Ist doch alles gar nicht so schlimm

Bettina Weiguny ist Wirtschaftsjournalistin. Sie findet nicht, dass die Lage für heute 30jährige so schlecht ist, wie sie gemeinhin beschrieben wird. Im Gegenteil: Sie empfiehlt dieser Generation, vor allem aber der ihrer Eltern, einfach mal weniger zu jammern.

Allein die vage Gefahr des Abstiegs jedoch nährt die Angst, jene Lebensqualität einzubüßen, an die sie von klein auf gewöhnt waren: Haus hier, Ferienwohnung dort. „Jetzt wird in die Hände gespuckt, wir steigern das Bruttosozialprodukt“, lautete ein Hit ihrer Kindheit in den achtziger Jahren.
Quelle: Generation 30: Hört auf zu jammern! – Familie – Gesellschaft – FAZ.NET

Was, bitteschön, hat dies mit unserer Lebensrealität zu tun?

Wie heißt es immer so schön? “Wir jammern aber wirklich auf hohem Niveau.” Diesen Satz hört man gern dann, wenn man sich in einem Gespräch wieder mal so richtig ausgelassen hat über diese Zeiten. Diese schlimmen Zeiten, vor allem ohne Perspektive für die heute Jungen. Viele Leute in meiner Generation sind sich sicher. Nein, wir können wirklich froh sein, dass wir unser Berufsleben so einigermaßen hinter uns haben. Echt, so ist das. Ich habe solche Aussagen schon oft gehört. Und selbst sehe ich das auch nicht so viel anders.

Ich sollte also demnach, den Artikel von Frau Weiguny zur Lektüre empfehlen. Kann ich aber nicht. Und zwar deshalb, weil sie ihre Aussage (wie es sich vermutlich für die FAZ gehört) auf die Gruppe der Akademiker begrenzt. So, als gäbe es die große Gruppe derjenigen gar nicht, die (mit oder ohne Migrationshintergrund) in eine chancenlos scheinende Zukunft stolpern.

Meine Hoffnung für die junge Generation, ist, dass die heute 20jährigen tatsächlich mit einem anderen Selbstverständnis auf ihr Erwerbsleben zugehen. Die Realitäten hat diese Generation fest im Auge. Schon allein deshalb, hört man die ganz Jungen, wenn ich sie so nennen darf, auch deutlich weniger klagen als die, mit der sich Frau Weiguny in ihrem Artikel hauptsächlich beschäftigt hat.

Sie verweist in ihrem Beitrag auf die nicht schlechte Einkommensentwicklung von Akademikern seit 1980 und behauptet, dass die Generation 30 “keinen Grund zur Klage” hätte. Sie erwähnt, dass heute für Kinder der Mittelschicht ein Studium selbstverständlich sei.

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Quelle: Statistisches Bundesamt

40% eines Altersjahrganges sollen ein Hochschulstudium absolvieren. Das ist das Ziel und dies ist beinahe erreicht.

Es geht ja nicht darum, dass die heutige Generation es heute viel schwerer hätte als die ihrer Eltern. Darüber höre ich die Leute nicht jammern. Vielmehr geht es darum, welche Sicherheit die heute Arbeitswelt, welche oder ob überhaupt eine Verbindung zwischen einem angestrebten, zufriedenen Leben und dem, was man heute nur noch Job nennt, herzustellen ist. Die Arbeit, die Berufung eines Menschen dient eben nicht ausschließlich der Existenzsicherung. Sie ist mehr. Das ist übrigens, um mal den Sprung ans “andere Ende” zu wagen, auch der Grund, warum viele so ein großes Problem mit der Selbstverständlichkeit haben, mit der manche Ökonomen (leider nicht nur!) Hartz-Aufstocker fast zum Normalbild in unserer Gesellschaft entwickeln wollen.

Die falsche Wahrnehmung?

 

Noch nie hat es eine Generation gegeben, die mit dreißig schon Massen an Büchern und Filmen über sich selbst und ihre missliche Lage ausstößt. Die Titel heißen „Ein Leben in der Warteschleife“, „Mein halbes Leben“, „Die Lebenspraktikantin“, „Der Copy Man“, „Probezeit“, „… und wünschen Ihnen für die Zukunft alles Gute“. Immer wird gejammert, gelitten, geklagt.
Quelle: Generation 30: Hört auf zu jammern! – Familie – Gesellschaft – FAZ.NET

Wenn Frau Weiguny Ansichten zutreffend wären, warum ist es dann so, dass die Zukunftssorgen von denen man heute im Freundes-, Kollegen- oder Bekanntenkreis täglich buchstäblich umzingelt ist, über alle Generationen hinweg gehen? Irgendwas scheint an dieser Logik einfach nicht zu passen. Das im Artikel erwähnte Beispiel des promovierten Juristen und sein Konflikt mit der Erwartungshaltung des Vaters ist meiner Meinung nach ein absoluter Einzelfall. Die meisten Eltern machen sich in erster Linie Sorgen über die Zukunft ihrer Sprösslinge und fordern diese nicht heraus, wie in besagtem Beispiel.

Kommentare

  1. JürgenHugo meint:

    Du kannst einem so richtig Mut machen, lieber Horst. Ei wei… :daumr:

  2. Manfred Leute meint:

    Also ich kann diese Diskussion auch nur teilweise nachvollziehen. Denn in gleichem Maße mit dem die Sicherheit im heutigen Berufsleben sinkt steigt doch auch die Anzahl an Möglichkeiten sich selbst zu verwirklichen.
    Ich bin jedenfalls glücklich damit heute 22 Jahre alt zu sein und wär es nicht gerne von 20 Jahren gewesen. :zitrone: