Mir doch egal, wer meine Rente zahlt!

Juni 22, 2010 8 Kommentare » | Dieser Artikel wurde 163 x aufgerufen.
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Wir können jetzt keine SPD gebrauchen, die sich inhaltlich immer noch im Nirwana befindet! Ich kann mich nicht damit abfinden, dass es in dieser Partei keine personellen Alternativen zu denen zu geben scheint, die jetzt das Sagen haben. Und genau hinein in diese Dümpelei und programmatische Armseligkeit auf der linken Seite stößt ausgerechnet zeitgleich das Drama dieser bürgerlichen Regierung. Und da soll man nicht den Glauben verlieren?

Rente mit 67. Ein echtes Reizthema. Ich habe den Eindruck, dass die Älteren unter das Thema als den Versuch der Politiker empfinden, uns um mindestens einen Teil unseres wohlverdienten Ruhestandes zu bringen.

Foto: «eriwst» @ Flickr.com

Viele sind über 40 Jahre lang ohne Unterbrechungen (Arbeitslosigkeit, Krankheiten) ihrer Arbeit nachgegangen und haben das Ende eines Berufslebens vor Augen, das in den letzten Jahren von Unsicherheit und fehlenden Perspektiven gekennzeichnet war. Wie viele im Alter zwischen 50 und 60 haben erlebt, dass ihre Firma Pleite ging und sie nur mit Müh’ und Not –wenn überhaupt- einen neuen Job gefunden haben? Man hatte in Kauf zu nehmen, dass mit der neuen Arbeit Ansehen, Einkommen und Selbstwertgefühl, vorsichtig ausdrückt, stark angekratzt wurden. Aber es muss ja weitergehen. Schließlich hat man ja noch einige Jahre zu arbeiten. Ja, so denken einfache Menschen und vielleicht nicht nur die.

Aber einmal ganz abgesehen davon, dass solche Gefühle vielleicht wesentlich mehr Menschen plagen als mancher glaubt, man steht in diesem Alter doch mitten im Leben. Wie kann es da sein, dass offenbar nicht Wenige das Ende ihres Arbeitslebens bzw. den Eintritt ins Rentnerdasein gar nicht mehr abwarten können? Oder verstehe ich den erbitterten Widerstand gegen eine Rente mit 67 so falsch? Es sind nämlich weniger die jungen Menschen, die ein Problem mit der Erhöhung des Rentenalters haben, sondern, welche Überraschung, diejenigen, die die Rente schon in greifbarer Nähe sehen.

Über 20 Jahre den Ruhestand genießen – Toll.

Mit dem Renteneintritt beginnt ein Lebensabschnitt, der vielleicht wirklich seine schönen Seiten hat. Die Eltern meiner Frau und auch meine Eltern haben eine Reihe von Jahren diese Zeit gemeinsam erlebt. Wenn man Glück hat und noch eine Weile gesund bleibt, kann seinen Lebensabend gestalten –hoffentlich sogar gemeinsam. Aber noch einmal: Darauf arbeitet ein Mensch doch nicht hin! Jedenfalls keiner, der einem erfüllenden Beruf nachgeht, der glaubt, er bzw. seine Arbeit seien wichtig für irgendwas und irgendwen. Ich weiß, die Zahl dieser Leute nimmt stark ab und die Unternehmen werden irgendwann dieses Problem mit Vehemenz auf die Agenda geknallt bekommen. Stichwort: Motivation.

Wieso wird die Diskussion um das Renteneintrittsalter so vehement, ja in geradezu unversöhnlicher Konfrontation, geführt? Ich glaube, es sind zwei Aspekte, die zusammenkommen. Zum einen haben viele Menschen trotz vielleicht anderslautender Beteuerungen nicht verstanden, dass unser geschätztes Rentensystem auf einem Generationenvertrag beruht. Die erworbenen Rentenansprüche können nur realisiert werden, wenn auch genügend Beitragszahler vorhanden sind. Wir wissen aber, dass schon das heutige Zahlenverhältnis zwischen Rentnern auf der einen Seite und Beitragszahlern auf der anderen problematisch ist und dass sich dieses in den nächsten Jahrzehnten noch deutlich verschlechtern wird.

So ist es zunächst einmal völlig normal, wenn verantwortungsbewusste Politiker dieses Thema aufgreifen und die Gesellschaft auf diese gravierenden Veränderungen vorbereiten. Leider sehr spät (wenn man von einzelnen positiven Beispielen wie Prof. Biedenkopf einmal absieht. Aber besser spät als nie. Eine der erforderlichen Maßnahmen ist die Anhebung des Renteneintrittsalters. Aber obwohl dieses durchaus mit Übergangszeiten und mit bedacht entwickelt wurde, war der massive gesellschaftliche Konflikt absehbar.

Leere Versprechungen

Vor diesem Hintergrund hat sich die SPD, obwohl sie schon auf dem Weg der Erkenntnis vorangekommen war, anders besonnen.  Jedenfalls, wenn man die Stimmungslage an der Basis betrachtet. Mehrheitlich (82%) will sie die Abschaffung der Rente mit 67. Sie will auch Mindestlöhne und raus aus Afghanistan. Aber die beiden Letztgenannten sollen hier nicht Thema sein.

Verständnis habe ich für diese manche dieser Forderungen. Sie sind eher Ausdruck einer tiefen Verunsicherung der Bevölkerung als die Formulierung einer klaren Vorstellung, wie man es anders, besser machen könnte. Angesichts der offenkundigen Rat- und Hilflosigkeit unserer Politik kann man das auch niemandem verdenken.

