Über die Wiederkehr der jüdischen Frage…

Unterschiedlicher können Menschen nicht sein. Beide sind Intellektuelle, brillante dazu. Beide sind Juden. Der eine hat die Zeit des Holocaust bewusst erlebt und ist dennoch zeit seines Lebens in Deutschland geblieben. Er wird geschätzt, bewundert und wohl auch -zumindest ein bisschen- geliebt. Und das nicht erst, seit er 90 Jahre alt geworden ist! Vielleicht auch nicht von allen aber doch von sehr vielen seiner deutschen Landsleute. Der andere dagegen ein so genannter kritischer Geist. Ein scharfzüngiger Zyniker, an dem sich die Geister scheiden. Einer der mit Deutschland und den Deutschen nie im Reinen war und es wohl auch nie sein wird.

Jener Mann, dessen Aussagen über uns Deutsche meiner Meinung nach oft richtig, manchmal überzogen und nicht selten einfach falsch sind, wurde ein Jahr nach Kriegsende in Kattowitz, Polen, geboren, und er versteht es, wie kaum ein anderer deutscher Publizist, sich über unseren Umgang mit unserer Vergangenheit zu mokieren und war uns dabei ein Stachel im Fleisch. Heute hat er wieder etwas Salz in die Wunde gestreut. Nein, vergessen lässt uns dieser Henryk M. Broder nichts. Rein gar nichts, wenn es mit dem zu tun hat, was in die Menschheitsgeschichte als Holocaust einging und –zum Glück- auch nicht die Art und Weise, wie wir uns mit dieser geschichtlichen Verantwortung seitdem auseinandergesetzt haben.

Er hielt die Laudatio auf Marcel Reich-Ranicki, dem heute in der Frankfurter Paulskirche die Ludwig-Börne-Ehrenmedaille verliehen wurde. Wieder war Broder der unbequeme Mahner. Er mahnte Reich-Raniki, seine eigene Popularität in Deutschland für Israel einzusetzen. Das empfand ich als unverschämt, weil man solche Appelle nicht während einer Laudatio vom Stapel lässt. Aber Broder ist eben nicht “man”. Broder ist eitel und er weiß, das er sich damit in die Seiten des deutschen Feuilletons redet. Das kann er sich nicht verkneifen. Also agitierte er als Netanjahus Sachwalter gegen die Hamas und Gaza und gegen linke deutsche Abgeordnete, die sich unterstanden haben, sich vor den Karren der Hamas spannen zu lassen. Man kann sich gegen diese Aktion wenden, sie harsch kritisieren aber war diese Laudatio dafür der richtige Rahmen, der richtige Anlass?

Reich-Ranicki ist zeit seines Lebens ein unpolitischer Mensch. Welche Motivation, wenn nicht die von mir unterstellte Eitelkeit, könnte Broder also wohl sonst haben? Ihm geht es darum, die kritische Lage Israels in der Öffentlichkeit wachzuhalten. Das ist nachvollziehbar. Aber ich frage, welchen Anteil die israelische Regierung an der immer weiter fortschreitenden Eskalation hat? Aber solche Fragen darf man als Deutscher nicht stellen. Sofort wird so etwas als Hinweis auf einen mindestens versteckten Antisemitismus gewertet. Das hängt vielen am Hals heraus!

Ich hätte mir gewünscht, dass Sie auf den Tisch geschlagen und “grässlich!” gerufen hätten, wie Sie es so oft im “Literarischen Quartett” getan haben, oder “Unsinn!” und vielleicht dazugefügt hätten: “Hört auf mit diesem Quatsch. Ich war im Warschauer Ghetto. Ich weiß, wie es da zuging. Verglichen mit dem Warschauer Ghetto ist Gaza ein Club Med.”
Quelle: Laudatio auf Marcel Reich-Ranicki: “Die großen Katastrophen liegen noch vor uns” – SPIEGEL ONLINE – Nachrichten – Kultur

Broder sprach in Frankfurt davon, dass die großen Katastrophen noch vor uns liegen. Das mag alles richtig sein. Es gibt genügend Anlass zur Sorge. Leider wird die Welt aber nicht besser, wenn wir uns kollektiv auf die Seite Israels stellen und damit gegen die Hamas und radikale Palästinenser. Deren Anliegen sind seit Jahrzehnten mit Fußen getreten worden. Und das ist nur eine der zahllosen Ungerechtigkeiten, die irgendwo auf der Welt zur Verschärfung irgendwelcher Konflikte führen.

Ich finde, Marcel Reich-Ranicki hat es mit seinen 90 Jahren verdient, dass man seine Haltung in diesen Fragen respektiert. Er hat eine Haltung und wir glauben sogar, diese einigermaßen zu kennen. Warum konnte Broder diese nicht respektieren? Ich glaube, ich habe die Antwort gegeben.


Kommentare

  1. Harry Tuttle meint:

    Broder bringt schon zutreffende Vergleiche, zutreffender, als ihm lieb sein kann.

    Leider vergisst er oft, die Quellen für seine Vergleiche zu nennen.

    Hier ein Link über andere Einrichtungen, die von ihren Betriebern als ‘Erholungslager’ bezeichnet wurden:

    http://www.zeitreise-bb.de/leonb/leonb/engelb.html

  2. Horst Schulte meint:

    Ich habe ja gar nicht an Broder Aussagen gezweifelt. Im Gegenteil, ich glaube ihm. Ich hielt aber die Gelegenheit, die er für sein “Statement” und den Appell an RR gemacht hat, für ausgesprochen unpassend.

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  1. RT @webspitzel: frisch gebloggt Über die Wiederkehr der jüdischen Frage… http://goo.gl/fb/0SCgG #gesellschaft #gaza #henrykmbroder