Foto von: Dieter Schütz @ Pixelio.de
Vor 7 Jahren war es auch schon nicht so weit her mit der Ausbildungsfähigkeit junger Leute. Eine Umfrage bei Ausbildungsbetrieben brachte (nach den Pisa-Erkenntnissen) ein kritisches Bild zutage. Man sollte meinen, dass sich angesichts der damaligen Erkenntnisse etwas verändert hätte. Und doch, es hat sich auch etwas verändert. Die Lage ist noch schlechter geworden.
Der DIHK bereitet uns mit seinen “überraschenden” Ergebnissen darauf vor, dass es in diesem Jahr voraussichtlich 5 % weniger Ausbildungsplätze geben wird. 15.000 Ausbildungsbetriebe wurden befragt und das ist also nun die Botschaft der Umfrage.
Martin Wansleben schreibt:
Insbesondere bei Industrieunternehmen mit mehr als 1.000 Beschäftigten verschlechtern sich die Ausbildungspläne gegenüber den beiden Vorjahren. Das ist vor allem durch den Umsatzeinbruch
auf den Exportmärkten begründet.[…]
Die Betriebe sind nach wie vor unzufrieden mit der Leistungsbereitschaft (48 Prozent), Belastbarkeit (44 Prozent) und Disziplin (46 Prozent) der Bewerber. In den beiden letzten Bereichen melden die Betriebe eine Verschlechterung gegenüber dem Vorjahren. Bei den „soft skills“ ist daher – neben der Schule – auch das Engagement der Eltern gefragt, damit ihre Kinder in Schule und Ausbildung erfolgreich sein können.
[…]
Fazit: Der Ausbildungspakt muss weiterentwickelt werden, um den Fachkräftenachwuchs zu sichern.
Jeder, der will und kann, erhält ein Angebot auf Ausbildung. (Quelle)
Könnte es sein, dass die Probleme daher rühren, dass sich die Unternehmen, für die der DIHK solche Erhebungen durchführt, sich einen Scheißdreck dafür interessieren, wie man solchen (nicht neuen) gesellschaftlichen Fehlentwicklungen begegnen kann? Dass die Betriebe intern Nachhilfe organisieren ist sicher gut – aber auch nicht gerade neu. Ich habe meine Lehre 1968 begonnen und schon damals war es in vielen Betrieben Gang und Gäbe die Ausbildung durch solche Maßnahmen (die nicht Nachhilfe, sondern “Ergänzungsunterricht” hießen) zu verbessern. In meinem Ausbildungsbetrieb war das noch nicht durchgesetzt. Wir Auszubildende (so ca. 20 über alle 3 Ausbildungsjahre) hatten uns mehrfach erfolglos an unseren Ausbildungsleiter gewandt. Dann kam uns ein Angestellter des Unternehmens, der gerade erst seine Ausbildung beendet hatte, zu Hilfe. Er kannte einen Redakteur des “Kölner Stadt-Anzeiger” und der brachte einen Artikel im Regionalteil der Zeitung. “Lehrlinge üben die Revolte”. Ich erinnere mich als wäre es gestern gewesen.
Wir mussten gleich am Morgen beim Personalchef antanzen. Der besagte Angestellte wurde fristlos gefeuert. Er ist heute übrigens Professor für Wirtschaftsethik. Was beweist, dass ein solcher Vorgang durchaus wegweisend für den eigenen Lebensweg sein kann. Wir Auszubildende hatten damals wenig Spaß. Alle bekamen wir einen ordentlichen “Einlauf”, und der Personalchef schrieb einen Brief an unsere Eltern. Die sollten uns ihrerseits auch noch einmal richtig ins Gebet nehmen. Mein Vater hat herzlich gelacht. So viel dazu.
Der Ergänzungsunterricht war danach nicht von jetzt auf gleich organisiert aber es gab ihn einige Zeit später. Unsere Noten verbesserten sich und das Unternehmen konnte sich in der Folge über bessere Abschlussnoten der Auszubildenden freuen. So ging das damals – vor ca. 40 Jahren. Und unser Betrieb war damals so ziemlich der letzte, der die “Nachhilfe” eingeführt hat. Es hat wahrscheinlich nicht besonders wehgetan, aber natürlich hat es Geld gekostet.
