Da hatte Anne Wills Redaktion mal wieder ein paar Dienstheilige des Kapitalismus zur Veräppelung ihrer Gäste und Zuschauer eingeladen.  Den Zukunftsforscher Matthias Horx, den Rechtsanwalt Martin Lindner, der für die FDP im Bundestag sitzt und einen Stammplatz bei Talkshows von ARD und ZDF wohl sicher hat, (vermutlich aufgrund seiner Streitbarkeit Dickfelligkeit) und den ehemaligen Chef der Bundesagentur für Arbeit (Florian Gerster), der, nachdem er wegen einiger Dinge ins Gerede gekommen war, vom damals zuständigen Minister für Wirtschaft und Arbeit, Wolfgang Clement, sehr zügig aus seinem Amt entlassen wurde. Gersters Gehalt war damals etwa doppelt so hoch, wie das seines langjährigen Vorgängers Jagoda (250.000 Euro p.a.). Aus heutiger Sicht frage ich mich, wer dem Amt wohl mehr geschadet hat: Jagoda wegen der Vorwürfe über manipulierte Vermittlungsstatistiken oder Gerster aufgrund der ihm nachgesagten “Attitüden eines Sonnenkönigs” (s. Wikipedia).

Horx heutige Visionen unserer zukünftigen Welt manifestieren scheinbar auch seinen ganz persönlichen Standpunktwechsel vom “linken Irrweg” hin zu einem rationalen Umgang mit den Chancen des Kapitalismus. Er redet gerade so, als könnte man sich künftig aussuchen, was man macht und womit man seinen Lebensunterhalt verdient. Daran, das auch bei einem besseren Bildungssystem Leute “übrig” bleiben werden, die ein Abitur und ein Studium nicht schaffen, denkt Zukunftsforscher Horx nicht. Oder vielleicht doch? Er sprach davon, dass das Lohnniveau bei McDonalds davon profitieren würde, hätten mehr Leute Abitur und Hochschulreife. So 10 Euro die Stunde hatte er im Kopf. Ja, Herr Horx, da weiß man doch, wofür man studiert hat!

Ja, ich bin angepisst! Da sitzen drei hochbezahlte Mitglieder eines Teils der deutschen Elite und erzählten uns einfachen Leuten, wie wir die immer frecheren Methoden deutscher Arbeitgeber gefälligst zu verstehen und einzuordnen haben. Eben weiter ganz nach dem Motto: “Sozial ist, was Arbeit schafft”.

Monitor – Gut oder nur billig
Süddeutsche – Unsicherheit wird zur Regel

Was es insbesondere für junge Leute in zunehmender Zahl bedeutet, befristete und damit unsichere Jobs zu haben, die noch dazu schlecht bezahlt werden, interessiert diese Herren einen feuchten Dreck. Sie faseln etwas von Chancen und von Ausnahmen, die nicht den Normalfall darstellen würden. Sie widersprechen der Berichterstattung renommierter Fernsehmagazine und bundesdeutschen Zeitungen (Panorama, Monitor, die bekanntlich sowieso nur ihre linksextremen und deshalb üblichen Rundumschläge gegen deutsche Unternehmen verbreiten…). Dabei sollten diese Entwicklungen verantwortlichen Politikern den Schlaf rauben.


Kommentare

  1. eule70 meint:

    Danke für die Beschreibung, sie sagt mir, dass ich Recht habe, mir Anne Will nicht mehr anzusehen. Ich hatte mir überlegt, dass ich mir morgen früh die Wiederholung auf Phoenix ansehen, aber jetzt beschließe ich, lieber etwas länger zu schlafen.früh

  2. Boris meint:

    Ich schaue mir so etwas schon seit langer Zeit nicht mehr an, bestenfalls ein paar Minuten am Anfang, bis sich absolut zuverlässig meine Erwartung bestätigt hat, dass die Protagonisten nichts anderes als die immerselben zu erwartenden marktliberalen Standardphrasen absondern.

    Ich frage mich eigentlich nur, ob die ÖR-Sender Exklusivverträge mit irgendeiner Agentur haben, die all und ausschließlich diese neoliberalen Vorbeter an Gesprächsrunden vermittelt.

  3. Horst Schulte meint:

    @eule70: Musst du dir wirklich nicht antun. Andererseits ist es doch immer gut, die Gedankengänge dieser Leute quasi aus erster Hand mitzukriegen. Helfen tut das leider aber nicht.

