1,3 Mio. Menschen stocken ihr “Einkommen” auf

Die Zahl derjenigen, die mit ihrem Verdienst in diesem Land ihren Lebensunterhalt nicht bestreiten können, ist erschreckend hoch. Etwa 27 Mio. sozialversicherungspflichtige Arbeitnehmer gibt es in Deutschland. Immerhin fast 5 % der Menschen, die, jedenfalls teilweise, in regulären Jobs arbeiten, kommen mit dem Geld nicht aus, welches ihre Firmen ihnen für einen Teil- oder Vollzeitjob bezahlen können. Von mir aus hänge ich das Wort “können” noch dran. Aber das macht die Situation nicht besser!

Dieter Hundt findet, dass die Situation durch angebliche Fehlanreize verursacht wurde. Er dreht die Lage der Menschen einfach in seinem Sinne und behauptet mal eben, dass Hartz IV – Empfänger durch denen einen oder anderen Nebenverdienst ein beträchtliches Taschengeld hinzu verdienen würde. Das finde ich zynisch. Es geht bei der Bewertung solcher Zahlen natürlich mehr um die Menschen, die trotz einer Vollzeitbeschäftigung viel zu wenig verdienen, um sich und die Familie davon zu ernähren. Wenn diese Zahlen weiter zunehmen, spricht das wohl eher dafür, dass in unserem Land wirklich dringender Handlungsbedarf besteht. Diese Form der Subventionierung, die Prof. Sinn vom Ifo-Institut als adäquaten Ersatz für den aus seiner Sicht wünschenswerten Kombilohn versteht, ist menschenunwürdig und stellt im Übrigen, jedenfalls aus meiner Sicht, wirklich einen falschen Anreiz dar. Nämlich einen, von dem Unternehmen profitieren, deren Geschäftsmodell sich in eine auch volkswirtschaftlich wohl ziemlich falsche Richtung entwickelt. Oder wollen wir wirklich dabei zusehen, dass Geschäftsmodelle Dumpinglöhne als bestimmenden Faktor nutzen? Ich weise in diesem Zusammenhang auf die Debatte im Lohn für Postdienstleistungen hin (z.B. TNT).



Kommentare

  1. JürgenHugo meint:

    Tja, und dann gibt es sicher noch eine Menge, die auch Anspruch aufs “Aufstocken” hätten, das aber aus verschiedenen Gründen nicht beantragen…DIE sind in den 1,3 Mio. ja nicht drin…

  2. Horst Schulte meint:

    Ja, bestimmt ist das keine kleine Zahl von Leuten.

  3. Rayson meint:

    Es geht bei der Bewertung solcher Zahlen natürlich mehr um die Menschen, die trotz einer Vollzeitbeschäftigung viel zu wenig verdienen, um sich und die Familie davon zu ernähren.

    Das ist aber a) nur ein kleiner Teil davon (ca. 400.000 Arbeitnehmer) und b) überwiegend durch Kinder bedingt, die zu so viel ALG-II-Unterstützung berechtigen, dass auch ein Stundenlohn von über 10 Euro “aufgestockt” werden kann.

    Ein verheirateter Alleinverdiener mit zwei Kindern über 14 Jahren und durchschnittlichen Unterkunftskosten muss mindestens 13 € brutto pro Stunde (40-Stunden-Woche) verdienen, um den Anspruch auf ergänzendes Arbeitslosengeld II zu verlieren.

    Hundt hat völlig recht: Die Hinzuverdienstregelungen beim ALG II machen einen geringen Zuverdienst attraktiv (und einen größeren unattraktiv), und dann braucht man sich nicht zu wundern, wenn das genau so wahrgenommen wird.

  4. JürgenHugo meint:

    @Rayson:

    Ja, ja – und Schwarzarbeit noch attraktiver – alles bekannt. Und alles schon 1000x durchdiskutiert.

    Die Crux ist doch, das ALG II eine “kriechend humpelnde Mißgeburt” war und ist. Da wars ja vorher (mit Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe) noch besser. Weniger kosten tut das nicht – eher mehr. Und die “verbesserten Arbeitslosenzahlen”? Normale wirtschaftliche Einflüsse, mehr Leute im Geringlohnsektor, Statistik”verschönerei”.

    Das der Hundt da in der einen oder anderen Sache vielleicht? recht hat, machts nicht besser. Und: eine überbordende Objektivität kann man dem Herrn Hundt nun sicher nicht “vorwerfen”. :-) Er sieht das halt aus seiner Sicht – einige Arbeitslose werden das sicher anders sehen – und das müssen nicht unbedigt Faulenzer sein…