Nun lesen wir, dass die Betriebe vielfach händeringend Auszubildende suchen. Weshalb sollte unter diesen Umständen also das, was früher ging, nicht auch heute noch möglich sein? Klar, ohne das Engagement und den Willen der Auszubildenden geht gar nichts. Da muss schon etwas kommen aber da wäre ich bei dem Punkte, der mir noch mehr am Herzen liegt.
Könnte es nicht sein, dass diejenigen, die heute von den Medien bzw. der Öffentlichkeit beinahe schon als “gesellschaftlicher Ausschuss” diffamiert werden, ihre Verliererrolle schon so angenommen und verinnerlicht haben, dass dies zu dem nun lauthals beklagten und sicher inakzeptablen Verhalten geführt hat? Für die Hauptschulabsolventen gilt das auf jeden Fall, und erst vor kurzem musste ich zu meinem Entsetzen zur Kenntnis nehmen, dass selbst Realschulabgänger von Teilen der Medien der gleichen Schublade “abgelegt” wurden.
So schlimm das auch ist: Aber vermutlich haben auch die jungen Leute Zukunftsängste, die wir in früheren Jahrzehnten so nicht gekannt haben. Man mag jetzt sagen, dass wir auf hohem Niveau klagen und einfach mal mit dem Jammern aufhören sollten. Da mag sicher etwas daran sein. Aber die Unsicherheit, die die Menschen spüren wirkt leider destruktiv und ihr ist in ihrer Irrationalität nicht so einfach zu begegnen. Da kommen in meinen Augen aber eben auch die Unternehmen ins Spiel, die sich ihrer Verantwortung gewachsen zeigen müssen und vor allem diese Verantwortung zunächst einmal annehmen müssen. Es sollte nicht so sein, dass Auszubildende schon beim ersten Gespräch die Ansage bekommen, dass sie über die Ausbildungszeit hinaus keine Beschäftigung im Unternehmen finden werden oder bestens ein befristeter Vertrag mit einem Hungerleiderlohn infrage kommt. Sieht es heute nicht vielfach so aus und muss das überhaupt so sein? Ein befristete Anstellung kann übergangsweise sinnvoll und nützlich sein. Aber auf solche Beschäftigungsverhältnisse kann wahrhaftig keiner seine Zukunft aufbauen. Denken die Personalchefs auf einmal darüber nach, wenn sie die Vorteile dieser Vertragsvarianten gegen die Nachteile abwägen? Wie entwickle ich die Motivation von Menschen? Und wie mache ich mir diese heute mehr und mehr brachliegenden Ressourcen als Unternehmen zunutze? Muss man diese simplen Grundsätze wirklich erneut auf die Agenda heben?
Foto von: Dieter Schütz @ Pixelio.de











@Horst: ich hatte mal vor ein paar Jahren Gelegenheit jungen Leuten beim “Lösen” von simplen Dreisatzaufgaben zuzusehen. Die waren zwischen 17/19 alt. Alle hatten wohl den Hauptschulabschluß. Da war erschütternd – das sag ich dir. SO jemand möchte ich nich ausbilden müssen… :daumr:
Aber jetzt zu der betrieblichen Nachhilfe. Bei uns gabs die schon – der Ausbilder hat das einmal pro Woche gemacht. Ich hätte das aber nicht gebraucht – andere schon. Tja, und so 2 Monate vor unserer Prüfung wurde der Ausbilder “gefeuert”. Das hatte allerdings mit der Nachhilfe und seiner Qualifikation nix zu tun – da waren andere Gründe im Spiel.
Jetzt mußte ja aber die Ausbildung (auch für die anderen Lehrjahre) weitergehen. Für die Praxis wurden dann abwechslend 2 erfahrene Fachkräfte abgestellt – das klappte schon. Offiziell hat ein Diplomingenieur aus der Konstruktionsabteilung die Leitung übernommen – der hatte zufällig auch die Ausbilderqualifikation. Aber natürlich war der voll ausgelastet und konnte die “Nachhilfe” nicht selber machen. Und die Prüfung rückte immer näher…
Ich hab bei der “Nachhilfe” zuvor ja kaum richtig hingehört – ich wußte das auch so. Und das ist mir zum “Verhängnis” geworden. Der Diplomer hat mich zu sich gerufen, tja. Und aus wars mit den 2 Stunden “dösen” bei der Nachhilfe…
Alle waren zufrieden: die Mitlehrlinge (weil die Nachhilfe weiterging), der Diplomingenieur (weil ers nicht selber machen mußte) – und überhaupt. Nuur einer hat gegrummelt: Ich – weil ich mich jetzt vorne hinstellen mußte. Und die Nachhilfe GEBEN!