    @Boris: Nach meiner Wahrnehmung beschränkt sich die Verbreitung neoliberaler Sichten keineswegs auf ör Fernsehen. Ich will ja auch nicht behaupten, dass alles, was diese Interessenvertreter absondern, falsch wäre. Nur sind die “Rezepte”, für die sie stehen, am Ende doch immer versalzen. Und für so etwas verschwenden die unsere GEZ-Gebühren. :-)

  4. Roman meint:

    Naja, ich muss ehrlich sagen, dass dieser ” Einheitsbrei ” der da von “oben” kommt, recht wenig mit der Realität zu tun hat. Manche können oder wollen die Gesellschaft nicht als ganzes sehen und überlegen sich theorien um Probleme abzuwenden oder zu beseitigen, die nur auf eine bestimmte “schicht” abzielt. Da sollte man sich doch schon mal lieber eine eigene Meinung bilden.

  5. Rayson meint:

    Also erstmal: Wer sich von Talkshows einen Erkenntnisgewinn verspricht, wird wohl immer enttäuscht werden. Ich schaue mir diese Runden nicht mehr an, weil dort eh nur Worthülsen ausgetauscht werden. Wer Horx einlädt, will auch nichts anderes.

    Allerdings ist es kein Gegenargument, wenn etwas der “Berichterstattung renommierter Fernsehmagazine und bundesdeutschen Zeitungen” widerspricht, denn was da zu lesen, zu sehen und zu hören ist, ist leider oft unter aller Sau. Man nehme nur, weil du selbst drauf anspielst, die angebliche Zunahme der Arbeitsverträge mit befristeter Beschäftigung. Und das ist noch längst kein Einzelfall.

  6. Horst Schulte meint:

    @Rayson: Es gibt schon einen Erkenntnisgewinn – jedenfalls für manche Zuschauer. Auf den setzen doch auch die Teilnehmer. Immer schön den gleichen Mist erzählen, denn irgendwann wird es der eine oder andere schon glauben und sich entsprechend verhalten. Ja, lieber Rayson, eigentlich brauche ich mir nur die Blogrolle der verlinkten Seite anzuschauen. Da weiß ich auch sofort, woher der Wind weht. Sicher, es konnte nicht schaden, die Daten einmal genauer anzusehen – was ich getan habe. Das Bedenkliche an der Entwicklung, die das stat. Bundesamt ausweist, ist nicht das Ergebnis des Vergleiches mit 1991 sondern vielmehr, dass heute jede 2. Neueinstellung einen befristeten Vertrag zur Grundlage hat.

    Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes ist derzeit jede zweite Neuanstellung befristet. Das Nürnberger Institut für Arbeitsforschung hatte in der vergangenen Woche berichtet, dass der Anteil der befristeten Neuanstellungen im ersten Halbjahr 2009 im Schnitt bei 47 Prozent gelegen habe: In den ostdeutschen Bundesländern waren es 53 Prozent, in den westdeutschen 45 Prozent.
    Quelle: BA-Chef Weise gegen Zunahme bei befristeten Stellen – Nachrichten | SWR.de

    Ich habe übrigens noch vor wenigen Jahren einen wirklich gut dotierten Vertrag nicht unterschrieben, weil mir die Firma (ohne vorherige Absprache) mal locker eine 2-Jahres-Befristung hineingeschrieben hatte. Ich hatte das ganze Auswahlverfahren mit beträchtlicher Länge bereits absolviert und den Vertrag zur Unterschrift vorliegen. Da haben die blöd geguckt. Auch als sie die Befristung in eine unbefristete Anstellung umwandeln wollten, habe ich dankend abgelehnt. Heute würde ich mich das nicht mehr trauen. Aber es ist höchstens 5 Jahre her. So ändern sich die Zeiten. Gegen diese Änderungen hege ich einen großen Groll, weil es nichts mit der Situation der Firmen sondern mit der der Arbeitnehmer zu tun hat. Mit anderen Worten: Die Lage am Arbeitsmarkt wird von sehr vielen Firmen schamlos ausgenutzt. Diejenigen, die die Menschen zu reinen Kostenfaktoren herabgewürdigt haben (und sie kommen immer noch gut voran) haben das bewerkstelligt. Dazu gehören auch deren Auftritte in Talkshows.

