Ist eine Sozialministerin tragbar, die als TNT-Managerin selbst sittenwidrige Löhne vereinbart hat?

Wenn das stimmt, sollte Christian Wulff sich überlegen, ob das wirklich geht:

Die Kruzifix-Debatte um Aygül Özkan hat sich wieder abgekühlt. Doch nun gerät Deutschlands erste muslimische Ministerin wegen ihrer Vergangenheit in die Kritik: Als Managerin des Postdienstleisters TNT hat sie nach SPIEGEL-Informationen Verträge abgeschlossen, nach denen Beschäftigte nur 7,50 Euro Stundenlohn erhielten.
Quelle: CDU-Ministerin: Özkan soll Arbeitsverträge am Rande der Legalität abgeschlossen haben – SPIEGEL ONLINE – Nachrichten – Politik


Kommentare

  1. psychoMUELL meint:

    geschickter ist es doch umgekehrt, erst Minister und dann zur Zeitarbeit (Clement) :teufel:

  2. Horst Schulte meint:

    Auf jeden Fall. Daran nehmen jedenfalls weniger Leute Anstoß. :-)

  3. Rayson meint:

    Nein, sowas geht natürlich gar nicht. Sozialminister sollte nur werden, wer sich für Löhne einsetzt, zu denen die Arbeitslosen arbeitslos bleiben müssen. Sonst ginge gerade für dieses Amt irgendwann noch die Klientel aus, und wer will das schon?

  4. psychoMUELL meint:

    jetzt kann ihr ja nicht mehr so leicht was passieren, den Wunsch-Job hat sie ja nun.

  5. Jan meint:

    Moment mal, sind denn nicht 7,50 Euro EXAKT der Lohn, den die SPD bis vor kurzem für alle gefordert hat? Und der ist sittenwidrig? Interessant.

  6. Horst Schulte meint:

    @Rayson: Du würdest also, getreu dem in meinen Augen zu knappen und deshalb falschen Motto: “Sozial ist, was Arbeit schafft”, Frau Özkan nachsehen, wenn sie wirklich für sittenwidrige Löhne “gesorgt” hätte? Ich finde es nicht richtig, wenn eine Frau Sozialministerin wird, die mit -ich wiederhole- sittenwidrigen Löhnen hantiert hat. Die Konsequenz, die du und andere Liberale, die allen alles zumuten, würde ich so nicht unterschreiben, weil es um die Auseinandersetzung und um die moralische Verantwortung – auch von Politikerinnen – geht. Aber ich glaube, dass du für dieses Anliegen kein Verständnis aufbringst. Dein implizierter Vorwurf, dass ich nicht bereit bin, mich mit den Realitäten abzufinden, ist ja alt. Die Frage ist aber in meinen Augen, ob die Entwicklung hin zu Billig- und Hungerlöhnen nicht die Grundfesten unserer Gesellschaft zerstört. Ich fürchte, allein mit ökonomischen Erklärungen lassen sich solche Fragen nicht beantworten. Und dir ist auch klar, dass es mir bei meiner Argumentation nicht um mich persönlich geht. Das sage ich, obwohl ich weiß, wie schnell man heute auch beruflich den Boden unter den Füßen verliert. Abgesehen davon werden die Löhne – auch wenn es gerade einen leicht gegenläufigen Trend gibt – aufgrund der einmal eingeschlagenen Richtung nach meiner Sorge sich weiter nach unten entwickeln. Da geht es nämlich leider weniger um die ökonomischen Fragen, die du gern in den Vordergrund stellst, sondern um das Ausnutzen der möglichen Spielräume – durch die Unternehmen. Aber natürlich weiß ich, dass du, im Gegensatz zu mir, an “die Märkte” glaubst. Hoffentlich wirst du recht behalten. Schau nach Griechenland. Das ist erst der Anfang einer Entwicklung, die uns auch schnell erreichen könnte.
    Auch wenn es so ist, dass die Politik ihre Spielräume in finanzieller Hinsicht überreizt hat, was passiert eigentlich, wenn man den Leuten zu viel zumutet? Solche Fragen kann man nicht allein mit ökonomischer Vernunft lösen.

  7. Horst Schulte meint:

    @Jan: Es ging zu dem Zeit als Özkan “aktiv” war, wohl noch um andere Werte. Nicht wahr? Wenn Özkan in ihrer Zeit als TNT-Managerin mit sittenwidrigen Löhnen hantiert hat, sollte sie nicht Sozialminister werden. Ob es sittenwidrige Löhne waren erfahren wir hoffentlich noch. Übrigens finde ich es interessant, dass insbesondere die Leute, die wohl (jedenfalls vermeintlich) nie mit Billig- und Niedriglohn selbst konfrontiert werden, mit dieser Entwicklung keine Probleme haben.

  8. Horst Schulte meint:

    @Susanne: An dieser Entscheidung wird sich sicher nichts mehr ändern. So ist sie, die Politik. Da wäre die Sache mit dem Kreuz schwerwiegender gewesen. Aber dafür hat sie sich, was ich auch nicht verstehe, ja direkt entschuldigt.

  9. Jan meint:

    @Horst Schulte: Ich fänds halt interessant, wenn sich rausstellen sollte, dass die SPD jahrelang sittenwidrige Löhne gefordert hätte.

    Sofern du übrigens mich mit

    “Übrigens finde ich es interessant, dass insbesondere die Leute, die wohl (jedenfalls vermeintlich) nie mit Billig- und Niedriglohn selbst konfrontiert werden, mit dieser Entwicklung keine Probleme haben.”

    gemeint haben solltest, muss ich dich enttäuschen aber es ist ja ohnehin die eine Sache, Löhne niedrig zu finden und eine ganz andere, was angesichts dessen legitime politische Mittel sein sollen.