Alle haben übrigens bestanden – 2 zwar nur mit “Hängen und Würgen” in der Theorie – aber immerhin…So war das damals…
Wir hatten auch ein paar Mitlehrlinge unter uns, die das übernommen haben. Ich erinnere mich an einen sehr gut. Das war ein ganz ruhiger, netter Typ, der seinerseits alles mit links zu schaffen schien. Er hat später studiert und war Diplom-Kaufmann. Leider ist er schon lange tot. Verkehrsunfall. Die meisten Mitlehrlinge habe ich, obwohl der Ausbildungsbetrieb hier im Ort ansässig war (Hersteller von Bodenbelägen) leider aus den Augen verloren. Aber ich erinnere mich sehr gerne an diese Zeit zurück. Wir hatten auch welche unter uns, die die Prüfung am Ende leider nicht geschafft haben. Also, das gab’s eben auch schon früher. Du hast ja auch von den Unterschieden geschrieben.
man sollte endlich mal die Inhalte der schulischen Ausbildung überarbeiten und an den Anforderungen des Berufslebens bzw Ausbildung anpassen. Das war zu meiner Schulzeit schon ein Problem.
@somlu: Das hört sich ja wirklich schlimm an. Es wird sicher viele Gründe geben, die dorthin geführt haben. Wahrscheinlich sind es auch die Elternhäuser, die ihre Sprösslingen nicht richtig auf das vorbereiten, was sie erwartet. Schule und Unternehmen allein können das nicht lösen. Es ist ein gesellschaftliches Problem, das aber auch als solches endlich richtig angenommen werden müsste.
@psychoMUELL: Das ist sicher richtig. Die Vorbereitung auf das Berufsleben muss mehr in den Mittelpunkt (auch der schulischen Ausbildung) gestellt werden. Nur allein wird das wohl nicht helfen.
@horst, ja, es ist schlimm und ich habe mich in der Beschreibung noch zurückgehalten. Bei der ersten Gruppe, das sind Jugendliche, die Zeit ihres Lebens erfahren haben, dass sie egal sind und so verhalten sie sich auch. Ich kann sie verstehen. Ich halte es auch für ein gesamtgesellschaftliches Problem.
Nur ein konkretes Beispiel, das ich schon vor Jahren erlebte. Eine junge Frau wird einem Förderprojekt mit innovativen Ansatz zugewiesen. Sie ist seit ihrem Hauptschulabschluss ohne Ausbildung und Arbeit schon seit einigen Jahren und weist eine entsprechende Maßnahmekarriere auf. Ihre Akte bei der Agentur ist einen halben Meter dick. Sie sei renitent, wird gesagt, sie sei faul, desinteressiert usw. usf. Schließlich stellt sich heraus – weil die junge Frau Vertrauen zu der Trainerin fasst und sich ihr offenbart, dass sie eine massive Lese-, Rechtschreib- und Rechenschwäche hat. Etwas, dass weder die Schule, noch die anderen Weiterbildungsträger, noch die Arbeitsagentur je mitbekommen haben. Ihre Eltern und sie selbst hielten sie für eine Analphabetin. In einem Gespräch der Trainerin mit der Sachbearbeiterin der Agentur, in der die Trainerin ausdrücklich darauf hinwies, das die junge Frau einen ungeheuren Mut bewiesen habe, dass sie sich offenbarte und das bitte mit dem entsprechenden Fingerspitzengefühl weiter vorgegangen werden solle, erhielt sie die Antwort:”Ach, wissen Sie, die meisten die hier nicht lesen können, sind einfach dumm.” (Unter Einschaltung der Vorgesetzen konnte dann schließlich dafür gesorgt werden, dass die junge Frau auf Legasthenie und Dyslexie getestet wurde und eine entsprechende Förderung erhielt. Inzwischen hat sie einen Ausbildungsplatz)
Dieses Versagen aller Beteiligten sehe ich auch bei den Jugendlichen des ersten Projektes, das ich in meinem Vorkommentar erwähnte. Es ist wirklich gruselig.