  7. Andreas meint:

    Ich war auch sauer über das Selbstverständnis dieser Leute und man kann – und hoffentlich tun das auch genug am 9 Mai – nur mit dem Kopf schütteln angesichts solcher Ansichten. Ganz nett fand ich da einen Spruch auf Twitter zur Sendung: “Zeig mir einer jemanden, der über 25 Jahre ein Eigenheim finanziert, und lieber flexible Fristverträge statt Sicherheit hat. #AnneWill” http://twitter.com/stp77/status/11211022964

  8. Oliver meint:

    Andererseits ist es bei Anne Will auch schon aufschlussreich, sich die Liste der Gäste vorab anzusehen und allein daraus schon den ungefähren Gang der Sendung abzuleiten. Was will man von jemandem erwarten, der sich immer neue Zukunftstrends ausdenken muss, einem, der mit Scheuklappen den Kurs der seltsamsten Partei der Republik immer wieder vehement verteidigt und den anderen Hanseln auch erwarten? Obwohl, der Martin Lindner hat dann aufgrund seiner arroganten Blöddreistigkeit dann schon wieder Unterhaltungswert.

  9. dimido meint:

    Die Drei von Anne Will leiden unter Realitätsverlust und sollten ein Jahr Strafversetzt an die Kasse von Lidl gesetzt werden oder bei der Baumarktkette Toom, wo Kassierer 6,20 Euro butto bekommen. Dazu auch die passende gesellschaftliche Umgebung, plus Wohnung in den bekannten Wohngebieten.

    Ich hätte der einen oder anderen Aussage etwas abgewinnen können. Wenn.., ja wenn wir in Deutschland Vollbeschäftigung hätten und die soziale Marktwirtschaft nicht in Frage gestellt würde, von NeoLiberalisten und Anhänger amerikanischer Verhältnisse.

    Wahrscheinlich mussten die Drei von Anne Wil,l auch nie im Studium eine Mark (heute Euro) vielfach umdrehen – frei nach dem Motte: “Gehe ich diese Woche in der Mensa Essen, oder kaufe ich mir das Buch?”

    Nein, Horst verzeih mir, ich muss jetzt aufhören – sonst werde ich noch christlich radikal ;)

  10. HamburgerX meint:

    Herr Horx hat doch Recht, dass die Löhne im Niedriglohnbereich steigen, wenn die Bildung der Bevölkerung zunimmt. Dann nimmt nämlich das Angebot einfach qualifizierter Arbeitnehmer ab, sofern die Nachfrage dabei konstant bleibt (Burger wollen die Leute immer essen), steigen auch die Löhne.

  11. HamburgerX meint:

    @Andreas: In Dänemark gibt es so gut wie keinen Kündigungsschutz und die Leute bekommen dort auch Wohnungen oder Kredite. Außerdem haben die seitdem eine erheblich niedrigere Arbeitslosigkeit. Sozial ist das Ganze auch noch, da die ALG-Leistungen höher sind in der Anfangsphase. Gegen Arbeitslosigkeit z.B. kann man sich auch bei Krediten versichern. Und ganz im Ernst: Schon aus betriebsbedingten Gründen ist kein Arbeitsplatz in Deutschland mehr für die Ewigkeit. Das dürften auch Banken wissen.

  12. Horst Schulte meint:

    @HamburgerX: Das klingt logisch. Überhaupt keine Frage. Aber es wird nicht für alle Jobs zu auskömmlichen Löhnen geben. Da liegt ein Problem. Die Leute, die sich qualifizieren oder die qualifiziert werden, erwarten schließlich, dass sie dann auch entsprechend bezahlt werden. Das wird nie gelingen.Und das sage ich sicher nicht, weil ich mir das wünsche.

  13. fotorollos meint:

    Einiges von dem was der Horx gesagt hat, fand ich aber schon interessant, wenn auch im ganzen nicht realitätsnah. Aber eines befürworte ich schon, wenn man sich insgesamt weniger auf sichere Arbeitsplätze verlässt, dann bleibt man in der Tat flexibler und man rechnet mit allem. Mehr Sicherheit bedeutet meistens auch mehr Verlustangst. Wenn jeder mehr an sich glaubt und sich immer weiterbildet, dann bekommt man dadurch Selbstbewusstsein. Und das kann aus meiner Sicht nicht schaden. Ansonsten war A.W. eine Farce.

  14. Horst Schulte meint:

    @Fotorollos:

    Wenn jeder mehr an sich glaubt und sich immer weiterbildet, dann bekommt man dadurch Selbstbewusstsein.

    Natürlich würde ich da auch zustimmen. Leider kann man mit Selbstbewusstsein allein wenig ausrichten. Es sei denn, die Verhältnisse am Arbeitsmarkt würden sich verbessern. Sieht es danach aus?