  10. Horst Schulte meint:

    @Jan: Aber Jan, das ist es doch gerade. Da wird über die Köpfe von Hunderttausenden von Menschen hinweg entschieden. Glaubst du wirklich, dass diese Entwicklung gut geht? Wir haben durch die Globalisierung so viele Industriearbeitsplätze verloren, die durch den wachsenden Dienstleistungsbereich nicht ausgeglichen werden konnten. Die fehlenden Chancen für viele, schlecht ausgebildete Leute, fürchte ich, erweist sich als große Belastung für die Demokratie. Die Folgen der Wirtschafts- und Eurokrise beschleunigen das. “Soziale Marktwirtschaft”, ich erinnere an Christian Lindner auf eurem Parteitag, ist etwas anderes als das, was heute praktiziert wird. Heute gilt mehr und mehr die Macht des Stärkeren.

  11. Rayson meint:

    @Horst

    Ich finde es einfach dreist, dass Dritte sich darin einmischen, was zwei andere Parteien für sich miteinander vereinbart haben, und ich halte es für eine bodenlose Frechheit, wenn diese Einmischung dann auch noch darin resultiert, dass andere Menschen zu einer von ihnen nicht gewollten Arbeitslosigkeit gezwungen werden, obwohl sie die Möglichkeit wahrnehmen wollten, am Wirtschaftsprozess teilzunehmen.

    Das wäre meine Bewertungsgrundlage, natürlich kann man auch andere haben. Was ich aber nie verstehen werde, ist die Flucht aus der Realität, die man bei uns leider zu oft beobachten kann. Wenn jemand die Zusammenhänge widerlegen kann, die mich zu der Aussage führen, dass einige Menschen zu Löhnen werden arbeiten müssen, die ihnen in dieser Gesellschaft vielleicht kein hinreichendes Auskommen beschert, wenn sie nicht arbeitslos bleiben wollen, dann soll er das tun. Wer aber zu dieser Diskussion nichts beizutragen hat, kann sich dann auch nicht in moralische Scheinwelten flüchten, in denen die Konsequenzen der eigenen hehren Ethik einfach ausgeblendet werden. Wir können nicht alles so ändern, wie wir es wollen. Alles, was wir tun oder entscheiden, hat seinen Preis, auch wenn der nicht in Euro ausgewiesen wird.

    Schau nach Griechenland. Das ist erst der Anfang einer Entwicklung, die uns auch schnell erreichen könnte.

    Ja. Und zwar dann, wenn wir uns so verhalten wie die Griechen und die ökonomischen Konsequenzen unseres Handelns nicht wahrhaben wollen.

  12. Horst Schulte meint:

    @Rayson: Ich zwinge niemandem irgendwas auf. Dazu habe ich leider nicht die Möglichkeiten. Richtig, ich flüchte vor der Realität. Vor der Realität, die die einen begünstigt und die anderen benachteiligt. Gewollt, nein gesteuert.

    Warum ist es denn so, dass der Politik jeder Handlungsspielraum geraubt wurde? Vielleicht weil wir über unsere Verhältnisse gelebt haben. Was aber ist mit den Auswirkungen, die uns die Spekulanten und Kapitalisten eingebrockt haben? Sicher, das alles sind Realitäten. Und mit denen soll man sich abfinden? Ich kann das nicht. Die Griechen erkennen wohl die ökonomischen Konsequenzen aber werden sie diese auch tragen? Ich bin mal gespannt. Und die griechische Situation bzw. die Ursachen für die jetzige Lage ist mit der Deutschen auch nicht unbedingt vergleichbar. Gemein haben wir allerdings die exorbitanten Schulden, die uns von denen zugemutet werden, die die ökonomischen Zusammenhänge doch so gut verstehen wollen.

  13. Rayson meint:

    @Horst

    Du verstehst mich (bewusst?) falsch. Niemand muss ich mit den Realitäten abfinden, die ihm begegnen. Aber er muss sich der Konsequenzen allen Handelns bewusst sein, das er einleitet, um an den Realitäten etwas zu ändern, und die könnten, je nach Handlung, zu etwas führen, was man noch schlechter bewertet als den gegenwärtigen Zustand.

    Was aber ist mit den Auswirkungen, die uns die Spekulanten und Kapitalisten eingebrockt haben?

    Du meinst den Wohlstand, den uns der Kapitalismus beschert hat?

    Dass uns “Spekulanten” irgendetwas “eingebrockt” hätten, halte ich übrigens für ein Gerücht. Sicher, es ist sehr menschlich, irgendeine fassbare Gruppe von Übeltätern als Ursache schlechter Entwicklungen heranziehen zu wollen, aber letztlich verhalten sich Menschen sehr gerne eigennützig in dem Rahmen, den man ihnen dafür lässt. Und an dem Rahmen des Geldsystems und der Bankengesetzgebung z.B. gibt es einiges Kritikwürdiges, an das aber “seltsamerweise” kaum herangegangen wird.

    Gemein haben wir allerdings die exorbitanten Schulden, die uns von denen zugemutet werden, die die ökonomischen Zusammenhänge doch so gut verstehen wollen.

    Ich glaube, da zielst du etwas daneben. Die exorbitanten Schulden, die wir haben, entstanden überwiegend nicht durch die Finanzkrise. Und selbst diejenigen, die durch die Finanzkrise entstanden, sind eine reine Notmaßnahme, deren Sinn vor allem von liberaler Seite kritisiert wird. Einen Zusammenbruch des Fiat-Money-Bankensystems, den viele Liberale als unvermeidbar betrachten, wollte die Politik noch nicht riskieren. Was verständlich ist, profitiert sie davon doch am meisten.