Gefragt sind Sozialdemokraten und keine Parteisoldaten und eine Renaissance sozialdemokratischer Tugenden: Mehr Steinbrück und Steinmeier, weniger Parteistrategen wie Gabriel und Nahles – so sieht es offenbar die Mehrheit. Die SPD müsste zugleich Aufstiegschancen verdeutlichen, statt Abstiegsängste zu bedienen.
Quelle: Cicero – Magazin für politische Kultur

Aber zurück zu meinem Thema, zur Rente mit 67. Wir können natürlich so tun, als wäre es uns gleich, wer unsere Rente irgendwann einmal bezahlen wird. Den Staat wird es schon noch geben. Nur… er wird es nicht richten. Von diesem scheinbar immer noch vorherrschenden Glauben müssen wir uns langsam verabschieden. Auch, wenn viele nicht verstehen, dass Bürgschaften in unvorstellbaren Größenordnungen gegeben werden, für vergleichsweise “kleines Geld” gewisse Leistungen angeblich künftig aber nicht mehr erbracht werden können. Und ja, es ist eine Frage der Prioritäten. Und möglicherweise wird eine linke Regierung diese Prioritäten auch anders setzen. Wahrscheinlich sogar. Aber wir werden die Probleme, über die wir heute nachdenken, deshalb nicht gelöst haben. Eine Weile werden sie vielleicht noch verdeckt werden. Und dann?

Mehr Glaubwürdigkeit

Wir brauchen mehr Arbeitsplätze – auch für ältere Arbeitnehmer. Heute krieg ein über 50jähriger keinen Job mehr, wenn er seinen verlieren sollte. Höchstens dann, wenn er Verbindungen hat oder sehr viel Glück. Aber so kann die Rente mit 67 eben nicht funktionieren. Wer arbeiten gehen soll, für den muss es auch Arbeit geben. Das sagt einem der normale Menschenverstand. Alles andere ist den Leuten (zum Glück) nicht vermittelbar. Ihre persönliche Lebenserfahrung steht heute im Widerspruch zu den Aussagen der Politiker. Und genau darin liegt auch das Problem. Glaubwürdigkeit kann man nicht anordnen.

Foto: «eriwst» @ Flickr.com

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8 Kommentare

  1. Kiri 22. Juni 2010 at 19:10 -

    Ein Grund mehr, dass man in Sachen Politik am Besten selbst aktiv ist. Doch.

  2. Horst Schulte 22. Juni 2010 at 20:07 -

    Wahrscheinlich sollte man das. Bist du politisch engagiert? Ich habe es nie ernsthaft in Erwägung gezogen.

  3. Kiri 22. Juni 2010 at 21:34 -

    Bin ich sogar. Aber ehrlich gesagt, solange man zur “Grauen Masse” zählt und nicht oben ist, wird man nicht gehört.

  4. dimido 23. Juni 2010 at 00:01 -

    Ich bin mal im Bundesarchiv unterwegs gewesen und habe den Generationenvertrag gesucht. Mich hat jeder doof angesehen, als ich diesen haben wollte – ich war gerade erst 18 geworden.

    Tja, was soll ich sagen – da steht was von Rente drinnen und vielen Kindern die es geben sollte!?1

    Hey, ich bin gerne bereit in die Renten-Kassen zu zahlen, aber nur im Sinne des Generationenvertrags. Das hat die Folge, wer keine Kinder hat, der bekommt auch keine Rente.

    Ach, wäre Politik und Generationen-Gerechtigkeit nur so einfach :klo:

  5. psychoMUELL 23. Juni 2010 at 07:13 -

    es soll Menschen geben, die gute Gründe haben, um keine Kinder zu bekommen.

  6. dina 23. Juni 2010 at 10:52 -

    Bild Bild ist super:)

  7. Horst Schulte 23. Juni 2010 at 10:56 -

    @dimido: Die Suche hat bestimmt am 1. April stattgefunden :-) Richtig? Dein Vorschlag, dass nur die Rente kriegen, die Kinder haben, zwingt mich dazu, dir ein Adoptionsangebot zu unterbreiten. Wie, du hast schon Eltern? Mist.

    @psychoMUELL: Ja, die gibt es. Jeder wird wohl seine Gründe haben. Ich denke nicht, dass man an dieser Ecke anfangen sollte, über das Problem nachzudenken. Dafür sind die Entscheidungsgrundlagen für oder gegen Kinder zu individuell und natürlich führt die Diskussion nicht weiter. Heute hat jeder verstanden, dass er sich zusätzlich (privat) versichern muss, damit er im Alter nicht schlecht da steht. Leider passt die Lohnentwicklung in Deutschland zu diesem Ansinnen nicht so ganz. Viele Leute kein Geld oder zu wenig übrig, um Zusatzversicherungen abzuschließen. Die Leute, die heute Hartz IV bekommen und denen demnächst die Rentenversicherungsbeiträge gestrichen werden, sind später wohl auf die Grundsicherung angewiesen. Mit anderen Worten, der Staat spart heute Geld, das er in Zukunft für diese Leistungen zusätzlich aufbringen muss. Ob das gut durchgerechnet worden ist? Ich wage es zu bezweifeln.

  8. Horst Schulte 23. Juni 2010 at 12:39 -

    @dina: Ja, aber (leider) ja nicht von mir. S. Link unten.