Ja – Herrgott noch mal – “Dödels” hats doch immer schon gegeben. Das kann doch nicht sein, das die sich jetzt so ungeheuer vermehren.
PS: Horst, noch mal zu den “intellektuellen Unterschieden”: einige von denen, die sich da quälen mußten (und von mir abgeschrieben haben) – die sind im Leben durchaus viel weitergekommen als ich…
Wenn ich da so an den einen oder anderen denke – schlauer bin ich sicher immer noch – aber der sitzt in einem schönen Haus im Grünen mit dickem Auto davor. Tja – vielleicht hätt ich besser in meinem Leben ein paar mal den Mund gehalten… :verzogen:
@Horst Schulte:
und es hat sich nix geändert.
Ja sicher reicht das alleine nicht, aber zu meiner damaligen Schulzeit bestand dieses Problem schon
@Jürgen:
Doch, ich denke schon. Das ist nämlich ganz offenbar das Problem. Die Suche nach den Ursachen dafür ist das, was wir leisten müssen. Die sollten dann abgestellt werden. Aber leider sind die Probleme eben sehr vielschichtig. Es beginnt im Elternhaus und “endet” in unserem Punkt bei der Ausbildung. Ich glaube, dass @psychoMUELL leider auch richtig liegt. Wir kennen gewisse Problempunkte seit sehr langer Zeit, haben es aber bisher nicht vermocht, daran etwas zu ändern. Das “Duale System” hat vielleicht heute nicht mehr diesen Stellenwert. Die Gesellschaft hat ihr Interesse vielleicht zu sehr auf die akademische Ausbildung fokussiert. Wir brauchen aber auch in Zukunft Facharbeiter und Leute. Dem steht allerdings die verständliche Haltung vieler Leute entgegen, dass ihr Nachwuchs die best- sprich höchstmögliche Ausbildung erhalten solle. Die Prioritäten haben sich verlagert. Das ist einerseits auch verständlich, andererseits hat uns das auch einen Teil der Probleme erst gebracht.
@somlu: Der Aspekt, dass die Einzelförderung nicht oder jedenfalls unzureichend stattfindet, wird ja viel diskutiert. Da kommen wir allerdings schnell an den Punkt, wo sich dann doch wieder die Frage nach der Verantwortung der Eltern stellt. Nicht sie allein aber doch vorneweg sind für meine Begriffe verantwortlich dafür, dass eine solche Lernschwäche festgestellt wird. Ich finde es toll, dass es in dem von dir geschilderten Fall zu einem guten Ende kam und das Mädchen einen Ausbildungsplatz gefunden hat. Aber können die professionellen Betreuer das ausgleichen, was in den Elternhäusern versäumt wird?
@Horst Schulte: Sicher, ich schrieb ja, dass alle versagt haben, soweit ich diese Geschichte kennen, hatten die Eltern keine Ahnung und dachten die Tochter wäre Analphabetin. Da wäre es halt sehr schön gewesen, wenn schon die Schule reagiert hätte. Ich stelle mir das ungefähr so vor: das Mädel wohnte in einer entsprechende Gegend, die als “bildungsfern” eingestuft wird, ergo erwarten die Lehrer nichts anderes von ihr, also achtet niemand darauf. Leider sind solche Dynamiken normal an Schulen. Das ist zwar bekannt aber soweit mir bekannt, fließt das nicht in die Lehrerausbildung ein.
Ich bin nicht der Meinung, dass die Schulen für alles aufkommen sollen, was in Elternhaus oder Gesellschaft versäumt wird aber sowas gehört für mich zum Ausbildunghintergrund eines Lehrers. Und nicht Mathe auf Hochschulniveau, wenn er letztlich nur an der SEK I unterrichten wird.
So – jetzt hab ich was für euch! Einen Eignungstest für Lehrlinge. Macht den mal! Ich hab ihn gemacht, und nich “betuppt”!
Von den 25 Fragen hab ich 24 richtig. Bei einer von den 24 hab ich allerdings halb geraten. Aaber. ich schein im Hirn noch recht fit zu sein. So!